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TELEPHONGEBÜHREN Immer mal Störungen

aus DER SPIEGEL 46/1965

Als ein Lastwagen durch die Emser Straße zu Wiesbaden polterte, tat es im Kontor des Holzmaklers Lothar Kauertz einen Knacks: Der Gebührenzähler neben dem Fernsprecher des Geschäftsmannes registrierte ein Gespräch. Kauertz, 46, hatte sein Telephon nicht angerührt.

Solche und ähnlich gespenstische Erscheinungen im deutschen Fernmeldewesen führten zu einem Streit zwischen Kaufmann Kauertz und der Bundespost: der offenbart hat, daß die Gebührenberechnung der Post nicht über Gebühr zuverlässig ist.

Zum erstenmal hatte der Holzkaufmann Kauertz Anfang 1962 Beanstandungen. Er erhob Einspruch gegen zwei Telephon-Rechnungen über je 500 Mark für die Monate Dezember und Januar. Begründung: In seinem Betrieb sei bis dahin stets für nur durchschnittlich 300 Mark monatlich telephoniert worden, und überdies habe das Kauertzsche Unternehmen gerade in jener Zeit zwei Wochen Betriebsurlaub gemacht.

Das Wiesbadener Fernmeldeamt räumte ein, es hätten »ganz offensichtlich Störungen vorgelegen«, und rückte 281 Mark wieder heraus.

Fortan befanden sich Kauertz und der Leiter der Abteilung »Fernmelde- und Teilnehmer-Dienste«, Amtmann Hokkert, im Dauergespräch. Schon im darauffolgenden Herbst focht der Geschäftsmann zwei weitere 500-Mark-Rechnungen an: »Hier stimmt etwas nicht.«

Er überwies statt der geforderten 500 nur jeweils 300 Mark als Abschlag und forderte, »mir einen Gebührenzähler für fortlaufende Zählung zu installieren« sowie »meinen Anschluß an ein Kontrollgerät zu hängen«.

Diesmal hatte die Post eine längere Leitung. Sie schaltete zwar den Kauertzschen Anschluß an eine »Zählervergleichseinrichtung«, bedauerte dann jedoch, »keine Gebührenerstattung vornehmen zu können«. Denn: »Beide Zähler zeigten völlige Übereinstimmung.« Der Kontrollstreifen sei makellos und könne jederzeit bei der Post-Berechnungsstelle eingesehen werden.

Kauertz sah postwendend ein und wurde gewahr, daß er allein an zwei Tagen im November zehnmal die Kino- und Theaterdienste von Wiesbaden, Frankfurt und Mainz angeläutet haben sollte. Des Holzmaklers Büro-Mannschaft beteuerte, von ihr seien diese Kultureinrichtungen nicht benutzt worden, und ihr Chef bedeutete der Bundespost: »Sie mögen an Ihre Apparate glauben, ich jedenfalls tue es nicht.«

Erst als Telephon-Amtmann Hockert dem Ungläubigen androhte, den Anschluß zu sperren, zahlte Kauertz ("Die dachten, ich hätte das Geld nicht") den vollen Betrag, giftete jedoch gleichzeitig: »Ich betrachte es als eine Ausnutzung Ihrer Monopolstellung, wenn Sie die Behauptung Ihrer Kunden nicht einmal prüfen, sondern sich auf Ihre Einrichtungen versteifen und diese als letzte Instanz bezeichnen.«

Fünf Monate später fand sich auf der Telephon-Rechnung für Kauertz zum zweitenmal eine Gutschrift: 291,77 Mark aus dem »überhöhten Gebührenaufkommen«. Eine nähere Begründung versagte sich die Post.

Als dann aber der Kaufmann vom Januar dieses Jahres an wieder nur Abschlagszahlungen überwies und klagte, sein Gebührenzähler zähle zum Beispiel auch dann, wenn durch ein schweres Fahrzeug das Gemäuer des Geschäftsgebäudes erzittere, erläuterte die Fernmelderechnungsstelle: Die Gebührenzähler, die in deutschen Betrieben, Hotels und Restaurants die Telephonkosten errechnen, erfüllten »nicht die Anforderungen an die Betriebssicherheit im gleichen Maße wie die Gesprächszähler in den Wählervermittlungsstellen«, da sie den »äußeren Einflüssen nicht entzogen werden können«. Deshalb erkenne die Post auch »die bei den Sprechapparaten angebauten Gebührenanzeiger nicht als Kontrollgerät für die amtliche Gebührenerfassung an«.

Der Kassier-Kampf ging in die dritte und vorerst letzte Runde. Kauertz bekam für zwei Monate 64 Mark und fünf Pfennig zurück, war damit aber nicht zufrieden und forderte Pauschal-Entschädigung. In der letzten Woche gab die Post wieder Geld heraus: 213,11 Mark - »wegen der bei Ihrem Anschluß aufgetretenen Störungen«.

Der Makler an das Fernmeldeamt: »Ich habe nicht die Absicht, mich noch weiter mit verschiedenen unteren Dienststellen der Bundespost herumzuschlagen, da mein Vorbringen für diese anscheinend zu strapaziös ist.«

Der von Kauertz strapazierte Postamtmann Hockert: »Es kann bei uns... immer mal Störungen geben, auch solche, die sich nachträglich nie aufklären lassen und von denen wir gar nichts merken.«

Post-Kontrahent Kauertz

Knacks im Kontor

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