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USA / WAHLKAMPF Im Wohnzimmer

aus DER SPIEGEL 44/1970

Abraham Lincoln kämpfte einst zu Pferde um Wählerstimmen und siegte. Seine Wahlkampf kosten: 75 Cent. »Meine einzige Ausgabe«, so Amerikas 16. Präsident (1861 bis 1865), »war ein Fail Apfelwein, das ich für einige Landarbeiter spendieren mußte.«

Heute wäre Lincoln chancenlos. Denn nur wer reich ist oder reiche Gönner findet, kann noch mit Aussicht auf Erfolg .für Amerikas hohe Ämter kandidieren. Nur er kann dort für sich werben, wo Wahlkampf am wirksamsten, aber auch am teuersten ist: im Fernsehen.

Stärker denn je zählen im amerikanischen Wahlkampf 1970 nicht Ideen, sondern Kanäle und Konten, Filmkameras und Wahlmanager, photogene Gesichter und das rechte Make-up -- eine fernsehgerechte Mischung aus Hollywood und Hochfinanz. Sie wird nach Ansicht des Senators John Pastore aus Rhode Island möglicherweise »die Wurzeln des demokratischen Prozesses zerstören«. Sie ermöglicht es nach Meinung des einstigen Kennedy-Beraters Richard Goodwin, daß »auch ein Kandidat aus der Irrenanstalt« präsentiert werden könnte. Mit Werbe-Spots wie für Aspirin, Brathähnchen und Büstenhalter werden die US-Kandidaten den Wählern im Fernsehen vorgestellt -- allein die hübsche Verpackung soll zum Kauf des Kandidaten reizen.

Auf einem Schimmel galoppiert etwa der demokratische Senator Albert Gore über die Bildschirme seines Heimatstaates Tennessee; während der Politiker seinen Wahl-Gaul antreibt, lobt ein Sprecher: »Das Tempo und die Richtung, die ein Mann seinem Leben gibt, kann viel über seinen inneren Geist aussagen.«

In Kalifornien dagegen wirbt der republikanische Senator George Murphy (TV-Etat: rund zwei Millionen Mark) mit dem Prestige des Präsidenten: Vertrauensvoll ruht Nixons Hand auf Murphys Schulter.

In Indiana wiederum wirbt der Abgeordnete Richard Roudebush (TV-Etat: 2,9 Millionen Mark) weniger für sich als gegen seinen Widersacher, den Senator Vance Hartke: Während ein als Vietcong verkleideter Schauspieler ein Gewehr lädt, erklärt ein Sprecher: »Die Vietcong besitzen keine Fabriken, die Gewehre herstellen. Die Waffen, mit denen sie Amerikaner töten, werden ihnen von Kommunisten gegeben. Senator Hartke stimmte für das Gesetz, das den Handel mit solchen Ländern befürwortet. Ist das nicht so, als würde man dem Feind das geladene Gewehr in die Hand legen?«

Rund fünf Millionen solcher Polit-Spots flimmern allein in diesen Wochen 10 bis 60 Sekunden lang über die 80 Millionen Mattscheiben der Nation. Insgesamt rund 150 Millionen Dollar lassen sich die Kandidaten für 35 Gouverneursämter, 35 Senatoren-Posten und 435 Abgeordnetensitze ihren Wahlkampf kosten, allein etwa 63 Millionen Dollar davon geben sie für Fernseh-Spots aus -- so viel, »daß nur reiche Männer nicht davor zurückschrecken« ("Life").

Zwar stimmten im September Abgeordnetenhaus und Senat einem Gesetz zu, wonach ab 1972 der Erwerb von Radio- und TV-Zeit begrenzt werden sollte. Doch Präsident Richard Nixon lehnte es vorletzte Woche ab, die Vorlage zu unterzeichnen.

Denn vor allem Richard Nixons Republikaner -- und der Präsident selbst -- werden vom Big business hofiert und finanziell unterstützt: Im Präsidentschaftswahlkampf 1968 konnten sie für die TV- und Radiowerbung rund 45 Millionen Mark aufwenden -- beinahe doppelt soviel wie die Demokraten.

Damals kam Richard Nixon zwischen Kaugummi-Spots und Würstchen-Reklame als Saubermann der Nation in jedes Wohnzimmer, bis ins Detail gedrillt von Harry Treleaven, der zuvor bei Amerikas größter Werbefirma J. Walter Thompson Pan-Am-Flüge und Ford-Modelle für die Konsumenten verpackt hatte.

Nixons Kontrahent Humphrey hingegen, wie Nixon acht Jahre zuvor im TV-Kampf gegen John F. Kennedy schlecht verpackt, blieb ein Kandidat, dessen Konturen die Wähler noch erkennen konnten. Er sprach auch im TV-Studio zu laut, zu lange und zu kompliziert. »Er erbrach sich buchstäblich auf die Teppiche in den Wohnzimmern«, schreibt Joe McGinniss in seinem Bestseller »So macht man Präsidenten«.

Nixon wurde von seinen Werbe-Technikern auch nach seinem Wahlsieg erstklassig verpackt. Und da »das Fernsehen in den Händen eines Präsidenten, der die Manipulationstechniken versteht, zu einer vorzüglichen Waffe wird« (so das Fernseh-Werk »TV and Art"), setzte Richard Nixon diese Waffe in den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit häufiger ein als alle seine Vorgänger. 25mal trat er bisher zu den wichtigsten Sendezeiten vor die TV-Kameras.

So sahen ihn die US-Bürger wenige Wochen vor den Wahlen beim Heiligen Vater im Vatikan, bei der Sechsten US-Flotte Im Mittelmeer, umjubelt von Spaniern in Madrid und am Grab seiner Vorfahren in Irland. Und kurz darauf versprach der Republikaner über die TV-Sender einmal mehr Frieden in Vietnam.

Zweifellos ist das Fernsehen in den USA »zum wichtigsten Element einer politischen Kampagne« geworden, meint denn auch der republikanische New Yorker Senator Charles Gondell, dessen Kontrahent Richard Ottinger, Erbe eines Papier- und Holzkonzerns, bislang über sieben Millionen Mark für seinen Wahlkampf gab.

Weniger wohlhabende US-Kandidaten müssen versuchen, Fernsehzeit durch Improvisationen zu ergattern. So informierte der New Yorker Abgeordnete Richard McCarthy während der Vorwahlen die TV-Sender, er werde aus Protest gegen die Umwelt-Verschmutzung in den verseuchten Hudson River springen. McCarthys Sprung wurde zwar in den Nachrichten-Sendungen gezeigt, der Kandidat verlor dennoch.

Im US-Staat Florida hingegen folgte der Demokrat Lawton Chiles dem sparsamen Beispiel des Reitersmannes Abraham Lincoln. Chiles marschierte im Wahlkampf 1600 Kilometer zu Fuß und siegte.

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