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In der Dallas-Suite

Mit vorerst zwölf sonntäglichen »Hotel«-Folgen nach Motiven von Arthur Hailey will das ZDF das Serien-Sommerloch stopfen. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Vergessen Sie 'Dallas', vergessen Sie 'Denver', jetzt kommt 'Hotel', der neue Straßenfeger aus Amerika.« So wirbt der Ullstein-Verlag für die Fernsehserie und seine »preiswerte Geschenkausgabe« des »Weltbestsellers« von Arthur Hailey. Aber liebgewonnene Bekannte als Gaststars wie Charlene Tilton ("Lucy"), Ken Kercheval ("Cliff Barnes") oder Heather Locklear ("Sammy-Jo") halten in der »Denver« - und »Dallas«-losen Zeit die Erinnerung daran wach, wie schön Schund sein kann.

Gedreht wurde die Serie im Fairmont-Hotel von San Francisco, wo eine Suite pro Nacht bis 2500 Dollar kostet - was offensichtlich im Big Mac County als Ausweis klassischer Hotelkultur ausreicht. Im Film heißt der Protzbau »St. Gregory«, und zumindest im Umgang mit Monarchen ist man dort etwas ungeübt. »Royal Suite, König Fernando von Portugal.« Mit diesen Worten erhält, in der Pilot-Sendung am vergangenen Sonntag, der Hotelpage die Schlüssel für Hoheit und Gefolge. Da kann der König noch froh sein, daß er bei der Anmeldung nicht Schlange stehen mußte.

Glaubwürdigkeit wäre allerdings die letzte Forderung an Fernsehunterhaltung, wenn sie nur wirklich Unterhaltung ist. »Hotel« dagegen schleppt sich zäh von Folge zu Folge, von Suite zu Suite und schafft ein paar Glanzlichter lediglich durch seine Altstars. Bette Davis zum Beispiel, die, allerdings nur in zwei Szenen, die resolut-mütterliche Hotel-Eignerin verkörpert. Sie hat ein weites Herz, auch für ihr Personal: Als zwei kleine Angestellte ihren ersten Hochzeitstag in einem der »Gregory«-Luxusbetten feiern und dabei vom König (er mußte umziehen wegen der Klima-Anlage) ertappt werden, kriegen die beiden nicht etwa ihre Papiere, sondern dürfen in den Privatgemächern der Herbergsmutter weiterturteln.

Schon in der zweiten Folge wird Bette Davis, die zwar immer noch nicht schauspielern kann, aber inmitten dieser aseptischen Menagerie von Retorten-Mimen

wenigstens ein Gesicht hat, durch Anne Baxter ersetzt. Kaum hat die neue Prinzipalin das Regiment im »St. Gregory« übernommen, trifft sie dort, nach vierzig Jahren, auf ihre Jugendliebe. Der weißhaarige Tony (Stewart Granger) gesteht ihr, daß seine alte Liebe nicht gerostet ist, und sie bittet ihn, bei ihr zu bleiben. Doch Tony, scheinbar distinguierter Geschäftsmann, ist bloß Butler von neureichen Gästen auf der Durchreise, was die Hoteliere längst durchschaut hat. Ein Butler, immerhin, mit Grundsätzen und mit Stolz. Er zieht mit seiner Herrschaft weiter und ist damit, so die Moral-Melasse dieser Geschicht', »mehr, als er zu sein vorgibt«.

Ein altes Pärchen, ein junges Pärchen, reiche Männer, arme Mädel, damit's nicht gar zu langweilig wird, auch mal was Exotisches wie ein Homosexueller, mal ein unheilbar krankes Kind, das von der wahren Liebe eines Straßenkünstlers dann eben doch geheilt wird, mal eine angehende Schönheitskönigin, die den geilen Bock aus der Jury düpiert und dennoch gekürt wird:

Dieses »Hotel« ist tutig, bieder und verkitscht wie ein »Traumschiff« auf dem Trockenen. Produzent Aaron Spelling, der sich das »Traumschiff«-Vorbild »Love Boat« ausgedacht hatte, ist jetzt auch für die Menschen im »Hotel« verantwortlich. Alles unerträglich gute Menschen. Und wenn sich mal ein Bösewicht in dieses Pandämonium des edlen Geistes verirrt, ist er entweder psychisch krank, ein noch unreifer, dummer Junge oder ein Neger.

Was nicht heißen soll, daß »Hotel« ein offen rassistisches Machwerk ist. Das, wenigstens, wäre ja ein Grund zur Aufregung. Schlimmer: Es ist mit klebriger Sozialkritik a la americaine überzogen. Ausgerechnet der Hoteldetektiv (ein ehemaliger Sträfling, denn wir haben ja keine Vorurteile) ist der einzige Schwarze unter der ansonsten reinweißen Klientel.

Der erste, der im »St.-Gregory-Hotel«, in Folge drei, zur Waffe greift und - die Apartheid bleibt gewahrt - die junge Schoko-Schönheit von der Rezeption (Harry Belafontes Tochter Shari) bedroht, ist ebenfalls schwarz. Weil ja alles happy enden muß, klärt der Detektiv den Fall.

Ein anderes Verbrechen, gleich in der Pilot-Sendung, wird zwar ebenso rasch aufgeklärt. Aber ob es gesühnt wird, bleibt offen. Ein Callgirl wird im Hotel von einem Millionärssohn vergewaltigt, der »Gregory«-Manager überredet sie zu einer Anzeige. »Glauben Sie«, fragt der Detektiv seinen Boß, »'ne Nutte gewinnt gegen jemand, der Geld hat?« Das hätte der Zuschauer auch gern erfahren. Bei einem Ewing oder Carrington wäre die Antwort klar.

Die Vergewaltigung fand übrigens in der »Dallas«-Suite statt. Nein, Sue Ellen und Pamela, Bobby und J. R., wir vergessen euch nicht. Hartmut Schulze

Hartmut Schulze
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