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KRIEGSTAGEBUCH Im OKW notiert

aus DER SPIEGEL 52/1960

Am 20. April 1945, dem letzten Geburtstag, den Adolf Hitler erlebte, leistete sich die zerschlagene Luftwaffe Großdeutschlands ihr letztes Bravourstück:

In schneidigem Angriff bombardierten Kampfflugzeuge eine Wagenkolonne, die sich aus Zossen, dreißig Kilometer südlich von Berlin, nach Wannsee bewegte, jedoch keineswegs, wie von den Fliegern vermutet, die Angriffsspitze der roten Infanterie, sondern die Führungsspitze der deutschen Wehrmacht transportierte: Die deutschen Bomben fielen auf Hitlers flüchtenden Wehrmacht-Führungsstab, die zentrale Abteilung des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW).

Unter den Offizieren, die vor der Luftattacke ihrer Kameraden volle Deckung nahmen, hechtete ein mit zwei ledernen Handkoffern bepackter Kavallerist in den Straßengraben: Der Reservemajor Percy Ernst Schramm, im Zivilberuf Geschichtsprofessor in Göttingen, seit 1943 Führer des Kriegstagebuchs in Hitlers Hauptquartier, brachte zwei Exemplare der von ihm niedergeschriebenen Chronik des Wehrmacht-Führungsstabes in Sicherheit.

Tagebüchler Schramm rettete ein historisches Dokument von einzigartigem Wert: Das Kriegstagebuch des

Wehrmacht-Führungsstabes - ein Extrakt aus Tausenden von Meldungen, Plänen und Befehlen, die allein für das Jahr 1944 Aktenordner von 9,6 Meter Länge füllten - verzeichnet nicht nur

- die militärischen Operationen des

Zweiten Weltkriegs, sondern auch

- die dienstinternen Bräuche in Hitlers

höchster Kommandozentrale.

In umfänglichen Erläuterungen zu seinem Diarium, das im nächsten Jahr gedruckt vorliegen wird*, versucht Historiker Schramm außerdem, Deutschlands verblichene Anführer tiefenpsychologisch zu sezieren, um beispielsweise zu ermitteln,

- wann Hitler seinen Weltkrieg als

verloren ansah und

- mit welchen selbsterdachten Raffinessen er einen so schwächlichen Satelliten wie Ungarn bis zuletzt beim Hakenkreuz zu halten suchte.

Autor Schramm hatte seinen Chronisten-Posten in Hitlers Militär-Suite 1943 angetreten. Den Geschichtsprofessor, der 1914/18 für den Kaiser als Husar Patrouillen geritten war, hatte der stellvertretende Chef des Wehrmacht-Führungsstabes und Leiter der Abteilung »Landesverteidigung«, General Warlimont, als Tagebuch-Experten angefordert. Schramm: »Ich wußte vom Wehrmacht-Führungsstab nicht mehr als der Christ vom lieben Gott.«

Der Kandidat wäre beinahe noch gescheitert: Mißtrauische Prüfer im Heeres-Personalamt zu Berlin schlossen nämlich aus seinem Taufnamen »Percy« auf Abstammung vom deutschfeindlichen Britenvolk, zumal seine Mutter als geborene O'Swald' verzeichnet war.

Den Makel seiner Abkunft vermochte Percy jedoch leicht zu tilgen. Schramm: »An diesem Namen ist ja nur eine Marotte meines Großvaters schuld, der aus Bewunderung für England seinem guten alten deutschen Namen Oswald die anglo-irische Schreibweise O'Swald gab und die englischen Vornamen in die Familie einführte.«

Der Reservemajor erhielt den Auftrag. Von Rom reiste er nach Rastenburg, woselbst Hitler mit seinem Führungsstab in der »Wolfsschanze« Kriegslager hielt, Marschälle strammstehen ließ und mit Armeen jonglierte.

Anfang März 1943, als sich Schramm bei General Jodl, dem in Nürnberg hingerichteten Chef des Wehrmacht-Führungsstabes, zum Rapport meldete, hatte Hitlers Feldherrn-Talent die 6. Armee soeben im Kessel von Stalingrad verheizt Die Katastrophe kam in Sicht.

