Zur Ausgabe
Artikel 1 / 19

USA / NIXON In den Pantoffeln Eisenhowers

aus DER SPIEGEL 42/1955

Der 36. Vizepräsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten unterscheidet sich von seinen Amtsvorgängern durch zwei Tatsachen:

▷ Er ist der erste, der im 20. Jahrhundert geboren wurde, und

▷ er ist - als Kalifornier - der am weitesten westlich geborene.

Seit Präsident Eisenhower in der Nacht zum Sonnabend, dem 24. September, einen Herzanfall erlitt, bangt Amerika, daß Geburtsdatum und Geburtsort die einzigen Vorzüge sein könnten, die Richard Milhous Nixon, 42, aus der Reihe der stellvertretenden Staatsoberhäupter Amerikas herausheben. Denn diese Reihe ist, abgesehen von einigen Könnern und etlichen Schurken, eine Galerie von Nullen. Man nennt sie nach einem amerikanischen Singspiel die »Throttlebottom-Dynastie«, was soviel bedeutet wie die »Trottel-Dynastie«.

Der wohl älteste und dauerhafteste politische Witz Amerikas zielt auf die Vizepräsidenten. Fragt ein Mann einen anderen: »Sagen Sie, was machen eigentlich Ihre beiden Söhne?« Antwortet der: »Oh, von beiden hat man nie wieder etwas gehört. Der eine wurde Seemann, der andere Vizepräsident.«

John Adams, unter George Washington der erste Vizepräsident und von 1797 bis 1801 Präsident der Vereinigten Staaten, sagte von dem Amt des Vizepräsidenten, es sei »das bedeutungsloseste, das menschliche Erfindungskraft je geschaffen und das menschliche Phantasie je sich vorzustellen vermocht hat«.

Am 20. Januar 1953 - dem Tag, an dem Nixon an der Seite Dwight D. Eisenhowers sein wenig gerühmtes Amt antrat - erwartete niemand von ihm, daß er sich durch politische Weisheit und Größe

auszeichnen werde. Ein namhafter europäischer Korrespondent schrieb damals: »Schon der physiognomische Instinkt des Beobachters wehrt sich dagegen, Nixon für einen bedeutenden Mann zu halten.«

Ahnungs- und sorgenvoll hatte zuvor die demokratische Wahlpropaganda gewarnt: »Nur ein Herzschlag trennt uns von der Präsidentschaft Nixons.«

Die runde Stirn, die Entenschnabelnase mit Himmelfahrts-Stups und die prallen Pausbacken ließen Nixon neben der Figur des Kreuzfahrer-Präsidenten wie eine etwas zu groß geratene Raffaelsche Engelsputte erscheinen. Sein zutuliches Aussehen war sicher einer der Gründe gewesen, derentwegen ihn die Republikanische Partei hatte kandidieren lassen. Die Rolle des politischen Parsifals, dessen Unschuld die Herzen mütterlicher Wählerinnen

höher schlagen lassen sollte, war ihm damit vorgeschrieben.

Fast seit Beginn der Geschichte der Vereinigten Staaten suchen die amerikanischen Parteien den Mann, dessen Name neben dem des Präsidentschaftskandidaten auf ihrem Wahlzettel steht, nach opportunistischen Gesichtspunkten aus. Wenig schert es sie, ob der Vizepräsident Eigenschaften besitzt, die ihn befähigen, einmal Staatsoberhaupt zu sein. Hauptsache ist ihnen, daß er dem Präsidentschaftskandidaten Stimmen zuführt - sei es aus einem Landesteil, wo der Präsidentschaftskandidat nicht populär ist, sei es von einem Parteiflügel, der bei der Wahl des Präsidentschaftskandidaten unterlegen war.

Das Unglück in der Geschichte der amerikanischen Vizepräsidenten begann im Jahre 1801 mit einem Mann namens Aaron Burr. Gegen Ende seiner Amtszeit als Stellvertreter des Präsidenten Jefferson schoß er im Duell einen persönlichen Gegner nieder. Er wurde unter Mordanklage gestellt, ging später nach New Orleans und versuchte, dort eine separatistische Bewegung zu entfachen. Als Landesverräter verfemt, reiste er nach Europa und lebte dort - unter anderem auch in Deutschland - fünf Jahre lang.

Schließlich kehrte er nach New York zurück und heiratete eine Prostituierte. Er starb als Achtzigjähriger, nachdem ihm seine Frau kurz zuvor wegen Untreue den Prozeß gemacht hatte, und hinterließ sein Vermögen seinen beiden illegitimen Töchtern, von denen die eine zwei und die andere sechs Jahre alt war.

