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»IM STURZFLUG ABWÄRTS«

aus DER SPIEGEL 42/1993

Er hat alles, was sich Personalchefs von einem Bewerber wünschen: das Studium in der Mindestzeit durchgezogen, für Examen und Promotion die Bestnote erhalten, nebenbei in Seminaren doziert und gelernt, mit dem Computer umzugehen. Der Mann spricht Englisch und Französisch, er ist motiviert und weiß sich zu verkaufen.

Dennoch ist der Chemiker Martin Hilbers, 30, seit fast zwölf Monaten arbeitslos. Rund 300 Unternehmen zwischen Garmisch und Flensburg rief der Musterstudent nach seinem Examen an, seine Bewerbung schickte er an 70 Adressen. Doch das Ergebnis war verheerend: Nicht einmal zum Vorstellungsgespräch wollten die Firmen den Kandidaten sehen.

Heute lebt Hilbers von 1000 Mark Arbeitslosengeld, und die Aussichten auf einen Job werden zusehends schlechter. Der Ex-Hochschüler ist verbittert: »Mein Studium erscheint mir als Sackgasse ohne Entrinnen«, klagt er, »das Selbstwertgefühl sinkt.« Immer schwerer werde es, sich nicht aufzugeben.

Auch der Elektrotechniker Reinhard Wilkes, 26, gehörte zu den strebsamen Kommilitonen. Erst lernte er Elektriker, dann büffelte er sich in sieben Semestern durch sein Studium. Als der Fleißarbeiter die Fachhochschule mit guten Noten verließ, fühlte er sich auf der Sonnenseite des Lebens: »Ein Job«, meinte Wilkes, »das ist für mich eine todsichere Sache.«

Nun sucht er verzweifelt nach letzten Nischen auf dem engen Arbeitsmarkt. 60 Bewerbungen verschickte der Techniker seit Januar - ohne Erfolg. Die Chefs haben keine Stellen, dafür oft zynische Kommentare parat: »Sie hätten sich das Porto sparen können«, bekam Wilkes zu hören, ein anderer Betrieb antwortete: »Wir haben gerade zehn entlassen.«

Schicksale wie diese finden sich in den Karteien der Arbeitsämter zu Hunderten, täglich kommen neue hinzu. Mit voller Wucht treffen die Folgen von Rezession und Strukturwandel die Nachwuchsakademiker. Selten sah es für sie auf dem Arbeitsmarkt so düster aus.

In etlichen akademischen Berufen wurden die Stellen dramatisch knapp: In Hamburg gab es binnen eines Jahres 20 bis 30 Prozent, in Nordrhein-Westfalen gar 40 bis 60 Prozent arbeitslose Ingenieure, Chemiker, Biologen und Physiker mehr als im Jahr davor.

»Noch nie haben sich so viele strahlende, junge, gut ausgebildete Naturwissenschaftler bei uns arbeitslos gemeldet«, berichtet Fachvermittlerin Margaret Horstmann vom Hamburger Arbeitsamt.

In München und Südbayern wuchs die Zahl der arbeitslosen Volks- und Betriebswirte in den letzten sechs Monaten um die Hälfte. Unter Lehrern stieg dort die Erwerbslosigkeit um ein Drittel, unter Ingenieuren, Juristen und Naturwissenschaftlern um ein Fünftel. Einzig Bauingenieure, Informatiker und Architekten sind derzeit noch Mangelware (siehe Grafik Seite 95).

So viele Studierte wie nie zuvor, rund 200 000, drängen in diesem Jahr aus den Universitäten auf den Arbeitsmarkt. Doch die Unternehmen schließen die Tore: »50 Prozent stellen derzeit überhaupt nicht ein«, hat der Hamburger Personalberater Manfred Schulze festgestellt, der wöchentlich den Stellenteil von 28 Zeitungen auswerten läßt.

Der Status der Akademiker, die jahrzehntelang wie selbstverständlich mit Karrieregarantie ausgerüstet waren, zerbröselt: Aus Herrn Dr. Sorgenfrei wird der Dr. Arbeitslos.

»Ihr seid nicht mehr die Prinzen und Prinzessinnen«, hält der Detmolder Unternehmensberater Bernd Andersch den Diplomierten vor (siehe Interview Seite 103). Gute Noten, ein schnelles Studium, Praktika und Fremdsprachen sind plötzlich nicht mehr die Leitersprossen zum Aufstieg.

