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WERTPAPIERE / GRAMCO In den Sternen

aus DER SPIEGEL 44/1970

Der Scheck kam in der Morgenstunde unbezahlt zurück. Als der Frankfurter Gramco-Sparer Armand Dietrich* vorletzte Woche seine Einlage von 26 000 Dollar aus dem angeschlagenen panamesischen Investment-Imperium Great America Management and Research Company International zurückziehen wollte, fand ihn Gramco mit einem Scheck (Nummer 14 474) ab. Am Dienstagmorgen vergangener Woche erhielt Dietrich das Papier von der bezogenen Bank, der Detroiter Bank of the Commonwealth, mit dem Vermerk zurück: »Returned unpaid, refer to maker« (Unbezahlt zurück, wenden Sie sich an den Aussteller).

Der geplatzte Scheck illustriert deutlicher als alles andere die prekäre Lage, in die der »größte Immobilienfonds der Welt« (Gramco-Werbung) nach dem Vertriebsverbot des Berliner Bundesaufsichtsamts für das Kreditwesen und dem von Gramco selbst verhängten Rücknahmestop für Usif-Anteile (SPIEGEL 42/1970) geraten ist. Der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft deutscher Gramco-Anleger (e. V.), Hans-Joachim Eisele, früher selbst einmal Gramco-Verkäufer, meinte: »Wenn Gramco nicht einmal mehr 26 000 Dollar bezahlen kann, ist anzunehmen, daß überhaupt keine liquiden Mittel mehr existieren.«

Während der Münchner Anwalt der Schutzgemeinschaft, Dr. Dietrich Nippold, letzte Woche bei der Staatsanwaltschaft München I Anzeige gegen die Aussteller wegen des Verdachts auf Scheckbetrug einreichte, suchten Gramco-Geschädigte in aller Welt nach den Schuldigen des Desasters. Obwohl die letzten Ursachen der

* Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.

Gramco-Krise bis Ende letzter Woche unklar blieben, waren sich Insider darüber einig, daß die Liquiditätsschwierigkeiten nicht erst in den letzten Wochen eingetreten sind.

In der Tat hatten Gramco-Kunden auch schon vor dem Rücknahmestopp Schwierigkeiten, das Geld für ihre Anteile von den Bahamas zurückzuholen. So gelang es Hamburger Usif-Anlegern schon seit Mitte September nicht mehr, ihre Zertifikate im Wert von jeweils 50 000, 60 000 und 70 000 Dollar zu liquidieren.

Laut Satzung arbeitete der Gramco-Fonds Usif bis Juli 1969 mit einer Liquiditätsreserve von 30 Prozent des Fondsvermögens. Dann beschränkten die Fonds-Manager den Anteil der flüssigen Mittel auf 20 Prozent. Allerdings vergaßen sie, ihre deutschen Verkäufer von der Satzungsänderung zu unterrichten. So warb die deutsche Verkaufsmannschaft etwa neun Monate lang Kunden mit falschen Liquiditätsgarantien.

Auch sonst geizten die Gramco-Bosse mit Informationen an ihre Verkäufer. So änderte Gramco unter der Hand auch die Beleihungspraktiken bei Neuerwerbungen von Grundstücken. Angeblich war es Gramco-Brauch, durch die amerikanische Ankaufs-Gesellschaft Amprop Grundstücke in den USA zu erwerben und bis zu 75 Prozent des Anschaffungswertes mit Hypotheken zu belasten. Vorletzte Woche aber erklärte Gramco-Vizepräsident Salinger, ehemaliger Pressechef Präsident Kennedys, die Beleihungsrate betrage sogar 80 Prozent.

Für die Anleger -- unter ihnen der Hamburger Kaffeeröster Herz ("Tchibo") mit einem Engagement von drei Millionen Dollar -- bedeutet dies, daß sie nur dann auf Geld hoffen dürfen, wenn Gramco bei dem jetzt erforderlich werdenden Not-Verkauf der Immobilien mehr als 80 Prozent des Ankaufspreises erzielt.

»Unser Pech war«, versucht Salinger das Desaster zu erklären, »daß wir zu Beginn des Jahres unter der IOS-Krise zu leiden hatten. Später kam dann die Auseinandersetzung mit dein Bundesaufsichtsamt. Aber der Hauptschuldige an unseren Rückflüssen ist der SPIEGEL, der mit seinen Veröffentlichungen die Leute beunruhigt hat.«

Die deutschen Gramco-Verkäufer wissen es anders. »Das ganze Desaster hat damit begonnen«, so ein ehemaliger Gramco-Vertreter in München, »daß man eine Verkaufastreitmacht aufbaute, anstatt weiterhin Kunden über die Banken zu suchen.«

Tatsächlich hatte Gramco in den ersten drei Jahren ohne nennenswerte eigene Verkaufsmannschaft vornehmlich über Bankinstitute in der Bundesrepublik ständig an Boden gewonnen. Dann aber ging es Gramco-Verkaufschef Fred Oppenheimer nicht mehr schnell genug. Seit dem vorigen Jahr betrieb er den Aufbau einer »Sales-Force« in Bataillonsstärke -mit großzügigen Gehaltsversprechungen, die später oft nicht eingehalten wurden. Kern der Truppe waren ehemalige IOS-Vertreter.

Für die deutsche General-Repräsentanz warb Gramco für 30 000 Mark Monatsbezüge den ehemaligen IOS-Manager Bernd von Lintel an. Der Ex-IOS-Manager brachte außer seinen IOS-Erfahrungen auch astrologische Neigungen mit. So mußten alle Verkäufer vor ihrer Einstellung ihre persönlichen Daten für astrologische Gutachten zusammenstellen. Von professionellen Sterndeutern ließ von Lintel dann bestimmen, in welchen Gegenden Deutschlands sie einzusetzen seien.

Letzte Woche berieten Gramcos Top-Manager im sicheren Nassau, wie die Krise zu beheben sei Pierre Salinger: »Wir haben ja noch so viele Möglichkeiten. Wir können den Fonds wieder eröffnen, wir können ihn in einen geschlossenen umwandeln. Wir können aber ja auch in aller Ruhe liquidieren. Auf jeden Fall wird das Gramco-Management wieder Gewinne produzieren.«

Gramco-Manager verdienen in der Tat auch an der Pleite. Denn für die Verwaltung der Liegenschaften kassieren sie aus den auch weiterhin eingehenden Mieteinnahmen der Gramco-Gebäude nach wie vor Gebühren aus dem Fondsvermögen, jährlich rund 2,5 Millionen Dollar.

Auf diese Weise war es möglich, daß die Gramco-Management.~Gesellschaft trotz der sich abzeichnenden Zahlungsschwierigkeiten im letzten halben Jahr noch einen Gewinn von 7,41 Millionen Dollar ausweisen konnte. Sechs Millionen Dollar davon waren Gebühren der Muttergesellschaft. Gramco International, die sich das Geld zwecks Bilanz-Schönung von ihren Töchtern überweisen ließ. Die Management-Aktie, die zur Zeit 8,50 Mark kostet, ist daher praktisch ohne nennenswerte Substanz.

Trotz aller Fehlschläge gaben sich die Gramco-Herren bis zuletzt forsch. Pierre Salinger zuversichtlich: »Demnächst werden wir neue Schuldverschreibungen auflegen -- zusammen mit Aristoteles Onassis.«

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