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GEFANGENENARBEIT Immer Leute

aus DER SPIEGEL 13/1966

Jedes Jahr zur Erntezeit fehlte es wie anderswo auch in Altenbamberg bei Bad Kreuznach an Erntehelfern. Doch gewitzte Bauern der 700-Seelen-Gemeinde wußten Rat. Sie baten den Mitbürger Adolf Schlich, 53, daß er Arbeiter in Felder und Weinberge sende.

Strafvollzugsangestellter Schlich lieferte Spitzbuben und Verkehrssünder frei Haus. Beim Kartoffelhacken im Schatten der Raubritterfeste Altenbaumburg durften sie bis Sonnenuntergang ländliche Luft und Freiheit genießen. Wenn es dunkelte, karrte Wärter Schlich die Erntehelfer in ihre Zellen im Kreuznacher Landgerichtsgefängnis zurück. Tageslohn für die Gefangenen: 12,50 bis 18 Mark pro Mann. In die Gefängniskasse aber kam kein Pfennig.

So blühte die Altenbamberger Arbeitsvermittlung lange Zeit im Verborgenen. Nutznießer war auch der Schlich-Nachbar Theo Tesch. Er erinnert sich: »Der Adolf hatte immer Leute. Einer mistete den Schweinestall, einer klopfte Teppiche, und ein anderer kehrte die Gasse.«

Als Forstarbeiter Tesch im August 1963 Hilfe beim Holzsägen benötigte, ging er zu Schlich. Der Adolf beorderte einen Verkehrssünder auf Teschs Hof und kassierte am Abend für die Dienste seines Schützlings 12,50 Mark in bar.

Acht Wochen später wollte Tesch seine Kartoffeln ernten. Nachbar Adolf stellte zwei Leute ab und beschied Theo Tesch: »Wenn du nicht bezahlen kannst - wir brauchen auch Kartoffeln im Kittchen.« Tesch, gerade knapp bei Kasse, lieferte an Aufseher Schlich fünfeinhalb Zentner Erdäpfel (Zentnerpreis: sieben Mark) für die Gefängnisküche. Wenig später schon brachten Schlich-Hiwis die leeren Säcke zurück. Tesch: »Die Kartoffeln sind nie im Gefängnis angekommen.« Im Herbst 1964 verlangte Schlich bereits 18 Mark pro Tag und Helfer. Doch Tesch zahlte nicht. Seine Frau hatte eine Weile im Schlichschen Haushalt ausgeholfen und bis dato den versprochenen Lohn nicht erhalten. Tesch zu Schlich: »Das kannst du ja verrechnen.« Schlich war einverstanden unter einer Bedingung: »Wenn dich im Dorf jemand fragt, wo die Leute her sind, sag nichts vom Gefängnis.«

Ende April 1965 entsann sich Theo Tesch auf einmal, daß er für den gezahlten Gefangenenlohn nie eine Quittung erhalten hatte. Er zog den guten Anzug an und fuhr zu Oberstaatsanwalt Wilhelm Bergk, dem Gefängnischef, um die Bescheinigung nachzufordern. Der wußte von nichts, und Belege über Schlichs Häftlingsverleih gab es nicht. Wenig später wurde der Justizangestellte Adolf Schlich von Bad Kreuznach nach Mainz versetzt.

Landgerichtsrat Knodel ("Das ist bestimmt kein Fall für den SPIEGEL") eröffnete auf Antrag der Staatsanwaltschaft im Mai 1965 unter dem Aktenzeichen JS 1960/65 ein - bislang nicht abgeschlossenes - Ermittlungsverfahren wegen Verdachts auf Betrug, Unterschlagung und Untreue. Und seither fürchten zahlreiche Bedienstete des rheinland-pfälzischen Strafvollzugs, daß im Verlauf der Untersuchungen eigene Unkorrektheiten ans Licht kommen. Denn auch Kollegen des Wärters Schlich haben die einschlägigen Justiz-Bestimmungen weitherzig ausgelegt.

Diese Verfügungen besagen, daß Häftlinge von Justizbediensteten zum Vorzugs-Tageslohn von 2,50 Mark (Satz für andere Interessenten: 15 bis 18 Mark) zu Land- und Gartenarbeit, Holzspallen, Schneeräumen, Autowaschen und zum Ausschachten von Baugruben herangezogen werden können, aber »handwerkliche Arbeiten nicht ausgeführt werden dürfen«. Auf Wärter-Grundstükken wurde jedoch von Häftlingen auch gemauert, gepinselt und tapeziert. Auch Adolf Schlich ließ sich beim Bau seines Eigenheims und eines Terrassengartens von Häftlingen helfen.

Als Lokalblätter den Außeneinsatz der Knastbrüder kritisierten, kündigte der rheinland-pfälzische Justizminister Fritz Schneider (FDP) in der vorletzten Woche eine Überprüfung der Bestimmungen an. Den verbilligten Gefangeneneinsatz auf Grundstücken von Gefängniswärtern aber will der Minister auch weiterhin zulassen. Schneider: »Die Bundesbahn gibt ihren Leuten ja auch Freifahrtscheine.«

Kenner der rheinland-pfälzischen Justizlandschaft bezweifeln unterdes sogar, daß der Fall Schlich noch weitere Konsequenzen haben wird. Oberstaatsanwalt Bergk, Schlichs Vorgesetzter: »Da kommt gar nix raus.«

Und der Kreuznacher Amtsgerichtsdirektor Aloys Schott, der sich selbst von Gefangenen beim Hausbau helfen ließ, sieht die Affäre vor allem unter dem Aspekt humanitären Strafvollzugs: »Die Leute können froh sein, daß sie überhaupt arbeiten dürfen. Denn wer fleißig und willig ist, kriegt sogar Zigaretten und Alkohol.«

Froh ist auch der rheinland-pfälzische Justizminister über die steigende Konjunktur im Häftlingsverleih. Im Landesetat wurden die voraussichtlichen Einnahmen aus der Gefangenenarbeit von 6,1 Millionen Mark im Vorjahr auf 6,8 Millionen für 1966 heraufgesetzt.

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