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PRESSE Immer total

Ab Herbst werden die Berliner ihren »Abend« schon am Morgen bekommen. Ein persischer Teppichhändler will das renommierte Lokalblatt wieder hochpäppeln.
aus DER SPIEGEL 36/1980

Beim Bau seiner 600-Betten-Herberge auf Fuerteventura, dem »Stella Canaris«, legte er selber mit Hand an, als Architekt und Gärtner. Seine Orient-Teppiche, vom »Afghan« für 85 Mark bis zum »Ghom r. Seide fein« für 59 900 Mark, pries der Autodidakt, der sieben Sprachen spricht, unterm Slogan »ärrlische Preise« an. Für Telespots drehte er im Hubschrauber tolle Kapriolen.

Hossein Sabet, 44, persischer Teppichhändler und Wahlberliner seit zwanzig Jahren, der Mann, der im Juni die defizitäre Berliner Mittagszeitung »Der Abend« gekauft hat, macht »eine S.117 Sache immer total«. So auch das Verlegen.

Zehn Stunden täglich sitzt der quirlige Kaufmann in Sachen »Abend« auf »dem Hosenboden«, sagt er. Das Ergebnis dieser Sitzungen, im Verlagshaus an der Potsdamer Straße, im neuen Kurfürstendamm-Büro ebenso wie in der von Hans Scharoun entworfenen Grunewald-Villa des Persers, soll nun auch alle Skeptiker eines Besseren belehren.

In nur drei Monaten ließ sich der »Teppich-Verleger« (Kollegenspott), unterstützt von »Beratern« aus Paris und Hamburg, ein Konzept einfallen: Sein »Abend«, künftig hergestellt mit Photo- statt veraltetem Bleisatz, soll dem Leser nun »spritziger« kommen -als »Blatt mit Herz und Schnauze«, das »kein Blatt vor den Mund« und doppelt so viele Anzeigen wie bisher reinnimmt, so der Verleger.

Die wichtigste Neuerung, vom 15. September an tägliche Praxis: Wie auch die Konkurrenz soll der »Abend« (neben einem als Nachtausgabe vorgesehenen Appendix) in seiner Hauptausgabe jetzt schon am Morgen erscheinen, unterm Motto »Guten Morgen, lieber 'Abend'« und Aug' in Aug' gewissermaßen mit den anderen Berlin-Blättern -- dem liberalen »Tagesspiegel« (verkaufte Auflage: 119 223), dem »Spandauer Volksblatt« (23 108) und Axel Springers Erscheinungen natürlich, die mit »BZ« (309 592), »Bild Berlin« (123 847) und der »Berliner Morgenpost« (181 043) fast acht Zehntel der Berliner Tagesauflage halten.

Geht es nach Sabet, werden es demnächst ein paar Exemplare weniger sein. Obwohl mit Springer seelenverwandt (Sabet: »Wenn es um Berlin geht, bin ich päpstlicher als der Papst"), will der »Abend«-Mann mit seinem frischen Morgen-Produkt gerade bei ihm Leser und Inserenten abzwacken. Eine Marktanalyse, wonach 80 Prozent der Berliner ihre Zeitung bereits in der Frühe in den Händen haben wollen, gibt ihm da Zuversicht.

Personell hat der neue Verleger ebenfalls konkrete Vorstellungen. Der liberale Journalist Karsten Peters, früher Feuilletonchef der Münchner »Abendzeitung«, ist als künftiger stellvertretender Chefredakteur bereits im Lande. Chefredakteur soll Bildschirmherr Dieter Gütt werden, den Sabet für einen journalistischen »Atlantik« hält.

Der Chef von »ARD-aktuell«, schon als Sabet-Berater aktiv, ist noch bis zum Jahresende an den NDR gebunden; zugesagt hat er noch nicht. Die Aufgabe freilich fände er »reizvoll«. Selbst zu Abstrichen wäre er bereit: »Ob man für drei Millionen Zuschauer oder 100 000 Leser arbeitet, das Engagement ist doch das gleiche.«

Die Blatt-Premiere zumindest, zu der Tennisweltstars wie Björn Borg und Vitas Gerulaitis werbewirksam einen »Abend«-Cup um 150 000 Dollar ausspielen werden, findet noch ohne Gütt statt -- auch so schon ein erstaunliches Stück: Denn noch im Frühsommer, als Helfer Sabet, früher mal Zeitungsbote, aus der Kulisse trat, sollte das Blatt gerade eingestellt werden.

Nach einem nur zweijährigen Abstecher ins Pressewesen hatte der als Verleger überforderte Frankfurter Fuhrunternehmer Carl Eberhard Press (drei Dutzend Firmen) seine Fünf-Millionen-Mark-Investition abgeschrieben. Sabet bekam so 90 Prozent der »Abend«-Anteile »mit allen Aktiva und Passiva«, mit Druckmaschinen und Schulden (monatliche Verluste bis 150 000 Mark), Putzfrauen und Journalisten, und ein Blatt dazu, dessen verkaufte Auflage binnen fünf Jahren um ein Drittel auf 44 000 Exemplare gesunken war.

Der einst renommierte »Abend«, der sich gut 30 Jahre lang -- wie verwandte Boulevardzeitungen in vielen Großstädten der Republik -- als luftig-liberales Pendant zu den strammen, alles beherrschenden Springer-Blättern behaupten konnte, war zuletzt eine eher schlafmützige Angelegenheit geworden.

»Auf den Grund gesetzt« (Gütt) war so eine einst für Groß-Berlin und Umgebung angelegte Boulevardzeitung des gehobenen Genres, die der Berliner Journalist Maximilian Müller-Jabusch und der frühere Ullstein-Mann Hans S.118 Sonnenfeld im Herbst 1946 mit Lizenz der Amerikaner gestartet hatten. Damals war der neue Zeitungstyp so beliebt, daß er -- die Auflage war durch Papierrationierung beschränkt -- an den Kiosken oft unter dem Tisch gehandelt und von den Händlern manchmal nur in Verbindung mit dem sowjetischen Militärblatt »Tägliche Rundschau« abgegeben wurde.

Doch auch noch nach Blockade und Spaltung Berlins, die den Markt der Straßenverkaufszeitung empfindlich einengte, machte jene »Abend«-Mischung aus engagierter Kritik und fröhlicher Häme das Blättchen fast zum Muß für Kudamm-Boulevardiers. Und ehe es durch verlegerisches Mißmanagement besonders Ende der sechziger Jahre wirtschaftlich und inhaltlich stagnierte, war es die Berliner Zeitung für Sport und Kino -- freilich auch für jede Schnurre gut.

So ließ einst ein Reporter Jayne Mansfield zehn Photographen abzählen, um dann zu melden: »Die Berlinale hat ihre erste Sensation, die Mansfield zählte von 1 bis 10.«

Ob solche Vergangenheit nun durch den Reichen aus dem Morgenland wieder erstehen wird oder der »Abend« eines Tages auch am Morgen zur Neige geht, bleibt dahingestellt -- für den Multimillionär Sabet, der den vermutlich bescheidenen Kaufpreis und die vermutlich hohen Verbindlichkeiten verschweigt, noch für geraume Zeit. Denn er will auf dem Teppich bleiben, solange ihm »Geld und Idealismus reichen«.

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