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INDIEN Im Netz der Spinnenfrau

Sie hat einen berühmten Namen, und sie hütet das Vermächtnis einer Dynastie. Als letzte Hoffnung der abgewirtschafteten Kongreßpartei zieht Sonia Gandhi in den Wahlkampf - und setzt ihren Willen durch.
aus DER SPIEGEL 7/1998

Madam läßt heute besonders lange auf sich warten. Schon seit dem frühen Nachmittag haben sich Hunderte Besucher auf dem Rasen eines Grundstücks in bester Lage der indischen Hauptstadt Neu-Delhi niedergelassen. Jetzt, es ist 17 Uhr, sind es an die 3000 Menschen, die sich bei winterlich kühlen 18 Grad Außentemperatur erwartungsvoll aneinanderdrängen und auf die dicke Holztür eines weißen Bungalows starren.

Dann endlich öffnet sich die Pforte. Eilig, als müsse sie einen lästigen Termin möglichst rasch hinter sich bringen, tritt die Hausherrin, eine zierliche Person mit kühlem Blick und streng nach hinten gekämmtem pechschwarzem Haar, ins Freie. Umringt von einem guten Dutzend Leibwächter, geht Sonia Gandhi, 51, Witwe des ehemaligen Ministerpräsidenten Rajiv Gandhi und Schwiegertochter der großen Indira, auf die Menge zu, die augenblicklich in Jubelrufe ausbricht.

Fast im Laufschritt, den flatternden roten Sari mit festem Griff an der Hüfte fixierend, schreitet sie das Spalier der Besucher ab, schüttelt Hände, nimmt Blumengebinde und Kuverts entgegen und reicht sie achtlos an eilfertige Lakaien weiter.

Sie bleibt kaum stehen während ihrer hastigen Runde, weicht immer wieder Besuchern aus, die sich mit feierlicher Miene verbeugen und - in Indien Ausdruck besonderer Wertschätzung - ihre Füße berühren wollen.

Nach wenigen Minuten ist das Spektakel vorüber: Abrupt wendet Sonia Gandhi den Versammelten den Rücken zu und strebt mit dem Hochmut einer feudalen Maharani, ohne ein Wort an die Menge gerichtet zu haben, mit ihrer Entourage wieder der Holztür zu.

Trotz des rüden Abgangs bleiben die Menschen mit verzückten Gesichtern zurück. Eine Greisin bricht, überwältigt vom Erlebten, in glückliches Lachen aus. Sie schreit: »Ich habe Madam gesehen, ich habe ihre Hand berührt.«

Im Nu schwillt ein tausendstimmiger Chor in der nordindischen Landessprache Hindi an, der an den hohen Mauern des Innenhofes widerhallt: »Sonia lao, desh bachao« (Holt Sonia, rettet das Land).

Solche Jubelszenen fast religiöser Verehrung spielen sich in letzter Zeit bei jeder der wöchentlichen Kurzaudienzen von »Madam« ab. Sie gelten einer Frau, die dem indischen Volk schon lange reichlich Stoff für Mythen liefert: vor allem weil die prominenteste lebende Vertreterin des legendären Nehru-Gandhi-Clans in den letzten Jahren eine geheimnisumwitterte Existenz führte, fernab den Blicken der Öffentlichkeit. Ungewöhnlich genug für eine Gandhi, schien sie auch über den Gefilden der indischen Innnenpolitik zu schweben.

Umgeben von der Aura der tieftrauernden Witwe, hatte sich die gebürtige Italienerin nach dem Sprengstoffattentat auf ihren Mann Rajiv im Mai 1991 in die Einsamkeit zurückgezogen. In ihrem weitläufigen Bungalow, so drang gelegentlich nach draußen, widme sie sich überwiegend der Erziehung ihres Sohnes Rahul, heute 28, und der fast zwei Jahre jüngeren Tochter Priyanka.

Nur selten trat sie öffentlich auf - etwa bei Veranstaltungen der von ihr geleiteten Rajiv-Gandhi-Stiftung oder bei Staatsbesuchen, wo die Witwe wie selbstverständlich stets am Ehrentisch Platz nahm. Sie galt als Frau ohne erkennbare politische Ambitionen, war nicht einmal Mitglied jener Partei, die seit der Befreiung von der britischen Kolonialherrschaft vor 50 Jahren bis auf kurze Unterbrechungen die Geschicke des Landes bestimmte. Der Kongreß ist im Bewußtsein des 950-Millionen-Volkes bis heute eng mit Führern wie dem ersten Premier Jawaharlal Nehru oder dessen Tochter und späterer Nachfolgerin Indira Gandhi verbunden.

