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ESSAY MEDIZIN FÜR MÄNNER SEELENLEBEN Immer auf der Balz

Wie ticken Männer? Die Programme, nach denen sie funktionieren, sind so simpel wie die von Waschmaschinen, und wie in der Steinzeit haben die Frauen immer noch das Sagen. Der Evolutionsbiologe KARL GRAMMER analysiert das männliche Gebaren:
aus DER SPIEGEL 36/2001

Der Mann war ein Unfall der Natur. Er ist nur deshalb in die Welt gekommen, weil ihm der Arm eines Chromosoms verloren ging. Diesen Geburtsfehler, von dem uns als Studenten erzählt wurde, hat er bis heute nicht aufgeholt. Im Gegenteil, Psychologen und Verhaltensforscher haben in den vergangen Jahren vielfältig dargelegt: Die Frauen haben nach wie vor die Kontrolle über die Männer.

Zum Beispiel bei der Partnersuche: Bei unseren Verhaltensstudien haben wir gefilmt, was geschieht, wenn sich Frauen und Männer zum ersten Mal treffen und miteinander flirten. Ergebnis: Es war stets die Frau, die sich den Partner aktiv aussuchte. Wir Männer glauben zwar, wir hielten das Heft in der Hand. Doch in Wirklichkeit steuern Frauen das Verhalten der Männer, und zwar durch Gestik und Mimik. Wir konnten aus dem weiblichen Verhalten immer das der Männer vorhersagen, aber nie umgekehrt.

Wenn ein Mann sich bei dem experimentellen Flirt gut fühlte und mit seinem Redefluss begann, dann hatte ihm die Frau vorher die Signale dazu gegeben. Diese hatten die Männer allerdings meistens gar nicht bewusst wahrgenommen.

Frauen dagegen sind Meister der heimlichen Kommunikation und können auch Lügen besser erkennen als Männer, vermutlich weil sie im Laufe der Evolution häufiger von Männern betrogen wurden als umgekehrt. Inzwischen sind Frauen auf der Hut, ganz besonders an ihren fruchtbaren Tagen. Genau dann nämlich erreicht ihre verbale Leistungsfähigkeit einen Höhepunkt, wie die kanadische Psychologin Doreen Kimura in mehreren Untersuchungen gezeigt hat. Auf der Höhe ihrer Geisteskraft suchen die Frauen nicht unbedingt einen schönen Mann, sondern einen, der mächtig, wohlhabend und dominant ist. Dass diese Vorliebe in der ganzen Welt verbreitet ist, konnte David Buss, Psychologe an der University of Texas, nachweisen: Er fand das Muster in fast allen von 37 untersuchten Kulturen bestätigt.

Die Obsession des Mannes, was seinen Status angeht, treibt in der modernen Gesellschaft seltsame Blüten. In einem unserer Experimente, für das wir in einem Wagen mehr als 60 000 Kilometer auf deutschen Autobahnen fuhren, zeigte sich: Das drängelnde Auffahren zum Vordermann ist eindeutig aggressiv und eine Art von Dominanzverhalten. Je größer, je dunkler und je teurer das Auto des Angreifers ist, umso häufiger drängelt er. Dies tun Frauen zwar genauso oft wie Männer, aber Männer fahren mit höherer Geschwindigkeit auf, und ihnen wird schneller Platz gemacht.

Männlicher Wettbewerb benötigt Aggression - gefördert und belohnt wurde und wird sie durch die weibliche Partnerwahl. Im Lichte der Evolution sind Frauen also verantwortlich dafür, dass die Männer aggressiv wurden. Die natürliche Begrenzung liegt dort, wo allzu gewaltbereite Männer in Beziehungen unerträglich wurden.

Frauen entwickelten einen Doppelstandard in der Partnerwahl. Einerseits wünschen sie sich - vor allem zur empfängnisbereiten Zeit - Sex mit aggressiven Machos. Der Psychologie-Professor Victor Johnston von der New Mexico State University hat in Zusammenarbeit mit uns gezeigt, dass sehr männlich aussehende Männer just zum Zeitpunkt des Eisprungs als begehrenswert empfunden werden.

Softies und Männer mit eher weiblichen Zügen sind andererseits im Rest des weiblichen Zyklus am attraktivsten für die Frauen - die Machos für den Nachwuchs, die Softies für die Beziehung. Softies sind wirklich arm dran: Ihr fehlendes Draufgängertum müssen sie in einer Partnerschaft durch höheres Engagement wettmachen.

