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SPD-PARTEITAG Im Schatten der Macht

aus DER SPIEGEL 49/1964

Wer SPD-Parteitag dauerte schon eine halbe Woche, als Schatten-Kanzler Willy Brandt etwas hilflos witzelte: »Ich gebe zu, daß die Sache mit der Minister -Mannschaft viel schwieriger ist als die Regierungsbildung später.«

Als sich am vorletzten Samstag der Parteivorstand der SPD in Karlsruhe versammelte, um den Fahrplan für den Parteitag zu verabschieden, hatte Brandt das noch offene Thema von sich aus angeschnitten: Eine kleine Lösung mit sieben oder neun Namen für die Ministerliste, wie sie Wehner und Erler vorschwebte, habe doch wohl den Nachteil, daß dann gesagt werde, die Partei wolle sich mit der Teilnahme an einer Großen Koalition bescheiden. Deshalb sei es besser, so meinte Brandt, wenn man mehr Namen nenne. Aber: »Ich kann mich noch nicht festlegen, ob elf oder zwölf.«

Die zahlreichen Posten-Jäger vor Augen, die ihn schon in den vergangenen Wochen von ernsthafter Arbeit abgehalten hatten, ergänzte Brandt, außer der Minister-Liste müsse auch ein Büro oder Sekretariat für Staatsminister und Staatssekretäre eingerichtet werden.

Diese perfekte Planung für eine ungewisse Zukunft ging dem Kandidaten für das Verteidigungsministerium, dem Hamburger Senator Helmut Schmidt, zu weit: »Es ist doch klar, daß jeder, den Willy Brandt benennt, keine andere Aufgabe hat als bis zum Tage der Wahl für die Partei repräsentativ zu sprechen.« Die Diskussion um das Stellenvermittlungsbüro war offiziell beendet.

Inoffiziell ging es erst richtig los. Jeden Tag fand sich ein Besucher nach dem anderen in der Zimmer-Suite 701-703 des Karlsruher Parkhotels ein: Willy Brandt, mit Steinhäger und Eier wohlversorgt, empfing bis in die späte Nacht die Genossen Bewerber für ein Regierungsamt.

Es gab manch bittere Enttäuschung. In vollem Einklang mit der Stimmung in der Partei strich Willy Brandt den Vertriebenen-Politiker Wenzel Jaksch als einen der ersten von der Liste. Freunde hatten geraten: »Wir wollen keinen Jakschbohm statt Seebohm.«

Der fortschrittliche Chef der Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden, Georg Leber, Pionier der Vermögensbildung (SPIEGEL 48/1964), wollte sich nicht damit abfinden, daß er nicht Minister-Aspirant für das Arbeitsministerium, sondern für das Wohnungsbauministerium sein solle. Aber auf die im Arbeitsministerium beheimatete Sozialpolitik erhebt bei der SPD seit Jahren Professor Schellenberg den Monopol -Anspruch. Schellenberg blieb stehen; Leber verzichtete.

Die Bundestagsabgeordneten Schmitt -Vockenhausen und Schäfer - der eine Vorsitzender des Innenausschusses, der andere SPD-Fraktionsgeschäftsführer erfuhren, wie wenig jene Presseprophezeiungen wert waren, nach denen einem von ihnen das Innenressort zufallen solle. Keiner von beiden stand am Schluß auf Willy Brandts Ehrentafel.

Bundestagsabgeordneter Heinemann, im ersten Kabinett Adenauer CDU Innenminister, der seinen Platz sicher hatte, zeigte sich dagegen nicht um das eigene Wohl, sondern um den Schein des Ganzen besorgt: »Brandt muß das ganz allein machen. Wenn er sich beschwatzen läßt, kriegen wir den Erhard -Schlendrian.«

In einer Konferenz am Festabend des Parteitages zog Willy Brandt vier Tage nach der ersten Besprechung im Parteivorstand das Fazit: »Mangel an tüchtigen Leuten gibt es bei uns nicht.« Es war nicht ironisch gemeint.

Als sich der Parteivorstand nach seiner Wiederwahl - nur der frühere Hamburger Bürgermeister Max Brauer war durchgefallen - am letzten Donnerstagabend auf dem blauen Polstergestühl rund um den Hufeisentisch im Karlsruher Parkhotel zum vorläufig letzten Kabinettsgefecht formierte, lag immer noch Hochspannung in der Luft.

Brandt teilte mit, daß er elf Namen für ein SPD-Kabinett verkünden wolle*. Mit keinem der Namen verband er ein Ressort. Er nahm den damit erweckten Eindruck des Unfertigen und Unvollkommenen in Kauf, um zu verwischen, daß wichtige Ministerämter, wie zum Beispiel das Innenministerium, falls Heinemann als Justizminister vorgesehen bleibt, und das Landwirtschaftsministerium nicht gedeckt sind.

Brandt, um den Parteifrieden besorgt, kam noch einmal auf seinen Staatsminister-Plan zurück: »Ich möchte außer den elf Namen auch noch Staatsminister vorstellen.« Er denke dabei zunächst an Leber, dann an Wienand, den Wehrobmann der Bundestagsfraktion, und an Lohmar, den jungen Partei-Ideologen.

Leber lehnte abermals entrüstet ab: »Meine 500 000 Bauarbeiter hätten dafür kein Verständnis. Außerdem ist die Frage der Vermögensbildung für mich eine Aufgabe, die ich erst zu Ende bringen muß.«

Wienand sperrte sich ebenfalls. Brandt ließ die Staatsminister-Idee endgültig fallen.

Einen Tag bevor Willy Brandt seine Elfer-Liste schließlich auf der Schlußsitzung des Parteitages öffentlich bekanntgab, spendete der Schattenkanzler enttäuschten Genossen noch ungewissen Trost: »Der Parteivorstand kann ja die Minister-Mannschaft noch zu einem späteren Zeitpunkt ergänzen.«

* Willy Brandt, Fritz Erler, Gustav Heinemann, Waldemar von Knoeringen, Alex Möller, Ernst Schellenberg, Karl Schiller, Carlo Schmid, Helmut Schmidt, Käte Strobel, Herbert Wehner.

SPD-Chef Brandt, Erler-Tochter Gisela (M.): Von Genossen belagert

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