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VERBRECHEN »Im Spiel des Wahnsinns«

Eine Engländerin, eine Amerikanerin und ein Italiener: In Perugia beginnt das Hauptverfahren um einen Mord im scheinbar so idyllischen Milieu der Sprachenschulen und Austauschstudenten.
aus DER SPIEGEL 3/2009

Dieser Mord treibt Italien um, seit mehr als einem Jahr. Nicht nur, weil es um junge schöne Menschen geht, mit Gesichtern so rein wie die Madonnen von Bellini. Nicht, weil Sex und Drogen im Spiel sind. Sondern weil dieser Mord in den Kern des Verbrechens führt, in einen Bereich jenseits von Erklären und Verstehen: ins Nichts.

Es gibt kein Motiv bei diesem Mord in der Studentenstadt Perugia in Umbrien, keine Tatwaffe, keinen Kronzeugen und kein Geständnis. Es gibt nur das Faktum eines toten Körpers. Gefunden am 2. November 2007 gegen 13 Uhr. Mit auseinandergedrückten Beinen, das blutige T-Shirt hochgeschoben über die Brust, den Kopf mit den starren Augen nach links gedreht, mit gebrochenem Zungenbein und einer langen und tiefen Schnittwunde am Hals.

Name: Meredith Kercher, 21 Jahre alt, aufgewachsen in Coulsdon, Grafschaft Surrey, Südengland. Sechs Semester Europäische Studien an der Universität Leeds, seit einigen Wochen an der Ausländer-Universität Perugia eingeschrieben. Wohnhaft in einer Frauen-WG in der Via della Pergola Nr. 7 - dem Tatort, gleich unterhalb der Uni mit Blick auf die umbrischen Berge.

An diesem Freitag beginnt vor dem Schwurgericht in Perugia der öffentliche Prozess. Es wird das Verfahren des Jahres 2009 werden. Das Land wird gebannt hinschauen, wie in einen Abgrund.

Perugia ist eine Stadt aus dem Italien-Bilderbuch, mit Mauerbögen, Stiegen, winkligen Gassen, in der Kathedrale wird der Ehering der Jungfrau aufbewahrt. Ansonsten nichts Auffälliges. Außer dass in der Apotheke neben dem Gerichtsgebäude die Einwegspritzen gleich hinter der Kasse liegen. Dass viele Kunden nach einer Spritze fragen und schnell wieder verschwinden, ohne einen Gruß, ohne ein Lächeln. In keiner Stadt Italiens, erfährt man dann, gibt es mehr Drogentote. Sonderbar.

Perugia ist die gelobte Stadt für jeden, der die Sprache von Dante und Eros Ramazzotti lernen will, gekonnt und gestenreich. So auch Meredith Kercher, die Tochter eines Pop-Journalisten aus Südengland, Stipendiatin des europäischen Austauschprogramms »Erasmus«. Sie lernte schnell. Aber kaum konnte sie die Sprache sprechen, war sie auch schon tot.

Man findet schnell Kontakt in den Bars, Discos, auf den Plätzen, man kann leicht untertauchen, denn hier sind alle jung und fremd. Die Olympia-Attentäter vom »Schwarzen September«, 1972 in München, hatten sich hier auf den Einsatz vorbereitet. Ali Agca lernte in Perugia die ersten Brocken Italienisch, bevor er 1981 auf den Papst schoss. Aber das erklärt nichts, außer dass jede noch so schöne Stadt ihre Untiefen hat, so wie jeder Mensch. So wie Amanda Knox.

Die inzwischen 21-Jährige ist das amerikanische Dreamgirl. Lebhaft und kontaktfreudig, heiter und sprachgewandt. Es gibt eine Tante bei Hamburg, Amanda liest ihren »Harry Potter« auf Deutsch und singt Beatles-Songs zur Gitarre. In Seattle, wo sie aufgewachsen ist, darf man Alkohol erst mit 21 Jahren trinken. Perugia ist da anders, eine Mixed-Zone von Kleindealern und höheren Töchtern, von Erasmus-Studenten, künftiger Elite und »Punkabestie«, wie sich die Punker mit den Hunden nennen.

