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LIBANON In den Startlöchern

Kein Präsident, dafür zwei rivalisierende Regierungen: Der libanesische Staat steht vor dem endgültigen Zerfall. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Edmond Naim gehört zu den am besten geschützten Bürgern des Libanon. Der Christ aus der Hauptstadt Beirut ist Gouverneur der libanesischen Zentralbank. Jeden Morgen pünktlich um acht besteigt er im Garten seiner Villa im christlichen Ostteil der Stadt einen bereitstehenden Armee-Hubschrauber. Minuten später landet er an seinem Arbeitsplatz: einem zwölfstöckigen Gebäude am oberen Ende der einstigen Prachtstraße Hamra, im moslemischen Westteil der geteilten Metropole.

In den Kellergewölben der Zentralbank hütet Naim einen kostbaren Schatz: In Stahlkammern, mehrere Stockwerke unter dem Erdboden, lagern zwei Drittel der libanesischen Goldreserven - der Rest ist im amerikanischen Fort Knox. Trotz der nunmehr dreizehnjährigen Bürgerkriegswirren besitzt das Land, dessen Wirtschaft längst bankrott ist, immer noch 9,2 Millionen Feinunzen, beim derzeitigen Goldpreis fast sieben Milliarden Mark wert.

Die tägliche Fahrt mit dem Auto über die Demarkationslinie zwischen Ost- und West-Beirut wäre Naims Bewachern, zwei Dutzend Männern einer Spezialeinheit der libanesischen Armee, viel zu gefährlich.

Die Fürsorge der Soldaten ist nicht ganz uneigennützig. Denn Edmond Naim, seit acht Jahren im Amt, bezahlt aus den Beständen seiner Institution jeden Monat pünktlich die Gehälter der 80 000 vom libanesischen Staat beschäftigten Beamten - darunter auch die 35 000 Armee-Angehörigen.

Über alle konfessionellen und politischen Schranken hinweg genießt der Absolvent der Pariser Sorbonne das Vertrauen aller Bürgerkriegsparteien. Deshalb sind Naim und seine Zentralbank für viele Libanesen zum letzten Symbol der libanesischen Einheit und einer funktionierenden staatlichen Ordnung geworden.

Seit vergangener Woche ist seine Aufgabe noch etwas schwieriger. Denn derzeit hat der Levante-Staat keinen Präsidenten mehr, aber dafür zwei miteinander rivalisierende Regierungen - ein selbst im chaotischen Libanon beispielloser Vorgang.

Der Zentralbank-Chef stand vor der Frage, welche der beiden Regierungen er nun finanzieren solle - das Kabinett des bisher amtierenden Ministerpräsidenten Salim el-Huss oder die dreiköpfige Militärregierung des Armee-Oberbefehlshabers Michel Aun.

Die Nominierung Auns war die letzte Amtshandlung des scheidenden Staatspräsidenten Amin Gemayel gewesen. Mit diesem Schritt wollte der maronitische Christ, seit 1982 Staatsoberhaupt, am Donnerstag vorletzter Woche fünf Minuten vor Mitternacht das Machtvakuum füllen, das er hinterlassen hat. In zwei Versuchen war es nicht gelungen, im libanesischen Parlament einen Nachfolger für Gemayel zu wählen.

Mit der Berufung der Militärregierung vertiefte Gemayel die Kluft zwischen dem christlichen und dem moslemischen Lager noch weiter. Für den amtierenden Ministerpräsidenten Huss ist die Gegenregierung »eine Totgeburt«. Sein Justizminister Nabih Birri, nebenher Anführer der schiitischen Amal-Miliz, sprach von einem »Militärputsch«. Drusenführer Walid Dschumblat, Transportminister im Huss-Kabinett, bezeichnete Gemayels Akt als »Mini-Staatsstreich«, der »aber in den Startlöchern hängenbleiben« wird.

Der Zorn der Huss-Regierung galt nicht nur der unerwarteten Konkurrenz. Gemayel hatte es vielmehr gewagt, ein bislang sorgfältig gewahrtes innenpolitisches Tabu zu brechen.