Ein ähnliches Schicksal hatte John Cabell Breckinridge. Nachdem er unter James Buchanan von 1857 bis 1861 Vizepräsident gewesen war, stellte er sich im amerikanischen

Bürgerkrieg auf die Seite der Südstaaten und war eine Zeitlang deren Kriegsminister. Nach der Niederlage seiner Partei raubte er ein Schiff und wurde Pirat. Lange Zeit machte er von Kuba aus die Schiffahrtswege der Karibischen See unsicher. Auch er mußte nach Europa fliehen und starb schließlich als unbeachteter Remigrant auf seiner Farm in Kentucky.

Der Prototyp der vielen unbedeutenden Vizepräsidenten Amerikas war Thomas R. Marshall, der Stellvertreter des Präsidenten Woodrow Wilson (1913 bis 1921). Er war ein mürrischer Witzbold, der sich der Nation hin und wieder durch ein paar Albernheiten bemerkbar machte. Nach der Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg posierte er auf den Treppen des Washingtoner Capitols mit einer deutschen Pickelhaube auf dem Haupt.

In Marshalls Amtszeit fiel der eine der beiden Präzedenzfälle für die gegenwärtige, durch Eisenhowers Krankheit gegebene Situation. Am 26. September 1919 - 17 Monate vor Ablauf seiner zweiten Präsidentschaft - wurde Wilson von einem Schlaganfall getroffen. Entsetzt weigerte sich Marshall, überhaupt den Gedanken in Betracht zu ziehen, daß er die Präsidentschaft übernehmen könne. Wochenlang wurde Amerika von Edith Wilson, der Frau des Präsidenten, und von einem meuternden Kongreß regiert. Wilsons Völkerbundspolitik ging in jenen Wochen in die Brüche - ein tragischer Vorgang, dessen Beispielhaftigkeit für Eisenhowers eben im Werden begriffene »Entspannungspolitik« die Amerikaner tief bedrückt.

Der andere Präzedenzfall ist der des Präsidenten James A. Garfield. Am 2. Juli 1881 - vier Monate, nachdem er seine

Präsidentschaft angetreten hatte - wurde Garfield von einem abgewiesenen Stellensucher angeschossen. Achtzig Tage lang kämpfte er mit dem Tode, und ebensolange war das Land praktisch ohne Regierungschef, denn die Verfassung gibt keine schlüssige Auskunft darüber, wann und

unter welchen Umständen die Macht des Präsidenten auf dessen Stellvertreter zu übertragen ist.

Kurz vor dem Tode Garfields am 19. September 1881 kam es zu einem dramatischen Rechtsstreit. Drei Regierungsmitglieder wollten den Vizepräsidenten Chester A. Arthur bewegen, die Macht zu übernehmen. Vier Minister waren dagegen, weil die Verfassung nicht festlegt, wann der amtierende Präsident seine Macht an den wiedergesundeten Präsidenten zurückgeben muß. Der Streit blieb unentschieden, da Garfield kurz danach starb und Arthur damit zwangsläufig Präsident wurde.

Erstaunlicherweise ist jedoch den Amerikanern ihr Leichtsinn bei der Wahl der stellvertretenden Staatsoberhäupter niemals richtig übel bekommen. Alle Vizepräsidenten des letzten Jahrhunderts, die durch den Tod des Präsidenten in das Weiße Haus gelangten, entpuppten sich dort zur Überraschung ihrer Zeitgenossen als achtbare und zum Teil bedeutende Männer.

Als Präsident William Henry Harrison im Jahr seines Amtsantritts (1841) an Lungenentzündung starb, schickte man einen Boten zum Wohnsitz des Vizepräsidenten John Tyler. Der Bote fand ihn mit einigen Jungen auf der Straße spielend. Tyler sammelte seine Murmeln auf, reiste nach Washington und wurde ein guter Präsident.

Der Mord an Präsident William McKinley am 6. September 1901 hievte gar einen der großen Männer der amerikanischen Geschichte aus der Vergessenheit der Vizepräsidentschaft. Freilich war McKinleys

Stellvertreter Theodore Roosevelt eine rühmliche Ausnahme in der Galerie der Vizepräsidenten. Er war 42 Jahre alt, als McKinley ermordet wurde, und hatte sich zuvor als Schriftsteller, Beamter und im Krieg gegen Spanien als Führer der berühmten Rauhreiter - eines Freischärler-Verbandes - hervorgetan. Gleichwohl war die Mehrheit der Republikaner, deren Kandidat McKinley gewesen war, bestürzt und verbittert, daß nun »dieser wilde Mann« (Roosevelt) Präsident geworden war. Der große Wirtschaftsmagnat aus Ohio, Mark Hanna, der McKinley »gemacht« hatte, schimpfte in dem Trauerzug des toten Präsidenten: »Und jetzt ist dieser verdammte Cowboy Präsident der Vereinigten Staaten.«

Roosevelt wurde im Jahre 1904 als Präsident wiedergewählt und ging als Schöpfer des amerikanischen Beamtenapparats und als Zertrümmerer der großen Industrie-Trusts in die Geschichte ein.