Keine Eltern, keine Verwandten, endlos viel Zeit und jede Menge Leute, denen es genauso geht und denen man nie wieder begegnen muss. Die schöne Amerikanerin weiß, wie Männer auf sie reagieren. Sie genießt es und führt Buch über ihre ersten Affären. Perugia ist Freiheit. Alles ist möglich.

Amanda Knox teilte sich mit Meredith Kercher und zwei anderen Frauen die Studentenwohnung an der Via della Pergola. Sie will es gewesen sein, der am Morgen des 2. November 2007 als Erster auffiel, dass etwas nicht stimmte. Zusammen mit ihrem damaligen Geliebten Raffaele Sollecito ist Amanda Knox jetzt die Hauptverdächtige im Mordprozess von Perugia.

Eine Nachbarin hatte Kerchers Mobiltelefon unter einem Baum gefunden und die Polizei alarmiert. Als die Beamten um 12.35 Uhr an der Haustür klingelten, hatte Amanda eine Mitbewohnerin und zwei Freunde schon benachrichtigt. Gemeinsam treten sie die Tür zu Meredith Kerchers Zimmer ein. Die beiden anderen Frauen der WG waren über den Feiertag verreist.

Sie habe die Nacht bei Raffaele verbracht und sei erst morgens nach Hause gekommen, sagt Amanda Knox aus. Das blutige Handtuch im Bad der WG sei ihr nicht sonderlich aufgefallen. Auch die offenstehende Haustür nicht. Sie habe geduscht und sich die Haare gewaschen wie immer.

Den Ermittlern fällt auf, dass alle Räume offenbar nach der Tat mit Intensivreiniger geschrubbt wurden. Noch mehr erstaunt sie, dass sich von Amanda Knox keine Fingerabdrücke in der Wohnung finden, obwohl sie hier lebt.

Raffaele Sollecito gibt an, er habe die Nacht zu Hause am Computer gesessen. Amanda sei bei ihm gewesen. Der 24-jährige Sollecito kommt aus guter Familie in Apulien, war mit dem Erasmus-Programm in München und soll Software-Ingenieur werden.

»Bei Erasmus lernst du jede Menge Leute aus aller Welt kennen«, schreibt Raffaele in seinem Blog, »und am Ende bist du jede Sekunde des Tages in einem Kreis aus Treffpunkten und Orten, wo du dich vergnügen kannst. Ein-, zwei-, dreimal sagst du nein, aber dann nicht mehr, und schon bist du drin im Spiel des 'fancazzismo'« - in etwa: des allgemeinen Wahnsinns.

Raffaele habe ihr gefallen, sagt Amanda, weil er mit seiner Brille wie Harry Potter aussah. Sie begegnen sich in einem klassischen Konzert, liegen nach zwei Stunden zusammen im Bett und lassen von da an nicht mehr ab voneinander. Lieben sich, rauchen zusammen, trinken, reden, reden, reden.

Freunde wunderten sich über das Verhalten der beiden gleich nach der Tat. »Sie waren in keiner Weise bestürzt durch den Tod der Freundin und turtelten ständig miteinander«, sagt einer von ihnen. Sie hätten sogar Dessous gekauft und von der nächsten Nacht gesprochen, als wäre nichts geschehen. Und Amanda erzählt Details vom Sterben Merediths, die sie sich gut ausgedacht haben muss: »Sie ist ganz langsam verblutet.«

Die Polizei findet in der Wohnung von Raffaele ein Küchenmesser, an dessen Griff DNA-Spuren von Amanda und Meredith festgestellt werden. Die Gerichtsmediziner formulieren sehr vorsichtig, das Messer sei »nicht inkompatibel« mit der Tatwaffe. Aber man hat im Zimmer von Meredith auch den Abdruck eines Nike-Sportschuhs im Blut gefunden, der Sollecito gehört haben könnte. Es stellt sich heraus, dass Computer und auch die Mobiltelefone der beiden zur Tatzeit ausgeschaltet waren.