Zwar gibt es immer noch Politiker, die den Studierten eine rosige Zukunft versprechen: »Wir haben nicht zu viele Akademiker«, sagt etwa die nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerin Anke Brunn (SPD), »für junge Menschen zahlt sich ein Studium immer noch aus.«

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Die Unternehmen verlieren, nicht nur als Folge der Rezession, zusehends das Interesse an Durchschnittsstudenten. Immer deutlicher zeigt sich, daß moderne Betriebe mit der Masse der praxisfern ausgebildeten Jung-Wissenschaftler wenig anfangen können.

Jetzt rächen sich Fehler der Bildungspolitik der vergangenen Jahre. Politisch richtig, öffneten die Länderregierungen in den siebziger Jahren die Universitäten. Um deren innere Reform aber drückten sie sich in der Folge herum. Heute drängeln sich 1,8 Millionen Studenten auf 900 000 Studienplätzen, schicken immer mehr Eltern ihre Kinder auf Gymnasien. Doch die Qualität des Studiums sinkt ständig, immer weniger entsprechen die Studieninhalte den Anforderungen des Berufsalltags.

Massiv kritisiert Tyll Necker, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, den Verfall der deutschen Uni-Ausbildung: Mit »großer Sorge« beobachteten die Unternehmen, wie sich die Ausbildungssituation verschlechtere, Forschung und Lehre ihren hohen Rang einbüßten.

Radikal streichen Konzerne, die in der Vergangenheit Diplomierte in Hundertschaften einstellten, ihre Budgets für den Nachwuchs zusammen. Statt 3500 Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftler nimmt etwa Siemens (weltweit 418 000 Beschäftigte) dieses Jahr in Deutschland nur noch 1500 auf. Das Gros der Uni-Absolventen, prophezeit der Frankfurter Personalfachmann Heiner Thorborg schon, werde demnächst »ganz fürchterlich leiden«.

Im Öffentlichen Dienst, wo bisher rund 40 Prozent der Absolventen unterkamen, ist die Lage kaum besser. Die Behörden müssen eisern sparen, überall werden Stellen abgebaut, der Bedarf an Studierten geht zurück.

Und das ist erst der Anfang: Wirtschaftsforscher rechnen damit, daß sich die Kämpfe auf dem Arbeitsmarkt weiter verschärfen. Die Kommilitonen müßten sich »auf das Schlimmste gefaßt machen«, warnt der Saarbrücker Ökonomieprofessor Christian Scholz, »nämlich auf eine Zukunft als arbeitslose Akademiker«.

Schon breitet sich an den Universitäten No-future-Stimmung aus wie zuletzt Anfang der achtziger Jahre, als sich die Zahl der arbeitslosen Studierten infolge der damaligen Rezession innerhalb von fünf Jahren verdreifachte. Über die Hälfte der Studenten, ergab eine Infas-Umfrage, beurteilen heute ihre Berufschancen als ungünstig bis sehr ungünstig, rund ein Viertel rechnen mit ernsthaften Problemen bei der Jobsuche. Das Magazin der Freien Uni Berlin warnt: »Nie waren die Berufsaussichten für Hochschulabsolventen ungewisser.«

Bereits heute sind von Massenentlassungen zunehmend auch Akademiker betroffen. Die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit verlangte Ende September weitere neun Milliarden Mark Bundeszuschuß, weil sie immer mehr Angestellte aus mittleren und hohen Positionen unterstützen müsse.

Die chemische Industrie, Hauptabnehmer für Naturwissenschaftler, will dieses Jahr 20 000 Stellen streichen. Ganze Forschungszweige werden ins Ausland verlegt, wo gut ausgebildete Physiker, Chemiker oder Biologen billig zu haben sind.

Die Automobilbranche, wichtiger Arbeitgeber für Ingenieure, wankt, allein Daimler-Benz will 44 000 Arbeitsplätze streichen. Flugzeug- und Maschinenbauer darben ebenso wie Pillenproduzenten und Elektrotechniker.

Mehr als die Hälfte der Industrieunternehmen wollen auch im nächsten Jahr weiter das Personal abbauen. Neue Einstellungen sollen die Ausnahme sein, ergab eine Umfrage der Industrie- und Handelskammern unter 1800 Firmen.