Dann, im vergangenen Mai, trat die scheue Witwe überraschend der Partei bei, wenn auch nur als einfaches Mitglied. Es war das erste Indiz dafür, daß die »Sphinx von Delhi« (so die »Times of India") der alten Familientradition folgen und die politische Arena betreten würde.

Nun, rechtzeitig vor der Parlamentswahl, die am 16. Februar beginnt, ist es soweit: Sonia Gandhi hat sich bereit erklärt, für die Kongreßpartei in den Wahlkampf zu ziehen. Die Entscheidung ließ sie wie eine königliche Verlautbarung aus dem Buckingham-Palace von ihrem ranghöchsten Höfling, dem Ersten Sekretär Vincent George, verkünden.

Seither herrscht bei den Funktionären und an der Parteibasis neue Hoffnung. Denn jüngsten Umfragen zufolge drohte dem einst so mächtigen Kongreß, der Mahatma Gandhis Vermächtnis einer Versöhnung zwischen den Kasten und religiösen Lagern fortführen sollte, der Absturz in die politische Bedeutungslosigkeit.

Schon zu Zeiten des biederen Indian-Airlines-Piloten Rajiv Gandhi, der nach der Ermordung seiner Mutter 1984 ins Amt des Premierministers nachrückte, war der Kongreß zur Partei des reinen Machterhalts verkommen. Seit 1996 stellt er keinen Regierungschef mehr und fiel in der Wählergunst immer weiter hinter die hindu-nationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) zurück, heute die stärkste Partei im Unterhaus von Delhi und klarer Favorit für den Wahlsieg.

Geschwächt vom Massenexodus prominenter Funktionäre - indische Politiker wechseln traditionell ihre Partei unbekümmerter als die Marke ihres Lieblingswhiskys -, erschüttert von Filz, Korruptions- und Bestechungsskandalen in den höchsten Rängen, ist der Kongreß gerade noch in 6 der 25 Bundesstaaten an der Regierung beteiligt. Bei den letzten Wahlen 1996 reichte es im bevölkerungsreichsten Bundesstaat Uttar Pradesh nur zu kläglichen acht Prozent der Stimmen - das war fast so, als wäre die CSU in Oberbayern auf FDP-Ergebnisse gerutscht.

In Zeiten höchster Not soll ausgerechnet die angeheiratete Italienerin, die seit 30 Jahren in Indien lebt, aber auf sanften Druck des Clans erst 1984 ihre Staatsbürgerschaft wechselte, als »Messias« (der Publizist Parwez Hafeez) die Partei vor dem politischen Exitus bewahren. Parteisprecher V. N. Gadgil über sein einziges Zugpferd: »Wir brauchen Sonia und die Unterstützung ihrer Familie. Nur sie versteht es noch, die Massen zu rühren und zu bewegen.«

Die Hoffnung der Kongreßführung: Mit »der Witwe Indiens« (so eine Wahlkampfparole) als Gralshüterin des Familien-Mythos soll die abgewirtschaftete Partei vor allem beim Millionenheer der ungebildeten Kasten die glorreichen Zeiten noch einmal heraufbeschwören.

Es ist eine riskante und fast verzweifelte Strategie. Denn hinter dem verbreiteten Bild der treusorgenden Hinterbliebenen verbirgt sich eine kalte Machtpolitikerin, die einen hohen Preis für ihr Engagement forderte - und auch erhielt: Sie zwang nach Gutsherrinnenart der lahmen Kongreßpartei ihren Willen auf.

Nicht der formelle Präsident Sitaram Kesri, ein 82jähriger Greis, führt in Wahrheit die Partei, sondern das einfache Neu-Mitglied Sonia Gandhi. Nicht in der Parteizentrale an der Akbar Road liegt das tatsächliche Machtzentrum, sondern gleich nebenan: in Nummer 10, Janpath, dem weißen Bungalow der Witwe.

Partei-Insider beschreiben ihren Führungsstil mit bewunderndem Schaudern: »Wie eine Spinnenfrau, die in der Mitte eines undurchdringlichen Netzes hockt und der keine Beute entgeht«, habe Sonia Gandhi mit Hilfe von Satrapen und Günstlingen die Macht an sich gerissen. Ein Gandhi-Berater: »Madam macht keine Gefangenen.«

Das wahre Ausmaß ihrer Kontrolle über die älteste Partei Indiens läßt sich dieser Tage in den Büros besichtigen, die Sonia Gandhis Wohnsitz angeschlossen sind.