Von Theodore Roosevelt stammt eine der zahllosen Vizepräsidenten-Anekdoten. Im Büro des Präsidenten im Weißen Haus hing damals ein prächtiger Kronleuchter aus Glas, den einst Thomas Jefferson aus Paris mitgebracht hatte. Roosevelt hatte sich jahrelang über das ständige Klingeln des Leuchters geärgert und schickte ihn schließlich seinem Stellvertreter in dessen Büro im Capitol - mit der Begründung: »Der hat ohnehin nichts zu tun. So schläft er wenigstens nicht ein.«

Im Jahre 1944 wählte Amerika Harry S. Truman zum Stellvertreter Franklin Delano Roosevelts*). Der Wirtschaftspolitiker Baruch, die große Hintergrundfigur der amerikanischen Politik, nannte den neuen Vizepräsidenten damals einen »groben und ungebildeten Mann«, und das intellektuelle Amerika mokierte sich über den ehemaligen

*) Theodore Roosevelt und Franklin Delano Roosevelt waren Vettern fünften Grades. »Krawattenhändler«, der - nachdem er Bankrott gemacht hatte - von Tom Pendergast, einem der schlimmsten politischen Korruptionisten Amerikas, zum Senator gemacht worden war.

Pendergast war der Boß der demokratischen Parteimaschine im Staate Missouri. Er stand mit Berufsmördern und Zuhältern auf du und du, verstand sich auf jede Form der Erpressung und lebte davon, daß seine Schützlinge in der Stadtverwaltung von Kansas City für den Absatz seiner Zementfabrik sorgten. Damals wurde der Brush Creek, ein zahmer Bach, der durch Kansas City fließt, über viele Kilometer in ein neues Bett geleitet; das Bachbett existiert noch heute und besteht aus 20 Meter dickem Beton.

Aus diesem Sumpf stammte Harry S. Truman. Noch im Jahre 1945 lobte er ganz unbefangen - und in wohlmeinender Absicht - seine ehemaligen Förderer. »Onkel Joe (Stalin)«, sagte er, als er aus Potsdam nach Washington zurückgekehrt war, »hat mich an Boß Tom (Pendergast) erinnert.« Gleichwohl wurde Truman ein tüchtiger Präsident. Im Jahre 1948 wählte ihn Amerika zum zweitenmal.

In Nixons Laufbahn gibt es wenig, was sie von dem Werdegang seiner vielen rechtschaffenen, aber längst der Vergessenheit anheimgefallenen Vorgänger unterscheidet. Als Sohn eines frommen Straßenbahnschaffners am 9. Januar 1913 in Yorba Linda (Kalifornien) geboren, waren Beten und Arbeiten der Hauptinhalt seiner Jugendzeit. Sein Vater hatte in geschäftlichen Dingen eine wenig glückliche Hand. Sein Versuch, mit einer Zitronenplantage zu Wohlstand zu kommen, endete mit Konkurs. Ein zweiter Versuch - ein Kolonialwarenhandel in der kleinen kalifornischen Stadt Whittier - gedieh nur spärlich.

Zwei Brüder Nixons starben frühzeitig - einer an Tuberkulose.

Nixon rackerte sich aus diesem Arme-Leute-Milieu mit unermüdlichem Fleiß empor. Fleiß und Beharrlichkeit sind noch heute seine hervorstechenden Charaktereigenschaften. Sie kennzeichnen ihn als den Angehörigen einer amerikanischen Generation, der mehr seßhafte Tüchtigkeit als Wagemut eigen ist.

Im Jahre 1937 - nachdem er sein juristisches Examen bestanden hatte - ließ Nixon sich in Whittier als Anwalt nieder, lernte eine Gymnasiallehrerin kennen, die wie er aus ärmlichen Verhältnissen stammte, und heiratete.

Im Kriege war er zunächst Beamter, später Offizier im Nachschubdienst der Kriegsmarine. Nach dem Kriege warf ihm eine Zeitungsanzeige die Chance seines Lebens zu. In der Annonce suchte die Republikanische Partei Kaliforniens einen Kandidaten für die Kongreßwahlen des Jahres 1946.

Nixon ließ sich von Freunden davon überzeugen, daß er der richtige Mann sei, und meldete sich. Am 4. November 1946 spülte ihn die Abneigung des Pionier-Staates Kalifornien gegen den Roosevelt-Sozialismus ins Washingtoner Repräsentantenhaus.

Zwei Ereignisse in der nun folgenden politischen Laufbahn Nixons zeigten, welcher Art der Mensch war, der sich hinter der Fassade des kalifornischen Kleinstadt-Advokaten verbarg.

