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ABGEORDNETE Immer auftauchen

Ein spastisch gelähmter Grüner kandidiert in Schleswig-Holstein für den Landtag. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Seit seiner Geburt ist der Grüne Joachim Haecks, 32, spastisch gelähmt. Seine Behinderung verwehrt ihm eine normale Kontrolle über Gliedmaßen und Bewegungen. Ohne fremde Hilfe kommt er nicht zurecht.

Haecks kann zwar sprechen, aber zu verstehen ist er nur schwer. Wenn er auf Grund der Spastik mühsam nach Worten ringt und dabei, die Hände zu Fäusten verkrampft, den Kopf zur Decke verdreht, noch schnalzende Geräusche von sich gibt, bedarf es schon einiger Übung und Konzentration, um ihm zuzuhören.

Diese Bereitschaft müssen die Abgeordneten des schleswig-holsteinischen Landtags demnächst wohl aufbringen. Denn Haecks, der auf Platz acht der Grünen-Landesliste kandidiert, wird bei einem Wahlerfolg seiner Partei ins Parlament nachrücken - spätestens in der Mitte der nächsten Legislaturperiode, wenn die Fraktion der Grünen wie verabredet rotiert.

Zwei Betreuer, von denen einer ständig an seiner Seite ist, sollen ihn im Parlament und in den Ausschüssen unterstützen. Weil ihm eine spontane wohlartikulierte Aussprache wegen seines motorischen Handikaps schwerfällt muß ein Betreuer jeweils als »Übersetzer« fungieren.

»Dann kann man feststellen«, prophezeit der SPD Sozialexperte und frühere Hamburger Bundestagsabgeordnete Eugen Glombig, der als Gehbehinderter selber an zwei Stöcken läuft, »daß alles Hand und Fuß hat«, was der »hochbegabte junge Mann sagt«. Glombig: »Es geht nur darum, wie er es sagt.«

Haecks weiß, daß sein Einzug in den Landtag »einige Probleme« mit sich bringen wird, und er will nicht ausschließen, daß »das auch schiefgehen kann«. Doch dieses »Risiko« sei er »bewußt eingegangen«.

Das »Experiment« (Haecks) der Kieler Grünen ist in der Parlamentsgeschichte der Bundesrepublik ohne Beispiel. Zwar gab es in den Nachkriegsjahren in Kommunal- und Landesparlamenten, ebenso im Bundestag, zahlreiche kriegsversehrte Politiker. Auch bewegten sich Parlamentarier wie Glombig oder der ebenfalls an Kinderlähmung erkrankte bayrische SPD-Landtagsabgeordnete Max Weber an Krücken durch den Plenarsaal.

Der Düsseldorfer SPD-Landtagsabgeordnete Dieter Aderhold, der an multipler Sklerose erkrankte, oder der Grünen-Bundestagsabgeordnete der letzten Wahlperiode und heutige Parteisprecher Christian Schmidt, der als Abiturient im Sportunterricht verunglückte, nehmen im Rollstuhl an Sitzungen und Debatten teil. Doch so massiv beeinträchtigt wie Haecks, sagt der Bundesbeauftragte für Behinderte, der CSU-Abgeordnete Otto Regenspurger, »war ohne Zweifel bislang keiner«.

Die Kandidatur des Kieler Grünen, der zum realpolitischen Flügel seiner Partei zählt, drückt das gestärkte Selbstbewußtsein von Behinderten aus, die nun auch politisch mitwirken wollen. Weil ständig »über uns entschieden wird und nicht mit uns«, so Haecks, gründen Behinderte zunehmend Selbsthilfeorganisationen oder werden Parteimitglieder - wie die »Krüppelgruppe« der Hamburger Grün-Alternativen Liste (GAL). Mit provokanten Protestaktionen (Motto: »Verzeihen Sie, wie kommen Sie denn mit Ihrer Nichtbehinderung zurecht?") machen sie bei Veranstaltungen und Parteitreffen auf ihre Außenseiterrolle aufmerksam.

Weil Behinderte »unterrepräsentiert sind in dieser Gesellschaft«, so Haecks, seien sie gezwungen, »die Probleme selbst in die Hand zu nehmen«. Der Berliner Grüne Michael Eggert, den eine Rheuma Erkrankung in den Rollstuhl zwingt, hat im Laufe der Jahre »gelernt, immer da aufzutauchen, wo Behinderte nicht vorgesehen waren - auch im Rathaus«. Seit April, nach der Rotation der Fraktion der Berliner Alternativen Liste (AL), sitzt Eggert im Abgeordnetenhaus und in den Ausschüssen für Gesundheit und Soziales sowie für Jugend und Familie.

Der holsteinische Grüne Joachim Haecks will sich im Landtag auch um andere Probleme kümmern, »zum Beispiel um die ganzen Atomkraftwerke«, die ihn »arg stören«. Er empfindet es als »großen Skandal«, daß der Atommeiler in Brokdorf an der Unterelbe nach dem Super-Gau von Tschernobyl überhaupt noch ans Netz gegangen ist. Auch die DDR- Sondermülldeponie in Schönberg, die das Trinkwasser von Lübeck bedroht, sei »ein ziemlicher Hammer«, ein »Transport-Stopp« unerläßlich. Das zu erreichen, hält er für eine »ganz tolle Aufgabe«.

Auf dem Weg zu einer »menschlicheren Gesellschaft« wollen sich aktive »Rollis« und »Spastis« wie Eggert und Haecks trotz ihres körperlichen Handikaps nicht aufhalten lassen. »Besser, ein kluger Kopf läßt eine Rede vortragen«, sagt der Bonner Grünen-Sprecher Christian Schmidt, »als ein Dummkopf, der geschliffen spricht.«

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