Zur Ausgabe
Artikel 20 / 76

HESSEN Immer neue Kunden

aus DER SPIEGEL 39/1964

In Afrika breitet sich die Drei-Staaten -Theorie aus: Schon mancher Deutsche, kolportierte unlängst die »Welt«, sei auf dem Schwarzen Kontinent gefragt worden, ob er aus der Bundesrepublik, aus der DDR oder aber aus Hessen komme.

Schuld an diesem neuen Deutschland -Bild ist das Bonner Auswärtige Amt, dem im Frühjahr 1958 eine folgenschwere Panne unterlief. Die AA-Leute hatten damals verabsäumt, für eine in Frankfurt zwischenlandende Regierungsdelegation aus Ghana die protokollgerechte Begrüßung zu arrangieren. So machte Professor Dr. Friedrich Wilhelm Reuss, damals Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium, ersatzweise die Honneurs.

Aus der zehnminütigen Höflichkeitsplauderei, die auf dem Rhein-Main -Flughafen vorgesehen war, wurde eine vierstündige Diskussion über ghanesische Wirtschaftsprobleme. Aus dem Gespräch, das die Ghanesen sichtlich entzückte, resultierte eine Einladung in den Busch. Aus der ersten Einladung, der Reuss alsbald folgte, wurde eine zweite - diesmal an den hessischen Ministerpräsidenten Zinn.

Als Zinn nach Afrika zog, nahm er

als Gastgeschenk 100 Stipendien für Ingenieure und Facharbeiter mit - 100 Bons auf eine hellere Zukunft für den Schwarzen Erdteil. Und seitdem gilt das Äppelwoi-Reservat Hessen unter entwicklungsbegierigen Völkern Afrikas als eine Art autonomes Samaria in Mitteleuropa.

Denn Zinns Mitbringsel für Nkrumah ward zum Symbol für hessische Freigebigkeit, die im Trommeltempo verkündet wurde. Zunächst griff der Ministerpräsident von Dahomey die gute Nachricht auf. Auf einer Tagung in Paris gestand er dem hessischen Minister Franke: »Ich bin viel ärmer als Nkrumah.« Dahomey bekam hessische Stipendien.

Dann kamen, wie sich der hessische Regierungsdirektor Erwin Barth erinnert, »ständig neue Kunden«. Bald bildeten die Hessen für Dahomey Hebammen aus, für Ghana Maschinenbau-Ingenieure, für Tanganjika Lehrer und Auto-Mechaniker; für das nigerianische Fernsehen trainierten sie auf besonderen Wunsch sogar einen Trickzeichner.

Im hessischen Etat mauserten sich die Summen für die Entwicklungshilfe von 100 000 Mark im Jahre 1960 auf 4,45 Millionen 1964. Im Gegensatz zum Bonner Ministerium für Entwicklungshilfe beschränkt sich Hessen jedoch auf die

Vergabe von Gratis-Ausbildungen und Spenden für gezielte Objekte. Gaben -Verteiler Barth: »Wir geben keinerlei Kredite.«

Trotz der im Vergleich zu Bonns Aufwendungen (Ausgaben für Entwicklungshilfe 1963: 1,317 Milliarden Mark) bescheidenen Mittel wurde das Wort Hessen im afrikanischen Busch so populär, daß Bundespräsident Lübke den sozialdemokratischen Landeschef Zinn im Dezember 1961 als seinen Vertreter zu den Unabhängigkeitsfeiern nach Obervolta und Niger schickte.

Und in Obervolta kam Zinn wiederum nicht ungeschoren davon. Bittsteller waren diesmal die »Weißen Väter«, ein katholischer Orden, der seit über 80 Jahren in Afrika missioniert. Pater Professor Dr. Franz Gypkens, in Frankfurt residierender Provinzial, vertraute dem SPD-Mann Zinn das Projekt an, den Bam-See in Obervolta einzudämmen, Bewässerungsanlagen zu bauen und Land für 40 000 unterernährte See -Anwohner zu kultivieren. Kostenpunkt: zwei Millionen Mark.

Gypkens garantierte: »Sollte die Arbeit nicht die Anerkennung der (zur Überprüfung bestimmten) Kommission finden, würde ich mich verpflichten, das Geld zurückzuzahlen.« Hessen bewilligte die zwei Millionen.

Ein zweiter Plan des Paters Gypkens, eine Landwirtschaftsschule am Bam -See zu bauen, war den Wiesbadenern noch einmal rund 800 000 Mark wert. Der Pater dankte dem hessischen Staat, »der im Bundesgebiet als einziger das Renommee hat, unbürokratisch wirklich zu helfen«, und gab der Schule am Bam-See den Namen »Hessen-Institut«.

Ähnlich nützlich für das hessische Image in Afrika erwies sich eine Hilfsaktion, die Regierungsdirektor Barth für Frau Ibrahim aus Tanganjika ankurbelte. Frau Ibrahim, Gründerin einer Volksschule in Daressalam, hatte in Bonn vergeblich versucht, eine Gabe für ihr Urwald-Pädagogium zu erhalten. Barth erfuhr davon, ließ sich von dem deutschen Botschafter in Tanganjika, Dr. Schroeder, die politische und menschliche Nützlichkeit einer Spende bescheinigen und überwies 23 000 Mark.

Frau Ibrahim baute dafür Klassenräume und Toiletten, taufte das Bauwerk »Hessen-Building« und ließ es durch Ehrengast Willy Brandt während eines tropischen Regens einweihen. Tanganjikas Ministerpräsident Julius Nyerere bedankte sich am 8. März 1963 persönlich - und die Hessen hatten einen neuen Bittsteller im Haus.

Nyerere: Wiesbaden möge ihm bei der Beseitigung der Slums von Daressalam helfen. Barth stiftete zunächst einiges Werkzeug und bestellte einen Katalog der benötigten Geräte. Doch Nyereres Wunschliste sprengte alle Möglichkeiten des hessischen Etats: Ministerpräsident Zinn mußte für Nyerere bei den Chefs anderer Bundesländer sammeln gehen.

Bei den meisten hatte er Glück. Sie waren bereit, die Daressalamer unter der Federführung Hessens gemeinschaftlich von ihren Slums zu befreien. So wurden Tausende von Schaufeln, Hacken, Spaten und Schubkarren nach Tanganjika verschifft, Kettenschlepper und Lastwagen gekauft. Der Bund spendierte für neun Millionen Mark Baustoffe und setzte den ersten Trupp westdeutscher Entwicklungshelfer in Marsch.

Doch Hessens Anteil, von Stiftungen aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen weit übertroffen, trug die augenfälligsten Früchte: Als Ministerpräsident Nyerere am 18. April dieses Jahres Fahrzeuge und Gerät feierlich übernahm und für das Deutsche Fernsehen eine Schubkarre vor die Kamera wuchtete, taufte er sein neues Zeughaus »Camp Hessen«. Regierungsdirektor Barth: »Das war uns richtig unangenehm.«

Der gute Ruf im Busch treibt den Hessen indes schon weitere Freunde zu. Für den 2. Oktober hat sich Ministerpräsident Diori von Niger zu einer Höflichkeits-Visite in Wiesbaden angesagt. Die hessische Regierung weiß bereits: Diori braucht eine Berufsschule und die dazugehörigen Lehrer.

Hesse Zinn, Ghanese Nkrumah: Im Trommeltempo durch den Busch

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 76
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.