Die Erkenntnis, daß der Zweite Weltkrieg keinesfalls glimpflicher ausgehen werde als der erste, hatte Geschichtsforscher Schramm freilich schon mit in die »Wolfsschanze« gebracht: »Wenn Caesar oder Napoleon 1942 lebendig geworden wären, hätten sie nach einem Blick auf die Lagekarte unisono gesagt: 'Da ist nichts mehr zu machen.'«

Von seinem Schreib-Adlatus, dem Obergefreiten Dr. phil. Felix Hartlaub, sachkundig assistiert, sichtete der in einer Holzbaracke des Sperrkreises II - für weniger Prominente - einlogierte Schramm die Dokumente der militärischen Niederlage Deutschlands: Er registrierte Fernschreiben, heftete Befehle ab, exzerpierte Lageberichte und brachte den Extrakt - »in einer Maximal-Entfernung von zwei bis drei Kilometern von Hitler« - im Tagebuch zu Papier.

Schramm: »Die Arbeit war ... auf die Dauer monoton und zugleich beklemmend. Die Katastrophe war gewiß, denn keine Überlegung berechtigte noch zu

irgendeinem Hoffnungsschimmer. Nur ihr Termin stand noch nicht fest«

Stabschronist Schramm war bestrebt, seinen Pessimismus durch »zyklopische dienstliche Arbeitswut« (Hartlaub) zu ersticken, widmete sich aber beizeiten dem Studium der Frage, wie des Reiches oberster Kriegsherr über den Ausgang der von ihm angezettelten weltweiten Bataille denke, oder besser: seit wann er sie für verloren hielt.

Diese Frage läßt sich exakt kaum beantworten, weil Hitler - so Schramm - »ständig in mehreren Bewußtseinsschichten zugleich (lebte), so daß in ihm der Widerstreit zwischen Einsichten der Vernunft und emotionalen Wunschbildern nie ausgeglichen wurde«. Schramm analysiert weiter: »Es gibt einen Hitler, der agiert; einen im Untergrund, und einen, der sitzt dann noch darunter.«

Einen lichten Moment ungetrübter Erkenntnis über den Kriegsausgang erlebte Feldherr Hitler nach einer im Tagebuch zitierten Äußerung des Generalobersten Jodl schon früher als die meisten deutschen Volks- und Parteigenossen, nämlich im Winter 1941/42.

Während einer Lagebesprechung im Mai 1945 äußerte Jodl, Hitler und ihm sei, »als die Katastrophe des Winters 1941/ 42 hereinbrach«, klargeworden, »daß von diesem Kulminationspunkt des beginnenden Jahres 42 an kein Sieg mehr errungen werden konnte«.

Der Phantast Hitler flüchtete zwar von Zeit zu Zeit wieder in seine Endsieg-Illusionen, doch hatte sich laut Schramm »in der ersten Hälfte des Jahres 1944 ... in Hitler die nunmehr ja unausweichliche Einsicht, daß der Krieg verlorengehen werde, soweit durchgesetzt, daß er sie ... beim rechten Namen nannte":

Bei einem Lagevortrag, über dessen Verlauf Jodls Stellvertreter, General Warlimont, den Tagebuch-Professor informierte, äußerte Hitler, auf die

Frankreich-Karte weisend: »Wenn der Feind da landet, ist der Krieg verloren!« Dazu Schramm: »Das war nicht ein Wort, das ihm gelegentlich entschlüpfte, sondern eine Feststellung, die er mehr als einmal traf.«

Mit dem potentiellen Ende Hitlers hatte sich Schreiber Schramm in seiner Wolfsschanzen-Hütte bei Rastenburg aber noch in andrer und höchst makabrer Weise zu befassen.

Dem Chef der Reichskanzlei und Minister Dr. Lammers waren nämlich bereits im Jahre 1943 Besorgnisse über die Nachfolge seines Führers gekommen.

Hitler hatte zwar in seiner Reichstagsrede vom 1. September 1939 verfügt, daß nach seinem Hinschied »Parteigenosse Göring« und nach dessen Ende »Parteigenosse Heß« das deutsche Volk zum Sieg führen sollte. Allein, Parteigenosse Göring galt bereits als wenig zuverlässig, und Parteigenosse Heß saß schon, partiell umnachtet, in Londons Tower als gefangener Obernazi ein.

Nun hatte der weit vorausblickende deutsche Führer zwar auch für diesen Fall Vorsorge getroffen: Ein Senat sollte, bei Ausfall der beiden Paladine, den Würdigsten aus der Nation zum Diktator-Amt erküren.