Amanda wird ein zweites Mal vernommen, stundenlang diesmal, ohne Anwalt an ihrer Seite und ohne Dolmetscher. Dann sagt sie: »C'ero« - ich war da, zur Tatzeit am Tatort. Ja, sie habe Schreie aus Merediths Zimmer gehört, sich die Ohren zugehalten, es sei ein Schwarzer gewesen, sie nennt den Namen Patrick L., das ist ihr Chef aus dem Pub »Le Chic«, wo sie ab und zu kellnert. Der 38-Jährige, ein stadtbekannter Reggae-Musiker, wird am 5. November 2007 unter Mordverdacht eingesperrt, zusammen mit Amanda Knox und Raffaele Sollecito.

Aber anders als die beiden hat Patrick L. ein Alibi und wird nach zehn Tagen freigelassen.

Amanda Knox hat gelogen. Warum? Die Polizisten hätten sie unter Druck gesetzt, sagt sie. Sie sei unschuldig.

Seither behauptet sie, in der Nacht mit Raffaele Marihuana geraucht und mit ihm zusammen geduscht zu haben. Raffaele dagegen will sich jetzt erinnern, dass Amanda gegen 21 Uhr fortgegangen sei. Ihre Aussagen widersprechen sich. Sie sind jetzt kein Paar mehr.

Das Video einer Überwachungskamera vom Parkplatz gegenüber zeigt tatsächlich, wie Amanda kurz vor dem Mord das Haus betreten hat. Aber auch von Raffaele werden DNA-Spuren auf dem BH des Opfers gefunden. Die Nachbarin sagt, sie habe einen furchtbaren Schrei gehört und danach Schritte von Fliehenden. Ein weiterer Zeuge sagt aus, Amanda in der Nähe des Hauses gesehen zu haben, mit Raffaele und einem dritten Mann.

Der findet sich bald. Denn im Bad der WG hatte jemand die Spülung nicht gezogen. Das wird Rudy Guede zum Verhängnis, einem heute 22-jährigen, allseits gescheiterten Kleindealer, der als Kind aus der Elfenbeinküste nach Perugia kam. Seine DNA findet sich in der Kloschüssel. Und auch die Spermaspuren am Körper der Toten stimmen mit seiner DNA überein. Am 20. November wird Guede auf dem Koblenzer Hauptbahnhof festgenommen. Er kannte Meredith und Amanda aus der Disco, war ein-, zweimal in ihrem Haus gewesen. Er habe mit Meredith ein Rendezvous gehabt, sagt er, habe auf dem Klo gesessen, als es geschehen sein muss.

Der Mörder aber sei ein Italiener gewesen. Der habe ihn, Rudy, als er mit heruntergelassenen Hosen vom Klo kam, noch mit einem Messer verletzt und ein Sprichwort gerufen: »Neger gefunden, Täter gefunden.« Da sei er in Panik aus dem Haus gerannt, ohne Hilfe zu holen. Er sei es nicht gewesen.

Guede weiß, dass er keine Chance hat, auch wenn die Gerichtsmediziner nicht zweifelsfrei feststellen können, ob es sich um eine Vergewaltigung gehandelt hat. Seine Anwälte empfehlen ihm, sich auf ein abgekürztes Gerichtsverfahren einzulassen, um das Lebenslänglich zu vermeiden - »lebenslänglich« kann in der italienischen Rechtsprechung wirklich lebenslange Haft bedeuten. Rudy Guede stimmt zu. Am 29. Oktober 2008 wird er in nichtöffentlicher Verhandlung wegen Mordes und Anwendung sexueller Gewalt zu 30 Jahren Haft verurteilt. Es ist ein Indizienprozess. Guede sagt bis heute, er habe Kercher nicht umgebracht.

»Sie fällt auf den Boden, schmeckt das Blut auf ihrem Mund und schluckt es. Sie konnte die Kinnlade nicht mehr bewegen, und es fühlte sich an, als würde jemand eine Klinge vor der linken Seite ihres Gesichts bewegen« - so könnte Meredith Kercher gestorben sein, aber das sind Sätze aus dem Tagebuch von Knox. Als Übung in »Kreativem Schreiben« hat sie sich ausgemalt, wie zwei Brüder im Drogenexzess ein Mädchen vergewaltigen und erstechen.

