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»IN DER SCHULE DIE LIEBE LEHREN«

»Ein gleichsam asexueller Raum« dürfe die deutsche Schule künftig nicht mehr sein, fordert der Pädagoge Professor Hans-Jochen Gamm, 45 (Technische Universität Darmstadt), in einem Buch »Kritische Schulen, das Anfang Mai im Paul List Verlag, München, erscheint (224 Seiten, 12,80 Mark). Die Lehrer sollten nicht langer als sexuelle Neutra auftreten und für die »erotische Kommunikation« unter den Schülern geeignete Schulraume freigeben. Mit diesen Forderungen geht der Gelehrte, der mit Büchern über »Pädagogik des Nationalsozialismus« und über »Aggression und Friedensfähigkeit in Deutschland« hervortrat, weiter als bis lang irgend ein anderer Professor. Dem Kapitel über »ein Grundmodell für die geschlechtliche Erziehung« sind die folgenden Auszüge entnommen:
aus DER SPIEGEL 18/1970

Man darf einen Mord perfekt abbilden und in einer Illustrierten veröffentlichen, man kann Verkehrsopfer in ihrem Blut zeigen oder gefolterte und getötete Menschen etwa vom Kriegsschauplatz Vietnam in Detailaufnahmen anbieten und plakatieren -es erregt keine Sittenzensur, die sich auftragsgemäß mit der Frage der Jugendgefährdung befaßt. Wo aber Brustwarzen oder Schamhaare sichtbar werden, protestiert es in den Bundesprüfstellen und den ihnen vergleichbaren moralischen Überwachungsstäben. Darum gewinnt die Sexualpädagogik Ihre kritische Funktion in dem Maße, wie es ihr gelingt, Jugendlichen die horrende Heuchelei ihrer Gesellschaft durchschaubar zu machen und sie darüber reflektieren zu lassen, welche Interessen sich hinter diesen Absurditäten verbergen.

Die Empfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK) vom 3. Oktober 1968 enthalten eine durchaus repressive Sexualmoral. Es geht in ihnen nämlich nicht darum, den Jugendlichen die ihm eigentümliche Form von Geschlechtlichkeit finden und Integrieren zu lassen, sondern um nach wie vor strenge Normen der Gesellschaft. Die Antwort bleibt aus, wie denn der Jugendliche sein Geschlechtspotential nutzen soll. Die Gesellschaft erhält nach wie vor ein pädagogisches Tabu aufrecht, sofern die Jugendlichen sexuelle Praxis betreiben.

Auf diese Weise entsteht eine völlig schiefe pädagogische Situation: ein Überhang an Faktenwissen (bis in die für Laien wenig ergiebigen innersekretorischen Prozesse) bei gleichzeitigem absolutem Mangel an Lusterfahrung. Der Schüler soll alles hören und über alles reden. Er wird sozusagen verbal radikalisiert, aber er soll nichts tun. So entsteht Überdruß.

Außerdem erhebt sich angesichts einiger bisher erschienener Hilfsmittel zur Sexualkunde -- seien es Filme, Tonbänder, Schallplatten oder Karten -- der Verdacht, das geschlechtliche Thema solle dem Schüler mit moralischem Überdruck vermittelt werden, damit er ja nicht in Versuchung gerate, das Dargestellte in ein Experiment für sich umzusetzen.

Ein Beispiel für diese Praxis ist der im Jahre 1989 mit einer hohen Auflage erschienene »Sexualkunde-Atlas«. Auch hier möchte man sich zunächst freuen, daß viele Tabus gebrochen wurden: Er bietet eine Menge nützlicher Informationen und könnte zu einer Unterrichtshilfe werden. Aber das retardierende Moment wird zentral sichtbar: Die beiden Bilder vom männlichen und weiblichen Genital werden unter Bedingungen gezeigt, die abschrecken müssen. Der Penis trägt ein syphilitisches Geschwür, die Vagina öffnet sich für den Beginn des Geburtsaktes, und der Kopf des Neugeborenen wird ausgepreßt. Anhand dieser beiden Bilder könnte man exemplarisch das Wesen einer repressiven Sexualerziehung verdeutlichen. Die beiden uralten Ängste eines biotischen Ausgeliefertseins werden reproduziert: 1. Geschlechtsverkehr wird stets von Geschlechtskrankheiten bedroht; 2. Geschlechtsverkehr steht immer unter Zeugungsrisiko. Eine grundlegende Chance zur Vermenschlichung der Geschlechtlichkeit wurde vertan. Bilder unbekleideter Menschen, geschweige denn Darstellungen liebender Paare sucht man vergeblich. Die Mitarbeiter am Atlas vergällen, was sie zu entkrampfen vorgeben.