»Vor drei Jahren war die Welt noch in Ordnung«, sagt Jörg Müller, Professor für Elektrotechnik an der Technischen Universität _(* Im Hamburger Arbeitsamt. ) Hamburg-Harburg, »nun geht es im Sturzflug abwärts.«

Zwar liegt die Arbeitslosenquote für Uni-Absolventen immer noch 3 Prozent unter dem Durchschnitt (7,4 Prozent im Westen, 15,2 Prozent im Osten). Doch mittlerweile tobt ein brutaler Verdrängungskampf auf dem Arbeitsmarkt: »Plötzlich konkurrieren Anfänger mit gestandenen Fachleuten, die sich neue Jobs suchen müssen«, hat der Kölner Unternehmensberater Joerg Staufenbiel beobachtet. Und nicht selten ziehen die Jüngeren gegenüber den Berufserfahrenen den kürzeren.

Besonders Geisteswissenschaftler und Lehrer waren in früheren Jahren Kandidaten für das trübe Nichtstun. Derzeit jedoch melden sich in den Arbeitsämtern überwiegend Akademiker aus Berufen, die bislang als zukunftssicher galten und in die heute nahezu zwei Drittel aller Uni-Absolventen streben: Mediziner, Ökonomen, Ingenieure und Naturwissenschaftler.

Bis zu 50 Neuzugänge pro Woche meldet die Freiburger Initiative gegen Arbeitslosigkeit (Friga), die sich seit Anfang der achtziger Jahre um Langzeitarbeitslose kümmert. Während Geisteswissenschaftler meist mit einem gewissen Fatalismus studieren und sich frühzeitig auf Langzeitjobben, Zeitarbeit oder Seiteneinstiege in den Beruf einstellen, brechen Welten bei den Jung-Akademikern zusammen, die ihr Studium bisher als sicheres Ticket für eine rasche Karriere betrachtet haben. Friga-Leiter Torsten Glaser: »Die verkraften das nur sehr, sehr schwer.«

In vielen Arbeitsamtsbezirken sind bereits mehr Ingenieure ohne Anstellung als Lehrer. Fast 9000 Maschinenbauer meldeten sich im vergangenen Jahr arbeitslos, nahezu doppelt so viele wie noch sechs Jahre zuvor. In München kommen auf eine Stelle bereits 26 Bewerber, vor zwei Jahren waren es noch 4. »Im Durchschnitt schreiben Kommilitonen hier 50 bis 100 Bewerbungen und ernten nur Absagen«, berichtet Sven Voß, 26, Maschinenbauer an der Uni München im 14. Semester: »Das ist alles ziemlich demoralisierend.«

Ebenso ergeht es den Elektroingenieuren: 6200 waren vergangenes Jahr ohne Beschäftigung, dreimal mehr als 1986. Die Energie-, Nachrichten- und Elektrotechniker haben die Sozialpädagogen in der Arbeitslosenstatistik bereits überholt.

Für jüngere Mediziner wird es immer schwieriger, überhaupt noch einen Job zu finden. 308 000 Ärzte praktizieren im wiedervereinigten Deutschland, jeden Monat kommen mindestens 1000 neue hinzu, weitere 100 000 Mediziner studieren derzeit. Sie werden innerhalb der nächsten sieben Jahre auf den überfüllten Arbeitsmarkt drängen und die Probleme spektakulär verschärfen.

Landespolitiker wie der bayerische Gesundheitsminister Gebhard Glück (CSU) warnen Abiturienten vor dem Medizinstudium. Wegen der spätestens ab 1999 geltenden Berufsbeschränkungen für Kassenärzte seien die Chancen heutiger Studienanfänger gering, noch eine Zulassung zu bekommen.

Assistenzärzte führen schon jetzt einen harten Kampf um die knappen Jobs. Ausgesiebt wird nach dem darwinistischen Gesetz. Jörg-Dietrich Hoppe, Vizepräsident der Bundesärztekammer: »Die, die nicht kräftig gebaut sind, gehen vor die Hunde.«

Dramatisch ist die Situation auch für Chemiker, früher begehrte Spezialisten mit besten Chancen in Forschung, Kunststoff- oder Pharmaindustrie. Bei Hoechst in Frankfurt (178 000 Beschäftigte) meldeten sich dieses Jahr bereits 2500 Chemiker für einen Job, 1000 mehr als 1992. Eingestellt wurden bisher 20.

