Zur Ausgabe
Artikel 72 / 165
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

UNIVERSITÄTEN Im Schneckentempo zum Diplom

Deutsche Studenten brauchen immer noch viel zu viel Zeit bis zum Examen. Eine große Untersuchung des Wissenschaftsrats macht aber erhebliche Unterschiede deutlich: In vielen Großstädten dauert das Studium besonders lange, in Bayern und den neuen Ländern geht es dagegen flott voran.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Uwe Scheithauer, 20, erfuhr gleich an seinem ersten Tag an der Technischen Universität Dresden, dass der Osten schneller ist. »Wenn Sie hier in zehn Semestern fertig sein wollen, können Sie das locker schaffen«, versprach ihm der Dekan der Fakultät für Maschinenbau.

Inzwischen ist Scheithauer davon überzeugt, dass er hier sogar noch schneller Examen machen kann. »Wir bekommen alles, was wir brauchen«, sagt Scheithauer, der jetzt im dritten Semester ist. »Das Studium ist perfekt organisiert, der Stundenplan von der Uni genau vorgegeben.«

An der Technischen Universität in Berlin müsste Sonja Kuhnigk, 25, nach den Dresdner Vorgaben bereits in der Examensvorbereitung sein. Kuhnigk studiert im neunten Semester, ebenfalls Maschinenbau, doch vom Diplom ist sie noch etliche Scheine und Prüfungen entfernt. »Fast die Hälfte des Studiums verbringe ich damit, durch die Uni zu rennen und darauf zu achten, für welche Kurse ich mich wann eintragen muss«, kritisiert sie die miserable Organisation. In einigen Fachgebieten, in denen sie noch dringend einen Schein brauche, werde zudem nicht jedes Semester ein Seminar angeboten. »Da gehen schnell mal ein oder zwei Semester verloren.«

Dresden ist die Ausnahme, Berlin noch immer die Regel im deutschen Uni-Betrieb. »Die Studienzeiten an den Universitäten sind in Deutschland viel zu lang«, kritisiert Bundeswirtschaftsminister Werner Müller. Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) sieht darin »eine Schwäche unseres Bildungssystems«. Professoren und Wirtschaftsvertreter stimmen in das Lamento ein.

Eine bisher unveröffentlichte Studie des Wissenschaftsrats belegt die Klage, dass in kaum einem westlichen Staat so lange bis zum Examen gebüffelt wird wie in der Bundesrepublik - auch wenn die Studienzeiten Anfang der neunziger Jahre leicht gesunken sind. Erst mit im Durchschnitt 26 Jahren schaffen die Studierenden hier zu Lande den ersten Hochschulabschluss, in Großbritannien und Österreich sind sie nur 23 Jahre alt.

Die Studie ermittelt so detailliert wie bisher noch nie, an welchen Unis und in welchen Fächern es besonders langsam vorangeht.

In 121 der insgesamt 132 untersuchten Uni-Studiengänge zwischen München und Kiel gelingt es nicht einmal einem Drittel der Studierenden, in der Regelstudienzeit, die nach Ansicht der Kultusbürokratie ja ausreichen sollte, ihr Studium abzuschließen.

Kurz und erfolgreich studieren fast nur die Juristen, die im Durchschnitt nach neun Semestern das Erste Staatsexamen ablegen. Ihnen hilft die so genannte Freischuss-Regelung, nach der ein Student, meldet er sich frühzeitig zum Examen, ohne Konsequenzen durch die Prüfung rasseln kann.

Leidenschaftlich lang bilden sich hingegen insbesondere Sprach- und Kulturwissenschaftler, Psychologen, Ingenieure sowie Informatiker. 14 oder 15 Semester bis zu den akademischen Weihen eines Examens gelten als keine Seltenheit. Lehramtskandidaten studieren meist nur unwesentlich schneller als ihre Kollegen, die in den entsprechenden Fächern den Magister oder das Diplom anstreben.

Die bisher nur intern vorliegenden Daten aus dem Prüfungsjahr 1998 zeigen für manche Unis niederschmetternde Ergebnisse. Im selben Fach dauert das Studium bei den Schlusslichtern um bis zu sieben Semester länger als an den schnellsten Hochschulen.

So brachten etwa die Absolventen im Fach Germanistik an der Uni Bonn ihre akademische Ausbildung nach durchschnittlich 10 Semestern zu einem erfolgreichen Ende, an der Uni Duisburg dauerte die gleiche Anstrengung hingegen 17 Semester.

Die Aussage der mehrere hundert Seiten umfassenden Analyse ist eindeutig: Deutschland verfügt über Unis mit effizient organisiertem Lehrbetrieb, die ihre Studenten schnell und zielgerichtet zum Examen führen. Neben diesen schnellen Brütern existieren aber auch viele Langzeit-Studienanstalten, denen die Lebenszeit ihrer Zöglinge egal zu sein scheint.