Dieser nicht existente Senat wie der gesamte Wahlmodus des Würdigsten dünkten den Kanzleichef Lammers aber eine derart nebulose Angelegenheit, daß er die Weltgeschichte zu befragen wünschte, um wenigstens einen Präzedenzfall zu ermitteln.

Percy Schramm, von Lammers instruiert, durchforschte die Jahrhunderte, fand aber - neben der Wahl des Dogen von Venedig - nur einen beispielhaften Fall: die Wahl des Papstes durch die Kardinäle.

Daß der Major im Führerhauptquartier alsdann den - Modus für die Wahl des Erben Adolf Hitlers in einer Denkschrift nach Vorbild des Papstwahl-Konklaves konstruierte, war wohl der kurioseste Beitrag, den ein Historiker dem Dritten Reich der Deutschen lieferte, auch wenn das Projekt niemals aktuell wurde.

Der ängstliche Planer Lammers wagte es nämlich nicht, seinen Führer auf die Nachfolge anzusprechen, und Adolf Hitler dachte auch im Jahre 1944 noch nicht daran, das Feld zu räumen.

Im Gegenteil: Je aussichtsloser die militärische Lage wurde, um so starrsinniger klammerte er sich an seine Wahn-Ideen und um so mehr glich er dem rabiaten Braunhemd-Hitler aus der Kampfzeit. Dieser Rückfall des Diktators, von Chronist Schramm sorgsam registriert, äußerte sich in einer zur Zahl der Niederlagen linear steigenden Vorliebe für waghalsige Sonderunternehmen.

Mit der Raffinesse des geborenen Straß-Revoluzzers machte sich Adolf Hitler an die Arbeit, die abbröckelnden Satrapen-Staaten in Südosteuropa mit Hilfe von Sonderunternehmen auf der deutschen Seite festzuhalten.

Besondere Aufmerksamkeit widmete das Führerhauptquartier den kampfunlustigen Ungarn, seit ruchbar geworden war, daß Diplomaten des ungarischen Reichsverwesers Admiral von Horthy in neutralen Hauptstädten separate Friedensfühler nach dem Westen ausgestreckt hatten, um das Magyarenland aus der bevorstehenden deutschen Niederlage herauszuhalten.

Gegen einen Abfall der treulosen Pußta-Kombattanten plante Hitler das Unternehmen »Margarethe I« - »Margarethe II« sollte den Rumänen gelten - zur kampflosen Besetzung Ungarns. Schramm: »(Das Unternehmen) hat in der Kriegsgeschichte wohl nicht seinesgleichen.« Wie bei den Maßnahmen gegen den Abfall der italienischen Regierung Badoglio handelte es sich - so Schramm - »um ein Vorgehen gegen Bundesgenossen, mit deren ,Verrat' zu rechnen war, die aber offiziell noch immer als Verbündete und Waffenkameraden behandelt wurden«.

Diese komplizierte Sachlage wußte Hitler jedoch elegant zu meistern. Schramm: »Die ... Besetzung Ungarns war keine rein militärische Angelegenheit, es wurden vielmehr auch solche Tarnunternehmungen vorbereitet, wie sie auf Anregung und Drängen Hitlers seit dem gestellten Überfall auf den Sender Gleiwitz im August 1939 üblich geworden waren.«

Chronist Schramm, selbst damit beauftragt, den ungarischen Ostfront-Truppen ihren Defätismus nachzuweisen, verzeichnete die Vorbereitungen, »bei denen sich die Grenze zwischen herkömmlicher Kriegsführung und den neuen Praktiken verwischt hatte«, vor allem jene berüchtigte Operation »Trojanisches Pferd«, deren Name schon auf eine abgefeimte Hitler-Kriegslist schließen ließ.

Um die ungarische Hauptstadt durch Handstreich zu besetzen, die dazu nötigen Soldaten aber gleich parat zu haben, sollten ordnungsgemäß deklarierte Militärzüge in Richtung Ostfront durch Ungarn umgeleitet und am Vorabend des Tages X durch selbst ausgeführte Strecken-Sprengung angehalten werden.