Mit der Entstehung des unabhängigen Staates Libanon 1943 waren Christen und Moslems übereingekommen, die wichtigsten Staatsämter nach einem ausgeklügelten Proporz-Schlüssel zu verteilen. Laut diesem (in der Verfassung nicht verankerten) »Nationalpakt« sollte der Staatspräsident immer ein maronitischer Christ sein, der Ministerpräsident ein sunnitischer Moslem und der Parlamentssprecher ein Schiit.

Doch Armee-Chef Michel Aun, der von Gemayel eingesetzte neue Ministerpräsident, ist Christ - in den Augen der moslemischen Bevölkerung, die längst die Mehrheit im Lande stellt, eine Zumutung.

Sein Kabinett bezeichnet Aun zwar als »Übergangsregierung«, die nur so lange amtieren werde, bis ein neuer Präsident gewählt ist. Doch ob es in absehbarer Zeit dazu kommt, ist fraglich.

Noch nie seit Beginn des Bürgerkrieges vor 13 Jahren stand der Libanon so nahe vor einer Teilung. Jahrelang mußten die 2,8 Millionen Libanesen ohnmächtig zusehen, wie ihr einst als »Schweiz des Nahen Ostens« gerühmtes Land zum Spielball geschäftstüchtiger Politiker, fanatischer Religionsführer und fremder Interventionen wurde. Nun, des letzten Anscheins staatlicher Autorität beraubt, droht der »Gnadenstoß für den Libanon« (so die »Neue Zürcher Zeitung").

Die Verantwortlichen für diese - vielleicht letzte - Staatskrise sitzen nicht nur in Beirut, sondern auch in Damaskus und Washington. In langwierigen Beratungen hatten sich US-Sonderbotschafter Richard Murphy und Syriens Staatschef Hafis el-Assad Mitte September auf einen gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten geeinigt.

Die USA wollten die Interessen der christlichen Bevölkerungsminderheit gegenüber dem Syrer Assad verteidigen. Der hat 25 000 Soldaten im Libanon stationiert. Doch Assads Kompromißkandidat Suleiman Frandschije, 78, stieß im Christen-Lager auf Ablehnung: Frandschije, schon einmal Staatspräsident von 1970 bis 1976, ist zwar Christ, gilt aber als enger persönlicher Freund Assads. Seine faschistische Gesinnung hätte die rechten Christen dagegen nicht gestört. Frandschije über das Nazi-Regime: »Ich verachte Hitler dafür, daß er nicht alle Juden vergast hat.«

Auch der zweite Kompromißkandidat, Michael Dahir, ein farbloser Jurist, fand in den Augen der Christen keine Gnade. Vor allem Samir Dschadscha, 38, Chef der stärksten Christen-Miliz Forces libanaises, torpedierte die Wahl. Dschadscha, unumschränkter Herrscher über die christliche Enklave um Ost-Beirut, hielt mehrere christliche Parlamentsabgeordnete gewaltsam davon ab, zur Präsidentenwahl nach West-Beirut zu fahren.

Das Auto des Abgeordneten Josef Sakkaf etwa wurde bei der Demarkationslinie von Forces-libanaises-Milizionären unter Raketenbeschuß genommen.

Der Parlamentarier Albert Mucheibir kam glimpflicher davon. Auf der Fahrt zum Parlament wurde er von Dschadscha-Leuten entführt und über 24 Stunden im Hotel »El-Bustan« gefangengehalten. Die Einschüchterungen zeigten Wirkung. Bei beiden Wahlversuchen blieben die meisten christlichen Abgeordneten aus Angst vor Dschadscha zu Hause. Die Mindestzahl von 51 Abgeordneten, die für die Präsidenten-Wahl erscheinen müssen, wurde nicht erreicht.

Ende vergangener Woche kam ein neuer Kompromißkandidat ins Gespräch: der Wirtschafts-Professor Manuel Junis, ein Bürokrat ohne politisches Profil.

Zentralbankchef Naim hat inzwischen einen typisch libanesischen Ausweg aus seinem Dilemma gefunden. Er will vorläufig beide Regierungen mit dem nötigen Bargeld ausstatten.

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