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»Immer hellwach bleiben«

Brigadegeneral Carl Hubertus von Butler über die Risiken des deutschen Militäreinsatzes in Afghanistan
Von Claus Christian Malzahn
aus DER SPIEGEL 5/2002

SPIEGEL: Herr General, Sie sind mit Ihrem Vorauskommando gut zwei Wochen am Hindukusch. Wie reagieren die Afghanen, wenn Sie mit schwarzrotgoldener Fahne am Wagen durch Kabul fahren?

Butler: Sehr positiv. Wir sind hier gern gesehen, denn wir wollen die Menschen und die Regierung unterstützen. Wenn die Einwohner bei unseren Patrouillen erfahren, dass wir aus Deutschland sind, zeigen sie ihre Freude ganz besonders.

SPIEGEL: Noch wird in Afghanistan gekämpft, Taliban und al-Qaida-Terroristen sind nicht überall besiegt. Haben Sie ein Gefühl von Gefahr?

Butler: Wir sehen natürlich ein diffuses Risiko- und Bedrohungsspektrum. Das Land ist vermint, überall liegen Blindgänger. Außerdem müssen wir tatsächlich damit rechnen, dass es noch Reststrukturen von al-Qaida und den Taliban gibt. Wir haben hier zudem eine hohe Kriminalität, es kommt in der Stadt oft zu Raubmorden und Überfällen. Auch die chaotischen Verkehrs- und Straßenverhältnisse machen uns das Leben nicht leichter. Wir müssen eben immer hellwach bleiben.

SPIEGEL: Ihr Quartier liegt in einem Schmuddelviertel, es gab Terrordrohungen. Wie schützen Sie Ihre Leute?

Butler: Wir haben für das weitläufige Gelände ein spezielles Sicherheitssystem entwickelt. An Zaun und Mauer wurde Stacheldraht angebracht, ein weiterer Innenzaun wird gerade errichtet. Dazu kommen Beobachtungsposten und technische Überwachungseinrichtungen, außerdem sind Wachhunde im Einsatz. Die Maßnahmen sind angemessen und ausreichend.

SPIEGEL: Kabul scheint Sie in eine Führungsrolle zu drängen. Stehen die Deutschen bereit, wenn die Briten im April abziehen?

Butler: Ich habe den Auftrag, ein 1200 Mann starkes Kontingent zu führen, das vor allem aus Deutschen, aber auch aus Österreichern, Holländern und Dänen besteht. Dieser Auftrag gilt bis zum 20 Juni. Darauf konzentriere ich mich. Alles andere ist Sache der Politik.

SPIEGEL: Interimspremier Hamid Karzai wird von Stammesfürsten bedrängt, die Isaf-Schutztruppe außerhalb Kabuls als Ordnungsmacht aufmarschieren zu lassen. Wurden auch Sie darum schon gebeten?

Butler: An mich persönlich wurde diese Frage noch nicht herangetragen, aber ich habe davon gehört. Unser Mandat sieht das nicht vor. Wir müssen uns auf Kabul konzentrieren. Hier ist der Sitz der Übergangsregierung, die in einem sicheren Umfeld arbeiten können muss. Wenn diese Sicherheitskeimzelle gedeiht, dann kann sie sich auch nach außen ausbreiten. Wenn wir jetzt aber die Kräfte zersplittern, dann würden wir einen Fehler machen. Wir müssen erst einmal Kabul in den Griff bekommen, hier gibt es viel zu tun.

SPIEGEL: Sie waren Stabschef des deutschen Kontingents der Nato-Friedenstruppe im früheren Jugoslawien. Was unterscheidet den Balkan-Einsatz von dem am Hindukusch?

Butler: Man kann das nur schwer vergleichen und auch nicht sagen, dieser Einsatz sei viel gefährlicher und schwerer. Auch auf dem Balkan gab und gibt es viele Herausforderungen für uns. Bosnien liegt in Europa, wir sind hier in Zentralasien. Deshalb gibt es wohl zwei gravierende Unterschiede: All das, was wir hier tun, muss über eine mehrere tausend Kilometer lange Luftbrücke abgesichert werden. Wenn ich heute etwas anfordere - Munition, Verpflegung oder Benzin -, hab ich das nicht am nächsten Tag, sondern vielleicht erst nächste Woche. Diese Luftbrücke muss also stehen. Es läuft zufrieden stellend. Wir haben schon über 1000 Tonnen Material hierher bekommen. Wir haben alles, was wir hier brauchen.

Der zweite Unterschied: In Kroatien hatten wir es mit zwei, drei Ethnien zu tun, in Afghanistan leben zahlreiche Völker zusammen. Die haben alle ihre kulturellen und religiösen Eigenarten, die wir berücksichtigen müssen. Wir müssen die Menschen verstehen, und wir müssen verstehen, was zu der heutigen Situation geführt hat. Dann sind wir auch in der Lage, adäquat zu arbeiten.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich persönlich auf diesen Einsatz vorbereitet?

Butler: Ich lese viel, zum Beispiel Ahmed Rashids Buch über die Taliban oder die Erinnerungen eines amerikanischen Soldaten an den Kampf der Mudschahidin. Und das Amt für Nachrichtenwesen der Bundeswehr hat einen guten Leitfaden für Afghanistan herausgegeben. Solcher Lesestoff hilft mir, diese fremde Welt zu verstehen. Bevor ich das Leben hier bewerte, muss ich es nämlich begreifen.

SPIEGEL: Bei Ihrer Ankunft gab es Rangeleien zwischen Deutschen und Briten. Hat sich das gelegt?

Butler: Es hat nie Rangeleien gegeben. Die Zusammenarbeit klappt wirklich gut.

SPIEGEL: Ihr Leben hier ist spartanisch, nachts sind es manchmal minus 15 Grad, in den Zelten ist es bitterkalt. Wie kommen die Soldaten damit zurecht?

Butler: Erstaunlich gut. Jeder weiß, dass hier kein Luxus zu erwarten ist. Noch ist vieles im Lager primitiv, wir haben ja auch bei null angefangen. Übrigens stelle ich fest: Kalt duschen bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt ist dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Truppe, unabhängig vom Dienstgrad, sehr zuträglich. Wir halten hier zusammen wie Pech und Schwefel. Ich bin zuversichtlich, dass wir unseren Auftrag hier erfolgreich erfüllen können.

INTERVIEW: CLAUS CHRISTIAN MALZAHN

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