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WELTRAUM Immer blauer

Präsident Reagan will den Weltraum ins System der Landesverteidigung einbeziehen. Die Weltraumbehörde Nasa wird zunehmend militarisiert.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Die Weltraumfähre »Columbia« war sicher zur Erde zurückgekehrt, 500 000 Schaulustige hatten das Ende des vierten Testfluges in ein riesiges Volksfest verwandelt, der Präsident hatte eine Grundsatzerklärung zur amerikanischen Weltraumpolitik abgegeben, und die Astronauten waren bereits mit Gruß (von Reagan) und Kuß (von Nancy) empfangen worden. Die Weltraum-Gala in der kalifornischen Wüste strebte am 4. Juli ihrem Finale zu.

Mit einem gerade fertiggestellten, zweiten Raumgleiter auf dem Rücken donnerte eine Boeing 747 der Nasa im Tiefflug über das Gelände der Edwards Air Force Base und über die Präsidententribüne hinweg in Richtung Florida. Eine Militärkapelle begleitete den Flieger mit der Hymne »God Bless America«, Nancy Reagan hatte Tränen in den Augen. Der Name des neuen Nasa-Shuttle: »Challenger«, Herausforderer.

Doch herausgefordert werden sollten nicht nur die vom Präsidenten beschworenen letzten Grenzen zum Weltraum, sondern auch höchst irdische Gegner. Denn mit dem Ende der Testflugphase wird immer deutlicher, daß das Paradestück der zivilen Raumfahrtbehörde Nasa zunehmend von Militärs übernommen wird. So sehr, daß US-Senator William Proxmire sich fragte, »bis zu welchem Grad die Nasa lediglich als Arm des Verteidigungsministeriums« agiere.

Schon während des gerade beendeten »Columbia«-Testfluges durften Amerikaner erstmals den »Grabestönen« ("Newsweek") eines Pentagon-Offizieres lauschen, der den Astronauten allerlei Geheimnisvolles durchgab: »Alpha Bravo durchführen«, »Foxtrott Ende« und »Versucht noch einmal Charly, Stufe drei«. Die Anweisungen bezogen sich auf die Erprobung eines hochempfindlichen Spähgerätes, das die Militärs der »Columbia« mit auf den Weg gegeben hatten.

Die Nation wird sich an solches Wortgeklingel, das Hollywoods Weltraumopern entsprungen sein könnte, gewöhnen müssen. Denn mit der Aufnahme regulärer Shuttle-Transport-Operationen beginnt die Umstellung der U.S. Air Force auf den Shuttle als Hauptträger militärischer Lasten. Von den 44 bis 1986 geplanten Weltraumflügen werden 13 ausschließlich militärischen Charakter haben, bis 1994 wird fast die Hälfte aller Shuttle-Flüge dem Pentagon dienen.

Auf der kalifornischen Air Force Base Vandenberg entsteht deshalb, 50 Meilen von Reagans Ranch bei Santa Barbara entfernt, ein neues Weltraumzentrum. Von dort sollen ab 1985 die meisten der 114 geplanten militärischen Shuttles starten und Überwachungssatelliten auf polare Umlaufbahnen schicken.

Die Zuneigung der Militärs zum Shuttle-Programm war keine Liebe auf den ersten Blick. Einigen Air-Force-Planern ging die Entwicklung des Transportsystems zu langsam, zu kostspielig und wohl auch zu zivil vonstatten.

Im November vergangenen Jahres übernahm daher ein Mann das Nasa-Programm, der bereits seit 15 Jahren in der militärischen Weltraumplanung tätig ist. Generalmajor James Abrahamson gehörte zu jenen Astronauten, welche die Luftwaffe 1967 für ein (später eingestelltes) Projekt einer bemannten Weltraumstation angeheuert hatte. Sieben weitere Luftwaffen-Offiziere wurden dem Nasa-Hauptquartier in Washington zugeteilt, 150 Luftwaffenmitglieder in die Raumfahrtzentren von Florida, Texas und Kalifornien abkommandiert. Die Nasa, so stöhnten langgediente zivile Mitarbeiter angesichts der Uniformen-Invasion, werde immer blauer.

Hatte die Nasa bei der Aufstellung ihres im Oktober beginnenden Finanzjahres 1983 lediglich 0,1 Prozent ihres gut 5,3-Milliarden-Dollar-Haushaltes für militärische Zwecke ausgewiesen, war der US-Rechnungshof bei einer von Proxmire geforderten Nachprüfung bereits auf einen Satz von 20,5 Prozent gekommen. Es waren nur deshalb nicht noch viel mehr, weil die meisten militärischen Shuttle-Starts erst nach der Fertigstellung des Vandenberg-Raumzentrums erfolgen werden.