Der »Sexualkunde-Atlas« spiegelt einen Standort sexualpädagogischer Diskussion, der vielleicht 1930 fortschrittlich im bürgerlichen Sinne gewesen wäre. Es mangelt gänzlich an einem pädagogischen Konzept, und die Autoren fallen darum automatisch in die »Sexualaufklärung« früherer Zeiten zurück.

Die kritische Schule muß, um Alex Comfort zu zitieren, unter dem »Plädoyer für eine menschenfreundliche Sexualität« stehen. Sie wird das um so eher können, je mehr sie den Austausch über die Freuden der Geschlechtlichkeit in ihr Programm auf-nimmt. Das ist kaum anders möglich, als daß der Lehrer als von dem und durch den Schüler Mitlernender sein eigenes Geschlechtsleben bzw. seine geschlechtlichen Probleme, vielleicht sogar die weitverbreiteten Potenzstörungen oder Orgasmusschwierigkeiten nicht verheimlicht, sofern die Lerngruppe ihn als reiferen Menschen über die Probleme des reifen Lebens befragt.

Es ist keine Frage, daß es fast ausschließlich auf die Bereitschaft der Erzieher ankommt, ob sie einer solchen Konkretisierung gewachsen sind. Denn ihnen wird zugemutet, daß sie der gesellschaftlich üblichen Trennung von öffentlicher und Privatsphäre für die Erziehungsaufgabe entsagen und soziale Fortschritte vorbereiten, in denen die Kommunikationsformen zwischen den Generationen nicht am bisherigen erotischen Tabu enden, sondern es übergreifen und langsam auflösen.

Allerdings bestehen manche Emanzipationsschwierigkeiten der Lehrer in terminologischer Hinsicht. Die sexuelle Doppelsprachigkeit tabuiert das meistverbreitete Untergrundwort für Geschlechtsverkehr »ficken«, das als »to fuck« den angloamerikanischen Sprachuntergrund beherrscht. Indem es obszön gehalten wird, schafft man damit pädagogisch gleichsam einen doppelten Tatbestand: »saubere« und »unsaubere« sexuelle Vorgänge; die Lust wird sich -- nach der Erfahrung mit den verbotenen Früchten wesentlich an den verdrängten »unsauberen« fixieren und damit die seit Sigmund Freud erforschten frühkindlichen Triebwünsche reaktivieren. Es kommt folglich alles darauf an, mit der Übernahme und Belichtung des Untergrundwortes die Humanisierung der Geschlechtlichkeit zu vollziehen und dadurch die Metastasen einer sich immer neu brutalisierenden Sexualität auszuräumen.

Indem nämlich die Pädagogen das Untergrundwort vor den Schülern über die Lippen bringen, nehmen sie der Sache die Zwielichtigkeit und zeigen, daß es nur einen geschlechtlichen Tatbestand bei spezifischen Artikulationsunterschieden gibt. Diese sind beliebig und folglich austauschbar. Die Vorgänge als solche, auf die sie zielen, werden dadurch nicht verändert,

Die Schule kann sich für die sexualpädagogischen Bedürfnisse nur eine Basis schaffen, wenn sie das mit dem Einschulungsalter beginnende und erst gegen Ende der Adoleszenz endende System von Lehrgängen im öffentlichen Schulwesen als auf beide Geschlechter bezogen versteht und entsprechend komponiert. Das heißt konkret: Sie muß die empirisch festgestellten Entwicklungen von der Autoerotik bis zu partnerbezogenen Sexualkontakten berücksichtigen. Folglich kann die Schule nicht als ein gleichsam asexueller Raum verstanden werden.

