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BUNDESWEHR Im Visier

Taliban-Reste und al-Qaida-Kader lauern auf ihre Chance, sich bei einem Irak-Krieg neu zu formieren. Gefährdet sind damit auch die deutschen Soldaten.
aus DER SPIEGEL 12/2003

Nachts brennt in diesen Tagen lange Licht im Hauptquartier der internationalen Friedenstruppen »Isaf« an der Great Massoud Road in Kabul. Bislang dauerte die 20-Uhr-Abendlage im ehemaligen afghanischen Militär-Sportclub, einer gelben Villa im südeuropäischen Baustil, gerade mal 15 Minuten. Im Vorfeld des aufziehenden Irak-Kriegs aber dauert das Briefing im vom deutschen Drei-Sterne-General Norbert von Heyst geleiteten deutsch-niederländischen Stab schon mal Stunden.

Diskutiert wird immer wieder die aktuelle Bedrohungslage im Gebiet Kabul-Stadt. Der Beginn militärischer Operationen im Irak, so die Analysen der Spezialisten, könnte auch hier zum Worst-Case-Szenario geraten: Was ist, wenn fundamentalistische Terroristen aus Rache das Camp angreifen, wenn die muslimische Bevölkerung gewalttätig demonstriert? Was, wenn die Übergangsregierung stürzt, Präsident Hamid Karsai nach Amerika flieht oder erschossen wird?

Bagdad liegt 2297 Kilometer von Kabul entfernt. Eine Schlacht um Saddams Reich wird dennoch nicht ohne Folgen bleiben. Weder für die Friedenstruppen noch für das geschundene Afghanistan, das sich nach 23 Jahren Krieg und Terror endlich wieder im Aufbruch befindet, wenn auch noch zaghaft und in den engen Grenzen seiner Hauptstadt.

Im ersten wieder notdürftig renovierten Kino der Millionen-Metropole spielen sie in Hindi den Schmachtfetzen »Titanic«. Internationale Restaurants eröffneten, die sich »New York« nennen oder »B's place«. Die nächtliche Ausgangssperre ist aufgehoben. Es gibt Alkohol, natürlich nur unter der Ladentheke. Vereinzelt gehen Mädchen unverschleiert auf die Straße, mit Kajal-Schminke und rotem Lippenstift, manchmal sogar ohne männliche Begleitung. Und der letzte Schrei sind Jeans aus Pakistan oder China, die sie »Cowboys« nennen, das Paar zu zehn Dollar.

In einer geheimen »Risikoanalyse« des Verteidigungsministeriums für den »Beginn eines militärischen Konflikts im Irak« warnen die Experten des militärischen Nachrichtenwesens jedoch vor gefährlichen Rückschlägen: Bei »längerer Dauer« der Militär-Operationen im Irak sei mit »zunehmender Verschärfung der Sicherheitslage« zu rechnen. »Ziele werden die Angehörigen und Einrichtungen von Isaf in Kabul und der Anti-Terror-Koalition in Bagram sein.«

Vor wenigen Tagen forderte der erste gezielte und äußerst präzise geplante Anschlag gegen die Isaf-Truppen ein Todesopfer - »eine neue Qualität« sei das, sagt Heyst: Mit einem Handy als Fernsteuerung zündete ein Attentäter vorvergangenen Freitag um 14.45 Uhr eine Bombe, als niederländische Soldaten im südöstlichen Bagram-Distrikt patrouillierten. Die Granate war in einem Rohr am Straßenrand versteckt und mit Steinen abgedeckt.

Der afghanische Isaf-Dolmetscher Najibullah Anwarzay, 22, starb auf dem Transport ins Feldlazarett an schweren Kopfverletzungen, auch ein 23-jähriger Gefreiter wurde verletzt. Anwarzay hatte am nächsten Tag um 15 Uhr Verlobung feiern wollen. Eine Stunde vor diesem Termin wurde er begraben.

»Da schluckt man schon«, sagt Major Johannes Schneider, 38, aus Tauberbischofsheim, der soeben aus dem vergleichsweise sicheren Einsatz im Kosovo nach Afghanistan kam. Der Reservist und Feldpoststellenleiter Michael Zohm, 49, aus St. Peter-Ording »verdrängt« die Angst, wenn im Camp mal wieder die Alarmsirene geht: »Ist eigentlich immer gute Stimmung im Bunker.«

Achtmal wurden seit Ankunft der Deutschen Anfang vergangenen Jahres Raketen in Richtung Camp Warehouse abgeschossen, immer nachts. Dreimal überflogen die tödlichen Sprengkörper - chinesische 107-Millimeter-Raketen - die Zeltstadt direkt. Das letzte Mal am 10. Februar, als Verteidigungsminister Peter Struck in Kabul war. »Die treffen ja nicht einmal«, scherzte er tapfer, als er im sicheren Schutzraum saß. Die Truppe, die in Kabul auf unbestimmte Zeit die Stellung halten soll, fand das nicht besonders komisch.

