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Im Sinne der Nürnberger Prozesse

aus DER SPIEGEL 25/1950

Mein lieber Wilhelm!

Zunächst meinen besten Dank für Deinen Brief. Entschuldige, daß ich erst jetzt antworte, aber ich hab' hier 'ne Heidenarbeit, da langt die Zeit selten für einen längeren Brief. Einen längeren Bericht von mir? - ja, im Telegrammstil, denn wollte ich ausführlich sein, müßte ich Bände schreiben, ein verfängliches Beginnen bei der jetzigen Papierknappheit. Also:

Nach Abschluß des Dienstjahres Anstellung in Essen. Dort die unvergeßlichen letzten Julitage 14. Spannung, Begeisterung. Als Reservist nach Lothringen, 173. I.R., dann R.I.R. 220. Frankreich: Pont-à-mousson, Priesterwald, Thiancourt, dann Briey, Combres. Frisch-froher Krieg, in Begeisterung und Manöverstimmung. Dann November 1914. Karpathen, Hohe Tatra, Limanowa-Lapanow, Dunajec. Fürchterliche Wochen. Bewegungskrieg im vereisten Gelände, gegen sechs- bis achtfach überlegenen Feind. Gestürmt, zurückgeschlagen und immer wieder gestürmt. In fünf Tagen über 2000 Mann Verluste im Regiment, im Bataillon sämtliche Offiziere gefallen. Von Russen eingeschlossen, und doch durchgeschlagen. Gefangene grundsätzlich nicht mehr gemacht. Förmlicher Blutrausch kam über mich, alte Raubtierinstinkte erwachten. Fürchterliche Zeit, und doch möchte ich sie nicht missen. Ich habe im Nahkampf manchen Menschen getotet, und es erfüllte mich mit Befriedigung. Mir eigentlich heute noch ein Rätsel.

Dann kam der Rückschlag: Ueberanstrengung, Herzfehler, Typhus. Drei Monate Lazarett, neun Tage Urlaub, dann dauernd g.v. Dann kam die Sommeroffensive. Da hielt's mich nicht länger. Alle Menschen müssen sterben, also - hinaus. Mein älterer Bruder mittlerweile bei Ypern gefallen. Ich traf meine Truppe vor Brest-Litowsk. Mein jüngerer Bruder im selben Regiment. Bug-Uebergang. Kosakenangriff, schwere Verluste, aber den Uebergang doch erzwungen. Beim letzten Sturm fiel mein jüngerer Bruder einige 100 Meter neben mir, Herzschuß, was liegt daran, weiter, weiter, Deutschlands Befreiung gilt's. Kobryn, Berezza-Kartuska, Kossow, Baranowitschi gestürmt. Hier zwei Jahre Stellungskrieg. Manch' schöner, aber auch manch' schwerer Tag - und eines Tages war ich Offizier. Als es ruhiger wurde, meldete ich mich nach dem Westen; abgelehnt wegen einer Intervention meiner Eltern, die ihren Letzten retten wollen. Ich kann's ja verstehen, aber es behagt mir nicht. Etappe und Garnison hat Leute genug, mein Platz ist die Front. Das ist im schweren Schicksalskampf der einzige rechte Platz, und Kampf die einzig notwendige Arbeit, alles andere später. Sieh, Wilhelm, versteh mich nicht falsch, aber ich begreife nicht, wie ihr in der Heimat jetzt schwärmen könnt für Leben, Mädel und Liebe. Leben - ja wirkliches Leben in all seinem Wert lernt man hier draußen erst schätzen, und Liebe und Mädel - das sind weit zurückliegende wunderschöne Sagen, die aber erst wieder zu ihrem Recht kommen, wenn wir's geschafft haben. Augenblicklich gibt's doch nur ein Sehnen - Kampf und Sieg, Sieg bis zur Vernichtung der anderen, und wenn in Deutschland noch Hohlköpfe von Verständigung und Menschenrechten faseln (Erzberger etc.), so sollte man sie an die nächste Laterne hängen.

Ob ich als Offizier ein anderer geworden, nein und ja. Meine Ansichten, die Du kennst, passen sehr gut unter die »enge Offiziersmütze«. Verkenne nicht unsern Leutnant, den der Krieg geschaffen. Er ist nicht bornierter Simplicissimustyp, sondern Führer seiner Leute im schweren Kampf und im übrigen frei in Meinungen und Anschauungen.

Und doch änderte mich der Krieg - was war mir früher Deutschland - nun ja, die Heimat, aber sonst - und heute, heute ist es mir das Ideal, Deutschland, Deutschland über alles, der Heiland unter den Völkern der Erde.

Und noch eine Erkenntnis brachte mir der Krieg. Ich tauge nicht zum Lehrer. In meiner Berufsarbeit kostet mich der Krieg mindestens sechs Jahre, soll ich da wieder anfangen, wo meine ehemaligen Schüler angelangt sein werden? Wahrscheinlich nicht, vielleicht sattle ich um. Welchen Beruf ich ergreife, weiß ich noch nicht. Ich hab' ja die Auswahl in der ganzen Leiter vom Steinklopfer bis zum Ministerpräsidenten Nun qui vivra-verra.

Nun leb' für heute wohl und lasse bald wieder etwas von Dir hören. Mit bestem Gruß bin ich.

[Grafiktext]

Verbrechen!

Zaisser ist verantwortlich für die Polizeihaftanstalten
und Internierungslager der DDR. Er hat
Anweisung erteilt, politisch Verdächtige nicht mehr
zwecks Erlasses eines Haftbefehls dem Gericht zu
übergeben, sondern eine »Sonderbehandlung« durch
den SSD angeordnet. Die Inhaftierten haben weder
das Recht, ihre Angehörigen zu benachrichtigen, noch
dürfen sie einen Verteidiger bestellen. Zu einem erheblichen
Teil werden sie überhaupt nicht vor ein Gericht gestellt,
insbesondere dann, wenn ihnen strafbare Handlungen nicht nachgewiesen
werden können und sie lediglich - politisch gefährlich erscheinen.
Die Zahl dieser seit Monaten und Jahren von der Außenwelt abgeschnittenen
Menschen wächst ständig.

ZAISSER ist daher dringend verdächtig
des Verbrechens gegen die Menschlichkeit und der Freiheitsberaubung
- Verbrechen gegen Kontrollratsgesetz 10 und § 341 StGB -

Sobald Zaisser in der Bundesrepublik und Westberlin ergriffen werden
sollte, wird das Strafverfahren gegen ihn durchgeführt werden.

Meldungen über Zaisser sind zu richten an den

»UNTERSUCHUNGSAUSSCHUSS FREIHEITLICHER JURISTEN DER SOWJETZONE«

Berlin-Lichterfelde-West, Troppauer Straße 4, Telefon 73 22 64.

[GrafiktextEnde]

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