Das erste Ereignis war der Fall »Alger Hiss«, des kommunistischen Beamten im amerikanischen Außenministerium, der jahrelang den sowjetischen Nachrichtendienst mit Informationen über die amerikanische Außenpolitik versorgt hatte.

Die Geschichte begann für Nixon damit, daß die republikanische Fraktion im Repräsentantenhaus dem jungen Abgeordneten

einen Sitz im »Ausschuß für die Untersuchung unamerikanischer Tätigkeit« anbot. Es war eine wenig attraktive Offerte. Die Kommunistenjäger galten noch nicht als Nationalhelden wie einige Jahre später zu McCarthys Glanzzeiten. Der Vorsitzende des Ausschusses war korrupt und wurde wenig später wegen Unterschlagung ins Gefängnis geworfen. Nixon aber hatte inzwischen gelernt, daß der Politiker nach jeder Chance schnappen muß, die ihm Aussicht bietet, sich einen Namen zu machen.

Anderthalb Jahre später stand vor dem Komitee ein schwammiger, ältlicher Mann namens Whittaker Chambers, ein ehemaliger Kommunist. Er beschuldigte einen engen Mitarbeiter des Präsidenten F. D. Roosevelt, den persönlichen Freund des Außenministers Dean Acheson und Diplomaten Alger Hiss, des Landesverrats: Er - Whittaker Chambers - sei lange Zeit der Kontaktmann zwischen Hiss und den Sowjets gewesen.

Das Komitee schenkte dem obskuren Denunzianten wenig Glauben. Hiss leugnete, ihn überhaupt zu kennen. Das Komitee war geneigt, Chambers nach Hause zu schicken und die Untersuchung fallenzulassen.

Nur Nixon opponierte. Er, der zähe Rakkerer, der seinen Aufstieg fast ausschließlich beharrlicher Arbeit verdankte, hatte von vornherein einen Widerwillen gegen den intellektuellen, geschliffenen Hiss gefaßt. »Alles, was Hiss sagt«, begründete er seinen instinktiven Verdacht, »ist zu glatt, zu sorgfältig bedacht.«

Das war eine Überlegung ganz nach dem Geschmack der Farmer des Mittleren Westens und der Massen im ganzen Land.

Die »Eierköpfe« - die Intellektuellen, die F. D. Roosevelt einst in seinem »Gehirntrust« versammelt hatte - hatten dem amerikanischen Mister Jedermann eigentlich nie behagt.

Nixon nahm sich den Denunzianten in Privatsitzungen vor. Hiss hatte geleugnet, den Whittaker Chambers jemals gesehen zu haben. Nixon fragte Chambers, ob er besondere Neigungen des Hiss kenne, und der ehemalige Kontaktmann erinnerte sich, daß Hiss ein Vogelliebhaber sei.

Beim nächsten Verhör pfiff Nixon dem Hiss den Ruf eines seltenen Vogels vor. Ob Hiss den Vogel kenne, fragte Nixon den Beschuldigten, und Hiss nannte ahnungslos den Namen. Die Behauptung des Hiss, er kenne den Whittaker Chambers überhaupt nicht, war damit schwer erschüttert, denn wie sollte Whittaker Chambers, ohne je die persönliche Bekanntschaft des Hiss gemacht zu haben, von einer so intimen Neigung des Beschuldigten wissen, wie es die Vorliebe für Vögel ist?

Der Trick mit dem Piepmatz soll der Anfang vom Ende des Alger Hiss gewesen sein. Jedenfalls behauptet das die Legende vom politischen Parsifal Nixon, der ausgezogen war, die Kommunisten zu besiegen. Und Whittaker Chambers tat alles, um die Legende zu belegen. Er schrieb in seinem Buch über den Fall Hiss: »Für meine Kinder blieb er (Nixon) immer ''Nixie'', der Freundliche und der Gute, mit dem man keinen Schabernack treiben durfte. Sein ziemlich kämpferisches Quäkertum amüsierte mich manchmal, aber immer empfand ich es mit Rührung.«

Der Sieg des braven Volkssohnes über den »Eierkopf« Hiss machte Nixon in ganz Amerika berühmt und sicherte dem jungen Abgeordneten einen Platz in den Herzen aller redlichen Amerikaner. Im Jahre 1950 wählte Kalifornien den damals 37 Jahre alten Nixon in den Senat. Das war eine erhebliche Beförderung, denn der Senat hat sehr viel mehr politische Bedeutung als das Repräsentantenhaus, in dem Nixon vorher gesessen hatte.