Und was haben die Kerle den weiblichen Strategien entgegenzusetzen?

Bisher nichts - sie verlassen sich auf die ewig gleiche »dumme« Strategie: Wir Männer neigen dazu, einen »Typ I Fehler« zu begehen. Darunter versteht man den Fehler, eine möglicherweise wahre Vorannahme abzulehnen. Bezogen auf die Geschlechterbeziehung heißt das: Männer schätzen ihre Chancen grundsätzlich höher ein, als sie tatsächlich sind - um ja keine Kopulation zu verpassen. Unsere Feldstudien in Japan und Deutschland bestätigen: Die befragten Männer waren generell immer an allen Frauen interessiert. Und das meist unabhängig vom Aussehen - Hauptsache eine Frau.

Männer sind grenzenlose Optimisten, nicht nur beim Errechnen ihrer Chancen bei Frauen. Sie reproduzieren sich lediglich, und das auch noch ziemlich wahllos. Es ist schon dem Zoologen und Begründer der Evolutionstheorie Charles Darwin aufgefallen, dass die englischen Landedelmänner weniger Sorgfalt in der Auswahl ihrer Frauen an den Tag legen als in der Auswahl ihrer Hunde für die Zucht.

Männliches Denken ist nicht nur erschreckend einseitig, sondern verlässt sich auf die immer gleichen Verhaltensroutinen. Wird eine Frau gesichtet, läuft beim Mann ein Programm ab wie bei einer Waschmaschine - die Brust schwillt, und die Rede endet im endlosen Ich.

Wenn sich ein Mann auch nach dem ersten Balzgehabe noch für eine Frau interessiert, dann kennt der verbale Durchfall kein Halten mehr, wie Untersuchungen, wiederum aus Deutschland und Japan, gezeigt haben: Die schiere Zahl der gesprochenen Wörter nimmt zu - aber der Inhalt des Gesprochenen gewinnt dabei nicht an Qualität. Das wortreiche Gestammel offenbart: Männer haben nicht die leiseste Ahnung, auf was Frauen wirklich stehen. Was für ein primitives Gebaren, verglichen mit den machiavellistischen Balzstrategien der Frauen!

Selbst wenn Männer einmal etwas Kreatives hervorbringen, ist das nicht so sehr ihr eigenes Verdienst - sie sind von den Frauen darauf getrimmt worden. Der amerikanische Psychologe Geoffrey Miller brachte es auf die Formel, die männlichen Kulturleistungen seien nichts als ein Abfallprodukt des Balzverhaltens: Singen und Dichten haben dem blässlichen Jüngling am Lagerfeuer der Steinzeit zum Erfolg bei Frauen verholfen. Auch bei der frühesten Kulturleistung der Menschheit, der Herstellung von Steinwerkzeugen, war offenbar männliches Imponiergehabe mit im Spiel. Der Prähistoriker Steven Mithen von der britischen University of Reading wunderte sich, warum die Archäologen so viele Faustkeile finden, die niemals benutzt wurden. Was hat die Steinzeitmänner dazu bewogen, eine Menge von Faustkeilen in einer für den Gebrauch untauglichen Größe herzustellen und sie danach gleich wieder wegzuwerfen? Die wahrscheinlichste Erklärung hat Mithen präsentiert: Die Faustkeile wurden nur dazu angefertigt, die Frauen am Lagerfeuer zu beeindrucken und herumzukriegen.

Männliche Kreativität steht bis heute im Dienst des Balzverhaltens. Warum sonst kommen Männer zusammen und setzen ihre ganze Kreativität und Intelligenz dazu ein, Rennautos zu entwerfen, die nur dazu taugen, im Kreis herumzufahren? Die Frauen sind bei diesem Ritual dazu verurteilt, kleine Schilder in die Höhe zu halten, auf denen die Namen der Helden stehen, und natürlich dazu, blond zu sein.

Das Primat der Nutzlosigkeit ist eine männliche Domäne. Männer fliegen zu fernen Himmelskörpern, nur um als Erste dort zu sein. Beim Wettlauf zum Mond musste eine männlich dominierte Nation einer anderen imponieren - ein Verhalten, ähnlich dem von Pfauen, die ihr Rad spreizen.

