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Ernährung Immer noch Tiere

Vom unrühmlichen Abgang des »Hühnerbarons« Pohlmann erhofft sich die Branche neuen Auftrieb für das deutsche Frühstücksei.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Auf der Autobahn bei Oldenburg stoppte die Polizei im November rein zufällig einen Lkw. Der Laster, als »Gefahrenguttransporter« ausgewiesen, hatte 1650 Kilogramm Nikotinsulfat an Bord. Die Menge hätte ausgereicht, zwei Millionen Menschen umzubringen.

Adressat der tödlichen Ladung: die Firma »Goldhuhn« bei Osnabrück.

Seit Ende vergangener Woche sitzen »Goldhuhn«-Chef Anton Pohlmann, 56, bis vor kurzem Herr über sechs Millionen Legehennen, und sein Sohn Stefan hinter Gittern. Der Staatsanwalt wirft den beiden »gefährliche Körperverletzung« vor. Den Haftbefehl begründeten die Juristen mit »Fluchtgefahr«.

Ausgesagt hatte gegen die Pohlmanns ein ehemaliger Mitarbeiter. Der Mann behauptet, er habe fünf Millionen Hühner mit Nikotinsulfat besprühen müssen. Dabei habe er selbst schweren gesundheitlichen Schaden genommen.

Am Tag seiner Festnahme hatte Pohlmann senior seine Firmen vertragsgemäß an eine Gruppe von Investoren verkauft - für rund 300 Millionen Mark. Motiv genug, glaubt die Staatsanwaltschaft in Oldenburg, um sich aus dem Staub zu machen. Pohlmann habe sich schon erkundigt, welche Staaten kein Auslieferungsabkommen mit der Bundesrepublik hätten.

In den USA hat Pohlmann, ein gelernter Bäcker, die profitable Massentierhaltung gelernt. Seit den sechziger Jahren betrieb er das Geschäft und steigerte die Eierproduktion auf 1,5 Milliarden Stück im Jahr.

»Wir haben es immer noch mit Tieren zu tun«, vertraute Pohlmann einmal der Lebensmittelzeitung an. Doch vom Tierschutz hielt der angebliche Tierfreund wenig. In regelmäßigen Abständen geriet er wegen der katastrophalen Verhältnisse in seinen Legebatterien in die Schlagzeilen. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Oldenburg wurde in Pohlmann-Ställen zuletzt am 9. Januar ein ätzendes Nikotin-Wasser-Gemisch versprüht, um Milben auszurotten. Die chemische Attacke auf das Geflügel ist nach dem Arzneimittel-Gesetz strikt verboten.

Außerdem, so ermittelten die Fahnder, wurde das Desinfektionsmittel Virkon-S offenbar unzulässigerweise dem Hühnerfutter beigemischt.

Nikotinsulfat benutzte Pohlmann nach Erkenntnis der Staatsanwälte schon seit einem Jahr. Bei Untersuchungen des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums fanden sich in Eiern »bis zu 300 Mikrogramm Nikotin« pro Kilogramm.

Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke (SPD) legte einige Eierfabriken erst einmal still. Begründung: Nach dem Lebensmittelrecht dürften Nahrungsmittel keinerlei pharmakologische Stoffe enthalten; Pohlmanns Anwalt vermutet dagegen, das Nikotin könnte von einem rauchenden Prüfer stammen.

Mindestens drei Millionen Eier aus den Nikotin-Batterien beschlagnahmten die Behörden. Täglich kommen Zehntausende hinzu. »Die Hühner können wir ja nicht versiegeln«, sagt der zuständige Umweltdezernent. Unter den Bauern geht der Spott um: »Pohlmann muß jetzt Tabaksteuer nachzahlen.«

Bei der niedersächsischen Justiz ist Pohlmann ein alter Bekannter. Unter anderem wegen gefälschter Gewichts- und Güteklassen wurde er 1982 zu einer Geldstrafe von 485 000 Mark verurteilt; 1987 mußte er wegen illegaler Entsorgung von Hühnergülle weitere 305 000 Mark zahlen.

Die Falschdatierung von Eiern ahndete das Gericht 1992 mit 360 000 Mark, den Salmonellenbefall im Eiproduktwerk Vechta mit einer halben Million.

Mehr als 60 000 Legehennen kamen 1994 qualvoll zu Tode, als in dem Pohlmann-Betrieb Ankum bei brütender Sommerhitze giftiges Kohlendioxid in die Ställe geleitet wurde. Die von Salmonellose befallenen Tiere wurden so kostengünstig abgetötet. Der Deutsche Tierschutzbund nannte Pohlmann den »schlimmsten Tierquäler der Republik«.

Gegen ein damals vom Landwirtschaftsministerium verhängtes »Tierhaltungsverbot« wehrte sich Pohlmann - mit Erfolg. Er mußte lediglich einen »Tierschutzbeauftragten« einstellen. Die Suche nach einem Tierarzt dauerte über ein Jahr. Erst zu Jahresbeginn 1996 trat er seinen Dienst an - offenbar zu spät, um den Eklat noch zu verhindern.

Eine »schnelle Aufklärung der Unregelmäßigkeiten« verspricht die neue Eigentümerin des Pohlmann-Konzerns, die »Deutsche Frühstücksei GmbH«. Das bisher in Berlin ansässige Unternehmen übernimmt Pohlmanns 28 deutsche Agrarfabriken.

Für die Hennen wird sich kaum etwas ändern. Denn die GmbH will weiterhin jährlich 350 Millionen Mark Umsatz erzielen. »Mit Bodenhaltung«, so ein Firmensprecher, »ist das nicht zu machen.«

Pohlmann hat, wenn er wieder frei ist, auch anderswo genug zu tun. Er besitzt im US-Bundesstaat Ohio bereits 7 Hühnerfarmen mit 8 Millionen Tieren, 14 weitere will er aufmachen. Aber auch in den USA formiert sich Widerstand gegen den Eiermann aus Deutschland. Über 30 Beschwerden wegen Wasser- und Luftverschmutzung sind inzwischen bei der nationalen Umweltbehörde EPA anhängig.

Der deutschen Eierindustrie kommt Pohlmanns Abgang gelegen. Seitdem der Oldenburger im Geschäft ist, sank der Absatz der Branche um ein Viertel. »Die Akzeptanz für das Pohlmann-Ei«, sagt ein Sprecher der Nachfolgefirma, »geht gegen Null.«

[Grafiktext]

Eierverbrauch pro Kopf in Deutschland 1950-95

[GrafiktextEnde]

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