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DUFTKINO Immer nur Maggi

aus DER SPIEGEL 1/1960

Als der Schriftsteller Aldous Huxley in seinem utopisch-satirischen Roman »Brave new World« das gespenstische Zukunftsbild einer genetisch genormten Gesellschaft entwarf, in der Säuglinge aus der Flasche hüpfen wie weiland Goethes Homunculus, ersann er für die Bewohner der »Wackeren neuen Welt« auch eine neue Form der Lustbarkeit: das Duftkino, dessen Besucher die Leinwandvorgänge zugleich sehen und schnuppern können. Eine eigens installierte »Duftorgel« verdeutlicht dem Lichtspiel-Publikum riechbar, was es gerade visuell wahrnimmt - etwa, indem sie während einer filmischen Liebesszene zwischen einem riesigen Negerdarsteller und einem kurzschädeligen weiblichen Zuchtprodukt puren Moschus ins Parkett spielt.

Huxley veröffentlichte den Roman, dessen Handlung etwa im Jahr 2600 spielt, vor 28 Jahren. Als er 1949 ein neues Vorwort zu seinem Buch schrieb, hatte er bereits den Eindruck, »daß uns Utopia viel näher sei, als irgend jemand es sich ... vor zwanzig Jahren hätte vorstellen können«. Im Vorwort zur nächsten Ausgabe wird der Verfasser zumindest in einem Punkt schon gar nicht mehr von Utopie sprechen können: Seit letztem Monat können sich die Besucher des New Yorker Lichtspielhauses »DeMille« an einem Duftfilm erbauen.

Von der »New York Herald Tribune« als »Beginn einer neuen kinematographischen Ära«, von der »New York Times« hingegen abfällig als »Karnevalsjux« eingestuft, empfiehlt sich der erste Riechfilm unter der Devise: »Du mußt inhalieren, um es zu glauben.« Mit 37 verschiedenen Wohlgerüchen und Gestanksorten, die eine zum Bildgeschehen synchron geschaltete Duftanlage während der anderthalbstündigen Vorstellung in den Kinoraum entläßt, suchen die Film-Neuerer den menschlichen Geruchssinn für die neue Unterhaltungsform (Markenname: »AromaRama") zu erschließen.

Was sich den Zuschauern und Mitriechern im »DeMille« darbietet, war ursprünglich keineswegs ein Duftwerk. Europäische Kinogänger konnten den preisgekrönten Film-Reisebericht »Hinter der großen Mauer«, den der Italiener Leonardo Bonzi in China drehte, im vergangenen Jahr geruchlos in heimischen Filmtheatern sehen. New Yorker Kritiker meinen, der exotische Stoff des Films habe die »AromaRama«-Leute bewogen, das Opus nachträglich mit Düften anzureichern. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß sich die Duftfilmer einer fertigen Filmvorlage bedienten, um der Konkurrenz zuvorkommen zu können.

Voraussichtlich noch in diesem Monat nämlich will auch Mike Todd junior, der Sohn des tödlich verunglückten Hollywood-Produzenten ("In 80 Tagen um die Welt") und Elizabeth-Taylor-Gatten, ebenfalls einen Duftfilm herausbringen. Schon der Titel ("Scent of Mystery« - deutsch. »Geheimnisvolle Düfte") verrät, daß dieses Riechwerk, im Gegensatz zu »Hinter der großen Mauer«, von vornherein als Synthese von Augen- und Nasenschmaus angelegt ist. Der bereits 1958 angekündigte Film wurde nach dem »Smellovision«-Verfahren* hergestellt, dessen Erfinder, der Schweizer Hans Laube, einen Katalog von 2000 Gerüchen zusammengestellt hat.

Freilich müssen sich die Besucher derartiger Filme mit weitaus weniger Duftproben begnügen. Jede Riechwolke muß erst sorgfältig abgesaugt werden oder sich völlig verflüchtigen, ehe ein neues Odeur einströmt - was nur etliche Dutzend Düfte je Film erlaubt. Selbst dieses Quantum war einigen kulturbesorgten Kritikern bei der »AromaRama«-Premiere schon zuviel. »Wollen wir denn wirklich alles so genau riechen?« fragte einer von ihnen. »Wir haben doch leider keine Hundenasen.«

Bei der ersten Duftwelle, die das Kino durchströmte, hatte das Publikum noch behaglich schnüffeln können. Über den Stuhlreihen schwebte das vertraute Aroma einer Apfelsine, die ein Vorspann-Sprecher wenige Sekunden zuvor auf der Leinwand geschält und zerdrückt hatte. Dann wanderte die Kamera nach China. Sandelholzduft breitete sich aus, während die Zuschauer eine mit Räucherstäbchen zelebrierte Tempel-Hochzeit sahen; ländliche Szenen waren - wie die Duftfilmer erläuterten - mit einem »Geruch nach feuchter Erde, Vieh und frischem Heu« ausgestattet.

Spätestens bei einer Tigerjagd, die mit einem penetranten Moschusgeruch dargeboten wurde, schienen etliche Riechgäste keinen rechten Genuß mehr zu haben. Der Kritiker der »New York Times«, Bosley Crowther, roch jedenfalls nur Bananenöl

- wiewohl die Veranstalter die Güte des

Moschusduftes mit dem Hinweis zu illustrieren suchten, daß das Odeur »sensationelle Effekte« bei gewöhnlichen Hauskatzen erziele.

Nicht minder vergrämt zeigte sich der Amerika-Korrespondent der »Deutschen Zeitung«. »Ledersattel- und Pferdegeruch war uns versprochen worden«, klagte er, »ein Bauernhof, frischgesägtes Holz und Papier, eine Frühlingswiese, ein Blumengarten - und ich roch immer nur Maggi.« Ächzte die amerikanische Kolumnistin Naomi Barry: »Ich wurde fast ohnmächtig.«

* to smell (engl.) = riechen

Kino-Utopist Aldous Huxley

Moschusgeruch für Liebesszenen

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