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Briefe

Im rechten Chausseegraben
aus DER SPIEGEL 35/1977

Im rechten Chausseegraben

(Nr. 33/1977, SPIEGEL-Titel »Die Terroristinnen -- Frauen und Gewalt")

Sagen Sie doch den Jungen, die den Artikel geschrieben haben, daß die »Mädchen« schon ganz richtig erwachsen sind und solche Jungs, die immer »Mädchen« sagen, sicher gar nicht lieb haben.

Berlin GIESELA RIEBE

Die Frau allgemein als Übel des Terrorismus hinzustellen mit den Worten wie »Gewaltsamer Tod in Gestalt eines Mädchens«, führt total am Thema vorbei. Es wird hier weder über Terrorismus informiert, noch auf die Ursachen eingegangen.

Kaiserslautern RITA EHLEBEN

Als Opfer von Gewalt sind Frauen etwas Normales und Alltägliches, jedoch als selbsttätige mit Waffengewalt agierende Persönlichkeiten (ohne das als Vorbild für die zum Weiblichkeitskomplex erzogenen Mädchen anpreisen zu wollen) sind sie den SPIEGEL-Herren suspekt: Frauen im Untergrund, statt Frauen im Hintergrund, da muß doch einfach etwas »Irrationales« mitspielen.

Kierspe (Nrdrh.-Westf.) EVA WEICKART

Die permanente Zurückweisung, mit der von Männern geprägte Parteien, staatliche Institutionen und private Vereinigungen die Aktivitätswilligkeit geeigneter Frauen in legalen Aufgabenbereichen beschränken, mußte ja eines unschönen Tages harte Gegenreaktionen auslösen.

Als auch die jungen Progressiven ihre Chance versäumten, die etablierte männliche Grundhaltung zu opfern, wurden zutiefst verletzte und enttäuschte Frauen förmlich in die radikale »Übermännlichkeit« oder gar die »menschliche Perversion« des Terrorismus getrieben.

Worms (Rhld.-Pf.) ILSE BINDSEIL

Journalistin

Für den antifeministischen SPIEGEL (allerdings nicht nur für ihn) ist Frauen-Terror nicht nur etwas grundsätzlich anderes, sondern auch etwas viel Schlimmeres und Verabscheuungswürdigeres als Männer-Terrorismus. Denn dieses Phänomen ist letztlich -- wenn auch in einem schrecklichen negativen Sinn -- ein weiterer Beweis dafür, daß Frauen auf ihre Weise ebenso leistungsfähig, teilweise sogar leistungsfähiger sein können als Männer. Bonn-Duisdorf EVA-MARIA GREINER

Mit Waffen und brutaler Gewalt kann man weder als Mann noch als Frau die Mißstände innerhalb eines Staates beseitigen, ohne damit neue zu schaffen.

Frankfurt SIEGRID LIEBLER

Wenn unsere französischen Geschlechtsgenossinnen (trotz des Bardot/ Moreau-Beispieles) selten zu aktiven Militaristinnen werden, fragt man sich, ob nicht auch das Verhalten der deutschen Männer in ihrer »Kneipenwirtschaft«, in der die Frau die Rolle eines »Kumpels« innehat, die Verrohung der Mädchen bewirkt.

Wenn diese »Damen« bierkästenschleppend und im Extremfall herrisch und handgranatenwerfend verkünden, sie seien nun endgültig emanzipiert, kann eine nicht minder befreite Französin darüber nur bedauernd lächeln. Paris SUSANNA PRAUSE

Es gibt Abertausende Studentinnen, die keine kriminellen Handlungen begehen, die aber (loch hellwach die Entwicklung bei uns beobachten, und nicht mehr ihr Ideal darin sehen, für den Mann das Weibchen zu spielen. Das hat aber nichts mit Terrorismus zu tun und ist auch ein Erziehungsproblem der Männer.