Das zweite Ereignis, das den Menschen Nixon enthüllte, geschah vier Jahre nach dem Fall Hiss - im Jahre 1952. Die Republikanische

Partei hatte Nixon für die Vizepräsidentschaft nominiert. Er war ein idealer zweiter »Mann": jung, bei den Massen berühmt und beliebt - und ein Kalifornier.

Die letzte Tatsache war von erheblicher Bedeutung - das politische Schwergewicht Amerikas wandert langsam nach Westen. Die Verschiebung zeichnet sich in der geographischen Lage der Geburtsorte der amerikanischen Präsidenten ab. Truman stammt aus dem Städtchen Lamar im Staate Missouri. Vor ihm hatte es keinen Präsidenten gegeben, der so weit im Westen geboren worden war. Ihm folgte Eisenhower. Sein Geburtsort liegt noch weiter westlich, in Texas, dem stürmisch aufwärtsstrebenden Staat am Golf von Mexiko.

Der Westen Amerikas gewinnt ständig an wirtschaftlicher Bedeutung. Kalifornien ist nach dem Staate New York heute der volkreichste unter den 48 Staaten Amerikas. Er besitzt die meisten Autos und die größte Bank der Vereinigten Staaten, die Bank of America. Wenn Eisenhower im nächsten Jahr nicht kandidiert, was zur Zeit als wahrscheinlich gilt, haben drei Kalifornier die größte Aussicht, von der Republikanischen Partei für die Präsidentschaft nominiert zu werden. Es sind neben Nixon

▷ Earl Warren, der langjährige Gouverneur Kaliforniens und jetzige Oberste Richter der Vereinigten Staaten, und

▷ Senator William Fife Knowland, der Fraktionsführer der Republikaner im Senat (SPIEGEL 2/1955).

In die am Vorabend der Präsidentschaftswahlen von 1952 sich lustig blähenden Segel der Parsifal-Legende Nixons piekte die Demokratische Partei ein kleines, störendes Loch: An einem Tag im September jenes Jahres veröffentlichte sie eine Liste mit den Namen von 76 wohlhabenden Kaliforniern, die Nixon - während er Senator war - mit einem Gesamtbetrag von 18 235 Dollar unterstützt hatten.

Zu Eisenhowers Wahlschlagworten gehörte auch der »Kampf gegen die Korruption der Truman-Ära«. Washington sollte - wie es auf den Plakaten der Republikaner hieß - »ausgemistet« werden. Der nun von den Demokraten gegen Nixon erhobene Vorwurf drohte, die republikanische Propaganda zusammenbrechen zu lassen. Nixon rettete sie (und sich) mit einem wahren Tornado von Sentimentalität.

Zwei Tage nach der demokratischen Veröffentlichung erschien er mit seiner Frau Patricia zu einer moralischen Putz- und Flickstunde in einem Fernseh-Studio in Hollywood. Dreißig Minuten lang schrie und schluchzte er das Weh und Leid eines jungen Mannes, der wenig Geld, aber ein gutes Herz hat, in die gläsernen Augen der Kameras. Ohne auf den gegen ihn erhobenen Vorwurf einzugehen, schleuderte er den Amerikanern das mitleiderregende Geständnis seiner Armut vor die Füße: 41 000 Dollar habe sein Haus in Washington gekostet, 20 000 habe er sich dafür gepumpt.

Seinen alten Eltern schulde er 3500 Dollar. Seine 4000-Dollar-Lebensversicherungspolice habe er mit 500 Dollar belastet. Eine Bank bekomme von ihm 4500 Dollar.

Amerika war tief gerührt. Mamie Eisenhower und ihre Mutter, die Witwe Doud, brachen wie Tausende anderer amerikanischer Frauen am Fernsehschirm in Tränen aus. Eisenhower selbst verfolgte die Sendung mit vor Bewegung geballten Fäusten. »Ich habe manchen tapferen Mann in gefährlichen Lagen gesehen«, sagte der Feldherr des zweiten Weltkrieges hinterher, »aber niemals habe ich einen gesehen, der sich besser hielt als Senator Nixon heute abend.«

Als die beiden Kandidaten wenige Tage später einander begegneten, legte Nixon schluchzend den Kopf auf die Schulter Eisenhowers. »Du bist mein guter Junge«, sagte der General mit verschleierter Stimme.

Die an diesem Tag zwischen den beiden Männern geschlossene Freundschaft bewährte sich auch später. Sie ist das stärkste Argument, mit dem Nixon in den Kampf um die im nächsten Jahr fällige Nominierung des republikanischen Präsidentschaftskandidaten geht.

Eisenhower hat in der seit dem 20. Januar 1953 vergangenen Zeit versucht, seinen »jungen Mann« Nixon als Staatsmann »aufzubauen« und ihn von dem toten Gleis der Vizepräsidentschaft auf die Fahrbahn

politischer Pflichten und Aufgaben zu rangieren. Der Versuch blieb auf halbem Wege in den Maschen der Verfassung der USA hängen.