Aus der Untersuchung des Wissenschaftsrats lassen sich einige Trends erkennen:

* Häufig sind die Studienzeiten in großen Uni-Städten länger als in kleinen;

* in Ostdeutschland wird im Durchschnitt schneller studiert als im Westen;

* in Bayern werden auffällig viele Studiengänge angeboten, deren Dauer unter dem Bundesdurchschnitt liegt.

Die anonymen Massen-Universitäten in Westdeutschland sind für ein schnelles Studium besonders ungeeignet. Dort, wo sich pro Fachbereich mehrere tausend Studenten drängen, leidet der Lehrbetrieb unter überfüllten Hörsälen, knappen Seminarplätzen und überlasteten Bibliotheken. Und den Professor sehen die Studenten meist nur aus der Ferne.

Natürlich fehlt es seit Jahren an Geld in den Hochschuletats. Doch mangelhafte Rahmenbedingungen allein rechtfertigen noch keine überlangen Studienzeiten. Auch die angebliche Faulheit der Studierenden erklärt nicht alles. Die Experten des Wissenschaftsrats nennen als »hochschulinterne Ursachen« für langes Studieren vor allem

* schlechte Organisation und geringe Durchschaubarkeit des Studienablaufs;

* mangelnde Betreuung der Studenten;

* unzureichende Qualität der Lehre.

Hochschulen wie die TU Dresden zeigen, wie sich auch ein Germanistikstudium annähernd in der Regelstudienzeit organisieren lässt - mit Zuckerbrot und Peitsche. »Hier ist alles sehr gut planbar«, lobt Beatrice Liebig, 24. Schon im ersten Semester habe sie erfahren, wann sie am besten welchen Kurs belege. »Das hat mir sehr geholfen, mich im Studienbetrieb zurechtzufinden.«

Gleichzeitig macht die Uni Druck: Spätestens nach dem fünften Semester müssen die Studis die Zwischenprüfung ablegen. Wer es nicht schafft, fliegt raus. Und wer sich bis zum 13. Semester nicht zur Magisterprüfung angemeldet hat, wird ebenfalls exmatrikuliert. Liebig stört das nicht, sie will noch in diesem Jahr ihre Abschlussprüfung machen - nach elf oder zwölf Semestern.

Der Dresdner Germanistikprofessor Karlheinz Jakob, der früher in Freiburg studiert und unterrichtet hat, lobt zwar das forsche Voranschreiten: »Verkrachte Existenzen, die noch im 25. Semester im Grünen-Milieu rumtöpfern oder Taxi fahren, gibt es hier nicht.« Das Germanistikstudium werde in Dresden »eher wie ein Studium der Elektrotechnik« betrachtet: Hingehen, Arbeit abliefern, Schein abholen - fertig.

Ganz wohl ist dem Geisteswissenschaftler Jakob aber doch nicht, er sieht da noch alte DDR-Mechanismen am Werk. Auch zu Honeckers Zeiten habe es sich im Studium eher um Pauken gedreht, Zeit zur eigenen Entfaltung habe es nicht gegeben. »So werden unsere Studenten zwar schneller fertig als andere, aber keinen Deut besser«, warnt Jakob.

An der Universität Würzburg, die in vielen Fächern unter den Top Ten liegt, drohen wie an den fixen Ost-Hochschulen keine Wartesemester für Seminare und keine Staus bei Praktika. Flexibilität ist hier das Zauberwort: »Wir reagieren direkt auf die Nachfrage durch die Studenten«, sagt Friedemann Schneider, Professor in der unterfränkischen Uni-Stadt. Steige das Interesse an einem Thema, biete die Uni eine Veranstaltung kurzfristig auch doppelt an. Von selbst verstehe es sich, dass die Angebote verwandter Fächer miteinander verzahnt werden. Einführungsseminare in Mathematik, Physik oder Informatik zur gleichen Zeit, an vielen Hochschulen keine Seltenheit, das gibt es in Würzburg nicht.

Eine wichtige Rolle spielt zudem die persönliche Betreuung der Studenten: »Zu mir kann jeder zu jeder Zeit kommen. Und das gilt auch für meine Kollegen«, so Schneider. Dass Würzburg dabei überschaubarer, persönlicher sei als eine Großstadt, helfe auch beim Studium, gibt der Professor zu bedenken: »Hier kann jeder konzentriert arbeiten.«

In Berlin hingegen kann jeder"höllisch leicht« abgelenkt werden, erzählt Maschinenbauerin Sonja Kuhnigk, die aus Paderborn zum Studieren in die Hauptstadt wechselte. Statt zu lernen, gehe sie eben auch gern mal ins Kino, ins Kabarett oder in eine Kneipe. Und die Berlinale laufe immer, wenn Prüfungen an der Uni angesagt sind. »Ein echtes Problem.«

Dass in Städten wie Berlin, Hamburg oder Köln das Zerstreuungspotenzial größer ist als in Saarbrücken, Darmstadt oder Konstanz, erklärt aber nicht allein die enormen Unterschiede in der Studiendauer.

