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Bosnien »In den Autobus und ab«

Von Renate Flottau
aus DER SPIEGEL 24/1994

Die Augenhöhlen von Omer, 30, sind schwarz umrandet. Der Moslem ist fast zum Skelett abgemagert. Er hat Angst. Das Gespräch könnte eine Falle sein. »Wenn die Serben mich hier finden«, sagt er und zündet sich eine weitere Zigarette an, »werden sie mich umbringen.«

Omer ist Zeuge des anhaltenden Terrors in Bosnien-Herzegowina. Zeuge neuer Lager, in denen Menschen wie Vieh gehalten, gedemütigt und auch brutal getötet werden. Verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit, tief in den bosnischen Wäldern und Bergen, halten serbische Freischärler Moslems, Kroaten und eigene Leute gewaltsam in Arbeitslagern eingesperrt.

Das größte von ihnen liegt in Manjaca, etwa 30 Kilometer von Banja Luka entfernt. Gleich nachdem dort im Sommer 1992 Kriegsgefangene unter dem Druck der Weltöffentlichkeit entlassen worden waren, sei sein eigenes Dorf, so Omer, von der Armee überfallen worden. Mit 140 anderen kräftigen Männern kam der junge Moslem auf Lastwagen nach Manjaca und mußte dann eineinhalb Jahre lang Bäume fällen - von Sonnenaufgang bis zum Einbruch der Dunkelheit.

Unter den Zwangsarbeitern befinden sich nach Angaben von Omer auch serbische Deserteure oder Kriegsdienstverweigerer. In den mit Stacheldraht eingezäunten und von schwerbewaffneten Soldaten bewachten Kasernen würden sie ideologisch »umgeschult«.

Denn die bosnischen Serben brauchen Soldaten. Allein im Krankenhaus von Doboj wurden bei den Kämpfen der letzten Woche täglich bis zu hundert Schwerverletzte von der Front eingeliefert. Die Armee hatte sogar 15jährige ins Feuer geschickt.

Omer hatte Glück. Ihm gelang die Flucht. Fast eine Woche benötigte er, um sich vom Lager Manjaca durch unwegsames Gelände, vorbei an Stellungen der Armee, in Sicherheit zu bringen. Jetzt sitzt er in einem unscheinbaren Haus am Stadtrand von Banja Luka, in dem sich jeden Abend Nachbarn treffen. Sie verbringen die Nacht gemeinsam, aus Angst vor Übergriffen der serbischen Polizei.

Murat, kaum 18, hält an diesem Abend Wache. Er kam erst vor kurzem von einer vierwöchigen »Arbeitsaktion« in Brcko zurück. Spezialschwadronen hatten ihn im Einkaufszentrum von Banja Luka aufgegriffen, als er in einem Cafe saß. Mit weiteren 50 bis 60 Männern wurde er in offenen Lastwagen nach Brcko gekarrt, um dort an der Frontlinie Schützengräben auszuheben.

Niemand weiß genau, wie viele Moslems und Kroaten in Banja Luka noch leben. 1991, bei der letzten Volkszählung, waren es noch rund 60 000. Kaum die Hälfte, vermutet die Uno, könnte dem Druck standgehalten haben.

»Wir vertreiben niemanden mit dem Gewehr«, sagt Predrag Radic, seit 1991 Bürgermeister von Banja Luka, »aber hier sind nur loyale Moslems und Kroaten erwünscht. Für den Rest gilt: in den Autobus und ab.« Daran werde, so Radic, weder ein Waffenstillstand noch ein Friedensabkommen etwas ändern.

Ein großer, leerer Platz im Zentrum der Stadt - mit einer silbernen Kuppel, die achtlos auf einen Müllhaufen zur Seite geworfen wurde: Hier stand einst der Stolz der Bürgerstadt Banja Luka, die unter Unesco-Schutz stehende Ferhad-Pascha-Moschee aus dem 16. Jahrhundert. Sie wurde mit der nicht weniger berühmten Arnaudi-Moschee im Frühjahr 1993 in die Luft gejagt - die Zeitzünder waren gleichgeschaltet. Noch in derselben Nacht ließ die Regierung die verbliebenen Steinbrocken mit Lastwagen abtransportieren, aus Angst, das Kulturdenkmal könnte wieder aufgebaut werden.

Keine der ehemals 14 Moscheen Banja Lukas steht mehr. Keiner der Täter ist bis heute gefaßt. Nur ein paar Schritte von der Ferhad-Pascha-Moschee entfernt, in einer kleinen Seitenstraße, stand bis vor kurzem das Gebäude der moslemischen Hilfsorganisation Merhamet. Jetzt ist es ausgeräuchert, vom Keller bis zum Dachboden. Die Luntenleger hatten es auf die umfangreiche Dokumentation abgesehen, die hier über Kriegsverbrecher und Gefangenenlager geführt wurde.

Von ethnischen Säuberungen in Banja Luka, behauptet der Serbenvormann Radic, könne keine Rede sein. Wenn Bürger hier abzögen, dann handle es sich um einen freiwilligen Bevölkerungswechsel, einen Austausch von Wohnungen »in Ehre und Anstand«.

Als Zeichen der »sanften Säuberungswelle« kleben an jedem Baum in Banja Luka neben den Todesanzeigen Dutzende von Zetteln, mit deren Hilfe Auswanderungswillige versuchen, ihr Heim zu tauschen mit Serben, die sich in bosnisch kontrollierten Regionen unterdrückt fühlen. Die Stadtverwaltung nimmt achselzuckend in Kauf, daß sich 12 000 serbische Flüchtlinge in Banja Luka gewaltsam »ihr Recht« suchen.

Wer Banja Luka verläßt, muß schriftlich bestätigen, daß diese Entscheidung »unwiderruflich und endgültig« sei. Eine Rückkehr wird, auch wenn künftige Friedensverträge etwas anderes beschließen sollten, als »unerwünscht« bezeichnet. Immer mehr Bosnier islamischen Glaubens wandeln nun, um sich ein Leben in Flüchtlingslagern und Armut zu ersparen, ihre Namen in serbische um. Es ist die einzige Chance, Arbeitsplatz und Wohnung im neuen, serbischen Staat zu behalten.

Während UNHCR-Sprecher Peter Kessler aus Zagreb Banja Luka als neues Warschauer Ghetto beschreibt, beschwichtigt sein Schweizer Kollege vom Roten Kreuz, Christian Brunner, mit makabrer Gemütsruhe: Die Situation sei nicht so schlimm, aber natürlich komme es vor, daß »die Serben nach einer Menge Sliwowitz« mal wüteten.

Der katholische Bischof von Banja Luka, Franjo Komarica, beklagt hingegen die andauernden Menschenrechtsverletzungen und den Zynismus des Westens: »Wenn die Serben Hunderte von Hunden töteten«, so der Bischof, »wäre der Aufschrei der Welt sicher größer.«

Angst, Elend und Tod sind die Wappenvögel der illegalen Serbischen Republik in Bosnien mit ihrer Kapitale Banja Luka. Kaum eine Familie entlang dem Korridor blieb verschont. Auch an »serbischen« Opfern - orthodoxen Gläubigen hier im Norden Bosniens - fehlt es nicht.

Schon lange wagt sich die 29jährige Radmila nicht mehr auf die Straßen von Kotor Varos, 40 Kilometer von Banja Luka entfernt. Sie gibt an, die einzige überlebende Zeugin eines Massakers zu sein, bei dem im September 1992 ihr Heimatdorf Serdari ausgelöscht wurde. Moslems sollen morgens um kurz nach sechs die Häuser angezündet und die Einwohner getötet haben.

An ihrer Wohnungstür fehlt das Namensschild. Radmila kennt die Mörder, und die Mörder wissen, daß sie noch lebt. Y

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