»Die einzige wichtige Aufgabe«, schrieb einmal eine amerikanische Zeitung, »die der Vizepräsident hat, ist es, auf den Tod des Präsidenten zu warten.« Bis dahin hat er nichts weiter zu tun, als den Sitzungen des Senats zu präsidieren. Das sei »ein Job«, meinte das amerikanische Nachrichtenmagazin »Time«, »den jeder ausfüllen kann, der es fertigbringt, dabei nicht einzuschlafen«. Tatsächlich ist der Vizepräsident verfassungsrechtlich nur dazu da, die Kontinuität der Regierung sicherzustellen. Der Präsident ist Staatsoberhaupt und zugleich Ministerpräsident. Der Vizepräsident ist sein Ersatzmann.

Normalerweise hat der Vizepräsident nicht einmal die Stimme eines Senators. Nur wenn im Senat Stimmengleichheit besteht, entscheidet das Votum des Vizepräsidenten.

Der Vizepräsident hat weder eine Amtswohnung (nur ein Büro im Capitol), noch einen Stab von festen Mitarbeitern, noch einen verfassungsmäßigen Anspruch darauf, an Regierungssitzungen teilzunehmen oder überhaupt über die Staatsgeschäfte unterrichtet zu werden. Truman zum Beispiel wußte, als er durch den Tod F. D. Roosevelts Präsident wurde, nichts vom Bau der A-Bombe. Auch die Jalta-Protokolle hatte er vorher nie zu Gesicht bekommen.

Eisenhower machte Nixon zum ständigen Teilnehmer an Kabinettssitzungen und an den Tagungen des National Security Council (NSC = Nationaler Sicherheitsrat), des obersten planenden Gremiums der Vereinigten Staaten. Nun haben zwar alle Mitglieder des Kabinetts und des NSC nur beratende Funktionen - die exekutive Gewalt liegt ausschließlich beim Präsidenten - , aber selbst als Berater mußte Nixon sich hüten, über irgendeine Streitfrage eine profilierte Meinung vorzutragen.

Jede solche Äußerung des Vizepräsidenten wäre von dem zuständigen Fachminister, dem verfassungsmäßig bestellten Berater des Präsidenten für den fraglichen Komplex, mit Empörung zurückgewiesen worden - und das nicht ganz zu Unrecht, denn der Vizepräsident ist auch Mitglied des Senats und damit ein Exponent des Intrigenspiels im Kongreß, wo es häufig genug in erster Linie um Popularität beim Volke und weniger um sachgemäße Entscheidungen geht.

Die Zwitterstellung als Senatspräsident und »Kabinettsmitglied ohne Amt« zu meistern, war für Nixon nicht leicht, und lange Zeit lobte ihn die amerikanische Presse dafür, wie tüchtig er mit der delikaten Situation fertig werde. Die alten Herren im Senat freuten sich, daß der junge Mann ihnen mit Respekt und Ehrerbietung entgegentrat, und im Kabinett war man zufrieden, weil Nixons Hinweise auf die Meinungen des Senats meistens so diskret gehalten waren, daß die Autorität der Regierung unangetastet blieb.

Eisenhower schickte seinen Vizepräsidenten auf lange Auslandsreisen - so nach Asien (1953) und nach Mittelamerika (1955). Eben jetzt war eine Reise Nixons in den Nahen Osten geplant. In Asien und Mittelamerika machte Nixon seine Sache gut. Er schüttelte - nach Schätzungen der amerikanischen Presse - allein in Asien hunderttausend Hände, tätschelte Babys und klopfte alten Mütterchen auf den Rücken. In Rangun sprang er mitten in einen kommunistischen Demonstrantenzug und griff sich einige Burmesen zum Diskutieren. Amerika war begeistert. Nixon hatte sich als ein attraktiver und überzeugender Repräsentant der Friedenspolitik Eisenhowers bewährt.

Ende 1953 kehrte Nixon nach den USA zurück. Kurze Zeit danach wurde ihm das Janusgesicht seiner Stellung zum Verhängnis. Die Kongreßwahlen vom Herbst 1954 standen bevor, die Republikanische Partei brauchte dringend Hilfestellung durch die Präsidentschaft.

Eisenhower aber wollte sich seine Politik des Ausgleichs mit Moskau nicht dadurch verpatzen lassen, daß man ihn zwang, hitzige Wahlreden gegen den Kommunismus und die Sowjet-Union zu halten. So mußte Nixon einspringen. In unzähligen Wahlreden, die notwendigerweise auf den Konsum durch die Massen antikommunistischer Wähler abgestimmt waren, mußte Nixon bei der Erläuterung internationaler Fragen Kraftworte gebrauchen, die er als Regierungsmitglied niemals hätte anwenden dürfen.

