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Balkan Im Zwielicht

Serben und Kroaten steuern eine Übereinkunft an: die Aufteilung der Beute Bosnien.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Wann immer das Artillerie-Feuer auf Sarajevo nachläßt, gehen die Eingeschlossenen auf die Suche nach Brennmaterial. Sie fällen Bäume in den städtischen Parks und auf den Friedhöfen, sammeln Kleinholz an den Berghängen unterhalb der serbischen Stellungen.

Heizöl und Kohle sind in der bosnischen Hauptstadt nirgends mehr aufzutreiben. »Ich fürchte den Winter«, sagt Alija Catic, Mutter eines neugeborenen Kindes. Fast alle Fensterscheiben in Sarajevo sind zerbrochen; in den Bergen fiel der erste Schnee. Strom gibt es nur noch im Krankenhaus Kosevo, mit Unterbrechungen. Die Wasserversorgung ist zerstört, Gelbsucht und Darminfektionen grassieren.

Der strenge Winter könnte weit mehr Todesopfer fordern als der Krieg. »Wir haben nur sehr wenig Zeit«, meint Sylvana Foa, Sprecherin des Uno-Flüchtlingskommissariats. Die Menschen brauchen Wolldecken und Plastikfolien, um Fensterlöcher abzudichten.

Doch vorige Woche kamen die Hilfslieferungen von außen zum Stillstand. Nach dem Abschuß des italienischen Transportflugzeugs war die Luftbrücke nach Sarajevo unterbrochen. Über Land gelangten in Konvois eben noch 80 Tonnen Lebensmittel täglich in die bosnische Hauptstadt - zuwenig für 380 000 Einwohner.

Den EG- und Uno-Unterhändlern gelang es vorerst nicht, Zusagen zu erhalten, Angriffe auf Hilfsflüge auszuschließen. Ohne solche Garantien aber wollte keine Regierung mehr das Leben ihrer Piloten riskieren (siehe Seite 174).

Uno-Generalsekretär Butros Butros Ghali schlug dem Sicherheitsrat vor, die Blauhelmtruppe von 1500 auf 8000 Mann zu verstärken - sie sollen in Banja Luka, Bihac, Gorazde, Tuzla, Mostar und Vitez stationiert werden und bei Überfällen zurückschießen dürfen. Zudem erwog Butros Ghali, Lastwagenkonvois und Frachtflüge mit Hubschraubern und Jagdflugzeugen zu sichern; Washington forderte Flugverbot für jugoslawische Militärmaschinen.

Untersuchungen des Wracks bestätigten die Vermutung, daß der italienische Transporter von zwei infrarotgeleiteten, hitzesuchenden Boden-Luft-Raketen abgeschossen wurde - entweder vom US-Typ »Stinger« der Kroaten oder vom Sowjettyp »Strela« der Serben.

Strela-Raketen haben nur eine Reichweite bis zu 5 Kilometern. Die serbischen Stellungen liegen jedoch mindestens 20 Kilometer von der Abschußstelle entfernt. Damit werden die Täter unter Kroaten und Moslems vermutet.

Auch die Kugeln, die zwei französische Uno-Offiziere im Begleitschutz eines Hilfskonvois töteten, kamen wohl aus dem bosnischen Lager - für das die Hilfe bestimmt war: eine »klare Provokation von Leuten, die den Frieden ablehnen und weiter Krieg führen wollen«, konstatierte der französische Uno-Kommandeur, General Philippe Morillon.

Die Moslems in Bosnien-Herzegowina sind ins Zwielicht geraten, und die Belgrader Medien triumphierten: Nun könne niemand ausschließen, daß auch der barbarische Feuerüberfall auf die nach Brot anstehenden Zivilisten im Mai eine bosnische Untat gewesen sei.