75 Prozent der stellensuchenden Chemiker, die etwa beim Arbeitsamt Münster gemeldet sind, haben promoviert, etliche von ihnen mit der Glanznote summa cum laude. »Die hätten wir vor drei Jahren überhaupt nicht zu sehen bekommen«, sagt der Leiter des örtlichen Fachvermittlungsdienstes, Uwe Brummerloh. Viele der Nachwuchswissenschaftler suchen oft schon seit einem Jahr einen Job.

Etwa 2500 Chemiker, davon 2300 mit Promotion, werden 1993 neu auf den Arbeitsmarkt drängen, schätzt der Arbeitgeberverband der Branche. Die meisten müssen umsatteln, Taxi fahren oder kellnern: Es gibt so gut wie keine Stellen. »Die Mühe und die Zeit für Studium und Promotion sind unwiederbringlich verloren«, beobachtet Ursula Hofacker, Arbeitsmarktexpertin der Gesellschaft Deutscher Chemiker.

Bei Biologen und Physikern, die im Schnitt zehn Jahre lang studieren und promovieren, sieht es kaum besser aus. Am Ende stehen die hochqualifizierten jungen Leute oft vor dem Nichts. »Außer als Handlanger in der Forschung gibt es derzeit so gut wie keine qualifizierten Stellen«, hat Gabor Stiegler, 29, Biologie-Doktorand am Münchner Uni-Klinikum, festgestellt.

Viele flüchten sich noch in die Promotion, um Zeit zu schinden im behüteten Alltag des Studiums. Oder sie jobben wie die Hamburger Physikerin Jutta Szulkiewitz, 26, die im Januar ihr Diplom bestand. Seit einigen Monaten kämpft sie sich durch Aktenberge des Hamburger Amtsgerichts, bearbeitet Mahnbescheide. Andere schlagen sich als Altenpfleger durch, als Verkäufer oder Briefsortierer bei der Post.

Auch für die angehenden Lehrer verschärft sich die Lage wieder. Nachdem sich die Abiturienten einige Jahre lang vorsichtig zurückgehalten haben, schrieben sich zum Wintersemester 1992/93 fast 25 000 Lehramtsstudenten neu an den Universitäten ein, so viele wie selten zuvor.

Zwar steht eine Pensionierungswelle unter den rund 650 000 deutschen Lehrern bevor, zwar werden wieder mehr Pauker gebraucht, weil Kinder aus geburtenstarken Jahrgängen in die Schule drängen. Doch die schuldengeplagten Länder wollen allenfalls ausscheidende Pädagogen ersetzen, ansonsten aber die Arbeitszeit verlängern und Schulstunden streichen.

Sollten die Länderchefs gar die Gymnasialzeit auf zwölf Jahre reduzieren, wie von Bundeskanzler Helmut Kohl gefordert, würden nach Berechnungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft auf einen Schlag rund 15 000 Lehrer eingespart. Schon warnen Arbeitsmarktexperten wie Manfred Bausch von der Frankfurter Zentralstelle für Arbeitsvermittlung: »Zum Ende dieses Jahrzehnts wird es eine noch massivere Arbeitslosigkeit geben als in den achtziger Jahren.«

Die traditionelle Arbeitsverteilung funktioniert nicht mehr, der Stellenmarkt ist eingebrochen. In der Frankfurter Allgemeinen, erste Adresse der Unternehmen bei Stellenangeboten für qualifizierten Nachwuchs, wurden in den vergangenen zwölf Monaten 35 Prozent weniger Jobs ausgeschrieben.

»Es ist heute normal«, hat Berater Andersch beobachtet, »daß Studenten für ihren ersten Job ein Jahr lang suchen - und dann als Sachbearbeiter in einem kleineren Betrieb anfangen.«

Immer öfter müssen sich die Arbeitsvermittler als Psychoberater betätigen, damit ihre Klienten überhaupt noch eine Chance haben. Reagieren die Bewerber in den ersten Monaten auf jede neue Absage noch mit Wut und Unverständnis, nehmen schon bald quälende Zweifel überhand.

»Wenn es nach sechs Monaten nicht klappt, kommt die Depression«, hat Helmer Nettlau beobachtet, der stellvertretende Leiter des Hamburger Fachvermittlungsdienstes. Plötzlich zögern selbst Absolventen mit besten Noten, sich weiter zu bewerben, leiden unter Versagensängsten.

