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ZEITGESCHICHTE In der Seele verletzt

Der ehemalige CDU-Chef und gescheiterte Kanzlerkandidat Rainer Barzel erzählt sein Leben: Souveränes und Pathetisches über politische Ziele - und einen ungeliebten Rivalen.
Von Hans-Joachim Noack
aus DER SPIEGEL 39/2001

Zu den immer noch nicht vollständig erhellten Tagen, die in der Geschichte der politisch wenig skandalösen Bonner Republik lange Zeit die Gemüter erregten, gehört der 27. April 1972. In der Bundeshauptstadt traut sich ein machtbewusster Christdemokrat, den amtierenden SPD-Kanzler zu stürzen - ein angesichts der auf der Kippe stehenden Mehrheitsverhältnisse aussichtsreich erscheinender Coup; aber er scheitert.

Der Mann heißt Rainer Barzel, und die Gründe für seinen abgewehrten Versuch, den beliebten Willy Brandt per so genanntem konstruktiven Misstrauensvotum abzulösen, liegen vor allem in Ost-Berlin. Dass die Stasi unter zwei Parlamentariern, die ihrem Kandidaten den Zuspruch versagten, zumindest eine Stimme kaufte, gilt als bewiesen.

Natürlich war das ein Sündenfall erster Klasse, von dem sich der übervorteilte und schon 1973 auch

von seiner Union aus den Führungspositionen gemobbte Parteichrist nie mehr erholte. Noch im März 2001, verrät er leicht verbittert in einer in dieser Woche erscheinenden Biografie, seien ihm in der schwäbischen Heimat des bestochenen Julius Steiner interessante Details nahe gebracht worden**.

Der inzwischen verstorbene Judas soll sich damit gebrüstet haben, er könne jederzeit einen weiteren »Verräter« nennen - und der Buchautor wundert sich: von irgendwelchen »amtlichen Nachforschungen hierzu« keine Spur.

Doch dabei lässt er es bewenden. Statt sich dem Verdacht einer notorischen Fixierung auf den jähen Bruchpunkt in seiner steilen Karriere auszusetzen, geht es Rainer Barzel um Wichtigeres. Der immer noch ehrgeizige 77-jährige Pensionär - dem das Leben mit dem Tod der Tochter und zweier Ehefrauen auch privat schwere Prüfungen auferlegte - möchte seine Politik rechtfertigen.

Welche Fragen standen Anfang der Siebziger, als sich das Gros der Deutschen schwärmerisch dem um Aussöhnung bemühten »Friedensfürsten« Willy Brandt zuwendete, tatsächlich an? Geriet der Widerpart da nicht zwangsläufig in Schieflage, oder liefen dessen an sich bedenkenswerte eigene Vorschläge in der allgemeinen Gefühligkeit nur ins Leere?

Bisweilen drängt sich der Eindruck auf, dass Barzels umfängliche Retrospektive von einem unterschwellig rumorenden Minderwertigkeitskomplex begleitet sein könnte - aber es gibt auch gegenläufige Passagen. In einer Phase der lodernden Leidenschaften häufig verkannt worden zu sein, hat er letztlich keine Zweifel.

Unstreitig ist (und er räumt es beiläufig ein), wie sehr ihm selbst in seiner Gefolgschaft ein fast schon chronisches Sympathiedefizit anhaftete. Die Mehrheit der Bundesbürger empfand den im ostpreußischen Braunsberg geborenen und im Zweiten Weltkrieg mit der Goldenen Frontflugspange dekorierten Leutnant der Luftwaffe als etwas »ölig« und »glatt«.

Der Dr. jur. Rainer Candidus Barzel, der nach dem Krieg an den Rhein übersiedelte, schien die zunehmend bedrückende Unangefochtenheit in der auslaufenden Bonner Gründerzeit regelrecht zu verkörpern. Kaum einer aus dem konservativen Lager stellte sich während der sechziger und siebziger Jahre der aufgewühlten Protest-Generation schneidiger entgegen.

Es hörte sich an, als bliebe der mittlerweile zum CDU-Vorsitzenden und Fraktionschef seines Parteienverbunds avancierte Unionschrist unbelehrbar bei den ausgelutschten Standardfloskeln - und ein bisschen klingt davon auch in seinem Buch noch durch.