Kleinkriege unter Männern nehmen ihren Anfang im Kindergarten. Das haben wir an verschiedenen Gruppen von Kindern immer wieder beobachtet. Diejenigen Knaben, die einen Streit gewinnen konnten, wurden durch eine erhöhte Ausschüttung des körpereigenen Hormons Testosteron belohnt. Der Kick führt dazu, dass die Jungen am nächsten Tag wieder Konflikte suchen - so geht es dann immer weiter. Das biologische Wettrüsten macht also weder halt vor dem Kindergarten noch vor der gesamten Kultur, es hat beides geprägt. So betrachtet, ist unsere scheinbar von Männern dominierte Gesellschaft in Wahrheit ein Produkt der weiblichen Fortpflanzungsstrategien.

Die Frauen verbergen vor der Umwelt, wann ihre fruchtbaren Tage sind, und können so ihre Fortpflanzungspartner frei wählen. Für die Männer bedeutet das: Sie können sich niemals sicher sein, ob das Kind ihrer Partnerin auch tatsächlich von ihnen ist. Im Schnitt zehn Prozent der Kinder in Europa und den USA sind Kuckuckskinder. Der amerikanische Soziobiologe Randy Thornhill vermutet, dass Frauen das Fremdgehen und »Gene-shopping« im Laufe der Evolution erlernt haben. Ihre sexuellen Phantasien, es mit fremden Männern zu treiben, nehmen während der fruchtbaren Tage zu.

Das Investment der Männer in Frau und Familie bleibt also stets mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Und genau dadurch wurden die Männer letzten Endes dazu gezwungen, die Frauen von sich abhängig zu machen. Denn nur so vermochten die Männer die Herrschaft über die Reproduktion an sich zu reißen.

Männer kontrollieren mithin die Gesellschaft und die Frauen, um die Fortpflanzung zu kontrollieren. Und nur deshalb werden seit den Rotten der Steinzeit bis heute fast alle Kulturen von Männern dominiert. Diesen Status verteidigen sie auch mit Gewalt, wie die kanadischen Evolutionspsychologen Martin Daly und Margo Wilson zeigen konnten: In allen von ihnen untersuchten Gesellschaften findet Gewalt von Männern gegen Frauen statt - immer wegen Eifersucht.

Das viel geschmähte »Patriarchat« ist demnach eine unabdingliche Folge jener Kriterien, mit denen Frauen Partner auswählen: Dominante Männer bringen ihnen Ressourcen, aber auch Gewalt ins Haus. Das ist keine biologische Entschuldigung, geschweige denn ein Freispruch für die Männer. Die Annahme, Vergewaltigung sei eine männliche Reproduktionsstrategie, so wie es die amerikanischen Soziobiologen Craig Palmer und Randy Thornhill vermuten, ist weit überzogen. Die Tatsache, dass Dominanz, Gewalt und Sexualität über das gleiche Hormonsystem aneinander gekoppelt sind, ist jedoch ein unleugbares Faktum.

Die Kultur ist ein Produkt der Evolution. Aber jetzt erstmals schwingt sich die Kultur dazu auf, die Evolution umzukehren - und die Männer diesmal endgültig der Nutzlosigkeit preiszugeben. Der amerikanische Anthropologe Lionel Tiger beschreibt diesen Trend in seinem Buch »Auslaufmodell Mann«. Männer versuchten demnach stets, die Ressourcen zu monopolisieren, Frauen waren gezwungen, sich an die wenigen wohlhabenden und einflussreichen Männer zu binden. Doch jetzt übernimmt in den reichen Industriestaaten die gesetzliche Wohlfahrt die Rolle des Versorgers - und macht die Männer verzichtbar.

Das Aufkommen der modernen Reproduktionsmedizin stellt den Mann weiter in Frage. Die Trennung von Sex und Fortpflanzung ist längst vollzogen. Einige wenige bevorzugte Samenspender werden dafür sorgen, dass die Mehrheit der Männer von der Fortpflanzung ausgespart bleibt.

Im Zeitalter des Klonens, das soeben angebrochen ist, werden selbst die Spermien nicht mehr gebraucht. Schon heute wollen manch lesbische Paare ohne jeden männlichen Beitrag Kinder zeugen. Die Technik dazu steht bereit: Man stecke die Körperzelle der einen Frau in die zuvor entkernte Eizelle der anderen. Auf die Welt kämen dann nur noch Frauen.

Übrig bliebe die Erinnerung an den Mann - als einen Unfall der Natur.

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Karl Grammer

ist Direktor des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Urbane Ethologie in Wien und Sekretär der Internationalen Gesellschaft für Humanethologie. Sein Buch »Signale der Liebe - die biologischen Gesetze der Partnerschaft« erschien bei Hoffmann und Campe.

Karl Grammer
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