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IMMER IM DURCHZUG

aus DER SPIEGEL 10/1966

Die Gallenblase hat man ihm entfernt, die Galle ist ihm geblieben. Er ist gesund geworden für ein Amt, das ihn krank macht.

Lyndon Johnsons Erfolgsrezept -Aktion plus Consensus - wirkt nicht mehr. Es wirkt nicht mehr, seit der schmutzige Krieg, den er geerbt hat, die Aktion mit Gefahren und den Consensus mit Opfern belädt.

Ein ganzes Jahr ist dieser Präsident der Zustimmung so vieler Amerikaner sicher gewesen wie kaum ein anderer vor ihm: solange er allen etwas anzubieten wußte-den Negern das Wahlrecht, den Arbeitnehmern eine Steuersenkung, der Industrie fortgesetzte Prosperität und jedermann die Große Gesellschaft.

Heute, da der Krieg dies alles zweifelhaft gemacht hat, kann er handeln, wie er will: Versucht er den Krieg zu beenden, indem er gewinnt, so stößt er auf Widerspruch, und versucht er ihn zu beenden, indem er die Truppen zurückzieht, so stößt er auch auf Widerspruch.

Das ist es, was ihn krank macht: daß er nicht mehr handeln kann, ohne unpopulär zu werden.

»L. B. J. ist nun mal so«, sagt ein altgedienter Senator aus Johnsons Demokratischer Partei. »Er fragt sich, wird es Stimmen bringen, wenn ich die Große Gesellschaft bremse? Offensichtlich nein. Wird es meinem Image und meiner Popularität

nützen, wenn wir mehr Soldaten nach Vietnam schicken? Wieder nein. Wird es meinem Image in der Welt förderlich sein, die Eskalation weiterzutreiben? Nochmals nein.« Und doch muß er dies alles tun.

Aber geändert hat er sich nicht. Denn ändern kann er sich nicht.

Wer in Lyndon Johnsons Bannmeile gerät, der fühlt sich, heute wie ehedem, hineingezogen in ein Magnetfeld permanenter, demonstrativer, bravouröser Aktion. Er begegnet einem Mann, der immer im Durchzug steht, umflattert von den bunten Bändern seiner Public Relations; einem Mann, der selbst noch auf dem Tanzparkett nur einen Maßstab kennt: der Größte zu sein.

Innerhalb dieser Bannmeile gibt es keine Distanz. Johnson verträgt sie, nicht. Wen er anspricht, den faßt er auch an; den fordert er an. Er praktiziert den body-check einer dringlichen, verpflichtenden Vertraulichkeit, die auf Resultate aus ist, nicht auf Konversation.

Und selbst in den Gesellschaften, zu denen die Johnsons bitten, wenn das Amt es verlangt, lauert Aktion. Stühle sind rar, sobald man den Speisesaal verlassen hat, und die Musik macht keine Pause.

Hat der Präsident eine Favoritin für den Abend gefunden, dann eilt er, den Arm um die Dame und die freie Hand von oben her um den Kelch eines Sektglases gelegt, kreuz und quer durch die hohe, der Pennsylvania Avenue zugewandte Halle des Weißen Hauses, von diesem Senator zu jenem General und wieder zurück zu diesem Senator - nach seinem eigenen, ruhelosen Rhythmus, den keine Band der Welt im Repertoire hat.

Die formtreue klassische Diplomatie steht hier nicht obenan. »Bitte tun Sie ganz so, als ob Sie zu Hause wären«, ermuntert Lady Bird die Fremdlinge, die das nicht ohnehin tun. Denn der Hausherr, soll man wissen, ist ein Volkspräsident.

Als dies noch weithin unbestritten war, pflegte der Präsident zuweilen in Begleitung von

Zeitungsreportern seine Hunde auszuführen, nahm Reporter auf wilde Autofahrten mit und war überhaupt in beinah jeder Lebenslage für die Presse zu sprechen. Seit aber der Consensus, seit die große Übereinstimmung zwischen Johnson und der Nation gefährdet erscheint, ist er vorsichtiger geworden.

Die Pressepolitik des Präsidenten erinnert einen der ständigen White-House -Korrespondenten

heute an eine »riesige, ständig wachsende Publicity-Maschine«, die unermüdlich am Bilde eines Präsidenten wirkt, »der immer auf der Höhe einer jeden kritischen Entwicklung im Lande und in der Welt« ist.

Lyndon Johnson erscheint nur noch selten offiziell vor der Presse und inoffiziell gar nicht mehr. Jedes Gespräch, das er mit einem Reporter hat, wird auf Band genommen, und über jedes Gespräch, das seine Mitarbeiter mit Reportern haben, muß dem Pressesekretär Moyers, manchmal sogar Johnson selber, berichtet werden. In das Bürogebäude neben dem Weißen Haus dürfen Reporter neuerdings nur noch auf Verabredung; aus der Kantine, in der sie früher aßen, bleiben sie ausgesperrt.

Das ist nicht mehr nur Angst ums eigene Image. Der Präsident, hört man, beginnt, Kritik zu Herzen zu nehmen, überempfindlich auf kleine Fehler zu reagieren, sich bei Zeitungen zu beschweren. Das ist schon Angst ums eigene Wirken.

Denn Lyndon Johnsons Präsidentschaft bleibt begründet auf die Aktion und auf den Consensus; aber die Aktion hat kein Ziel mehr und der Consensus keine Basis. Das wird dauern, solange der Krieg dauert, den er nicht begonnen hat und den er nicht beenden kann.

New York Herald Tribune

Gestrandet

Hermann Schreiber
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