Nicht berücksichtigt sind auch jene 409 Millionen Dollar (7,7 Prozent) des Haushalts für Entwicklungen, die sowohl zivilen als auch militärischen Zwecken dienen. Nasa-Chef James Beggs vor dem Kongreß: »Das Nasa-Budget spiegelt den Erhalt oder Ausbau solcher Programme wider, die in direktem Bezug zur nationalen Sicherheit stehen.« Zivile Programme seien dagegen aufgrund der Haushaltslage »eingeschränkt oder zurückgestellt« worden. »Das Pentagon erhält«, kritisierte Senator Harrison Schmitt, selber ein ehemaliger Astronaut, »Freiflüge auf dem Shuttle.«

»Der Kongreß ist besorgt«, schrieb Walton Sheley, Abteilungsdirektor am Rechnungshof, »daß die Nasa möglicherweise nicht das rechte Gleichgewicht zwischen zivilen und militärischen Aktivitäten einhält. Das könnte zur Militarisierung der Nasa führen.« Zwar werde S.100 das Shuttle-Programm vorerst weiterhin von der Nasa in Zusammenarbeit mit dem Pentagon verwaltet, aber, so heißt es etwas dunkel in Reagans Grundsatzerklärung zur Weltraumpolitik, »bei gleichzeitiger Vervollkommnung der Transportoperationen wird die Flexibilität für einen Übergang zu anderen institutionellen Strukturen gewahrt«.

Was das heißt, erläutern Mitarbeiter des Weißen Hauses. Vorstellbar sei eine Trennung von ziviler und militärischer Shuttle-Nutzung streng nach Reaganschen Glaubensgrundsätzen: Das eine soll einer Privatfirma, das andere der Air Force überantwortet werden.

Ein solcher Schritt wäre praktisch das Ende der Nasa, denn rund drei Viertel aller Unternehmungen der Weltraumbehörde sind direkt vom Space-Shuttle-Programm abhängig. Für die Entwicklung einer bemannten Weltraumstation, welche die Nasa seit Jahren auch aus Selbsterhaltung verfolgt, versprach der Präsident zur Enttäuschung der Behörde kein Geld. »Total verfrüht«, kanzelte Reagans Wissenschaftsberater George Keyworth die Nasa-Pläne ab.

Mehr Glück hatten die Weltraumkrieger der Air Force, deren Budget in den letzten Jahren ohnehin meist höher als das der Nasa war. Denn längst haben amerikanische Rüstungsexperten, wieder einmal, »asymmetrische Vorteile«, so ein Reagan-Berater, der Sowjet-Union entdeckt, die es - diesmal im Weltraum - wettzumachen gilt. Ausdrücklich bezog Reagan in seiner Grundsatzerklärung die Nutzung des Weltalls in das System der Landesverteidigung mit ein.

So wird ab 1. September die neugegründete Weltraumkommandozentrale in Colorado Springs nicht nur die Kontrolle über militärische Shuttle-Flüge und Satelliten-Missionen ausüben, sondern auch mit den Tests von Anti-Satelliten-Raketen beginnen.

Um Killer-Satelliten jedoch schneller an ihr Ziel transportieren zu können, haben die Jet-Hersteller Boeing und die Triebwerk-Firma Pratt & Whitney im Auftrag der Air Force soeben die Pläne für eine Art mobiler Mini-Shuttle fertiggestellt. Die Shuttle-Schwester mit dem Namen »Air Launched Sortie Vehicle« wird von einem fliegenden Jumbo aus gestartet und kann innerhalb von 100 Minuten Nutzlasten bis zu rund 2300 Kilogramm an jeden Punkt der Atmosphäre bringen. Schon 1988 einsatzbereit, hätte das Gefährt gegenüber Raketen- und Shuttle-Transporten einen gewaltigen Vorteil: Es kann von jedem Flugplatz aus gestartet werden, der groß genug ist, einen Jumbo aufzunehmen.

Voll überzeugt von den grenzenlosen Möglichkeiten militärischer Weltraumnutzung ist heute schon der republikanische Kongreßabgeordnete Kenneth Kramer. Er brachte einen Gesetzentwurf ein, der unter anderem einen neuen Namen für die amerikanische Luftwaffe vorsieht: Aus U.S. Air Force soll U.S. Aerospace Force werden.

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