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NORWEGEN Im Weinkelch Brause

Neues Kampfmittel gegen Tabak, Bier und Schnaps: öffentliches Totschweigen. So schreibt es ein neues Gesetz vor, über das die Nation lacht.
aus DER SPIEGEL 14/1976

Um den Bürgern die Lust am Trunk zu verleiden, handelt der Staat damit: Wein und Spirituosen gibt's nur in staatlichen Monopolläden ("Vinmonopolet"), zu Wucherpreisen. Eine 0,7-Liter-Flasche französischen Marken-Cognacs kostet rund 70 Mark.

Viele Stadt- und Landgemeinden sind völlig trockengelegt -- per Volksabstimmung. Durch Bevormundungs-Demokratie wird entschieden, ob das Staatsmonopol, kurz: »Polet«, eine Filiale einrichten, ob die Hotels und Restaurants nur Bier, auch Wein, überdies Spirituosen oder von alledem gar nichts ausschenken dürfen, ob dem Einzelhandel gestattet sein soll, das einzige Getränk zu verkaufen, das nicht von Polet monopolisiert ist: Bier.

Dennoch sind über 80 Prozent der erwachsenen Norweger, notfalls über den Versandhandel, ständige Alkoholtrinker. Norwegens Konsum steht in der Weltstatistik am unteren Ende. Doch Norwegens frömmste Christen, die schon das Tanzen für Teufelswerk halten und Jesu Hochzeitswein-Beschaffung zu Kana anscheinend auch, möchten ihr Volk zum Null-Konsum zwingen.

So regte die Christliche Volkspartei (Wählerrückhalt: 12,2 Prozent) neue Gesetze gegen Alkohol und Nikotin an, denen die Reichstagsmehrheit vermutlich nur deshalb zustimmte, weil wenige enthaltsame Wähler das Stärkeverhältnis zwischen Rechts und Links (heute nur ein Mandat) entscheiden könnten. Die 1975 verkündeten Gesetze schreiben vor, fortan Alkohol und Nikotin einfach totzuschweigen: Außen-, Schaufenster- und Anzeigenwerbung für Rauchtabakwaren, Bier, Wein und Spirituosen sind seither verboten -- einschließlich Tabakpfeifen aus Lakritze und Zigaretten aus Schokolade.

Die Details verordnete der Sozialminister. Der Tabakhandel darf nur Feuerzeuge, Pfeifenreiniger und Pfeifenständer ins Schaufenster stellen, nicht jedoch eine Pfeife im Ständer. Die Läden dürfen das Wort »Tobakk« zeigen, »jedoch nicht in Leuchtschrift«.

Polet-Läden hatten sowieso nie für ihre Ware geworben, sie nicht einmal in die Schaufenster gestellt, welche deshalb laut »Aftenposten« an die von Bestattungsinstituten erinnern. Doch selbst die altgewohnte Polet-Anzeige, die vor Weihnachten zum rechtzeitigen Einkauf zwecks Vermeidung von Käuferschlangen gemahnte, wurde verboten.

Chefredakteur Gunnerud von der Zeitschrift »Nye Alle Menn«, die fünf Prominente Polets Aquavit-Sorten hatte begutachten lassen und das Ergebnis druckte, ist deshalb polizeilich vernommen worden. Einer Osloer Glaswarenhandlung wurde ein Inserat, daß Rotweinkelche führe, untersagt.

Norwegens Zeitungen werfen den Gesetzemachern die Mentalität von Kindermädchen vor. Ein mit der Verbotspraxis befaßter Staatsbeamter wurde vom Wirtschaftsblatt »Farmand« als »diese haarsträubend humorlose Person« apostrophiert. Selbst das Osloer Regierungsorgan »Arbeiderbladet« lästerte: »Die meisten halten alles für dummes Zeug. Und das ist es.«

Eine Witzwelle von Ostfriesen-Format hat das Land erfaßt:

Das Reisebüro der Norwegischen Staatsbahn müsse amtlich davor gewarnt werden, Reisen an die Mosel, nach Bordeaux, Aalborg und Jamaika zu verkaufen.

Kriegs- und Handelsmarine, die ja ein geheimnisvolles Glasen praktizierten (Zeitzeichen mit der Schiffsglocke), müßten sich rechtfertigen, um welche Art Glas es sich handle.

»Norges Handels- og Sjofartstidende« lieferte den Tip, »daß sich ehemalige Rotweingläser gut für Brause eignen« -- und für den Staatsanwalt: »Unser Gerichtsstand ist Oslo.«

Die konservative »Aftenposten« empfahl, Szenen mit Gläsern und Aschenbechern in Filmen zu verbieten, ferner jenen Akt der »Fledermaus«, in dem »das gesamte Ensemble in Champagner schwimmt«.

Das liberale »Dagbladet« dichtete dem norwegischen Außenminister Bedenken an gegen ein Gespräch mit dem sowjetischen Geschäftsträger in Oslo (das im Januar stattgefunden hatte): Das AA habe wegen Schleichwerbung das Sozialministerium um Einverständnis ersucht. Denn der Außenminister heiße ja Frydenlund (wie eine norwegische Biermarke), hochprozentig gefährlich sei auch der Name seines russischen Partners: Smirnow.

Weltbekannte Spirituosenhersteller propagieren ihre vom Polet verkauften Erzeugnisse weiter, nennen sie aber nicht mehr: Die Inserate zeigen nur Firmennamen und Firmenzeichen.

Eine Anzeige bringt ein altvertrautes Wappentier mit dem Text »Gär den sa gär den« (Geht es, dann geht es). »Gär den« wird so ausgesprochen wie der Gin-Name Gordon. Ein anderes Inserat zeigt eine Zahlenreihe von 62 bis 76, in der statt der 69 ein Bilderrätsel steht. Die Lösung heißt: Vat.

»Das norwegische Volk wird nicht auf Brause und Kaugummi umsteigen«, prophezeit ein Leitartikel in Norwegens größter Zeitung. Das scheint selbst die Regierung zu glauben. Sie hat im Staatsbudget 1976 höhere Volkslaster-Profite eingeplant -- aus der Tabaksteuer um sieben, aus der Alkoholsteuer um zehn Prozent.

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