An manchen Großstadt-Unis im Westen scheinen noch Relikte aus der Zeit der Bildungsexpansion in den siebziger und achtziger Jahren weiter zu wirken. Damals herrschte eine Allianz des Stillschweigens zwischen Studenten, Professoren und Politikern: Die Studierenden verlangten, sich in Ruhe und frei jeglichen Leistungsdrucks bilden zu können, die Professoren hatten keine Lust, sich neben ihrer Forschung um Studienpläne und Regelstudienzeiten zu kümmern, und die Wissenschaftsminister wollten weder mit den Studenten noch mit den Professoren Ärger - mochten die Studienzeiten auch stetig steigen.

Der Typ des relaxten Bummel-Studenten ist keinesfalls ausgestorben - wird aber doch langsam zum Außenseiter. Das Umfeld hat sich geändert, der Arbeitsmarkt ist härter geworden. Und so gilt vielen Kommilitonen die eigene Karriere als wichtigstes Ziel.

Andreas Völker, 27, Informatikstudent und Studentensprecher in Würzburg, lobt denn auch seine Hochschule vor allem wegen ihres guten Service: »Jeder Student weiß genau, wann er welchen Schein machen muss. Und einen Platz bekommt man auch immer.« Völker, Mitglied der Juso-Hochschulgruppe, will auf jeden Fall schnell fertig werden: »Es ist einfach motivierend, wenn man das Studium in der Regelstudienzeit durchziehen kann.«

Viele Politiker wollen nun, da sie von der heutigen pragmatischen Studentengeneration keine Protestmärsche und Uni-Besetzungen fürchten, in die Tempo-Offensive gehen. So hat der niedersächsische Wissenschaftsminister Thomas Oppermann (SPD) bereits an zwei seiner Universitäten Turbo-Studiengänge eingeführt: in Maschinenbau an der TU Clausthal-Zellerfeld und in Neuro-Wissenschaften in Göttingen. Die Studenten haben statt fünf Monaten Semesterferien nur noch sechs Wochen Urlaub im Jahr, dafür soll es bis zum Examen nicht elf, sondern nur sieben Semester dauern.

In Baden-Württemberg müssen Studenten ab dem Herbst schon nach dem zweiten Semester eine so genannte Orientierungsprüfung ablegen, um sie vom Ernst des Studiums zu überzeugen. Zwischenprüfungen in der Mitte des Studiums sind an vielen Hochschulen bereits obligatorisch.

Immer mehr Bundesländer machen zudem die Mittelvergabe an die Hochschulen vom Erfolg in der Lehre abhängig. Die Methode ist einfach: Je mehr Studenten eine Uni in der Regelstudienzeit zum Examen führt, umso mehr Geld kommt in die Kassen.

Entscheidende Impulse, um die Studienzeiten zu verkürzen, erhoffen sich die Politiker von der Einführung der neuen Bachelor-Studiengänge. Derzeit werden an deutschen Universitäten und Fachhochschulen schon rund 350 dieser nur sechs bis acht Semester dauernden Studiengänge angeboten. Sie sollen weniger wissenschaftlich sein als ein Diplom- oder Magisterstudium, aber konkreter auf den Beruf vorbereiten.

Das andere Beschleunigungsmittel sind Studiengebühren - doch ihr Effekt ist umstritten. So hat in Baden-Württemberg die Einführung von Studiengebühren für Langzeitstudenten dafür gesorgt, dass sich mehr als 13 000 Kommilitonen dieser Klientel verabschiedet haben.

Viele davon waren aber wohl nur noch Karteileichen, die ohnehin an den Universitäten seit langem nicht mehr gesehen worden waren. Gebühren vom ersten Semester an hingegen könnten Abiturienten aus weniger gut verdienenden Familien von einem Studium abschrecken.

Wer wirklich auf einen erfolgreichen Abschluss zusteuert, hat von selbst genug Schub zu schnellem Studieren, wie etwa der Dresdner Maschinenbaustudent Andreas Hussner: »Je länger man studiert, desto mehr kostet es, und diese permanente Geldknappheit macht mich fertig«, klagt er.

Ihn treibt die Aussicht auf baldige Besserung seiner Finanzen zur Eile: Maschinenbauer sind dringend gesucht und dürfen mit Einstiegsgehältern von rund 70 000 Mark jährlich rechnen.

MARKUS FELDENKIRCHEN,

JOACHIM MOHR

Zur Ausgabe
Artikel 72 / 165
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel