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»In Afrika weiß jetzt jeder, wer der Boß ist«

Nach dem Ausgleich zwischen Südafrika und seinen schwarzen Nachbarn auch Rückzug der Kubaner aus Angola? Nichtangriffspakt zwischen dem marxistischen Mosambik und dem weißen Südafrika; Ausgleich auch zwischen Südafrika und Angola; Rückzug Südafrikas aus Namibia und womöglich der Kubaner aus Angola: Das gewaltige Übergewicht des Apartheid-Staates Südafrika zwingt die früheren Frontstaaten zur Kooperation. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Die Ehrengarden traten ins Gewehr. Premierminister Pieter Willem Botha (mit Hut) und Präsident Samora Machel (in weißer Marschallsgala) gingen aufeinander zu und schüttelten sich strahlend die Hände: Nichts für ungut, Herr Nachbar.

Dann schritten der schwarze und der weiße Afrikaner unter den Klängen ihrer Nationalhymnen gemeinsam die Ehrenformationen beider Streitkräfte ab, die noch vor knapp einem Vierteljahr aufeinander geschossen hatten.

Was einmal war, das sollte vergessen sein. Die Apartheid-Republik Südafrika und die linke Volksrepublik Mosambik wollen kooperieren. So steht es im Nichtangriffsvertrag von Nkomati, mit dem am Freitag vorletzter Woche der Premier aus Pretoria und der Präsident aus Maputo das vorläufige Ende eines langen, blutigen Kampfes besiegelten.

Zur gleichen Zeit strebte über dem Südatlantik in einer Sondermaschine der angolanischen Fluggesellschaft »Taag« eine hochkarätige Regierungsdelegation aus Luanda der Zuckerinsel Kuba zu, um mit Fidel Castro über den Abzug von 30 000 kubanischen Soldaten aus Angola zu beraten.

Es war an dem Tag, als in Cunene in Südangola acht Guerrilleros der linken »Südwestafrikanischen Volksorganisation« (Swapo) bei Kämpfen mit der aus angolanischen und südafrikanischen Soldaten gebildeten Ordnungstruppe getötet wurden. Schwarze Marxisten und weiße Rassisten Schulter an Schulter im Kampf gegen schwarze Patrioten. Krasser ließ sich die Wende im südlichen Afrika nicht dokumentieren.

Durch Afrika bläst wieder der »Wind des Wandels«, der Anfang der 60er Jahre die Reste der kolonialen Strukturen auf dem Schwarzen Kontinent zum Einsturz brachte. Doch diesmal weht er aus der Gegenrichtung: Die in Pretoria eingeleitete Neuordnung zementiert alte Strukturen, Friede kehrt ein. Nach allem, was man über die Friedensmächte weiß, wird sich auch die Unfreiheit stabilisieren.

Die Pax Pretoria ist das Resultat kühl kalkulierter Machtpolitik. »Die Nachbarstaaten«, sagt Hermann Giliomee, Politologe an der Universität Kapstadt, »wurden systematisch bis zu dem Punkt geprügelt, an dem es für sie nicht mehr weiterging.«

Die südafrikanische Luftwaffe hatte monatelang schwere Bombenangriffe gegen Guerilla-Stützpunkte in Südangola und Mosambik geflogen. Die südafrikanische Armee war mehrfach Hunderte Kilometer weit ins angolanische Hinterland vorgestoßen, um die Infrastruktur der Swapo zu zerschlagen. Die von Südafrika unterstützten Freischärler der »Nationalen Widerstandsbewegung von Mosambik« (MNR) und der angolanischen »Unita« schossen und bombten, bis die Regierungen in Maputo und Luanda verhandlungsreif waren. Heute, so schrieb der »Christian Science Monitor«, »ist Ruhe im südlichen Afrika, weil jetzt jeder weiß, wer der Boß ist«.

Im afrikanischen Alltag ist die »Baaskap«, die Führungsrolle, der Burenrepublik schon lange nicht mehr umstritten. Obwohl afrikanische Gipfelkonferenzen seit Gründung der »Organisation Afrikanischer Einheit« (OAU) vor 21 Jahren stets die gleiche stereotype Embargo-Resolution gegen Südafrika bekräftigen, treiben 45 von 50 OAU-Mitgliedsstaaten regelmäßig Handel mit Südafrika.

In den letzten Jahren lag der statistisch ausgewiesene Wert der Warenausfuhr von Weiß- nach Schwarzafrika stets zwischen drei und dreieinhalb Milliarden Mark. Weil viele Exporte buchhalterisch frisiert sind, liegt das echte Außenhandelsvolumen weit höher. Jeden Abend starten Frachtmaschinen der »South African Airways« mit neutral etikettierter Ware von Johannesburg in zwei Dutzend schwarzafrikanische Hauptstädte, mit frischem Obst, Fleisch und Gemüse für Kinshasa und Libreville, mit Konserven und Spirituosen für Lagos, mit Ersatzteilen für ghanaische Goldminen nach Accra.

Vor allem für die Nachbarn ist der Handel mit dem potenten Rassenstaat am Kap existenznotwendig. Sambia deckt sein ständiges Nahrungsmitteldefizit seit Jahren durch Getreideeinfuhren aus Südafrika. Simbabwe (vormals Rhodesien) erwirtschaftet mehr als die Hälfte seines Deviseneinkommens durch Exporte ans Kap, Botswana, Lesotho und Swasiland sogar bis zu 90 Prozent.

Und die von Dürrekatastrophen und sozialistischer Mißwirtschaft geschlagene Volksrepublik Mosambik sähe der schlimmsten Hungersnot ihrer Geschichte entgegen, wenn nicht Südafrika mit Lebensmitteln aushelfen würde. Der Marxist Samora Machel (so der Kapstädter »Argus") »hat stets gewußt, auf welcher Seite sein Brot gebuttert war«.

Als Eckpfeiler im weitmaschigen Verkehrsnetz des Subkontinents ist Südafrika gleichfalls unentbehrlich. Sogar die Kupferbarren aus den 2000 Kilometer entfernten Minen im zairischen Shaba werden über die Häfen in der Südafrika-Provinz Natal umgeschlagen.

Auch Kupfer aus Sambia wird über Richards Bay in Südafrika ausgeführt,

seit die »Resistencia« die Bahnlinie über Beira in Mosambik unterbrochen hat. Die »Uhuru«-Bahn zwischen dem sambischen Minengürtel und dem tansanischen Hafen Daressalam, die die Volksrepublik China Anfang der 70er Jahre unter Milliardenaufwand eigens für den Kupferexport errichtete, ist längst zum Provinzbähnle heruntergekommen.

Schwarzafrika hat die Rochade im Süden ohne sichtbare Erregung zur Kenntnis genommen. Die Entkolonisierung Rhodesiens war noch ein gesamtafrikanisches Anliegen gewesen - die Befreiung der schwarzen Südafrikaner ist es offenbar nicht mehr.

Was die Buren von den ehemaligen weißen Kolonialisten unterscheidet: Sie werden von vielen Schwarzen inzwischen als Afrikaner angesehen. In Schwarzafrika scheint sich die Überzeugung breitzumachen, daß die Überwindung der Rassentrennung am Kap ein internes südafrikanisches Problem sei.

Mosambiks Armeechef, General Sebastiao Mabote, hat Anfang März in einem Zeitungsinterview den neuen Trend noch einmal deutlich gemacht: In Südafrika, so sagte er, könne es, anders als seinerzeit in Rhodesien, keinen bewaffneten Freiheitskampf geben.

Denn: »Südafrika ist eine souveräne Republik, die von den Vereinten Nationen anerkannt ist.« Und Premier Botha, so teilte Sambias Staatschef Kenneth Kaunda dazu flankierend mit, sei ein »ernsthafter Mann, der bemüht ist, seinem ehrlichen Charakter in einem Meer von rassischen Tretminen zu folgen«.

Die Wende im Süden Afrikas ist nicht zuletzt ein Erfolg der amerikanischen Außenpolitik. Monatelang waren der Afrika-Referent im State Department, Chester Crocker, und sein Stellvertreter Frank Wisner zwischen Pretoria, Luanda, Maputo und den Kapverdischen Inseln hin- und hergejettet, um Weiß und Schwarz an den Verhandlungstisch zu bringen.

Der Durchbruch kam am Nikolaustag im Dezember. Während Crocker Südafrikas Außenminister Roelof (Pik) Botha in einem römischen Hotelzimmer das Zugeständnis abrang, sich für einen Truppenabzug Südafrikas aus Angola zu verwenden, handelte Wisner auf den Kapverden einer angolanischen Regierungsdelegation die Konzession ab, die Swapo in Namibia fallenzulassen. Am 16. Februar wurde die Vereinbarung in der sambischen Hauptstadt Lusaka in Vertragsform gegossen.

Am Montag vergangener Woche übermittelte die amtliche kubanische Nachrichtenagentur Prensa Latina dann den Paukenschlag aus Havanna. Die Genossen Fidel Castro und Jose Eduardo dos Santos, der Staatschef von Angola, hätten, so hieß es, in Würdigung »des Heldentums des angolanischen Volkes« und seiner »grenzenlosen Dankbarkeit für die internationalistische Hilfe des kubanischen Volkes« die Modalitäten für den Abzug der in Angola stationierten Kubaner besprochen.

Die Konditionen sind Selbstgänger: Unabhängigkeit für Namibia zu den in der Uno-Resolution 435 von 1978 festgeschriebenen Konditionen, Stopp der südafrikanischen Waffenhilfe für die »Unita«, Rückzug der südafrikanischen Truppen aus Südangola und Einstellung »jeder Art von Aggression und Aggressionsdrohung gegen Angola«.

Die zwei letzten Bedingungen sind bereits so gut wie erfüllt - der Abbau der südafrikanischen Truppenpräsenz in Angola lief bis vorige Woche planmäßig.

Auch die zwei ersten Punkte sind kein Hindernis. Pretoria hat sich längst mit dem Gedanken abgefunden, Namibia aufzugeben. Denn die 1,2 Millionen Weißen und Schwarzen im ehemaligen Deutsch-Südwest liegen dem südafrikanischen Steuerzahler mit jährlich einer Milliarde Rand (2,1 Milliarden Mark) auf der Tasche, seit auch die namibische Wirtschaft auf Talfahrt gegangen ist. Namibia, so hatte Premier Botha schon 1982 gesagt, sei ein »Mühlstein«, den man loswerden müsse.

Die Buren müssen zwar damit rechnen, daß die marxistische Swapo, die das Staatsvolk der Ovambos hinter sich hat, im unabhängigen Namibia den Ton angeben wird. Doch die Vision von »roten Fahnen über Windhuk« hat ihre Schrecken verloren: Wenn Südangola erst einmal militärisch neutralisiert ist, bleibt Namibia nichts als die Anlehnung an die Apartheid-Republik.

Die Überwachung der Namibia-Wahlen durch eine Streitmacht der Vereinten Nationen, von den Weißnationalen in Pretoria seit vielen Jahren verbissen zurückgewiesen, ist offenbar nur noch eine Formalität. Der in Johannesburg erscheinende »Star« zitiert dazu ein anonymes Mitglied der Regierung in Lusaka: »Wenn Südafrika sich echt dazu entschlossen hat, Namibia ziehen zu lassen, dann gibt es keinen Grund, den ganzen Zirkus überhaupt noch zu veranstalten.« Die Afrikaner wären dann bereit, die Uno-Resolution 435 großzügig auszulegen: »Dann kann die Uno kommen und die Unterzeichnungszeremonie überwachen.«

Wie frei die Bürger in einem unabhängigen, Swapo-beherrschten Namibia sein würden, ist noch nicht abzusehen. Staatschef in spe Sam Nujoma hat zu erkennen gegeben, daß demokratischer Pluralismus nicht nach seiner Facon ist. Die Swapo, so sagt er, sei nicht bereit, die Macht in Namibia mit einer anderen Partei zu teilen. Für die 30 000 Südwest-Deutschen hat er »keine Verwendung im unabhängigen Namibia«. Und die Buren sollen besser gleich »abhauen nach Südafrika«.

Doch die Swapo-Spitze muß nicht so bleiben, wie sie ist. Nujomas Anhänglichkeit an die Bruderparteien in Moskau und Ost-Berlin stößt vielen Genossen auf. In Südafrika wird mit Genugtuung registriert, daß der vergleichsweise liberale Swapo-Repräsentant bei der Uno, Ben Gurirab, in letzter Zeit an Profil gewonnen hat.

Auch unabhängig von der Namibia-Frage wird der Friedensschluß mit Angola schwieriger sein als der mit Mosambik: Mit wem Präsident dos Santos kooperiert und zu welchen Bedingungen, darüber haben seine Verbündeten mitzuentscheiden. Sowjets und Kubaner sind für

dos Santos und dessen regierende MPLA unentbehrlich im Kampf gegen die Unita.

Rund die Hälfte von Angolas Staatseinkommen geht für Waffenkäufe im Ostblock und für Stationierungskosten drauf. Denn die Genossen lassen sich ihre Solidarität teuer bezahlen: Die 30 000 kubanischen Soldaten kosten rund 250 Dollar pro Mann und Monat, die Ärzte über 2000 Dollar.

Die MPLA hat nur die Wahl zwischen zwei Übeln. Entweder sie sieht auf unabsehbare Zeit zu, wie das Land unter den Auswirkungen des Bürgerkriegs ausblutet. Oder sie akzeptiert eine Koalitionsregierung mit den »Unita-Banditen« (amtliche Sprachregelung).

Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß Luanda und Pretoria sich auf einen Rückzug der Kubaner auf die Nordhälfte Angolas und damit faktisch die Teilung des Landes in einen MPLA- und einen Unita-Teilstaat verständigen.

Denn Jose Eduardo dos Santos ist - obwohl er in Moskau studiert und eine Russin geheiratet hat - kein dogmatischer Kommunist. Er predigt seit Jahren die Öffnung nach Westen, weil er eine Sanierung der Wirtschaft nur in Zusammenarbeit mit Amerikanern und Südafrikanern für möglich hält. Bislang aber konnte er sich gegen die moskautreue Fraktion in der MPLA nicht durchsetzen.

Die Reaktion der Sowjetmedien auf die Detente im südlichen Afrika läßt vermuten, daß Moskau den Friedensbemühungen seiner afrikanischen Alliierten nur mißmutig zugestimmt hat. Die Vereinigten Staaten, kommentierte die amtliche Nachrichtenagentur Tass, spielten sich als Friedensengel auf, scheuten sich aber nicht, »die hochgestellten Halsabschneider der Unita« zu hofieren. Und Radio Moskau warnte gleichzeitig davor, die Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika »auf dem Altar der Entspannung« zu opfern.

Am härtesten getroffen hat es den »Afrikanischen Nationalkongreß« (ANC), der von Mosambik aus Terrorakte in den südafrikanischen Nordprovinzen Natal und Transvaal verübte, und die »Nationale Widerstandsbewegung von Mosambik« (RNM), die - mit Hilfe Südafrikas - Machels Regime zu unterminieren suchte. Noch am Tag der Vertragsunterzeichnung mußte der in Transvaal postierte RNM-Sender »Stimme des Freien Afrika« seine Sendungen nach Mosambik einstellen.

Die MNR hat immerhin noch ihre Stützpunkte in Mosambik. Der ANC dagegen ist praktisch heimatlos: Die meisten der 1500 bis 2000 aktiven ANC-Kämpfer operierten von Mosambik aus - der Sperrvertrag zwischen Maputo und Pretoria hat ihnen die Operationsbasen entzogen.

Pretoria hat bei Mosambik-Staatschef Samora Machel sogar die Ausweisung des südafrikanischen KP-Führers Joe Slovo durchgesetzt, dessen Frau vor zwei Jahren von einem Sprengstoffpaket zerrissen wurde. ANC-Präsident Oliver Tambo mußte gleichfalls ausreisen. Er traf Anfang vergangener Woche in London ein, um dort ein Interims-Hauptquartier einzurichten.

Letzten Widerstand gegen den Ausgleich zwischen Schwarz und Weiß im südlichen Afrika leistet Simbabwes Staatschef Robert Mugabe. Doch die Wirtschaft von Simbabwe kränkelt, und auch für sie gibt es nur eine Kur: den Handel mit Südafrika.

Nach der Zerschlagung der gewalttätigen Opposition liegt die Last des schwarzen Widerstands in Südafrika gegen die weißen Herren am Kap jetzt bei der »Vereinigten Demokratischen Front«, einer rassisch neutralen Sammlungsbewegung, der rund 400 politische Vereinigungen angehören. Die »Front« setzt auf gewaltlose Mittel zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele, weil sie davon ausgeht, daß die Buren begreifen: Ohne eine substantielle - und nicht nur kosmetische - Lockerung der Apartheid in Südafrika wird der außenpolitische Ausgleich auf die Dauer nicht halten.

Den Fluchtpunkt seiner Politik definierte »Front«-Chef Pastor Allan Boesak vergangene Woche auf einer Massenversammlung in Pretoria: »Wir müssen stark sein. Wir müssen dieser Regierung sagen: Ganz gleich wie viele Verträge ihr mit Mosambik macht, den letzten Vertrag macht ihr mit uns.« _(Bei einem Angola-Besuch 1979. )

[Grafiktext]

ZAIRE KENIA Kinshasa TANSANIA CABINDA Daressalam Luanda Lubumbashi Huambo ANGOLA SAMBIA Lusaka MOSAM-BIK Harare NAMIBIA BO-TSWANA SIMBAB - WE Beira MALAWI Windhuk Gaborone Pretoria Maputo SWASILAND SÜDAFRIKA LESOTHO Kapstadt 600 Kilometer von der Unita beherrschtes Gebiet

[GrafiktextEnde]

Bei einem Angola-Besuch 1979.

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