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UMWELT Immer dicke Luft

Neuer Streit um die Meßröhrchen an Heizungen: Ist die Füllung giftig? *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Das Ding sieht aus wie ein Thermometer, ist, mal Blech, mal Plastik, zwischen zwei und vier Zentimeter breit und rund zehn Zentimeter lang. Mittendrin steckt ein oben offenes, schmales Glasröhrchen, gefüllt mit farbigen Flüssigkeiten, die exotische Namen tragen: Methylbenzoat, Cyclohexanol oder Phenetol.

Rund 40 Millionen solcher »Verdunstungsröhrchen« hängen hierzulande an Heizkörpern in Küchen und Bädern. Schlaf- und Wohnzimmern. Je mehr von den Meßchemikalien pro Jahr verdampft, um so höher fallen die Heizkosten-Abrechnungen aus.

Ärger mit den Röhrchen, die nach der »Heizkostenverordnung« seit 1984 in fast allen Wohnungen vorgeschrieben sind, haben Mieter und Vermieter, Wärmelieferanten und Meßgerätehersteller schon länger. In zahlreichen Prozessen stritten und streiten sie um die Meßgenauigkeit der kleinen Apparate. Politiker machten sich zu Fürsprechern von Verbrauchern und Mieterinitiativen; am Mittwoch vergangener Woche etwa beriet die Hamburger Bürgerschaft darüber, ob die Wärmemesser überhaupt noch zwischen die Rippen von Radiatoren geklemmt werden sollen.

Den Gegnern der Meßtechnik kommt nun eine neue Debatte zupaß: Die Verdunstungsflüssigkeit ist in den Verdacht geraten, zur schleichenden Vergiftung von Bürgern beizutragen.

Gerade in Wohnungen, wo sich Menschen gemeinhin am wohlsten fühlen, ist die Belastung durch Giftstoffe aller Art außergewöhnlich. Aus Farben und Lacken dünsten Lösemittel aus, in Spanplatten steckt Formaldehyd, aus Balken und Holzvertäfelungen entweichen Pilz- und Insektenkiller.

Der Fachverband für Strahlenschutz vermutet nach neuesten Messungen, daß allein durch radioaktive Zerfallsprodukte in Innenräumen »etwa drei bis zehn Prozent der derzeitigen Lungenkrebshäufigkeit« ausgelöst werden. Dazu kommt nun noch der Dunst aus den Röhrchen, von denen siebzig Prozent mit Methylbenzoat gefüllt sind.

Wie gefährlich die aromatische, gelbliche Flüssigkeit (chemischer Name: Benzoesäure-Methylester), im Zusammenwirken mit anderen Wohngiften oder allein, wirklich ist, wurde bisher noch nicht gründlich erforscht. Erst jetzt haben US-Wissenschaftler mit Tierversuchen begonnen; sie sollen Aufklärung bringen, ob der Stoff Krebs erregen oder fördern kann.

Klaus Baderschneider, 31, der in Aachen und anderswo fünf Jahre lang Meßröhrchen mit Methylbenzoat montiert hat, klagte während der Arbeit immer wieder über starke Kopfschmerzen. Die Nasenschleimhäute waren entzündet, der Magen hatte sich verkrampft. Baderschneider verlor Gewicht, erlitt während einer Dienstfahrt einen Kreislaufkollaps, mußte ins Krankenhaus und zur Kur und ist seit rund einem halben Jahr krank geschrieben.

Ärzte, die der Monteur konsultierte, erkannten zwischen Krankheit und Chemikalie einen möglichen Zusammenhang. Auch die Landesversicherungsanstalt »Rheinprovinz« hatte den »Verdacht auf berufsbedingte chronische Intoxikation«.

Das lag nahe, weil Baderschneider Tag für Tag mit Hunderten von Meßröhrchen hantierte und sie, in unverschlossenen Behältern, mit seinem Wagen durch die Gegend karrte. »Da war«, vermutet Hans Jürgen Ellefsen. Vorstand der »Interessengemeinschaft der Fernwärmeabnehmer«, »immer dicke Luft im Auto.« Bei der Interessengemeinschaft,

deren Mitgliedern es früher nur um den Kampf gegen die Ungenauigkeit der Meßröhrchen ging, häufen sich mittlerweile Klagen von Bürgern. Sie berichten über Schleimhautreizungen, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit. Ellefsen: »Dadurch sind wir natürlich stutzig geworden.«

Der Verband schrieb Landes- und Bundesminister an, holte Stellungnahmen von den Herstellerfirmen und dem Bundesgesundheitsamt ein. Doch Strafanzeigen wegen »dringenden Verdachts der fortgesetzten Körperverletzung« wurden eingestellt, Ämter und Ministerien wiegelten ab. »Die haben uns«, sagt Ellefsen, »nur im Kreis rumgeschickt und alles untern Tisch gehauen.«

Der Hamburger Senat teilte mit, »daß weder akute Gesundheitsgefährdungen noch eine krebserzeugende Wirkung bei sachgerechter Montage belegt« seien. Das Bayerische Landesamt für Umweltschutz erklärte, bei Zimmertemperatur könnten »gesundheitsschädliche Konzentrationen« des Chemikalien-Dunstes nicht auftreten. Das Bundesgesundheitsamt schrieb, Methylbenzoat sei lediglich »mindergiftig": »Im übrigen machen wir Sie darauf aufmerksam, daß auch Wärmeverbrauchsmeßgeräte im Handel sind, die keine Chemikalien enthalten.«

Auch die Meßgerätefirma »Ista Haustechnik« hielt die Sorgen der Interessengemeinschaft für unbegründet. Beim Umgang mit Methylbenzoat, teilte das Unternehmen mit, müßten »keine besonderen Schutzmaßnahmen ergriffen werden«.

Chemiefirmen, die den Stoff herstellen und vertreiben, beurteilen das anders. Das Darmstädter Unternehmen Merck etwa bezeichnet Methylbenzoat auf einem »DIN-Sicherheits-Datenblatt« als »gesundheitsschädlich« und verlangt, der Stoff müsse »dicht verschlossen, kühl, an gut belüfteten Orten« verwahrt werden.

Auch die Holzmindener Firma Haarmann & Reimer warnt. Sie weist ihre Mitarbeiter an, beim Umgang mit der Chemikalie Vorsicht walten zu lassen - »Vorschrift: Handschutz, Augenschutz, Atemschutz«.

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