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NAMIBIA Immer Dumme

Südafrika bescherte Namibia, der deutschen Ex-Kolonie Südwest, eine Marionettenregierung. *
aus DER SPIEGEL 26/1985

Impalas« der südafrikanischen Luftwaffe düsten über Windhuk. Durch die Kaiserstraße der Namibia-Hauptstadt marschierte Militär. Im Stadion gab es kostenlos Würstchen und Limonade. Das lockte immerhin 20000 Menschen zu den Feierlichkeiten für die Unabhängigkeit.

Südafrika versuchte am vergangenen Montag, sein umstrittenes Mandatsgebiet Namibia, einst Deutsch-Südwest, im Alleingang loszuwerden - und gleichzeitig an sich zu binden.

Das riesige Wüstenland, gut dreimal so groß wie die Bundesrepublik, wird seit dem Ersten Weltkrieg - und seit 20 Jahren trotz internationaler Proteste - von Südafrika verwaltet.

1978 bereits hatte die Uno (Resolution 435) einen Unabhängigkeitsfahrplan verabschiedet, den jedoch US-Präsident Reagan außer Kraft setzte - solange die rund 30000 kubanischen Leihsoldaten im nördlichen Nachbarland Angola ständen.

Eine Fünf-Staaten-Gruppe - USA, Kanada, England, Frankreich und die Bundesrepublik - hatte im Uno-Auftrag Südafrika die Freiheit für Namibia abhandeln wollen. Doch inzwischen zog sich Frankreich zurück, Kanada, Großbritannien und die Bundesrepublik stellten ihre Bemühungen weitgehend ein.

Sie resignierten gegenüber dem burischen Trickreichtum und der »Entschlossenheit, diese Sache so oder so zu lösen«, wie Südafrikas Präsident Pieter Willem Botha sagte.

Jetzt kam es so: Namibia erhielt von Pretoria ein achtköpfiges Kabinett verordnet, »Selbstwahl-Minister« laut dem Windhuker Deutschen-Blatt »Namibia-Nachrichten«, dazu acht Stellvertreter sowie eine Nationalversammlung mit 62 Mitgliedern - alles ohne Wahlen.

Innerhalb von 18 Monaten soll die Übergangsregierung »ein politisches und konstitutionelles System für das Volk als Ganzes« erarbeiten, so die eigene Vorgabe für eine »international anerkannte Unabhängigkeit«.

Der Wunsch kann nicht in Erfüllung gehen. Denn die stärkste politische Gruppierung Namibias, die militante linke Befreiungsbewegung Swapo (South West Africa People's Organisation), nimmt nicht teil. »Nach demokratischen Regeln, die Südafrika angeblich einhalten will, haben wir kein Wählermandat, um uns mit den Marionetten an einen Regierungstisch zu setzen«, argumentierte der deutschstämmige Swapo-Mann Anton Lubowski aus Windhuk. Der junge Anwalt ist der einzige von rund 100000 weißen Namibiern (davon rund ein Drittel deutschstämmig), der sich offen zu seiner Swapo-Mitgliedschaft bekennt.

Tatsächlich sind die neuen Machthaber in Windhuk durchweg altbekannte Handlanger der Regierung in Pretoria. Stärkste Fraktion ist die Demokratische Turnhallenallianz, die schon Anfang der 80er Jahre versuchte, Namibia nach den Wünschen Südafrikas zu regieren. Nach zweieinhalb Jahren scheiterte damals der Versuch.

Im November 1983 schlossen sich sieben verschiedene politische Gruppen

Namibias - ohne Swapo - zu einer »Vielparteienkonferenz« zusammen, die jetzt die Übergangsregierung bildet. Nach Schätzungen vertreten sie höchstens 20 Prozent der 1,1 Millionen Einwohner Namibias.

Die auch nach Hautfarben bunte Regierungsmannschaft, die sich nur in gepanzerten Staatslimousinen und mit Leibwächtern unter die Öffentlichkeit wagt, ist lediglich verbunden durch die Bedingung Südafrikas, es dürfe »keine rote Flagge über Windhuk« wehen - die angeblich die Swapo hissen will.

Zur Swapo bekennen sich vor allem die Angehörigen der Ovambo-Stammesgruppe, zu der mehr als 50 Prozent der Bevölkerung Namibias gehören. Doch im Kabinett sind sie lediglich durch Andreas Shipanga vertreten.

Er ist Führer von »Swapo-D«, einer nach eigener Einschätzung demokratischen, nach Anhängerzahl aber unbedeutenden Swapo-Splittergruppe. Unter seinen Swapo-treuen Landsleuten gilt Shipanga als Verräter, nachdem er im Exil abtrünnig wurde.

Zum Fiasko geriet auch die Entscheidung des Kabinetts über die Wahl eines Vorsitzenden. Mühselig einigte man sich auf ein Rotationsprinzip. Erster Kabinettschef wurde - weil er im Alphabet vorne steht - der farbige Lehrer David Bezuidenhout von der weithin unbekannten »Arbeiterpartei«.

In seiner Antrittsrede lud er »unsere Brüder« von der Swapo ein, sich an dem Start in »eine gemeinsame Zukunft« zu beteiligen. Swapo-Chef Sam Nujoma jedoch kündigte in New York »eine Verschärfung des diplomatischen, politischen und bewaffneten Kampfes gegen die Besatzungsmacht Südafrika und deren Handlanger« an.

Schon jetzt hat die Apartheidsmacht mit ihren rund 30000 Soldaten in Namibia alle Mühe, den Krieg mit der Swapo auf die nördlichen Landesteile zu begrenzen. Vorsorglich behielt Südafrika die Verantwortung für Verteidigung und Außenpolitik. Auch zukünftig wird wie bisher ein Generaladministrator die Regierenden in Windhuk beaufsichtigen.

»Aufgeregt wie Eltern, die ihren Kindern zum ersten Mal auf dem Rugbyplatz zuschauen« (so der »Star« in Johannesburg), verfolgte Pretoria letzte Woche die Gehversuche der Zöglinge in Windhuk. Besucher aus der Bundesrepublik - Abgeordnete von CDU, CSU und FDP sowie der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, SPD-Mitglied Wolfgang Zeidler - mochten der großzügigen Einladung mit Damen und Freiflug Erster Klasse nicht widerstehen.

Für den Swapo-Mann Lubowski war die Sache klar: »Da finden sich immer Dumme, die bereit sind, sich an die Marionettenschnüre Südafrikas hängen zu lassen.«

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