Eine regelrechte Frustspirale setzt ein: Je mehr das Selbstbewußtsein schwindet, um so tiefer sinken die Chancen, überhaupt noch einen Job zu ergattern. »Die Leute beginnen sich zu verändern«, berichtet Nettlau, »sie vernachlässigen sich, werden anfällig für Tabletten, Tabak und Alkohol.« Andere beginnen eine Psychotherapie, um sich nicht völlig aufzugeben.

Wer länger als ein Jahr arbeitslos ist, zudem nicht mehr zu den Jüngsten zählt, hat derzeit überhaupt keine Chance. Selbst Tricks helfen da nicht weiter.

Seit drei Jahren bemüht sich die promovierte Biochemikerin Michaela, 43, die ihren vollen Namen nicht genannt haben will, vergebens um eine Stelle. In den Briefen an Firmen und Behörden, fast 300 hat sie verschickt, verschweigt sie ihre Arbeitslosigkeit - zur Tarnung gibt notfalls eine Freundin in einem Forschungsinstitut eine Referenz.

Mittlerweile bewirbt sich Michaela als Technikerin und wird auch für diesen Beruf abgelehnt, häufiges Argument: Sie sei überqualifiziert. Immer schwerer fällt es ihr, mit den dauernden Absagen fertig zu werden. Minderwertigkeitsgefühle plagen die Wissenschaftlerin, die fünf Sprachen beherrscht. »Gegenüber meinen Kollegen bin ich in der Niederlagensituation«, berichtet sie, »aus meinem früheren Freundeskreis habe ich mich zurückgezogen.«

Etliche Hochschüler haben den Ernst der Lage noch gar nicht begriffen: »Unsere Ingenieure stöhnen schon, wenn sie mal 15 Bewerbungen schreiben sollen«, sagt Walter Muschenich, Arbeitsvermittler im Münchner Arbeitsamt. »Wenn ich denen erzähle, daß für Ärzte 200 bis 300 Bewerbungen normal sind, wollen sie es nicht glauben.«

Eine erschreckende Naivität hat der Maschinenbaustudent Sebastian Stiemke, 27, Vorstandsmitglied einer Studenteninitiative, bei vielen Kommilitonen ausgemacht: »Die machen ihr Diplom und gucken dann erst mal, was so läuft.«

Doch die bequeme Tour verfängt nicht mehr: Nur allzu leicht fallen Studenten mit durchschnittlichem Examen bei den Personalchefs der Unternehmen durch. Korbweise gehen die Bewerbungen bei Großbetrieben wie der Deutschen Bank, dem Lebensmittelkonzern Unilever oder Daimler-Benz ein. Verdoppelt bis verdreifacht hat sich die Zahl der Anfragen in den vergangenen zwei Jahren.

Täglich 30 Bewerbungen von Ingenieuren landen auf dem Tisch von Karl-Heinz Mayer, dem Leiter der Personalabteilung des Münchner Rüstungskonzerns Krauss-Maffai (5300 Beschäftigte). »Tragisch« nennt es Mayer, daß »manche Ingenieure schon froh sind, noch einen Job als Staplerfahrer gefunden zu haben«.

Nur noch die Besten kommen durch. »Wir werden in Zukunft noch höhere Fähigkeiten verlangen«, warnt Gunther Mangold, Personaldirektor bei der Deutschen Bank, »jemand ohne Berufserfahrung beispielsweise hat bei uns keine Chance mehr.«

Häufig reichen nicht einmal mehr Top-Qualitäten: Reizvolle Stellen in der Industrie, beobachtet der Frankfurter Chemieprofessor Robert Schlögl, werden nur noch über »gute Beziehungen« vergeben.

Die Situation wird sich noch verschlimmern. Bisher hat sich der Ansturm der Studierwilligen auf die Universitäten kaum auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar gemacht. Hat sich die Zahl der Studenten von 1980 bis 1991 fast verdoppelt, stieg die Zahl der Uni-Absolventen im gleichen Zeitraum nur um 22 Prozent.

In der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts, so rechnen Wirtschaftsforscher, wird die Zahl der stellensuchenden Akademiker daher stark ansteigen. Noch enger wird es, wenn es den Ländern gelingt, ewige Studenten aus den Unis zu werfen und die Studienzeiten radikal zu begrenzen.

Denn die Unternehmen werden sich auch in den nächsten Jahren beim Nachwuchs zurückhalten: Nur sieben Prozent der Firmen wollen in Zukunft mehr Uni-Absolventen einstellen als bisher, fand das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bei einer Befragung von 258 Unternehmen heraus. Zwei von fünf Großbetrieben wollen dagegen weniger Studierte als in den vergangenen Jahren. Und jedes vierte Unternehmen plant, in den nächsten zwei bis drei Jahren überhaupt keine neuen Jung-Akademiker anzustellen.

