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ERHARD Im Stil der Zeit

aus DER SPIEGEL 30/1965

Nichts gegen den Geist! Aus der Richtung komme ich auch.

Ludwig Erhard 1965.

Der Kanzler des Volkes der Dichter

und Denker zürnte: »Pinscher«, »Banausen«, »Nichtskönner«, »Scharlatane«! Gemeint waren die Dichter des Volkes der Dichter und Denker. Das ist nicht neu.

Der Kaiser - so fabulierte schon der Pennäler Kurt Tucholsky - hatte eine Flöte. Wenn man durch die Löcher dieser Flöte schaute, so sah man viele bunte Bilder von Thoma und Böcklin, Meunier und Zille. Kurzum, darinnen war die ganze moderne Richtung. Und was tat der Kaiser mit der Flöte? Er pfiff darauf.

Was dem Kaiser die Flöte, ist dem Kanzler die Blechtrommel. In ihr sieht er sie alle versammelt: den Günter Graß, den Martin Walser, den Uwe Johnson und den Rolf Hochhuth. Kurzum, die ganze Richtung. Und was tut der Kanzler mit der Trommel? Er drischt mal drauf.

Das war nicht immer so. In seiner Regierungserklärung nach dem Amtsantritt 1963 hatte der regierende Professor aus Fürth den von seinem Vorgänger nicht gerade verwöhnten Intellektuellen ungewohnte Avancen gemacht: »Ich rufe die schöpferischen Menschen in der Bundesrepublik zur Mitarbeit in diesem Staate auf.«

Erste Nutzanwendungen folgten: CDU -Manager Dufhues, der die literarische »Gruppe 47« eine »geheime Reichsschrifttumskammer« genannt hatte, zog seinen Vorwurf bedauernd zurück.

Kanzler Erhard kündigte an, unter seinem alten Mitarbeiter Professor Müller-Armack werde ein Team von Gelehrten (das nie gebildet wurde) den Regierungschef nach Kennedy-Vorbild beraten.

Und Weltausstellungs-Architekt Sep Ruf errichtete als äußeres Zeichen der Übereinstimmung zwischen Kanzler und Moderne im Garten des Palais Schaumburg einen Bungalow aus Glas, Stahl und Beton.

Zwei bedeutende Berliner Künstler, Professor Dierkes und Professor Camaro, beide vom Kanzler zu einem privaten Abendessen gebeten, lieferten eindrucksvolles, abstraktes Kulturgut: drei Säulen im Park und das Gemälde »Die Schmiede des Vulkan«.

Erhard über Bungalow und Zubehör: »Wir müssen den Stil unserer Zeit repräsentieren.« Gesagt, getan: Neben seinem Fernsehapparat steht eine barocke Madonna.

Kein Zweifel: Volkskanzler Ludwig Erhard ist den Schönen Künsten zugeneigt. Des gedrungenen Pyknikers feingliedrige Hände spielen Skat und Klavier. Er liebt Schubert, Brahms und eben noch Richard Strauss, aber »keinen Schritt weiter«. Denn: »Mit den Modernen kann man mich jagen.«

Von der romantischen Elly Ney ließ er sich Beethoven vorspielen. Der verstorbene Adenauer-Freund Pferdmenges nannte ihn mit leichtem Bankiersspott »einen musischen Politiker«.

Als aber im Wahljahr 1965 die professionellen Diener der Musen begannen, sich ausgerechnet auf der Seite der SPD um die Politik zu kümmern, da rief Ludwig Erhard »die schöpferischen Menschen in der Bundesrepublik« nicht länger zur »Mitarbeit an diesem Staate« auf, sondern entdeckte den Unterschied »zwischen verantwortungsbewußter Geistigkeit und einem blutleeren Intellektualismus ohne Substanz und ohne Gesinnung«.

Im Juni dieses Jahres hatte in einem Rororo-Bändchen eine Gruppe bundesrepublikanischer Literaten links-linkisch »für eine neue Regierung« (SPIEGEL

19/65) plädiert. Schallück, Rühmkorf, Hey, Lenz, Jens, Richter und Eggebrecht porträtierten die Brandt-Mannschaft. Wellershoff, Hochhuth und Weiss steuerten Kritik an Erhard und allgemeinen Bonner Zuständen bei: Blechtrommler Günter Graß, Mitglied der sozialdemokratischen Wahlkampfleitung, lieferte das Motto: »Ich rat Euch, Es-Pe-De zu wählen.«

Die Polit-Kritik der Skribenten war primitive Kunst: unsachlich und rüde. Aber: Die Literaten haben wie jeder Minister und Gewerkschaftsfunktionär das Recht, eine unausgegorene Ansicht zu vertreten.

Eben das schien Ludwig Erhard nicht zu passen. Der. Maßhalter kannte kein Maß mehr. Am vorletzten Sonntag im Kölner Gürzenich: »Ich muß diese Dichter nennen, was sie sind: Banausen und Nichtskönner, die über Dinge urteilen, von denen sie einfach nichts verstehen... Es gibt einen gewissen Intellektualismus, der in Idiotie umschlägt... Alles, was sie sagen, ist dummes Zeug.«

Das war der Gipfel Erhardscher Eskalation. Schon am 27. Mai hatte der Kanzler auf einer »Staatspolitischen Tagung der katholischen Männer Deutschlands« Graß angenommen: »Für mich braucht im kommenden Wahlkampf keine Blechtrommel gerührt zu werden.«

Zwei Tage später rief er auf dem Parteitag der baden-württembergischen CDU dazu auf, »Entartungserscheinungen« in der modernen Kunst und Literatur entgegenzutreten.

Und am vorletzten Sonntag über Hochhuths Kritik am Bonner Staat (SPIEGEL 22/1965): »Da hört bei mir der Dichter auf, und es fängt der ganz kleine Pinscher an, der in dümmster Weise kläfft.«

Halbe-halbe konterten Uwe Johnson ("Mutmaßungen") und Martin Walser ("Halbzeit"). Johnson: »Da hört der Kanzler auf.« Walser: »Da fängt der Erhard an.«

Philosoph Ernst Bloch ("Das Prinzip Hoffnung") konstatierte ironisch sprachliche Fortschritte bei dem sonst so wolkigen Erhard: »Die Sprache des Bundeskanzlers hat sich bis zur Kenntlichkeit verändert.«

Deutschlands Nobelpreis-Hoffnung Heinrich Böll ("Ansichten eines Clowns"): »Peinlich, peinlich.«

»Zeit«-Chefredakteur Josef Müller -Marein pfiff Halbzeit: »Legt nicht auf die Goldwaage, was die Politiker in einem Wahljahr sagen. Da wird Hochhuth zum Dichter, werden Dichter zu Banausen. In Wahljahren übertreiben die Politiker immer so...«

Ungerührt wandte sich in dieser Stunde der Erregung Musen-Freund Ludwig Erhard einem anderen Notstand seines Volkes zu. Am letzten Dienstag bat der »Kicker«-Leser Erhard den Ex-Fußballbundestrainer Sepp Herberger zu sich und sorgte sich mit ihm um die Zukunft der deutschen Bundesliga.

Erhard-Kritiker Hochhuth

»Dichter?«

Erhard-Kritiker Böll

»Banause?«

Erhard-Kritiker Johnson

»Pinscher?«

Erhard-Kritiker Walser

»Nichtskönner?«

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