In diesen Kriegsplan wurde der als Chef für das »Trojanische Pferd« vorgesehene Kommandeur der Division »Brandenburg«, General von Pfuhlstein, am 7. März auf einer Lagebesprechung im Wehrmacht-Führungsstab eingeweiht. Schramm notierte: »Am Morgen des X-Tages ... sollten die Spitzen von insgesamt vier verstärkten Bataillonen in die (ungarische) Hauptstadt einmarschieren.«

Am 14. April meldete General von Pfuhlstein, und Major Schramm registrierte: »Die Transporte seien in der bisherigen Art als Einzeltransporte bei den Ungarn angemeldet. Die Züge würden in einem Umkreis von zirka 40 Kilometern um Budapest durch Eigensabotage zum Halten gebracht, ausgeladen und die Truppen dann konzentrisch nach Budapest in Marsch gesetzt werden.«

Vier Tage später, am 18. März 1944, hatte Hitler Horthy zu sich auf das salzburgische Schloß Kleßheim eingeladen, um ihn mit Hilfe eines Ultimatums, das

Horthy schließlich annahm, auf der deutschen Seite festzuhalten.

Noch während der widerstrebende Horthy mit Hitler verhandelte, war die Transportbewegung »Trojanisches Pferd« planmäßig angelaufen. Registrator Schramm damals: »Anschließend an die Besetzung leitete eine Einsatzgruppe der Sicherheitspolizei und des SD Ungarn eine Festnahme-Aktion ein.«

Schramm heute: »Der ganze Vorgang (kam mir) bereits damals so gespenstig-abenteuerlich vor ... daß ich mir sagte, es werde für die nachfolgende Zeit unbegreifbar sein.«

Der Tagebuch-Major Schramm sann darauf, wie er seine Aufzeichnungen dem Untergang des Dritten Reichs entziehen könne, um sie zu Nutz und Belehrung der Nachwelt auszuwerten.

Als sich das Ende abzeichnete, ersann der wissenschaftlich verpflichtete Kavallerist Schramm eine Durchhalte-Parole eigener Art. Schramm: »Einmal vom Schicksal bestimmt, als ,amtlich bestallter Registrator' der deutschen Niederlage zu fungieren und als Annalist das fortschreitende Verhängnis mit der Feder festzuhalten, habe ich mich an meine Stellung geklammert.«

Der Registrator wäre seines Amtes. allerdings beinahe noch in letzter Stunde verlustig gegangen. Eine Göttinger NS-Dienststelle denunzierte- den Professor samt Gattin Ehrengard, geborene von Thadden, als politisch minder zuverlässig: Schramms Schwägerin Elisabeth von Thadden war vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und in Berlin-Plötzensee hingerichtet worden.

Während Generaloberst Jodl als Chef des Wehrmacht-Führungsstabes seinen Schramm beschirmte, wurde Frau Ehrengard in Göttingen prompt scharfen Verhören unterworfen, die aber glimpflich ausgingen. Schramm: »Wobei wohl mitsprach, daß die lokalen Stellen sich scheuten, gegen die Gattin eines Offiziers vorzugehen, der 'im Führerhauptquartier saß', also wohl ein einflußreicher, oben wohlgelittener Mann sein müßte.«

Der Einfluß eines Majors reichte jedoch nicht aus, das Kriegstagebuch des Wehrmacht-Führungsstabes vor den Autodafe-Gefahren des nahenden Kriegsendes zu bewahren. Schramm war sich darüber im klaren, »daß im Fall einer Katastrophe der Befehl ergehen würde, alles zu verbrennen. Vollends klar war, daß das nationalsozialistische Regime in dieser Hinsicht noch radikaler vorgehen würde als üblich, um der Nachwelt die Belege über seine Wirksamkeit vorzuenthalten«.

Vor der anrückenden Roten Armee war der Wehrmacht-Führungsstab unterdes samt Kriegstagebuch aus der Wolfsschanze nach Zossen retiriert. Hilfesuchend wandte sich der Reservist Schramm wegen seiner Papiere an den Chef der Abteilung »Wehrmacht-Kriegsgeschichte« im Wehrmacht - Führungsstab, General Scherff.

