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Briefe

Im Namen des deutschen Volkes
aus DER SPIEGEL 41/2003

Im Namen des deutschen Volkes

Nr. 39/2003, Polen: Berliner Vertriebenenzentrum vergiftet Aussöhnungsklima

Es empört mich, unter meinen Altersgenossen eine Erika Steinbach vom BdV zu wissen. Dass sie als Baby vertrieben wurde, nachdem das Verbrecherregime zu Recht vernichtend besiegt wurde, ist ihr persönliches Schicksal. Doch teilt sie die Jugendzeit in einem zerstörten Land mit unserer Generation, ob nun vertrieben oder nur knapp dem Bombenhagel entronnen. Was sie wohl nicht teilt, ist die Erkenntnis, dass die Verbrechen des Nazi-Regimes die Ursache all dieser Leiden sind und dass die Vertreibungen und Bombardements zuerst im Namen des deutschen Volkes von diesem ausgingen und alle Folgen sich daraus ableiten. Frau Steinbach sollte sich schämen und den BdV und seine Mitgliedsverbände auflösen. Politisch sind sie meines Erachtens schädliche Revisionisten und schlicht entbehrliche Berufsvertriebene.

KONSTANZ DIETER H. WENGERT

Seit Ende des Zweiten Weltkrieges gilt Deutschland als Land der Täter schlechthin. Dass es auf deutscher Seite auch Opfer gab, wird oft verschwiegen und nicht beachtet. Die nun eröffnete Diskussion um Bombenkrieg und Vertreibung ist deshalb absolut notwendig. Die Politik tut sich keinen Gefallen damit, diese Dinge aus Rücksicht auf die ach so guten Beziehungen unter den Tisch zu kehren. Eine sachliche Diskussion ist notwendig, um zu klären, wer inwieweit Täter oder Opfer gewesen

ist. Dass Polen an einer solchen Diskussion kein Interesse hat, zeigt die Tatsache, wie die polnische Presse auf den Vorschlag für ein Zentrum gegen Vertreibungen reagiert hat. Ich habe große Bedenken, ob ein Staat, der es nicht fertig bringt, zu seinen Fehlern zu stehen, ein geeigneter EU-Kandidat ist.

WIESBADEN ALEXANDER ROLLIG

Es ist zu spüren: Wir sind wieder wer! Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs lebt man ungeniert mit neuen Winden, welche in den von uns überfallenen und ausgeplünderten Ländern naturgemäß für Turbulenzen sorgen. Hätte Frau Steinbach die Geschichte auch von vor 1945 ernsthaft studiert, müsste sie froh sein, dass man uns als Nation nach 1945 nicht buchstäblich ein für alle Male ausgerottet hat.

OSTERODE (HARZ) ERICH NITSCHE, VERTRIEBENER

Es sollte den Deutschen circa 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg erlaubt sein, der Opfer aus den eigenen Reihen zu gedenken, ob nun mit einem »Vertriebenenzentrum« in Berlin oder anderswo. Wroclaw/Breslau ist als Standort für ein solches Zentrum ungeeignet, besteht doch die Gefahr, dass mit deutschen Geldern ein Projekt in Polen finanziert wird, welches die Aussage hat, dass die Deutschen selbst Schuld an ihrer Vertreibung hatten. Die Polen, die maßgeblich an der Vertreibung der Deutschen beteiligt waren, sollten sich aus der Debatte, ob und wo ein solches Zentrum entsteht, aus moralischen Gründen heraushalten. Wir Deutsche sollten aber darauf achten, dass das »Vertriebenenzentrum« eine Dokumentation der Vertreibung in Europa wird, keine Projektionsfläche Rechtsgesinnter.

BERLIN KATHRIN HOLZ

Die polnischen Vertriebenen, die ihre Heimat im Osten Polens nach dem Krieg verlassen mussten, sind keineswegs so verbohrt und stur wie die deutschen Vertriebenen-Funktionäre, die nur ihr Leid verkünden und dabei vergessen, wie viel Trauer und Schmerz sie - als Hitler-Wähler und Kriegsteilnehmer - den anderen zugefügt haben. Ich kriege regelmäßig Magenkrämpfe, wenn ich die unverschämten Forderungen von Frau Steinbach lese. Auch wenn ich 20 Jahre nach Kriegsende geboren wurde, spürte ich dessen Folgen bis zum Abzug der sowjetischen Truppen aus Polen.

SZCZECIN (POLEN) KATARZYNA ZAWADZKA-FAULDE

* Aus Polen Vertriebene in einem britischen Flüchtlingslager.

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