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KRIMINALITÄT Im Handumdrehen

Eine neue Ganovenmasche macht Polizei und Stadtverwaltungen zu schaffen: das Plündern von Parkuhren. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Gut zwölf Jahre lang hat der Hamburger Regierungsamtmann Gert Strobelt, 55, die rund 13000 Parkuhren der Hansestadt verwaltet, ohne daß es »nennenswerte Vorkommnisse« zu melden gab - abgesehen davon, daß hin und wieder Münzschlitze mit Kaugummi verklebt waren.

Neuerdings jedoch entdeckt der Sachbearbeiter bei der Baubehörde nahezu täglich »Störfälle« besonderer Art - ausgeplünderte Parkuhren. Allein im letzten halben Jahr mußte Strobelt schätzungsweise 1500 Münzkassetten abschreiben, ferner rund 20 komplett geklaute Parkuhren.

Das neue Delikt grassiert nicht nur in Hamburg. Bundesweit, berichtet der Langenhagener Parkuhr-Vertreiber Günter Messerschmidt, gebe es »Großstädte, ihn denen reihenweise Parkuhren aufgebrochen werden«. In Essen wurden jüngst in einer einzigen Nacht 47 Parkuhren ausgenommen. Im beschaulichen Weinheim an der Bergstraße haben Diebe bereits ein Drittel aller Uhren geknackt.

Für Ganoven interessant ist der Parkuhr-Bruch, strafrechtlich ein »besonders schwerer Fall des Diebstahls«, seit das »Gesetz zur Änderung des Straßenverkehrsgesetzes« _(Nach der Bergung durch Hamburger ) _(Polizeitaucher. )

von 1980 den Städten und Gemeinden erlaubt, die Gebühren »dem Wert des Parkraums für den Benutzer angemessen anzupassen«. In zahlreichen Innenstädten kostet die halbe Haltestunde mittlerweile 50 Pfennig. Aus den Groschengräbern sind einträgliche Silberminen geworden - nicht nur für die Behörden.

In Hamburg begann die Parkuhr-Plünderei, nachdem bis April vergangenen Jahres 3600 Uhren. Vor allem in der Innenstadt, auf die erhöhten Gebühren umgestellt worden waren. Da die Geräte mitunter nur alle zwei Wochen geleert werden, kann ein Parkuhr-Knacker aus einer einzigen Uhr bis zu 100 Mark herausholen - im Handumdrehen.

Weil die Schlösser nicht sonderlich stabil sind, genügen bisweilen kräftige Hammerschläge auf einen ins Schloß gesteckten Schraubenzieher. Nach einer Vierteldrehung springt die Parkuhr-Klappe auf, liegt die Münzkassette griffbereit. »Für kräftige Jungs«, weiß Messerschmidt »ist das ein Kinderspiel.«

Manch ein Parkuhr-Profi, beispielsweise jener gelernte Rohrschlosser, dem die Hamburger Polizei etwa 300 Diebstähle zuschreibt, zieht es vor, gleich die ganze Parkuhr vom Ständer zu kappen - mit einem Rohrschneider aus dem Hobbymarkt eine Minutensache. Daheim an der Werkbank wird dann in aller Ruhe der Dietrich gefeilt.

Mit dem selbstgefertigten Universalschlüssel lassen sich die Parkuhren einer ganzen Stadt gleichsam im Vorbeigehen ausnehmen. Als der Hamburger Rohrschlosser jüngst auf frischer Tat ertappt wurde, hatte er, obwohl erst am Anfang seiner Tour, schon zehn Geldbüchsen mit 700 Mark eingesackt. Siebzig weitere Kassetten und zwei Parkuhren fischten Polizeitaucher aus einem Kanal. Bei einem Düsseldorfer »Parkuhr-Marder« (Polizei-Jargon) stellten Kriminalbeamte Nachschlüssel für fast zwanzig Städte sicher.

Für Parkuhr-Experten kommt die Plünderwelle keineswegs überraschend. »Mit der Erhöhung der Gebühr«, hatte bereits vor Jahren das Fachblatt »Polizei, Technik, Verkehr« gewarnt. »Erhöht sich auch der Anreiz, Parkuhren zu berauben.« Die Zeitschrift verwies auf »entsprechende Vorgänge« nach Gebührenerhöhungen in Amerika, England und Schweden.

Ob sich höhere Gebühren für die Städte nun überhaupt noch lohnen, ist durchaus fraglich. In Hamburg mußte die Baubehörde allein für Ersatzteile und Reparaturen rund 100000 Mark aufwenden. Eine sicherheitshalber an sämtlichen Parkuhren durchgeführte Schloßumstellung hat noch einmal gut 50000 Mark gekostet.

Nach etlichen Seriendiebstählen haben mehrere Städte, darunter Hannover, Straubing und Limburg, bereits einen Teil ihrer Haltestreifen nach amerikanischem Vorbild umgerüstet. Wer die neuen sogenannten Tresor-Parkuhren, hergestellt aus oberflächengehärtetem Temperguß, öffnen will, muß schon, so Messerschmidt, »mit dem Schneidbrenner auf die Straße«.

Statt aufzurüsten, hofft die Hamburger Baubehörde auf Unterstützung der Polizei. Die Hamburger Kripo jedoch steht der neuen Ganoven-Masche, trotz einer ersten Festnahme, eher hilflos gegenüber.

»Wir können doch nicht«, klagt Erster Kriminalhauptkommissar Horst Heine, »vor jede Parkuhr einen Beamten stellen.«

Nach der Bergung durch Hamburger Polizeitaucher.

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