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EMIGRANTEN Immer flüchtig

Stalins Tochter Swetlana, die 1967 nach Amerika emigrierte, ist wieder in Rußland. *
aus DER SPIEGEL 45/1984

Das Ungeheuer hatte eine blonde Tochter, die war der Liebling der Sowjet-Union: Swetlana, »die Lichtvolle«. Nach ihr benannten Hunderttausende die eigene Tochter und eine Sowjetfabrik sogar ein Parfüm.

Ihr Vater Josef Wissarionowitsch Stalin, der Tyrann, warb für sich mit einem Photo, auf dem der Schreckliche das in Lenins Todesjahr 1924 geborene Kind zärtlich auf den Armen trägt.

Ihre Mutter Nadeschda Allilujewa hatte sich 1932 nach einem Ehestreit erschossen, bei dem es um die blutige Zwangskollektivierung der russischen Bauern ging. Halbwaise Swetlana wuchs im Kreml auf und studierte Literaturwissenschaft sowie amerikanische Geschichte; Kommilitone Michail Woslenski - heute Emigrant in München - mußte am Spasski-Tor von ihr Abschied nehmen, wenn er sie nach Hause brachte.

Der Drehbuchautor Alexej Kapler, der sie zu küssen wagte, büßte mit zehn Jahren Sibirien. Vater Stalin hatte ihre Telephongespräche abhören lassen. »Dein Kapler ist ein englischer Spion!« schrie er. »Aber ich liebe ihn«, wandte Swetlana, 19, ein. Dafür bekam sie die beiden ersten Ohrfeigen ihres Lebens.

»Er spie grobe, gemeine Zoten aus, denn er fand keine anderen Ausdrücke, ''es'' zu benennen«, berichtete Swetlana Allilujewa später. Stalin: »Schau dich doch selbst einmal an - wer braucht denn so eine wie dich? Der ist umringt von Weibern, du dumme Gans!« und: »Hättest

du dir nicht wenigstens einen Russen aussuchen können?« Daß Kapler Jude war, ärgerte ihn offenbar am meisten.

Sie konnte nicht das normale Leben führen, das sie sich wünschte; unstet lebte sie, immer flüchtig. Sie heiratete 1945 ihren Kommilitonen Grigorij Morosow, heute Rechtsprofessor in Moskau, und gebar einen Sohn mit dem Vornamen des Großvaters und mit dessen Aussehen: Mancher Moskauer erschrickt, wenn er seiner auf der Straße ansichtig wird.

Stalin mochte auch Morosow nicht, Swetlana ließ sich scheiden und heiratete Jurij, den Sohn jenes Schdanow, von dem sie später schrieb, daß »alle ihn als ausführendes Organ und möglichen Nachfolger Stalins haßten«. Sie gebar die Tochter Katja und ließ sich scheiden.

Swetlana trat zum orthodoxen Christentum über. Mit 39 lernte sie einen Inder kennen, den Übersetzer Radsch Bridschesch Singh, 60. Ihr Vater war gestorben, jetzt verbot Premier Kossygin ihr die Heirat. Inzwischen Universitätsdozentin und ausgestattet mit einer Ehrenpension, bezog sie mit Singh und ihren beiden Kindern eine große Wohnung in Moskau.

Als Singh 1966 starb, brachte sie seine Asche nach Indien und blieb dort. Für die Visum-Erteilung verlor KGB-Chef Semitschastny seinen Posten. Ausgerechnet im 50. Jubiläumsjahr der Oktoberrevolution besorgte die CIA der Tochter Stalins Asyl in Amerika.

Die »Prawda« meldete ihren Abgang ("Wo sie sich aufhält, ist ihre eigene Sache"), Kossygin nannte die Geflüchtete »krank und moralisch instabil«, die Moskauer »Literaturzeitung« stufte sie als Judas Ischariot ein, »nach einer Gehirnwäsche«.

Sie verlor ihre Staatsbürgerschaft »wegen Vergehen, welche den Namen eines Sowjetbürgers verleumden": ihre Memoiren »20 Briefe an einen Freund« (die der SPIEGEL vorabdruckte).

Ihren Kindern, die sich laut Sowjetpropaganda von ihr distanziert hatten, schrieb sie: »Vergeßt mich nicht in Eurem Herzen.« Vor ihrem Vater habe sie sich gefürchtet, sagte sie, »er war nicht verrückt, er war einfach umbarmherzig«, und: »Sein Tod war für mich eine Erleichterung.«

Noch ein zweites Buch ("Das erste Jahr") lieferte dem Westen kompetente Enthüllungen aus der Kriegs- und Terrorzeit. Sie berichtete von den Gelagen der sowjetischen Führungsspitze:

»Die besoffenen Führer unterhielten sich mit groben Witzen ... Auf einen Stuhl wurde eine Tomate gelegt, und alle wieherten vor Lachen, wenn sich jemand darauf setzte. Sie schütteten löffelweise Salz in Weingläser, mischten Wein und Wodka.« Stalins Sekretär Poskrjobyschew »beförderte man meist in bewußtlosem Zustand nach Hause, nachdem er schon vorher im Badezimmer gelegen und sich übergeben hatte ... Vater selbst trank wenig; aber es machte ihm Freude, wenn andere viel tranken.«

Swetlana hatte ihren Vater im August 1941, zwei Monate nach dem deutschen Überfall, in einem Zustand gesehen, »der von Panik nicht weit entfernt war«. Er habe 1952 zweimal seinen Rücktritt angeboten. Sie deutete an, Berija habe Stalin ermordet.