Selbst militärischen Aufklärern ist die Ungenauigkeit der bisherigen Raketenangriffe ein Rätsel. Ein Volk, das 23 Jahre im Krieg war, so die allgemeine Soldatenmeinung, wisse schließlich sehr wohl, wie man ein Geschoss ins Ziel bringt. Markiert also jemand nur sein Gebiet, um zu zeigen, wozu er theoretisch in der Lage wäre? Oder sind die Anschläge wirklich nur missglückt? Die neue unbemannte Aufklärungsdrohne Luna, die gerade nach Kabul geschafft wird, soll mehr Sicherheit bringen.

Die Angriffe kommen stets aus Südost, aus dem früheren Einflussbereich des Paschtunenführers Gulbuddin Hekmatjar. Die Abteilung für Nachrichtenwesen der Bundeswehr klassifiziert ihn denn auch als »größte Gefahr«. Er kooperiere mit den »Kern-Taliban« und »al-Qaida-Führungskadern«, die sich derzeit reorganisierten - wenn auch bislang in überschaubaren Dimensionen.

Hekmatjar, der sich angeblich in der so genannten Tribal Area im Grenzland zu Pakistan aufhalten soll, betreibe derzeit über seine Hisb-i-Islami-Partei im Osten und Süden Afghanistans eine Rekrutierungskampagne bei den Armen und Gegnern der Übergangsregierung. Immer wieder habe Hekmatjar seine Absicht erklärt, auch die Isaf-Truppe anzugreifen.

»Das Potenzial der in den letzten Wochen im Umkreis von Kabul erkannten feindlichen Kräfte wächst«, heißt es in dem internen Bericht weiter. Und Heyst ist überzeugt: »Wir befinden uns in der risikoreichsten Mission, die die Bundeswehr bisher mitgemacht hat.«

Inzwischen haben die deutschen Nachrichtendienste in Afghanistan ein dichtes Geflecht aus Informanten gesponnen. Das Militär nutzt jede Gelegenheit, um an Nachrichten zu kommen: auf Patrouillen, durch Zusammenarbeit mit der Polizei, bei Besuchen des Freitagsgebets in den Moscheen.

Die Soldaten arbeiten eng mit dem afghanischen Innenministerium und dem Geheimdienst NDS zusammen, Gespräche und Funkverbindungen werden abgehört. Zu den besten deutschen Quellen gehören die Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND), darunter ein Terrorspezialist, der fließend Persisch spricht. Ein anderer lebte viele Jahre in Pakistan. Auf der Afghanistan-Karte eines BND-Mannes ist kaum noch eine Provinz unmarkiert. Er bereiste fast das ganze Land, seit er hier vor 16 Monaten seine Arbeit aufnahm.

Mit Kriegsbeginn, kündigte jetzt Uno-Sicherheitsberater Joe Gordon in Kabul an, würden die Vereinten Nationen ihre Stützpunkte in Afghanistan für 48 Stunden schließen. Bei seinem letzten Briefing für die landesweit operierenden Hilfsorganisationen machte Gordon kein Hehl aus seiner Befürchtung, dass sich neben der in jüngster Zeit ohnehin steigenden Kriminalität auch die Sicherheitslage im Kriegsfall deutlich verschlechtern werde. Radikale Kräfte würden nicht abwartend zusehen, sondern etwas unternehmen: »Da kocht was.«

Allerdings ist die große Mehrheit der Afghanen kriegsmüde und schwer für die Glaubensbrüder im Irak zu mobilisieren. »Wo waren die Iraker, als die Taliban und al-Qaida uns hier jahrelang terrorisiert haben?«, fragt der Hazara Din Mohammad, 45, Besitzer eines Second-Hand-Ladens für Möbel und Haushaltswaren im Zentrum von Kabul, »warum also sollten wir sie jetzt unterstützen?«

Und dann bietet er dem deutschen Patrouillen-Führer Joachim Nickel, 35, einem Gebirgsjäger aus Mittenwald, seinen kleinen Holzschemel für eine Rast am Straßenrand an und eine Tasse Tee.

SUSANNE KOELBL

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