So verfeuerte er gezwungenermaßen seinen frischen Ruhm als Staatsmann. Amerikas »highbrows« (wörtlich: die Leute, die die Augenbrauen hochziehen; sinngemäß: die Intellektuellen) rümpften die Nase - am meisten die Fachleute in den Ministerien und in den immer tiefer, umfangreicher und unheimlicher werdenden Kulissen des Weißen Hauses.

Die Meinung der Fachleute des Weißen Hauses aber hat heute mehr Bedeutung als je zuvor in der amerikanischen Geschichte. Was einst während der Krankheit des Präsidenten Wilson dessen Frau Edith gemacht hatte - die eingehende Post durchsehen, das Wichtigste heraussuchen, Unterlagen zur Beurteilung der Streitfragen beschaffen und vortragen - , ist seit Eisenhowers Amtsantritt zur Aufgabe eines ständig wachsenden Apparats von zumeist anonymen Beamten geworden.

Jedes Sachgebiet der riesigen amerikanischen Regierungsmaschine ist - außer im zuständigen Ministerium - im Weißen Haus noch einmal mit einem Stab von Fachleuten vertreten.

Auch Präsident F. D. Roosevelt hatte einen solchen Apparat. Aber sein »Gehirntrust« war ein Haufen flatterhafter Literaten, die auf dem Weg über Eleanor Roosevelts Salon in Ämter gelangten und ebenso schnell wieder aus ihnen verschwanden.

Eisenhowers Apparat dagegen ist eine Hierarchie seßhafter Bürokraten, fest zementiert und verankert auf dem Fundament der alleinigen exekutiven Gewalt des Präsidenten. Manager dieses Apparats ist ein mittelgroßer, drahtiger Mann mit dem befehlsgewohnten Auftreten eines Generalstabschefs: der ehemalige Gouverneur des Staates New Hampshire, Sherman Adams.

Welche Macht dieser Mann und sein Apparat unter Eisenhower gewonnen haben und wie wenig er und seine Männer geneigt sind, ein Stück von dieser Macht abzutreten, zeigte sich in vollem Umfange wenige Tage nachdem man den Präsidenten unter das Sauerstoffzelt im Militärkrankenhaus in Denver gelegt hatte.

Die Nachricht von dem Herzanfall Eisenhowers hatte Adams in Europa erreicht. Am Montag danach traf er in Washington ein. Am 30. September - nach Konferenzen mit Nixon und einigen Kabinettsmitgliedern - flog er nach Denver. Am selben Tage verkündete das Weiße Haus, daß Adams als Eisenhowers »deputy« (das heißt Stellvertreter, Beauftragter) die Rechte des Präsidenten wahrnehme.

Der offizielle Titel von Sherman Adams ist: »The Assistant to the President« - der Gehilfe des Präsidenten. Die Tatsache, daß die Verlautbarung des Weißen Hauses ihn entgegen dieser offiziellen Bezeichnung »the President''s deputy« nannte, unterstrich eindeutig den Machtanspruch des Manager-Apparats in den Kulissen der Präsidentschaft.

Die Verlautbarung bemerkte ausdrücklich, daß »die Vollmachten des Präsidenten weiterhin bei General Eisenhower und bei keinem anderen sonst bleiben«, also auch nicht an Vizepräsident Nixon abgetreten werden könnten, und daß absolut notwendige Maßnahmen selbst dann durchführbar seien, »wenn der Präsident an ein Krankenhausbett gebunden ist«.

Was damit gemeint war, erklärte der Pressechef des Weißen Hauses, James C.

Hagerty. Der Präsident, sagte er, habe großes Vertrauen zu Herrn Adams und verlasse sich auf ihn, gleichgültig, ob er - der Präsident - nun gesund oder krank sei.

»Der Präsident weiß«, fuhr Hagerty fort, »daß, wenn Gouverneur Adams ihm etwas zur Unterschrift vorlegt, von den Ministerien alles Notwendige in bezug auf diese Sache getan ist.«

Diese Verlautbarung machte die gesamte amerikanische Exekutive, einschließlich des Vizepräsidenten, soweit er jetzt als Vorsitzender des Kabinetts und des National Security Council Regierungsfunktionen ausübt, von der sachlichen Einsicht des Berater-Chefs Adams abhängig. Ohne ihn gibt es für kein Gesetz und keine außenpolitische Direktive die Bestätigung durch Eisenhowers Namenszug. Adams ist der Herr über Eisenhowers Hand und damit der zur Zeit mächtigste Mann Amerikas.