War es ein Unfall, ein außer Kontrolle geratenes Sexspiel? War es Rache, ein satanistischer Akt, ein Drogenexzess wie einst bei Sharon Tate? Die Polizei vertieft sich in die Festplatten von Sollecito und Knox, studiert ihre Internet-Blogs, blättert in der Manga-Comic-Sammlung Raffaeles. Raffaele, heißt es in den Ermittlungsakten, habe eine Vorliebe für Gewaltpornos und Horrorfilme gehabt, auch für Messer und für den morbiden Punk von Marilyn Manson. Er habe verschlossen gewirkt und sehr unter dem Tod seiner Mutter gelitten.

Das ist nur normal. Auch, dass er regelmäßig Marihuana geraucht hat, ist nichts Ungewöhnliches. Die meisten in Perugias Studentenszene drehen sich ihre Tütchen, wenn sie zusammen herumhängen.

Auf den Seiten in Facebook und Myspace beschreibt Sollecito sich als »ehrlich, friedlich, süß, aber manchmal völlig durchgedreht«. Amanda nennt sich »Foxy Knoxy« und hat ein Video dazugestellt, auf dem man sie angetrunken sieht, dazu ein Foto mit einer Spielzeugwaffe. Auch das nichts Alarmierendes im Kindergarten Cyberspace. Dennoch. Als der Haftrichter kurz vor Weihnachten 2007 die Untersuchungshaft verlängert, schreibt er über Amanda Knox: »Eine vielschichtige Persönlichkeit, unbefangen und durchtrieben zugleich« sei sie und Raffaele »von Gewalt angezogen«, unreif und hemmungslos. Es ist die alte These einer haltlosen, mit ihrer Freiheit alleingelassenen Jugend.

Amandas Vater Curt Knox ist Controller bei der Kaufhauskette Macy's, seine Frau Lehrerin in Seattle. »Meine Tochter ist zu 100 Prozent unschuldig«, sagt der Vater. Die Eltern pendeln seit einem Jahr von Seattle nach Perugia. Früher einmal hätten sie Italien geliebt, sagt die Mutter.

Alle Anträge, die Untersuchungshaft in Hausarrest umzuwandeln, wurden abgelehnt. Für den Untersuchungsrichter Paolo Micheli besteht kein Zweifel, dass Knox, Sollecito und Guede gemeinsam am Tatort waren, vermutlich um Meredith Kercher zu einem Sexspiel zu zwingen. Die Männer hätten sie festgehalten, Amanda Knox habe die Klinge angesetzt. Darum geht es jetzt im zweiten Prozess.

Nach der Tat hätten sie versucht, den Mord als Einbruch darzustellen, die Wohnung gereinigt und die Scheibe eingeworfen. Als Beweis genügten die gefundenen Spuren, »Logik und gesunder Menschenverstand«, schreibt der Richter. Wegen der amerikanischen Staatsbürgerschaft von Knox bestehe Fluchtgefahr. Vor allem aber: Amanda Knox sei »bereit, nochmals zu töten«. So steht es in der 17-seitigen Ablehnungsbegründung des Richters.

Amanda Knox sitzt im Provinzgefängnis Capanne. Sie hat keine Erklärung für die Indizien, die gegen sie sprechen: »Ich weiß, dass ich Meredith nicht umgebracht habe.«

Sie versucht zu glauben, dass sich nichts geändert hat. Sie liest, singt, lernt Sprachen. Italienisch kann sie jetzt fließend. Und sie schreibt Tagebuch. Ihre Aufzeichnungen lesen sich wie Versuche, eine Geschichte zu finden, die alle zufriedenstellt. Sie schreibt: »Die Wahrheit ist, dass ich mir der Wahrheit nicht sicher bin.« ALEXANDER SMOLTCZYK

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