Der Major entwikkelte dem General »den Plan, ein Exemplar des Kriegstagebuches in einer Metallkiste im Sand des Zossener Lagers zu vergraben«. Schramm:

»Ich redete stundenlang auf ihn ein und versuchte, ihm klarzumachen, daß wir der Nachwelt gegenüber die Verpflichtung hätten, die Unterlagen ... hinüberzuretten.«

Scherff war jedoch nicht bereit, derartige Rücksichten auf die künftige Geschichtsschreibung walten zu lassen. Der General - Schramm: »Es handelte sich um einen gebildeten, wohlgesinnten Offizier, der für ... (eine) Generalstabsstellung nicht in Betracht kam, da er zu nervös und unentschlossen war« - hatte zudem eigene Vorstellungen über sein Amt als oberster Wehrmacht-Historiker: In Berlin beschäftigte er - laut Schramm - »eine Reihe wissenschaftlicher Hilfskräfte, (die) aus der Literatur passende Zitate herauszusuchen« hatten.

Räsoniert Schramm: Diese Zitate »verschafften dem General die Möglichkeit... kleine Broschüren zu 'Führers Geburtstag' ... zusammenzustoppeln, die den Eindruck erweckten, als wenn die deutschen Geistesheroen im Unterbewußtsein Hitler schon vorausgeahnt hätten«

Ein derart von wissenschaftlichem Eifer durchglühter Offizier wollte von Schramms abenteuerlichem Eingrabungs-Projekt nichts wissen: Er lehnte ab, tat aber noch ein übriges und fragte vorsichtshalber bei Heinrich Himmler an. Die Antwort: »Alles verbrennen!«

Historiker Schramm entschloß sich, auf eigene Faust zu handeln: Zwei Exemplare des Tagebuchs brachte er »in zwei normalen, ganz unauffälligen Handkoffern unter, die man notfalls selbst schleppen konnte«.

Mit diesem Handgepäck entschlüpfte der Tagebüchler aus der bedrohten Mark nach Berchtesgaden, wo ihm nun freilich die eidesstattliche Erklärung abgefordert wurde, daß er seine Aufzeichnungen verbrannt habe. Meditierte. Schramm: »Ich legte mir die Frage vor, ob ich in einem solchen Falle berechtigt sei, einen Meineid zu leisten und mein Gewissen damit zu beruhigen, daß ein solches Regime kein Recht mehr auf wahrheitsgemäße Meldungen habe.«

Sein Gewissen wußte der Historiker zu beruhigen, indem er wertlose Akten möglichst auffällig dem Feuer übergab und dem Adjutanten des Wehrmacht-Führungsstabes über die Verbrennung ein unverfängliches Protokoll aushändigte, das den Meineid gerade noch vermied. Taktiker Schramm: »Der Adjutant, bereits durch aktuellere Sorgen beschlagnahmt, gewahrte nicht, daß die entscheidende Erklärung, keine Akten mehr zur Hand zu haben, fehlte.«

Schramms Mühewaltung bewährte sich: Die Hälfte seiner Aufzeichnungen blieb zwar auf der Strecke - Verwandte, bei denen Schramm den einen Koffer versteckt hatte, fürchteten, kompromittiert zu werden, und verbrannten ihn -, den zweiten Koffer aber lieferte der nunmehr eingefangene Major den Amerikanern aus.

Indes - die Dokumentar-Sammler der US Historical Division konnten die Papier-Beute nicht verwenden, da es sich um Schramms handschriftliche Entwürfe handelte, die kaum lesbar waren.

In ihrem Eifer, Anklagematerial für den Nürnberger Prozeß zu eruieren, kamen die Militär-Historiker der US -Armee zu der Erkenntnis, daß sich für die Entzifferung des Kriegstagebuchs

aus Hitlers höchstem Militärstab am besten der Autor selbst eigne: Der gefangene Major wurde nach Versailles geflogen, wo er - unter Aufsicht der Historical Division - sein Kriegstagebuch noch einmal schreiben mußte.

* »Das Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht« wird von den Historikern Schramm, Hubatsch, Hillgruber und Jacobsen herausgegeben und erscheint demnächst in vier Banden bei Bernard & Graefe, Frankfurt am Main. Band IV über die beiden letzten Kriegsjahre von Percy Ernst Schramm wird bereits im Frühjahr 1961 vorliegen; 1600 Seiten; 118 Mark.

Tagebuchführer Schrammr Cäsar oder Napoleon...

...hätten den Krieg verlorengegeben: Strategen Hitler, Keitel (M.), v. Küchler (1942)

Warlimont

Jodl

Reichskanzlei-Chef Lammers: Führer-Nachfolge à la Vatikan

Ungarn-Verweser Horthy Troja lag in der Pußta

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