Auf die radikalen Veränderungen in den rezessionsgeplagten Betrieben haben sich viele Studenten noch gar nicht eingestellt. Allenthalben werden Führungspositionen und Stabsstellen abgebaut, die Verwaltungen abgespeckt, Angestellte entlassen.

Selbst Wirtschaftsstudenten, in den vergangenen Jahren von den Firmen heiß umworben, droht plötzlich Erwerbslosigkeit. Rund 21 000 verließen im vergangenen Jahr Uni und Fachhochschule, dreimal soviel wie noch vor zehn Jahren.

Nun machen die Unternehmen plötzlich dicht, die verwöhnte Klientel muß draußen bleiben: Das Münchner Ifo-Institut prophezeit, daß es bald viel weniger der sogenannten White-collar-Jobs geben wird.

In Unternehmen mit über 200 Beschäftigten stehen die Arbeitsplätze von 1,2 Millionen Verwaltungsangestellten zur Disposition. Ebenso wird in den Entwicklungs-, Planungs- und Konstruktionsabteilungen gespart. »Wer heute noch denkt, es warten nur alle auf ihn, der irrt sich gewaltig«, sagt der Hamburger Personalberater Schulze.

Kostspielige Trainee-Ausbildungen, beliebter Einstieg für Studenten, werden allerorten zusammengestrichen. »Der statusbewußte Akademiker, der im weißen Kragen durch die Unternehmen läuft und sich zu fein ist, an der Basis mit anzupacken, ist nicht mehr gefragt«, warnt Studentenberater Andersch.

Schon sehen Fachleute der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Frankfurt in den jungen Ökonomen die akademischen Sorgenkinder der neunziger Jahre. Zwar brauchen Wirtschaft und Staat langfristig wieder mehr Akademiker, weil es in vielen immer komplizierter werdenden Berufen ohne hochqualifiziertes Personal nicht geht. Doch der Bedarf an Studierten, so zeigen neue Analysen, wird wesentlich langsamer steigen als noch vor wenigen Jahren angenommen.

Die Berliner Arbeitsmarktforscher Gernot Weißhuhn und Jürgen Wahse errechneten im Auftrag der Bonner Bund-Länder-Kommission, daß in den nächsten 20 Jahren das Überangebot an Akademikern rasch wachsen wird.

Im Jahr 2000, so das Ergebnis der bisher unveröffentlichten Studie, wird es in ganz Deutschland 600 000 bis 800 000 Studierte zuviel geben (siehe Grafik Seite 97). Bis zum Jahr 2010 werden es rund eine Million sein, während sich der Mangel an Facharbeitern gleichzeitig drastisch verschärft.

Noch sind die Zahlen unter Experten heftig umstritten. Doch selbst Optimisten wie Friedrich Buttler, Leiter des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), rechnen mittlerweile für die nächsten zehn Jahre mit einem Überangebot an Akademikern. Vor vier Jahren dagegen hatte das IAB noch prophezeit, es werde auch in Zukunft für die Studierten genügend Stellen geben.

»Bei einer Vervierfachung der Absolventenzahlen sind klassische Akademikerjobs in ausreichender Menge nicht mehr vorhanden«, warnen die IW-Forscher Rüdiger Falk und Reinhold Weiß, »dies sollte sich jeder vor der Aufnahme eines Studiums klarmachen.« Für immer mehr Hochschüler werde sich das Studium »als eine Fehlinvestition erweisen«, weil sie Jobs annehmen müßten, »die sie auch mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung und einer beruflichen Weiterbildung hätten erreichen können«.

Schon heute, so ermittelte das IW, arbeiten lediglich ein Viertel der Studierten auf Stellen, die wirklich eine akademische Ausbildung voraussetzen. Viele haben sich jahrelang vergebens abgemüht: Jeder zehnte Student arbeitet nach seinem Examen als Bürokraft, Arbeiter oder Verkäufer, weitere zwölf Prozent sind Sachbearbeiter oder Vorarbeiter geworden.

Mehr und mehr Studenten werden Jobs annehmen müssen, an die sie früher niemals dachten. Der frühere AOK-Chef in Bayern, Hans Sitzmann, empfiehlt arbeitslosen Ärzten, sich »zum Krankenpfleger umschulen zu lassen«.

