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STERILISATION Im Kühlschrank Im Kühlschrank

Nach den Plänen von Bundesjustizminister Gerhard Jahn soll die Sterilisation als Mittel der Geburtenkontrolle gesetzlich freigegeben werden.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Bisher«, so klagt die Genossin Lenelotte von Bothmer, »war immer die Frau die Dumme. Sie mußte alle möglichen Mittel nehmen oder bettelnd zum Arzt gehen.«

Künftig, so ein Gesetzentwurf aus dem Bonner Justizministerium, soll der Mann seiner Partnerin die Last der Empfängnisverhütung abnehmen. Wenn es gilt, unerwünschten Nachwuchs zu verhindern, soll er freiwillig auf seine Zeugungsfähigkeit verzichten.

Der umstrittene Justizminister Gerhard Jahn, der mit seinen ängstlich betriebenen Korrekturen am Abtreibungsparagraphen bereits die Frauen gegen sich aufgebracht hat, läuft nunmehr Gefahr, auch die Männer zu verprellen. Der Hannoveraner Privatdozent Peter Petersen, selbst Propagandist der Sterilisation, weiß: »Die Fruchtbarkeit wird als Symbol der Manneskraft und des Durchsetzungsvermögens empfunden.« SPD-Frau von Bothmer lästert: »Das sind so Urvorstellungen.«

Doch Sozialdemokrat Jahn ließ sich wieder mal nicht schrecken. In dem gerade fertiggestellten Entwurf zur Strafrechtsreform, der das Abtreibungsverbot lockern soll, hat er einen neuen Paragraphen 226 b untergebracht, der die bislang bestehenden Zweifel an der rechtlichen Zulässigkeit der freiwilligen Sterilisation von Männern und Frauen beseitigt.

Zwar hatte der Bundesgerichtshof 1964 den Arzt Axel Dohrn, der viele Frauen wunschgemäß unfruchtbar machte, in letzter Instanz freigesprochen. Aber das umstrittene Urteil konnte die Rechtsunsicherheit nicht ausräumen. Zudem zeigten die Ärzte standesethische Bedenken.

Nach Jahns Entwurf braucht künftig ein Arzt keinen Richter mehr zu fürchten. Voraussetzung: Der »Betroffene« -- Mann oder Frau -- muß mindestens 25 Jahre alt sein. Bei jüngeren Partnern ist der Eingriff nur erlaubt,

* wenn der Frau durch eine Schwangerschaft »eine Gefahr für das Leben oder den Gesundheitszustand« droht,

* wenn sie bereits vier Kinder geboren

hat oder

* wenn die Kinder voraussichtlich erbgeschädigt sein würden.

Die strafrechtliche Freigabe der Sterilisation gehört nach dem Konzept des Justizministers zu den »flankierenden Maßnahmen« der Empfängnisverhütung, die eine Abtreibung entbehrlich machen sollen.

Zwei Millionen Amerikaner haben sich bereits dem Eingriff unterzogen. Anhänger der Sterilisation tragen in den USA eine goldene Nadel im Knopfloch. Und in England wird in Zeitungsannoncen für die freiwillige Selbstbeschränkung geworben ("are not two children enough?") . »Angesichts der Verhältnisse im Ausland«, so heißt es in dem Jahn-Entwurf, »ist damit zu rechnen, daß die Sterilisation als Mittel der Familienplanung zunehmende Verbreitung finden wird.«

Doch in Deutschland sperrten sich bisher die meisten Ärzte. Nach den Regeln der Standesmoral akzeptieren sie die operative Geburtenkontrolle nur in Ausnahmefällen, so etwa bei Unverträglichkeit der Pille. Die Reserviertheit seiner Kollegen deutet der Psychiater Petersen als Relikte biologischen Denkens: »Leben zu beschützen, auch wenn es noch nicht da ist, diese Idee sitzt bei Ärzten tief drin. Für soziale Gesichtspunkte haben sie herzlich wenig Verständnis.«

Jahns Juristen heben demgegenüber die Vorzüge der Sterilisation hervor: Sie bietet absoluten Schutz vor Empfängnis, stört weder den Hormonhaushalt (wie die Pille) noch den Genuß beim Geschlechtsverkehr (wie Kondome).

Vorsichtig versuchen die Familienplaner gerade die Vorurteile der Männer abzubauen. Der Eingriff, bei dem die Samenleiter durchtrennt werden, sei »mit einer wesentlich geringeren Komplikationsgefahr verbunden als diejenige der Frau«. Der Vater des Gesetzes, Ministerialrat Horstkotte, beruhigt: »Die Potenz bleibt, ebenso Erektion und Orgasmus, nichts ändert sich.«

Der einzige Nachteil, den auch der Entwurf nicht verschweigt: Die Sterilisation ist bei Frauen stets und bei Männern meist (70 Prozent) irreparabel. Dennoch kann der Wunsch nach einem Kind auch noch erfüllt werden. wenn eine operative »Refertilisierung« nicht gelingt. Sperma kann -- wie in den USA üblich -- in tiefgefrorenem Zustand beliebig lange konserviert werden.

Justiz-Staatssekretär Alfons Bayerl sieht deshalb keinerlei Schwierigkeiten: »Der Mann braucht sich nur die Samenstränge wieder flicken zu lassen, oder er holt sein Sperma aus dem Kühlschrank.«

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