Schon ihre Mutter hatte Stalin vor Sicherheitschef Berija gewarnt: »Ein Schuft, ich setze mich nicht an einen _(Mit dem Leningrader Parteisekretär ) _(Sergej Kirow, den Stalin 1934 ermorden ) _(ließ. )

Tisch mit ihm.« - »Dann scher dich hinaus!« erwiderte Stalin 1929, »er ist mein Genosse, er ist ein Tschekist! Bring mir Beweise!«

1951 schien er sie zu haben. Als Swetlana einmal bei Berijas Frau übernachtete, rief ihr Vater »wutentbrannt an, beschimpfte mich in der unflätigsten Weise und brüllte: ''Komm sofort nach Hause! Ich traue Berija nicht!''«

Sie beschrieb, wie sie am 2. März 1953 zu dem sterbenden Vater auf dessen Datscha in Kunzewo gerufen wurde - obwohl die Regierung bekanntgegeben hatte, er habe im Moskauer Kreml einen Schlaganfall erlitten. Unbekannte Ärzte hätten sich um ihn gekümmert, Berija habe das gesamte Dienstpersonal ausgewechselt. »Drohend« habe Stalin die Hand erhoben, ehe er die Augen schloß. Swetlanas Bruder Wassilij beschuldigte die Regierung und die Ärzte, sie hätten ihren Vater »vergiftet, ermordet«.

Nach solchen Erzählungen, einem Bestseller der westlichen Welt, konnte die Emigrantin Swetlana Allilujewa mit einem Honorar von über drei Millionen Dollar in eine Princeton-Villa ziehen. Sie lernte den Architekten William Wesley Peters kennen und heiratete ihn drei Wochen später, gebar - mit 47 - die Tochter Olga ("Oletschka") und erzog sie zu einer Amerikanerin, denn Mrs. Peters mochte über Rußland nichts mehr hören und auch nicht schreiben.

Sie hielt sich von Emigranten fern und suchte die Vergangenheit zu vergessen. Sie genoß »die große Unabhängigkeit, die Freiheit herumzureisen, wie es einem beliebt«. Nur auf »intellektuelle und hochgebildete Leute« wie in Moskau traf sie in Amerika nicht, sagte sie später. Bei Kossygins Amerikabesuch 1967 schickte die US-Regierung die Stalintochter in die Schweiz.

Mit einem Grundstückshandel verlor sie 200 000 Dollar, nach zwei Jahren ließ sie sich von Mr. Peters wieder scheiden.

1982 zog es sie zurück nach Europa. Für 9000 Mark im Jahr verschaffte sie ihrer Oletschka auf einer Eliteschule der Quäker in Saffron Walden bei Cambridge etwas, »das ich wegen des hohen Standards für Olga besonders wünsche: eine englische Erziehung«.

In der kleinen Wohnung eines viktorianischen Hauses mit Garten wurde es still um sie: »Wir sind hier glücklich.« Rückkehr nach Rußland? »Eher würde ich mich aufhängen.«

Dann riefen die Kinder Josef und Katja aus Moskau an, schrieben Briefe: Sie müsse endlich ihre beiden Enkelkinder sehen. »Manchmal braucht es unmenschliche Beherrschung, nicht einfach alles stehen- und liegenzulassen, sich ein Ticket zu kaufen und sie zu besuchen«, erklärte sie im Frühjahr der Journalistin Miriam Gross vom »Observer«.

KGB-Journalist Victor Louis warb öffentlich für ihre Heimkehr in das Land, das im März Stalins Premier Molotow,

94, wieder in die Partei aufgenommen hatte. Zur selben Zeit bewältigte Swetlana die Stalin-Zeit: »Die Sache mit dem Gulag wurde unheimlich aufgebauscht ... Seit Solschenizyn glauben die Leute, in Rußland gebe es nichts anderes.«

Ihr Weltbild näherte sich bereits den offiziellen Ansichten in der russischen Heimat: Der Einfluß der US-Militärs bedeute, »daß man auch in Amerika beinahe ein totalitäres Regime hat«. Natürlich sei es freier - »du kannst das tun oder dies, speziell, wenn du Geld hast«, und: »Alles, was ich höre, ist Geld, Geld, Geld.«

Mit 60, nach 17 Jahren Kapitalismus, zog es sie wie viele emigrierte Russen, die davon nur beim Wodka träumen, heim in die heile Enklave ihrer Kindheit - der verglasten Veranda von Stalins Datscha bei Moskau, wo sich um die kleine Swetlana die deutsche Haushälterin Karolina Thiel gekümmert hat, wo der Bolschewik Bucharin ihr Igel brachte und sie radfahren lehrte, Reitermarschall Budjonny Ziehharmonika spielte und Stalin sang.

Am 12. Oktober 1984 brachen im ukrainischen Kiew die Funktionäre in Beifall aus, als das Politbüro-Mitglied Schtscherbizki auf einer Festversammlung den Vater Swetlanas wegen seiner Kriegsverdienste rühmte.

Zehn Tage später meldete im englischen Saffron Walden Frau Peters ihre Tochter, 13, die kein Wort Russisch spricht und nach Meinung der Mutter »so amerikanisch ist wie ein Apple-pie«, telephonisch bei ihrer Schule ab und fuhr laut »Tass« nach Rußland. Endlich Ruhe?

Mit dem Leningrader Parteisekretär Sergej Kirow, den Stalin 1934ermorden ließ.

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