JAPAN In den Schlaf weinen
Leutnant Mitsuru Nishi, Mitglied der japanischen Luftverteidigungs-Streitkräfte, stürzte am 10. April 1963 mit seinem Starfighter F 104 J ab -- aus übergroßem Pflichtgefühl, wie seine Freunde vermuteten.
Denn Japans Verteidigungsamt hatte eine Anweisung an alle Jet-Piloten ergehen lassen, sie sollten nie vergessen, daß ein Starfighter den Steuerzahler 400 Millionen Yen (damals etwa vier Millionen Mark) koste. Eingedenk der Ermahnung habe Nishi wohl zu lange gezögert, sich mit dem Schleudersitz aus der Maschine zu katapultieren, als sie außer Kontrolle geriet.
Mit Steuergeldern ging die Regierung auch nach dem Tod des Piloten sparsam um. Witwe Suzuyo und ihren drei kleinen Kindern zahlte Tokio eine einmalige Abfindung in Höhe von 40 000 Mark sowie eine monatliche Rente von 500 Mark.
Die Aufdeckung der Lockheed-Bestechungsskandale in Japan gab der Pilotenwitwe jetzt den Mut, eine Klage gegen die Regierung anzustrengen, um eine höhere Pension zu erlangen.
Wie Suzuyo Nishi meldeten 19 weitere japanische Starfighter-Witwen und Eltern abgestürzter Piloten ihre Ansprüche an, obschon Prozessieren, zumal gegen die Regierung, in Japan als anrüchig gilt. Vermutlich hätte Suzuyo wohl doch nicht geklagt, wenn nicht Japans Frauenbund Chupiren, in dem sich 2000 kämpferische Feministinnen zusammengeschlossen haben, für die Interessen der Starfighter-Witwen eingetreten wäre.
Der Bund war 1972 von der Japanerin Misako Enoki gegründet worden, aus Protest gegen eine geplante Verschärfung der bis dahin liberalen japanischen Abtreibungsgesetze. Seitdem setzen sich Misako Enoki und ihre Kampfgefährtinnen auf Demonstrationen, bei denen sie rosa Helme, verziert mit Symbolabzeichen für das weibliche Geschlecht, tragen, für die verfassungsmäßigen Rechte der japanischen Frauen ein, an die sich Japans Männerwelt noch immer nicht kehrt.
Vor allem wollen sie mit überkommenen japanischen Vorurteilen aufräumen, wonach die Frau grundsätzlich »unbelehrbar«, »dumm« und »passiv« ist. Diese Passivität, so dozierte im 17. Jahrhundert der konfuzianische Lehrmeister Ekiken Kaibara, sei »der Nacht verwandt, dunkel«. Dem haben Japans Männer bis heute nicht widersprochen.
Um so aktiver wurden Misako und ihre Rosahelme. Ihr Motto: »Wir werden nicht zulassen, daß sich Frauen nachts in den Schlaf weinen.
Die Probleme der Starfighter-Hinterbliebenen kamen ihnen gerade recht, um die japanische Männerwelt aufzuscheuchen. Als erstes nahm Frauenführerin Enoki Verbindung mit dem kalifornischen Staranwalt Melvin Belli auf, der auch die Ansprüche der deutschen Starfighter-Hinterbliebenen vertreten hatte.
Belli reiste sogleich nach Japan und erklärte sich bereit, zunächst für die Piloten-Witwen Suzuyo Nishi und Akiko Kuno je eine 350 000-Dollar-Schadenersatzklage gegen Lockheed anzustrengen. Belli in Tokio über Lockheeds Starfighter: »Das ist von Anfang bis Ende ein schlecht konstruiertes und schlecht gebautes Flugzeug.«
Dem widersprach Keiichi Itoh, ein ehemaliger Kamikaze-Pilot, heute Beamter der Tokioter Verteidigungsbehörde: Von 230 Starfightern habe Japan binnen 13 Jahren nur 27 Maschinen verloren -- in der Tat keine zu schlechte Bilanz, da von den 916
Pilotenwitwen Akiko Kuno und Suzuyo Nishi, Frauenrechtskämpferin Misako Enoki.
deutschen Starfightern 180 abstürzten. Die Japaner nämlich hatten sich mit der reinen Jäger-Version des Starfighters zufriedengegeben, also auf alle Bombenabwurf-Vorrichtungen verzichten können, so daß die Maschine leichter zu beherrschen ist.
Frauenführerin Enoki will jetzt durch die Gerichte feststellen lassen, daß auch der japanische Starfighter eine fluguntaugliche Maschine sei. Hilfe erhielten Starfighter-Witwen und Enokis Rosahelme durch Hiroshi Ogawa, den ehemaligen vorgesetzten Offizier des abgestürzten Fliegers Nishi.
Ogawa schrieb in dem angesehenen Magazin »Bungei Shunju«, Nishis Tod sei »kein Unfall im eigentlichen Sinne. Es gab da eine gewisse Unvermeidlichkeit. Die F-104 hat keine Gleitfähigkeit. Sie fällt beim leichtesten Maschinenschaden einfach vom Himmel«.
Ogawa sprach auch die Befürchtung aus, für die Anschaffung des Starfighters hätten politische und nicht technische Gründe den Ausschlag gegeben. Ergebnis: »Dies ist nicht die Zeit, in der Japan Kamikaze-Flieger braucht.«