Ab neun Uhr morgens strömen Bittsteller, Kandidaten und amtierende Kongreßabgeordnete aufs Grundstück und hoffen, nach stundenlangem Warten von Madam oder wenigstens ihrem Ersten Sekretär empfangen zu werden. Jeder Besucher muß sich einer Leibesvisitation unterziehen. Überall sind Sicherheitsleute postiert. Sonia Gandhis Prätorianergarde besteht aus über einem Dutzend sportlicher junger Männer, schick gewandet in blaue Blazer mit dezentem Schlips, die Waffe unter der Achselhöhle.

Selbst Kongreßhonoratioren, die oft mehrmals täglich zur Witwe pilgern, bleibt eine demütigende Schikane nicht erspart. Die letzten Meter zum Bürokomplex müssen die Veteranen entweder zu Fuß oder in einer bereitstehenden Limousine zurücklegen. Sonia Gandhi traut selbst den Parteispitzen nicht: Der Innenhof bleibt aus Angst vor Bomben für die gepanzerten Autos der Kongreßnomenklatura tabu.

Ungewöhnlich für eine demokratische Partei: Weder Parteivorstand noch die Mitglieder entscheiden letztlich über die endgültige Auswahl der Kandidaten für die Wahl. Die Liste wird gebilligt im Gandhi-Bungalow.

Schon im Vorfeld der Kandidatenkür beglich Sonia Gandhi alte Rechnungen. Ihr Veto verhinderte etwa die Wiedernominierung von Narasimha Rao. Der bislang letzte Kongreßpremier mußte 1996 unter dem Druck massiver Korruptionsvorwürfe und nach einer verheerenden Wahlniederlage als Parteiführer zurücktreten. Statt des einst mächtigen Regierungschefs erlaubte die Witwe nun dessen Sohn Rajesh- war die erneute Kandidatur. Der, heißt es in der Partei, sei allerdings noch korrupter als der Vater.

Um die wahren Machtverhältnisse klarzurücken, hat Parteichef Kesri der grauen Eminenz vom Nachbargrundstück schon zum wiederholten Male unterwürfig den Parteivorsitz angedient: »Wenn Madam wünscht, weiche ich noch heute mit Freuden.«

Doch Madam will nicht - noch nicht. Kühl ließ sie vorvergangene Woche über ihr Büro ausrichten, für ein Amt nicht zur Verfügung zu stehen, auch nicht für eine Kandidatur um den Parlamentssitz im ehemaligen Wahlkreis von Rajiv in Amethi.

Seit Sonia Gandhi zum Jahreswechsel endgültig den Trauerflor abgelegt und auch offiziell die politische Bühne betreten hat, beherrscht sie die Schlagzeilen und hat den Wahlkampf zum Vorteil ihrer Partei belebt. Die Zahl desertierender Kongreßfunktionäre ist geschrumpft. Selbst heftige Kongreßkritiker wie die indische Zeitung »Observer« mußten einräumen, daß die »Gandhi-Karte« immerhin noch ein bißchen ziehe: »Sonia hat den Kadaver wieder zum Zucken gebracht.«

Bangalore, fünf Millionen Einwohner, quirlige High-Tech-Boomtown im südlichen Indien, die wie keine andere Region die Aufbruchstimmung der größten, aber auch ärmsten Demokratie der Erde widerspiegelt: Die Kongreßpartei der Software-Metropole hat ihr Blue Chip Sonia Gandhi zum Wahlkampf aufgeboten. Etwa 40 000 Menschen warten bei sengender Hitze auf die Witwe. Die Bühne ist umrahmt von 30 Meter hohen Monumentalgemälden, die Indira, Rajiv sowie Sonia mit Tochter Priyanka zeigen.

Schließlich tritt der berühmte Gast, mit obligatorischer Verspätung, vor die Masse. Fast linkisch wirkt ihr Gruß mit dem erhobenen rechten Arm, die Handfläche seltsam zur Seite gekrümmt. Genau so haben es ihre Helfer mit ihr einstudiert, nach intensiver Auswertung von Videos der Schwiegermutter Indira, der charismatischen Volkstribunin.

Doch Sonia reicht an ihr Vorbild nicht heran. Ihr Auftritt wirkt hölzern. Ihre Stimme

klingt, verstärkt durch die übersteuerte Tonanlage, schrill und aufgeregt, als sie ihre Rede vom Blatt abliest. Sonia Gandhi

spricht Englisch mit starker italienischer Färbung. Ihr Hindi reicht nach 30 Jahren in Indien gerade zum gehobenen Small talk.