Die Schule hat das Lernen der Liebe zu ihrer wichtigsten sozialpädagogischen Aufgabe zu machen. Gelingt es ihr, eine Sensibilität zwischen den Partnern aufbauen zu helfen, so ist damit der kardinale Sozialbezug überhaupt geschaffen. Dabei braucht man sich nur zu vergegenwärtigen, daß uns wissenschaftlich gesicherte Befunde aus der vergleichenden Verhaltensforschung übereinstimmend erschließen, wie gewaltig die Geschlechterpolarität bereits im Tierreich wirkt, wie der Partner sich jeweils auf den anderen einzustellen sucht und welche Dynamik sich etwa im »Imponiergehabe« verbirgt. Wenn das so ist, dann darf die Pädagogik dieser sozialen Formationskraft nicht gleichgültig gegenüberstehen; sie würde sonst darauf verzichten, den Schüler vital anzusprechen.

Für den Schulbau bedeutet diese Einsicht, Räume zu schaffen, in denen die Schüler beider Geschlechter unkontrolliert verweilen können und die Möglichkeit erotischer Kommunikation besitzen. Da die Formen der Zärtlichkeit und erotischen Kontakte heute von den Jugendlichen notwendig außerhalb der Schule vollzogen werden, wäre zu fragen, was eigentlich dagegen spricht, diese Praktiken in die Schule hineinzuverlegen. Schule kann ein Baukomplex werden, der unter dem architektonischen Gesichtspunkt der Geselligkeitsbegünstigung steht. Erst dann ist der Krampf von »Klassenfesten« zu beseitigen, die in der Schule ausgerichtet werden und den entsprechenden Geruch von Kernseife überall lähmend verbreiten. Geselligkeit, Spiel und Tanz gedeihen nur, wenn die Konstrukteure der neuen Schule zunächst einmal ihre pädagogische Phantasie freisetzen, die ihnen Kontaktlinien erschließt.

Die Schule kann die Umgangsfähigkeit mit andern Menschen in ihr zentrales Lehrprogramm aufnehmen und entkommerzialisieren. Sie schafft damit einen Hebel für die Sensibilisierung der Gesamtgesellschaft. Das wird ihr gelingen, wenn sie die Sexualpädagogik als einen Teil der erzieherischen Aufgabe versteht und dafür kühne neue Arrangements schafft.

Müßte die Schule daher Möglichkeiten erotischer Erfahrung zumindest nicht ausschließen? Dem stehen freilich die Unzuchts- oder Kuppeleiparagraphen entgegen. Aber geht es gesellschaftlich heute nicht wahrhaft um entscheidendere Dinge als um das Problem, ob etwa ein sechzehnjähriger Schüler mit seiner Freundin in der Schule zärtlich ist? Warum darf er es erst auf dem Heimweg nach der Schule werden?

Freilich verschließen manche Lehrer die Augen vor den nach ihrer Meinung pädagogisch bedrohlichen Freizügigkeiten. Sie wollen sich den Tatsachen nicht stellen und bezeugen damit eine Lehrermentalität, die auf die Profile des Obrigkeitsstaates abgestimmt ist. Wenn der Pädagoge es nur nicht zu wissen braucht, daß seine Schüler sich »unzüchtig« verhalten, bleibt sein Gewissen unbelastet.

Diese Einstellung, die sich pädagogisch von keiner Seite rechtfertigen läßt, entspricht der gesellschaftlichen Heuchelei. Die meisten wissen, daß sie anders leben, als die Norm von gestern es fordert. Kaum einer wagt, seine Normabweichungen einzugestehen und unverschleiert zu verfahren.

Die Schule ist die übergreifende gesellschaftliche Institution, die auf breitester Basis das Geschlechtstabu auflösen kann.

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