Auch Eltern im »Wohlstand« wissen oft nicht, wie sie Kinder erziehen müssen, um selbstbewußte Menschen und keine Heuchler heranwachsen zu lassen. Wohlstand und Kaviar sind eben absolut keine Gewähr dafür!

Darmstadt ERIKA SCHULZE

Was soll außerdem der Quatsch, daß die Unmoral des Staates durch die Unmoral der Terroristen zu keiner neuen Moral führen könne.

Seit Arafat in der Uno hockt, fragt ihn auch keiner mehr, wie er angefangen hat und welche unmoralische Macht ihm Waffen verschafft hat. Es gäbe da noch genügend andere Beispiele.

Rastatt (Bad-Württ.) VOLKER HOLDERMANN

Ein verursachender Faktor -- und man muß nicht Dregger-Anhänger sein, um das zu erkennen -- liegt tatsächlich im geistigen Umfeld. Revolutionstheorien, einschließlich der von Marx, die völlig unhistorisch als transferierbar auf die Gegenwart der Bundesrepublik Deutschland anwendbar sein sollen; Ausfransung des Gewaltbegriffes zur sogenannten strukturellen Gewalt des Kapitalismus, der Gegengewalt legitimieren soll; Relativierung von Normen (Gewalt gegen Sachen: ja!), eine Erziehung zur Kritikbereitschaft, bevor Kritikmündigkeit erreicht ist; eine Pädagogik der Systemüberwindung, bevor dieses System funktionell überhaupt verstanden wird -- das sind die Prädispositionen, die den Terror geistig möglich machen. Merke: Jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient.

Stuttgart PROFESSOR DR. PETER SCHADE

Macht sieh eigentlich niemand Gedanken darüber, daß der individuelle politische Mord nicht links, sondern im rechten Chausseegraben angesiedelt ist?

München GABRIELE MEYEN

Der Ausdruck »Terrorist« führt zwangsläufig zu Irrtümern.

In der kaiserlichen und in der Weimarer Zeit waren Terroristen politisch motivierte Gewalttäter. Sie wurden als »Überzeugungstäter« bevorzugt behandelt und zu Festungshaft oder Erschießen verurteilt. Sie blieben aber »Ehrenmänner«, beziehungsweise »Ehrenfrauen«.

In Weimar kam diese Privilegierung hauptsächlich den rechtsradikalen Fememördern zugute.

Wir haben den Überzeugungstäter aus den Erfahrungen des Dritten Reiches heraus zu Recht abgeschafft, denn der Unrechtsgehalt des heimtückischen Mordes ist vom Motiv unabhängig.

Der Ruf nach Verschärfung der Strafgesetze ist unnötig. Bei Mord ist sowieso lebenslange Freiheitsstrafe verwirkt. Bei den §§ 299 a (Erpresserischer Menschenraub), 299 b (Geiselnahme) und 316 c (Angriff auf den Luftverkehr) betragen die Höchststrafen fünfzehn Jahre, beziehungsweise lebenslang.

Diese Straftatbestände, die ich selber als Berichterstatter im Bundestag vertreten habe, enthalten lediglich Erleichterungen des Rücktritts, damit im Einzelfalle Geiseln und Flugzeuginsassen gerettet werden können.

Wer das nicht will, muß für sich selbst bereit sein, im Ernstfall mit dem Flugzeug abzustürzen oder seine nächsten Angehörigen abstürzen zu lassen. Vom Fernsehsessel aus kann man leicht ein Held sein.

Das Problem liegt nicht im Strafgesetz, sondern bei der Ergreifung. Das kostet aber Geld, und niemand will mehr als bisher Steuern zahlen.

Vor allem anderen muß aber die Einsicht stehen, daß es sich nicht um Terrorismus, sondern um schlichten, kriminellen Mord handelt -- und diesen Unterschied haben auch Herr Kohl und Herr Zimmermann bisher nicht erkannt.

Bonn WILDERICH FREIHERR OSTMAN VON DER LEYE

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