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Luftwaffe Im Zweifel runtergeholt

Ein anonymer Anrufer brachte kurz vor der Schlußfeier im Olympia-Stadion die Krisenplaner in Bonn und München durcheinander.
aus DER SPIEGEL 39/1972

Ein falscher Fliegeralarm verhalf Bundeskanzler Willy Brandt zu einem neuen Erlebnis. Während der Schlußfeier der Olympischen Spiele vertraute er seinem Sprecher Conrad Ahlers an: »Jetzt bin ich zum erstenmal als Oberbefehlshaber tätig geworden.«

Auf Bitten der Münchner Polizei hatte der Regierungschef die bayrischen Ordnungshüter ermächtigt, beim Wehrbereichskommando VI der Bundeswehr Soldaten und Flugzeuge anzufordern. Einzige Bedingung: Die zuständigen Bonner Stellen müßten eingeschaltet werden.

Das Stichwort zu des Kanzlers Machtwort hatte ein anonymer Anruf er gegeben. Kurz vor Beginn der Olympia-Schlußfeier telephonierte der Unbekannte mehrfach mit dem Olympischen Komitee (OK) in der Münchner Saarstraße: Sein Privatflugzeug sei von arabischen Terroristen auf dem baden-württembergischen Flugplatz Malmsheim bei Leonberg gestohlen worden. Die Diebe hätten mit Sicherheit eine Bombe an Bord und seien unterwegs, um die explosive Ladung über dem mit mehr als 80 000 Menschen gefüllten Olympia-Stadion abzuwerfen.

Der neue Katastrophen-Alarm brachte das krisengeplagte OK und seine Sicherheitsbeauftragten an den Rand der Panik. Komitee-Präsident Willi Daume und Münchens Polizeipräsident Schreiber erwogen, das Stadion sofort räumen zu lassen.

Doch davon riet ein Kompetenterer ab: Admiral Armin Zimmermann, Generalinspekteur der Bundeswehr und Besucher der Schlußfeier, gab zu bedenken, daß durch die Räumungs-Order eine Panik im Stadion entstehen könnte.

Inzwischen hatte ohnehin Zimmermanns Bundeswehr den Kampf aufgenommen, kommandiert von Oberbefehlshaber Georg Leber. Um 19 Uhr 45 hatte der Offizier vom Dienst im Münchner Wehrbereich der Bereitschaftszentrale der Bundeswehr auf der Bonner Hardthöhe den angeblichen Araber-Start gemeldet und angefragt, »inwieweit der Luftraum über München durch Bundeswehr gesichert werden« könne.

Um 20 Uhr 03 war auch Minister Leber über den vermeintlichen Luftangriff informiert. Der Verteidigungsminister verwandelte augenblicklich sein Amtszimmer in einen Gefechtsstand. Erste Order: Alle Luftraumüberwachungsstellen in und um München suchen mit Radar nach dem Angreifer. Die Alarmrotte des Jagdgeschwaders 74 in Neuburg an der Donau (zwei Starfighter F-104 G) wird in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt.

Generalstabs-Oberst Günter Raulf, Leiter des Leitungsstabes der Hardthöhe, hatte inzwischen eine Konferenzschaltung mit allen Beteiligten hergestellt: Leber hatte den Kommodore des Abfang-Geschwaders in Neuburg, Oberst Gerhard Mohrdick, ebenso an der Strippe wie die Offiziere des Jägerleit-Gefechtsstandes in Freising bei München. Der Minister: »In diesem Falle wollte ich keinem anderen die Verantwortung aufladen, schließlich konnte das bedeuten: SchießbefehL«

Anders als beim Polizeieinsatz auf dem Bundeswehr-Fliegerhorst Fürstenfeldbruck wenige Tage zuvor hatte Leber keine Bedenken, die Bundeswehr einzusetzen: »Das eine war nach der Verfassung ein klarer Fall für die Polizei, also hieß es für mich: kein Mann, keine Patrone. Diesmal konnten weder Polizei noch Bundesgrenzschutz mit der Situation fertig werden.«

Für den Minister war damit zum erstenmal in der Geschichte der Bundesrepublik der innere Notstand ausgebrochen -- und die Hardthöhen-Juristen gaben Leber nachträglich recht: Wenn man schon eine »drohende Gefahr für ... die freiheitliche demokratische Grundordnung« -- laut Grundgesetz Voraussetzung für den Einsatz von Streitkräften -- nicht akzeptieren wolle, so sei die akute Gefährdung von 80 000 Menschen ein übergesetzlicher Notstand, der sofortiges Handeln notwendig gemacht habe.

Befehlshaber Leber handelte 18 Minuten nachdem ihn seine Führungsstabler alarmiert hatten: Inzwischen hatten die Flugkontrolleure nämlich ein unbekanntes Flugobjekt so nahe Münchens geortet, daß nach Meinung der Militärs nur noch ein Blitzstart der Starfighter helfen konnte:

Ein Protokoll: »20 Uhr 22: Einsatzbefehl Leber an Kommodore JG 74: Identifizierung unbekannter Flugzeuge über München, kein Gebrauch der Waffen. Lediglich Abdrängen nicht identifizierter Flugzeuge. 20 Uhr 26 Start der bewaffneten Alarmrotte des JG 74 (2 F-104) und Hinführen in den Einsatzraum durch Jägerleit-Gefechtsstand.

20 Uhr 30: Erreichen des Einsatzraumes über München und Beginn der Sichtidentifizierung in einer Flughöhe zwischen 1600 und 2000 Meter. Nicht genau bekannte Anzahl von Linienflugzeugen und Polizeihubschraubern wurde sichtidentifiziert und an Bodenstellen gemeldet.

Der Minister und seine Stabshelfer, die über Telephon den Sprechfunkverkehr zwischen der Leitstelle und den Starfighter-Piloten mithörten, »zuckten jedesmal zusammen, wenn wir die Meldung hörten »Contact«, (Raulf), denn: »Im Zweifelsfall hätten die beiden Starfighter ein auftauchendes unbekanntes Flug-Objekt runtergeholt« (Hardthöhen-Sprecher Armin Halle).

42 Minuten währte die freie Jagd der Luftwaffe über München. Und obwohl der Luftraum total gesperrt war, landete eine Linienmaschine der »Swissair« in Riem, ein Charterflugzeug der »Finnair« schwebte friedlich in Fürstenfeldbruck ein -- wo es sich als »unbekanntes Flugobjekt« entpuppte. Ohne Anmeldung war die Maschine in den Münchner Luftraum eingeflogen.

Um 21 Uhr 12 gab Georg Leber »Befehl zum Abbruch des Identifizierungsauftrages«, die Starfighter kehrten nach Neuburg zurück.

Sie hätten lange suchen können: Die einzige Maschine, die in der fraglichen Zeit in Malmsheim gestartet war, stand schon seit 17 Uhr 24 im heimatlichen Hangar zu Baden-Baden: die viersitzige Cessna 172 Rocket der »Industrieflug KG«, amtliches Rufzeichen »Delta Echo Charly Delta Zulu«. Industrieflugmechaniker Rüdiger Gehrke, der die Maschine geflogen hatte, saß vor dem Fernseher und sah die Schlußfeier von München.

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