Die Macht des Regierungs-Managers hat den Kongreß begreiflicherweise beunruhigt. Es heißt, daß es Abgeordnete gibt, die dem Präsidenten empfehlen möchten, er möge seine verfassungsmäßigen Rechte für die Dauer seiner Krankheit auf Vizepräsident Nixon übertragen. Die meisten Kongreßmitglieder - im Senat und im Repräsentantenhaus - dürften jedoch für eine solche Empfehlung kaum zu gewinnen sein. Die Demokraten haben kein Interesse daran, daß ihr möglicher Gegner bei den Präsidentschaftswahlen des nächsten Jahres als amtierender Präsident Gelegenheit erhält, sich frisches Ansehen in der Öffentlichkeit zu verschaffen.

Aus demselben Grund hält sich auch Nixons Parteifreund und Landsmann Knowland zurück. Der Senator von Kalifornien dürfte - wenn der Oberste Richter Earl Warren bei seinem Entschluß bleibt, nicht zu kandidieren - im nächsten Jahr Nixons schärfster Konkurrent um die Nominierung als republikanischer Präsidentschaftskandidat sein.

Eine andere Überlegung stellte - laut »New York Herald Tribune« - dieser Tage ein bedeutender demokratischer Politiker an. Der Demokrat ging davon aus, daß die Republikanische Partei keine Chance hat, die Präsidentschaftswahlen des Jahres 1956 zu gewinnen - außer wenn Eisenhower sich entschließt, trotz seines Herzanfalls ein zweites Mal zu kandidieren. Selbst wenn er dann seine zweite Amtszeit nicht durchhalten werde, sei die Kontinuität seiner Entspannungs-Politik durch seinen Vizepräsidenten Nixon gesichert.

Das würde für Nixon die Chance bedeuten, in den großen Pantoffeln Eisenhowers in das Weiße Haus zu gelangen.

Die Möglichkeit, daß Nixon in das Weiße Haus einziehen könnte, hat Moskau beunruhigt. Wahrscheinlich hat man dort die Bedeutung der antisowjetischen Reden Nixons bei den Kongreßwahlen im vorigen Herbst weit überschätzt. Einen Eindruck davon bekam Bundeskanzler Adenauer in Moskau, als Nikita Chruschtschew sich besorgt über die zukünftige amerikanische Politik äußerte.

Adenauer: »Aber Sie können doch im Ernst den Amerikanern nicht mißtrauen. Sie haben Eisenhower kennengelernt und wissen, was für ein Mann er ist.«

Chruschtschew: »Oh, es ist nicht Eisenhower, über den wir uns Sorge machen. Es ist dieser Bursche Nixon.«

Adenauer: »Aber schließlich ist der doch nur Vizepräsident.«

Chruschtschew: »Das war Truman auch.«

[Grafiktext]

VIZEPRÄSIDENTEN, DIE INS WEISSE HAUS EINZOGEN
Beginn der vierjährigen
Amtsperiode des gewählten
Präsidenten
1841
Harrison
+ 1841
TYLER
1845
1849
Taylor
+ 1850
FILLMORE
1853
1857
1861
Lincoln
ermordet 1865
1865
JOHNSON
1869
1873
1877
Garfield
ermordet 1881
ARTHUR
1881
1885
1889
1893
1897
McKinley
ermordet 1901
1901
THEOD. ROOSEVELT
1905
Amtsperiode als
gewählter Präsident
1909
1913
1917
1921
Harding
+ 1923
1925
COOLIDGE
Amtsperiode
als
gewählter
Präsident
1929
1933
F. D. Roosevelt + 1945
1937
1941
1945
TRUMAN
Amtsperiode als
gewählter
Präsident
1949
1953
Eisenhower

[GrafiktextEnde]

[Grafiktext]

VIZEPRÄSIDENTEN, DIE INS WEISSE HAUS EINZOGEN
Beginn der vierjährigen
Amtsperiode des gewählten
Präsidenten
1841
Harrison
+ 1841
TYLER
1845
1849
Taylor
+ 1850
FILLMORE
1853
1857
1861
Lincoln
ermordet 1865
1865
JOHNSON
1869
1873
1877
Garfield
ermordet 1881
ARTHUR
1881
1885
1889
1893
1897
McKinley
ermordet 1901
1901
THEOD. ROOSEVELT
1905
Amtsperiode als
gewählter Präsident
1909
1913
1917
1921
Harding
+ 1923
1925
COOLIDGE
Amtsperiode
als
gewählter
Präsident
1929
1933
F. D. Roosevelt + 1945
1937
1941
1945
TRUMAN
Amtsperiode als
gewählter
Präsident
1949
1953
Eisenhower

[GrafiktextEnde]

Der Trick mit dem Piepmatz Rührszene auf dem Bildschirm Junger Mann mit Respekt Chruschtschew: »Dieser Bursche Nixon«

Zur Ausgabe
Artikel 1 / 19
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.