Keine »richtige Inderin« zu sein - diesen Vorwurf erheben vor allem die BJP-Propagandisten, die mit fremdenfeindlichen Parolen die Hindu-Mehrheit umwerben. Bei jedem ihrer Auftritte versucht Sonia Gandhi deshalb das Manko ihrer Herkunft mit blumiger Rhetorik zu entkräften.

Die Tochter eines Wäschereibesitzers aus der Nähe Turins, die ihren späteren Ehepartner beim Studium in Cambridge kennenlernte, bezeichnet sich gern als Tochter von »Bharat Mata«, von »Mutter Indien«. Sie sei eine »einfache Frau«, die nichts anderes wolle, als »das Erbe meines geliebten Mannes und das unserer Familie fortzuführen«.

Pathetisch beschwört sie die »historischen Verdienste« ihrer Sippe, als hätte die jahrzehntelang herrschende Dynastie nicht mitzuverantworten, daß im Land auch ein halbes Jahrhundert nach Erlangung der Unabhängigkeit die Hälfte der Bevölkerung mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen muß und beinahe zwei Drittel der Kinder unter fünf Jahren unterernährt sind.

In Bangalore spricht die Witwe erstmals von sich aus das Thema an, das dem Ansehen der Gandhi-Dynastie und ihrer eigenen Rolle als Wahlkampf-Lokomotive mehr Schaden zufügen könnte als das krasseste politische Mißmanagement der Vorfahren: die Verwicklung in den Bofors-Beschaffungsskandal. Bei einem Waffenhandel mit dem schwedischen Rüstungskonzern zahlte Indien 1986 für die Lieferung von 400 Feldhaubitzen 1,3 Milliarden Dollar - davon 30 Millionen als »Provision«. Rajiv Gandhi verlor 1989 wegen des von ihm ausgehandelten Waffendeals die Wahl - er konnte den Verdacht nie entkräften, an den Schmiergeldern persönlich mitverdient zu haben.

In ihren Reden fordert seine Witwe nun »endlich lückenlose Aufklärung«, um ihren Mann »für alle Zeiten öffentlich reinzuwaschen«. Ein dreistes Anliegen: Denn gerade Kongreßregierungen und Parteibonzen haben die indischen Ermittler eingeschüchtert, bedroht und behindert. Daß die Wahrheit bis heute verborgen blieb, kam wohl auch Sonia zugute.

Denn einer der Empfänger der in die Schweiz überwiesenen Provisionszahlungen ist ihr italienischer Landsmann Ottavio Quattrocchi, ein enger Freund der Familie Gandhi. Als seine Verwicklung in den Skandal immer deutlicher wurde, konnte Quattrocchi dank eines Insidertips Indien rechtzeitig verlassen und sich so dem Zugriff der Fahnder entziehen.

Bofors oder andere Skandale, etwa Geldwäscherei in den höchsten Kreisen - das indische Volk ist es gewöhnt, daß seine Vertreter über alle Parteischranken hinweg ihre Macht zur Selbstbereicherung nutzen. Erst ganz zum Schluß der Wahlkampf-Party in Bangalore brandet frenetischer Beifall auf: Sonia läßt die Menge von Tochter Priyanka grüßen, die »leider heute nicht kommen konnte«.

Weit mehr noch als ihre Mutter verzaubert die Indira-Enkelin, seit einem Jahr mit dem indischen Schmuck-Exporteur Robert Vadhera verheiratet, die Massen. Erkennbar genießt sie bei gelegentlichen Auftritten an der Seite Sonias den direkten Kontakt mit der Öffentlichkeit. Bei einer Veranstaltung in Sriperumbudur, wo ihr Vater vor über sechs Jahren starb, hakt sie ihre unsicher wirkende Mutter resolut unter und führt sie über die Bühne zu den ekstatischen Fans, denen sie mit strahlendem Lächeln zuwinkt.

Priyanka erinnert die Inder an ihre Großmutter. Über mögliche politische Ambitionen schweigt sich die Jungvermählte noch genauso aus wie bis vor kurzem ihre Mutter. Vergangene Woche baten Kongreßfunktionäre Priyanka, den Vorsitz der Partei-Jugendorganisation zu übernehmen. Die jüngste Gandhi lächelte nur und sagte: »Ich werde von mir hören lassen.«

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Gandhis Erben - Sitzverteilung im indischen Unterhaus seit 1996

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Gandhis Erben - Sitzverteilung im indischen Unterhaus seit 1996

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* Am Grabmal von Indira Gandhi in Neu-Delhi.

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