Für die nächsten Jahre rechnet jedes zweite Unternehmen, so fand das IW heraus, mit einem sogenannten Downgrading: Vier von fünf Betrieben wollen Akademiker künftig auf Arbeitsplätzen einsetzen, auf denen bisher Nichtstudierte saßen.

Doch noch immer wursteln die Universitäten nach Konzepten aus den sechziger Jahren, träumen etliche Hochschulpolitiker und Professoren von einer Rückkehr zur Elite-Uni. Statt dessen müßten durch einschneidende Veränderung der Studiengänge, durch neue Lehrinhalte und Prüfungsordnungen die Berufschancen der Studenten verbessert werden.

Denn künstlich wird sich die Studierbegeisterung der Schulabsolventen kaum eindämmen lassen. 27 Prozent eines Jahrgangs drängen derzeit an Unis und Fachhochschulen, im Jahr 2000 wird der Anteil, so lauten Prognosen, auf 35 Prozent ansteigen. Schon heute würden Unternehmen - etwa aus dem Mittelstand - weit mehr Studierte einstellen, wenn die jungen Leute nur besser auf die Bedürfnisse der Praxis vorbereitet wären (siehe Grafik Seite 99).

Unzufrieden wie nie sind die Firmen mit den Bewerbern, die sie von den Unis bekommen: 84 Prozent der vom IW befragten Unternehmer bemängeln, daß Hochschüler zu praxisfern ausgebildet werden. 81 Prozent kritisieren, daß die Absolventen viel zu hohe Erwartungen hegen.

Viel zu viele Spezialisten hat der deutsche Uni-Apparat in den vergangenen Jahren produziert. Mit den schmalspurigen Fachleuten können die Unternehmen der wachsenden Dienstleistungsbranche, in der die größten Chancen für Studierte liegen, kaum etwas anfangen. Gesucht werden vielmehr Berater, Kommunikationsfachleute, Verkaufs- und Umweltexperten.

Wer heute seine Zukunftsaussichten verbessern will, wird deshalb oft außerhalb der Unis fündig: Die Berlinerin Kathrin Ankele, 28, etwa absolvierte nach ihrem Biologiediplom eine Zusatzausbildung als Öko-Expertin an einem privaten Fortbildungsinstitut. Heute rät sie Unternehmen, wie sie ihre Produkte umweltfreundlicher herstellen könnten - ein Zukunftsberuf, den viele Biologieprofessoren noch nicht einmal kennen.

Auch für Absolventen anderer Studienzweige sind neuartige Berufe entstanden (siehe unten), die zusätzliches Lernen neben oder nach dem Studium erfordern: City-Manager, Gesundheitsplaner, Computerkünstler.

»Die Hochschulen hinken der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt hinterher«, kritisiert der Nürnberger Berufsforscher Manfred Tessaring. Viel zu langsam stellten sich die Akademikerschmieden darauf ein, daß sich die Anforderungen der Unternehmen grundlegend gewandelt haben.

Ein massiver Ausbau der Fachhochschulen ist lange überfällig. Doch obwohl die Fachhochschüler mittlerweile bessere Einstiegschancen in der Wirtschaft haben als Uni-Studenten, weigern sich Kanzler Kohl und Finanzminister Theo Waigel, Geld für den längst versprochenen Ausbau der überfüllten Bildungsstätten herauszurücken.

Wissenschaftlergehabe und Karriere-Egoismus dagegen, in Schule und Universität noch immer kräftig gefördert, sind in modernen Unternehmen immer weniger gefragt. Dringend müßten die Professoren die Studenten zu mehr Teamarbeit animieren, ein Gruppengefühl »philosophisch in die jungen Leute hineinbringen«, fordert Hans-Hermann Braess, Leiter der Forschungsabteilung von BMW.

Doch während die Unternehmen Grenzen zwischen den Abteilungen abbauen und die verschiedenen Betriebsbereiche miteinander vernetzen, pflegen die Professoren an deutschen Unis noch immer das Spezialistenwesen - aus persönlicher Eitelkeit und zum Nachteil der Studenten. Der Göttinger Berufsforscher Martin Baethge kritisiert: »Daß überfachliche Qualifikationen nicht vermittelt werden, ist das große Manko der deutschen Universität.«

Etliche der arbeitslosen Naturwissenschaftler und Ingenieure etwa hätten bessere Chancen, wenn sie solide betriebswirtschaftliche Kenntnisse mitbringen würden.

