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MAZEDONIEN In der Mausefalle

Albanische Freischärler beschossen erstmals deutsche Soldaten in Tetovo. Die Regierung in Skopje wirft der Nato Versagen vor.
Von Renate Flottau
aus DER SPIEGEL 12/2001

Angst geht um unter den 1200 deutschen Soldaten im mazedonischen Tetovo. Was bislang als ruhiger Etappenposten galt, nahe der Krisenprovinz Kosovo, aber doch in scheinbar sicherer Entfernung, lag am Freitag voriger Woche plötzlich unter Mörserfeuer.

Albanische Freischärler schossen von ihrem frisch eroberten Feldherrnhügel, bei der Burg Kale, ins Herz der deutschen Nachschubbasis. Ihr Ziel: mazedonische Einheiten, ebenfalls dort im Quartier.

Eilends ließ der Kommandeur seine Männer in schwer befestigte Sicherungsstellungen einrücken. Verschanzt hinter rasiermesserscharfem Stacheldraht und meterdicken Sandsackwänden, suchen die Soldaten seither mit Ferngläsern und Nachtsichtgeräten die bewaldeten Hänge vor den Toren der zweitgrößten mazedonischen Stadt nach dem unsichtbaren Feind ab, zu dessen Schutz sie vor nicht einmal zwei Jahren auf dem Balkan angetreten waren.

Nachdem ein erster Deutscher leicht verletzt worden war, wechselten 200 nur in Zelten untergebrachte Soldaten umgehend in sicherere Quartiere. Auch im Berliner Verteidigungsministerium schrillten Alarmglocken. Minister Rudolf Scharping ("Wir lassen uns von niemandem auf der Nase herumtanzen") schickte zwei Kampfpanzer »Leopard« und vier Schützenpanzer »Marder« zum neuen Krisenherd in Mazedonien, Geschütze sollten eingeflogen werden.

»Wir haben nicht vor, dort Krieg zu führen«, beteuerte Generalinspekteur Harald Kujat und wollte noch am Wochenende vor Ort das Schlimmste verhüten. Den Militärs schwant Böses. Weit und breit gäbe es keine Kfor-Verbündeten, klagen sie, »wir sitzen mittendrin in der Mausefalle«.

Denn am Freitag rückte der Krieg immer dichter an das Zentrum von Tetovo heran. Aus den kaum 500 Meter Luftlinie entfernten Gebirgsdörfern Selce und Gajre dröhnten pausenlos die Granatwerfer, ratterten Gewehrsalven und drang der Feuerschein brennender Häuser durch die dichten Wälder. Albanische UÇK-Kämpfer feuerten vor allem auf die am Fuß des Berges stationierten mazedonischen Polizeieinheiten. Die Zahl der Toten auf beiden Seiten sei viel höher als offiziell angegeben, berichteten die Einwohner von Tetovo.

Auf dem Busbahnhof bildeten sich lange Schlangen. Eigner von Minibussen machten das Geschäft ihres Lebens. Mazedonische, aber auch albanische Frauen und Kinder warteten mit prallen Koffern und Plastiksäcken auf eine Evakuierung zu Verwandten in anderen, noch sicheren Städten. Zurück blieben die Männer, um Haus und Eigentum zu schützen.

»Jetzt hat es unser örtliches Fernsehen erwischt«, erklärte der Mazedonier Jovan Miskovski und zeigte auf das Haus mit dem großen Sendemast. Aus Angst vor Scharfschützen überquerten Passanten nur noch im Laufschritt die Straße. Letzte Hoffnung für die Mazedonier, die in Tetovo und den umliegenden Gemeinden kaum noch 15 Prozent der Bevölkerung stellen, sind jene albanischen Nachbarn, mit welchen sie jahrelang ohne Probleme zusammenlebten.

Wird es so bleiben? Oder werden die Albaner in Mazedonien, mitgerissen vom nationalen Wahn, die Extremisten unterstützen, um mit Gewalt ein ethnisch reines Westmazedonien zu erzwingen? Bei einer Demonstration in der vergangenen Woche skandierten sie laut »UÇK« und »Freiheit für Westmazedonien«.

»Wenn unser Staat nicht reagiert und wir von der Internationalen Gemeinschaft keine Hilfe erhalten«, resignierte der Handwerksmeister Miskovski, »dann gibt es für uns hier kein Leben mehr. Wir mazedonischen Einwohner von Tetovo dürfen auf die Provokationen nicht reagieren. Das wäre unser sicheres Todesurteil.«

Über die zurückhaltende Reaktion der Nato herrscht nicht nur in der Bevölkerung bittere Enttäuschung. Auch im mazedonischen Kabinett liegen die Nerven blank. Die US-Truppen im Kosovo, auf der anderen Seite der Grenze, steckten mit den Albanern unter einer Decke, behauptet ernsthaft ein hohes mazedonisches Kabinettsmitglied. Er ist sicher: Die Amerikaner schauen auch zur Seite, wenn Waffen über die Grenzen geschmuggelt werden.

Im Übrigen: Die GIs könnten die Kommunikation der UÇK abhören, denn deren Ausrüstung stammt von Amerikanern und war für den Kampf gegen den Belgrader Diktator Milosevic bestimmt. Warum also warnen die Kfor-Truppen nicht vor anrückenden UÇK-Gruppen?

Mindestens 2000 ausgebildete Kämpfer, so fürchtet der Minister in der Hauptstadt Skopje, stünden an der Grenze des Kosovo und warteten nur auf eine Ausweitung des Konflikts, um den etwa 400 kämpfenden Guerrillas Beistand zu leisten.

Doch die meisten Nato-Mächte spielen, wie üblich, den jüngsten Balkankonflikt herunter. Sie hoffen, dass Politiker auf Blitzbesuchen noch vermitteln können - wie etwa Außenminister Joschka Fischer, der am Freitag Skopje und Tetovo besuchte. Indessen bieten Bulgarien und Griechenland der mazedonischen Regierung bereits militärische Hilfe an.

Noch sind die übrigen Städte der kleinen Republik von den blutigen Auseinandersetzungen verschont. Wie lange noch, darüber entscheiden einstweilen die albanischen Nationalisten der UÇK.

Zwar wissen sie, dass sie längst an internationaler Sympathie eingebüßt haben, doch ihr Kalkül ist simpel: Eine Granate im Zentrum von Skopje - oder in der Kaserne deutscher Kfor-Truppen - reicht, um den Westen wieder vor der Gefahr eines brennenden Balkans erzittern zu lassen. RENATE FLOTTAU

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