Auf beiden Seiten kämpften irreguläre Gruppen, die keinem Oberkommando gehorchten, wiegelte der ägyptische Uno-Kommandeur in Sarajevo, Hussein Ali Abdulrasek, ab. Eine Tragödie nannte der amerikanische Uno-Sonderbeauftragte Cyrus Vance den Tod der beiden Franzosen. Gemeinsam mit dem britischen EG-Unterhändler David Owen sprach er vorige Woche mit den Kriegsgegnern in Zagreb, Sarajevo und Belgrad. Die jugoslawische Führung stimmte der Stationierung von Uno-Beobachtern an der Grenze zu Bosnien, der Überwachung ihrer Militärflughäfen sowie der Öffnung der Autobahn von Zagreb nach Belgrad zu.

Die Übernahme der schweren Waffen durch die Uno, wie sie Bosniens Serbenführer Radovan Karadzic versprochen hatte, kam indes nur schleppend voran. Karadzic wollte nur einer »Beobachtung« der Waffen zustimmen und sie weiter einsetzen, falls serbische Truppen in der Umgebung der Sammelpunkte angegriffen würden. Einseitige Konzessionen lehnte er ab, sonst sei »der Bestand meines Volkes in Gefahr«.

Karadzic beharrte auf seinem Expansionsprogramm: Der einzige Weg, die _(* Oben: am vorigen Donnerstag in ) _(Sarajevo; unten: am vorigen Donnerstag ) _(in Moskau; Plakattext: »Die Kurilen ) _(gehören uns«. ) Kämpfe zu beenden, sei die Teilung des Landes. Dazu meldete er den serbischen Anspruch auf einige Stadtteile von Sarajevo an und auf den Zugang zum Meer: »Bosniens Küste ist 24 Kilometer lang, davon wollen wir die Hälfte.«

Bosniens Kroaten haben der Aufteilung von Bosnien-Herzegowina längst zugestimmt und sich mit den Serben über die Grenzen stillschweigend geeinigt. Ihre Allianz mit den Moslems beginnt zu zerfallen. In Zagreb wurde die Ladung eines iranischen Flugzeugs beschlagnahmt - 4000 Maschinengewehre und eine Million Stück Munition für die Glaubensbrüder auf dem Balkan. Für humanitäre Transporte nach Sarajevo, die über kroatisch beherrschte Gebiete in der Herzegowina rollen, kassieren kroatische Verbände Wegzoll von der Uno: 2000 Mark pro Lastwagen.

Die Kroaten argumentieren aus der Position der Stärke. Sie kontrollieren fast ein Drittel des Landes und haben die serbischen Truppen aus der Westherzegowina vertrieben. Die Teilung der Drei-Völker-Republik, wie sie von Kroatiens Präsident Franjo Tudjman und dem Serben-Präsidenten Milosevic bereits vor einem Jahr anvisiert wurde, wäre perfekt.

Doch Serbien fühlt sich noch keineswegs gesättigt. In Belgrad trat Außenminister Vladislav Jovanovic zurück, weil die Außenpolitik der Regierung von Rumpf-Jugoslawien »gegen die Interessen Serbiens« gerichtet sei. Präsident Dobrica Cosic schürt den Haß gegen Deutschland, das sich nun auf dem Balkan hole, was es im Zweiten Weltkrieg nicht erobern konnte. Die Serben seien dabei die neuen Juden, die »für alle Verbrechen dieser Welt verantwortlich sind«.

Großserbe Milosevic, Urheber des südslawischen Blutvergießens, wendet sich unterdessen schon einem neuen Kriegsschauplatz zu: Er schickte den chauvinistischen Tschetnikführer Vojislav Seselj als Gastprofessor nach Pristina, Hauptstadt der von Serbien gleichgeschalteten Provinz Kosovo. Seseljs Parole: »Kosovo muß albanerfrei werden.«

* Oben: am vorigen Donnerstag in Sarajevo; unten: am vorigenDonnerstag in Moskau; Plakattext: »Die Kurilen gehören uns«.

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