»Die gradlinig aufsteigende Kaminkarriere ist nicht mehr gewünscht«, sagt Volker Witzemann, Personalchef beim Münchner Autozulieferer Knorr-Bremse, »statt dessen fördern wir den Zickzackkurs zwischen Entwicklung, Vertrieb und kaufmännischem Bereich.«

Doch statt das Angebot in den traditionellen Studienfächern zu erweitern, konzipieren die Professoren lieber neue Spezial-Studiengänge.

Arbeitsvermittler Nettlau vom Hamburger Arbeitsamt mahnt seit Jahren die Abiturienten, nur ja nicht »auf alles reinzufallen, was die Universitäten anbieten«. Denn Flops gibt es zur Genüge.

So ließ sich Petra Ricke, 27, vor acht Jahren zum Studium der Computerlinguistik verleiten. Den Sprachtechnikern, die Übersetzungsprogramme entwickeln sollten, prophezeiten die Professoren damals eine große Zukunft, erinnert sich Ricke: »Alle dachten, dieses Studium bringt''s wirklich.«

Nun sucht sie seit einem Jahr einen Job, wie die meisten ihrer Kommilitonen vergebens. Die Unternehmen haben kaum noch Interesse an den Exoten und stellen lieber Computerspezialisten ein. »Das macht keinen Spaß«, sagt die Sprachexpertin, »wenn du erfährst, daß du überflüssig bist.«

Ebenso könnte es den Kulturmanagern ergehen, die unter anderem an der Uni Lüneburg ausgebildet werden. Mittlerweile studieren dort 1600 Studenten das Management von Theatern, Opern und Museen. Wer sie einmal beschäftigen soll, weiß niemand.

»Diese Studiengänge sind vom Teufel«, kritisiert der Konstanzer Philosophieprofessor und Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß. Sie würden meist in den Köpfen von Professoren geboren, »die sich in ihrem Arbeitsbereich etwas überflüssig vorkommen«.

Vielleicht machen deren Studenten bald ähnliche Erfahrungen wie die Hamburger Volkswirtin Kerstin Lanje, 28: Nachdem sie sich ein dreiviertel Jahr vergebens beworben hatte, meldete sich auf eine ihrer Suchanzeigen hin plötzlich eine Münchner Firma.

Lanje schickte ihre Unterlagen an die genannte Adresse - und bekam Antwort vom Bundesnachrichtendienst. »Wegen der besonderen Aufgabenstellung« werde seine Behörde »normalerweise nicht als künftiger Arbeitgeber in Betracht gezogen«, schrieb ein Beamter des Einstellungsreferates. Dafür biete der Arbeitsplatz eine »nicht alltägliche berufliche Herausforderung«.

Eine Stellenbeschreibung lieferte die Behörde gleich mit: »Aufgabe ist es, Personen mit Zugang zu geheimen Auslandsnachrichten anzuwerben und zu führen. Gefragt ist der Generalist mit umfangreichem Allgemeinwissen, der sich einfühlsam und einfallsreich auf Situationen und andere Menschen einstellen kann.« Als Vorbildung komme jedes akademische Studium in Frage.

Spione haben Zukunft. *HINWEIS: Im nächsten Heft Wachsender Konkurrenzdruck bei Medizinern - Einkommen und Prestige der Ärzte sinken, die Arbeitslosigkeit nimmt zu - Schwierige Zukunft für Medizinstudenten
*VITA-KASTEN-1 *

Die Rezession trifft nun auch die Akademiker. In Berufen, die noch vor kurzem als krisensicher galten, steigen die Arbeitslosenzahlen dramatisch, Thema einer fünfteiligen SPIEGEL-Serie. Junge Ingenieure, Betriebswirte, Mediziner und Naturwissenschaftler suchen verzweifelt Arbeit - und finden trotz glänzender Examen keine Anstellung. Wirtschaftsforscher warnen bereits: Für immer mehr Hochschüler werde sich das Studium als Fehlinvestition erweisen.

[Grafiktext]

__95_ Akademikerschwemme: Arbeitslose in einzelnen Berufen

__97_ Akademikerschwemme: Angebot und Nachfrage

__99_ Wunschprofil: Was Unternehmer von Akademikern erwarten

[GrafiktextEnde]

* Im Hamburger Arbeitsamt.

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