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Häftlinge In .11. Winde

Rudolf Heß -- einst Hitlers Stellvertreter, nun letzter Insasse im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis -- lehnte eine Haftverschonung auf Ehrenwort ab. Er will seine Zelle »nur als freier oder toter Mann« verlassen.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Häftling Nummer sieben, einziger Insasse im einzigen Kriegsverbrechergefängnis auf deutschem Boden, glaubt sich einem Fall von Baumfrevel auf der Spur.

Denn immer wenn er von seiner küchengroßen Zelle in der alliierten Haftanstalt im West-Berliner Stadtteil Spandau Harz-Absonderungen an den Bäumen des Gefängnisgartens ausmacht, keimt ihm der Verdacht: »Da haben die Russen mit einem Bajonett reingestochen«

Nummer sieben heißt Rudolf Heß, 77, einst »Stellvertreter des Führers« und von 1933 bis 1941 Reichsminister ohne Geschäftsbereich, seither Gefangener. Opfer seiner Baumstoßlegende sind 28 Sowjet-Soldaten samt ihrem Offizier, die alle vier Monate für vier Wochen ihre einstigen Siegerkollegen aus Amerika, England oder Frankreich im Wachdienst ablösen.

Die Viermächte-Wache im schwarzroten Backsteinbau an der Spandauer Wilhelmstraße 23 steht nun schon im 25. Jahr, und wann die mittlerweile 11 286 Tage währende Gefangenschaft des ehemaligen Hitler-Vize (NSDAP-Mitglied Nr. 16) enden wird, ist noch immer ungewiß. Denn seit der Weltkrieg-I-Flieger 1941 zu seiner selbstbestimmten Friedensmission nach England gestartet war, hat er nur noch in internierung oder hinter Gittern gelebt.

Zwar empfahlen die Briten Milde für den nicht ganz zurechnungsfähig erscheinenden Parteigenossen. »Was immer die moralische Schuld eines Deutschen gewesen sein mag«, empfand Kriegs-Premier Winston Churchill, in seinen Augen habe England-Flieger Heß »durch seine aufopfernde und fanatische Tat hirnverbrannter Gutgläubigkeit gebüßt«.

Doch die alliierten Richter in Nürnberg verurteilten Heß zu lebenslanger Einschließung -- wegen »Verschwörung« und »Verbrechen gegen den Frieden« -- und ließen ihn nach Spandau bringen. Dort ist er nun seit 1966, als der ehemalige Reichsjugendführer Baldur von Schirach und Hitlers Rüstungsminister Albert Speer nach Verbüßung ihrer Strafen entlassen wurden, ganz allein in der Haftanstalt mit den 600 Zellen: gehütet mit einem Aufwand, »als gelte es, den Teufel persönlich zu überwachen« ("Frankfurter Allgemeine").

Er wird betreut von vier Ärzten, mehreren Direktoren und einem Militärgeistlichen, gesichert von den Militärs auf den Wachttürmen und insgesamt mehreren Dutzend Wächtern im Innern. Er denkt viel über die Konstellation der Gestirne nach und bringt das Gedachte zu Papier. Er verfertigt Exposés über Bücher, die er las -- insgesamt fast 5000, von Schopenhauer bis Tolstoi, von Problemen der Krebsheilung bis zur Welternährungslage.

Die Jahreskosten seiner Dauerbuße belaufen sich auf mehr als eine Million Mark, von denen der West-Berliner Senat 550 000 Mark an Personal- und Verwaltungskosten und die Bundeskasse den Rest als Besatzungskosten zu tragen haben. Auch diese letzte Besatzungslast von Bewachern wie Bewachtem zu nehmen, scheiterte bislang stets am Veto der Sowjets.

Einen Freilassungs-Appell des West-Berliner CDU-Fraktionsvorsitzenden Heinrich Lummer an den damaligen Sowjet-Botschafter Abrassimow in Ost-Berlin ließen die Sowjets zum Beispiel 16 Tage nach Eingang mit dem Vermerk »Annahme verweigert« an den Absender zurückschicken.

Grund dafür, so versichern Berliner Botschafts-Russen, ist freilich nicht so sehr der Wunsch, der Gerechtigkeit zu dienen, als vielmehr die Absicht, vorläufig keine Sieger-Gemeinsamkeit in Berlin preiszugeben. Das alliierte Hafthaus in Spandau gilt den Sowjet-Russen -- ebenso wie der Wachttrupp vor ihrem Ehrenmal im Tiergarten und die alliierte Viersamkeit in der Luftsicherungszentrale als -- Zeugnis ihrer Siegerrechte auch im Westen Berlins.

Dennoch glauben West-Berliner West-Alliierte, nun erste Anzeichen einer milderen Sowjet-Haltung wahrgenommen zu haben. Denn nach dem Abschluß der Viermächte-Verhandlungen hörten sich die Sowjets wenigstens an, was die Amerikaner vorzuschlagen hatten: Räumung des Monsterbaus in Spandau bei gleichzeitiger Fortsetzung der Heß-Haft in anderer Umgebung -- einer Art Urlaub auf Ehrenwort bei der Familie.

Das aber wollte Heß selber nicht. Der Häftling, dem seit seinem Flug nach England »latente Schizophrenie« nachgesagt wird, verzichtete -- ihm bedeute »Ehre« mehr als »Freiheit«. Heß: »Ich verlasse Spandau nur als freier oder toter Mann.«

Darüber aber hat, sagen die Sowjets, nun Bonn zu entscheiden. »Nach der Ratifizierung« der Ostverträge und nach Inkrafttreten des Berlin-Abkommens, so ein Amts-Sowjet zum SPIEGEL, könne man »über diese und andere Fragen reden«.

Kommt es doch noch zur Entlassung, werden andere Pläne entbehrlich: Nach vor Jahren beschlossenen Geheimabkommen soll Heß nach seinem Tod, so er in Haft stirbt, verbrannt und seine Asche in alle Winde verstreut werden.

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