Wenn Barzel an jene Zeit zurückdenkt, in der er als Soldat »missbraucht« wurde, gerinnen ihm seine Sätze zu den üblichen Platituden. Unentwegt beschwört er da die schlimme »Zerrissenheit zwischen ,Vaterlandsliebe'' und Nazi-Krieg« - oder er erinnert sich in Landserprosa der mit dem Feldzug verbundenen »namenlosen Grausamkeit«, die ihn »bald anekelt«.

Ein Text, der ein krasses Gefälle offenbart. Die frühen Jahre unter dem Einfluss von »Omichen« und »Opapa« (und in Sonderheit »Timmchen«, die er später heiraten wird) schildert der Autor betont auf Nähe bedacht, aber in Wahrheit in Phrasen. Seine Protokolle über den schmerzlichen Heimatverlust, die geraubte Identität oder das schwierige Leben danach schwelgen in Superlativen.

Keiner hat mehr geliebt und gelitten als der sich »in der Seele verletzt« fühlende Barzel - und keiner mehr begriffen.

Doch das triefende Pathos, das anfangs auch noch den jungen CDU-Parteigänger kennzeichnet, verliert sich peu à peu. Die Kapitel über den politischen Werdegang des umtriebigen Juristen, der zeitweilig sogar den Fußball-Bundestrainer Sepp Herberger in Rechtsfragen berät, spiegeln auffällig synchron dessen wachsende reflektorische Begabung: Je weiter er in seiner Laufbahn vorankommt, desto deutlicher gewinnt das Buch an Format.

Rainer Barzel - eines Mannes Erfolgsstory, der zunächst als vermeintlich klassischer Parvenü die Bühne betritt. Schon als 34-Jähriger fällt er (nachdem ihn Ludwig Erhard zuvor mit einer seiner berühmten Zigarren geadelt hat) dem greisen Konrad Adenauer in den Blick.

Der Parteipatriarch von Rhöndorf hält den Abgeordneten aus dem pechschwarzen Wahlkreis Paderborn rasch für ausreichend talentiert, höchste Ämter zu bekleiden. Gerade mal 42 ist er, als in Bonn die Große Koalition gebildet wird und der Chef der CDU/CSU-Parlamentierer mit dem Schwaben Kurt Georg Kiesinger um die Kanzlerschaft streitet.

Aber er springt zu kurz. 1966 sind es die eigenen Leute, die seinem stürmischen Drang einen Riegel vorschieben; nach dem gescheiterten Misstrauensvotum sechs Jahre später hat er gegen die Flut der Brandtschen »Willy-Wähler« keine Chance.

Ein verdienter Abgang, weil da ein wendiger Karrierist nur wenig Sachverstand bewies? So relativ entspannt der Skribent Rainer Barzel seinen Aufstieg und Fall beleuchtet - diese Sorge um sein Profil in puncto Kompetenz beschäftigt ihn stärker als alles andere.

Er möchte in die deutsche Nachkriegsgeschichte, die ja immerhin in der Wiedervereinigung gipfelte, als ein jederzeit sich engagierender Kenner der Materie eingehen - und mehr: Ohne ihn und sein Beharren auf einer Verbesserung der ihm im Prinzip genehmen sozialliberalen Ostpolitik, glaubt der Christdemokrat allen Ernstes, wäre schwerlich »die Tür zur Einheit offen gehalten worden«.

Sicher eine geschönte, aber keineswegs vollends unbegründete Version. Zumindest stand Barzel zwischen den Fronten wie vor und nach ihm in der Bundesrepublik kaum ein zweiter Oppositionsführer. Dass er zum Beispiel das Vertragswerk mit Polen passieren ließ, obschon ihm die Parteifreunde nicht nur von der »ultrarechten Flanke« im Nacken saßen, belegt seine Bereitschaft zum Ausgleich.

Darf es da verwundern, wenn der lebensbejahende, weil gottesfürchtige betagte Herr seine Geschichte jetzt etwas anders erzählt, als sie der flüchtige Zeitgeist bewahrt haben mag? Schließlich hat er das vorliegende Werk in erster Linie für seine dritte und um nahezu ein viertel Jahrhundert jüngere Frau Ute verfasst.

Um der Gefährtin zu gefallen, trägt der ehedem geschniegelte Barzel seit langem einen Bart - doch er will ihr auch sonst imponieren. Man dürfe nicht annehmen, erfährt der Leser, dass er lediglich irgendwelcher Ränke oder eigener Unzulänglichkeiten wegen aus dem politischen Olymp gekippt worden sei, sondern »in Konsequenz meiner Haltung«.

Und die war, vor allem was den »sozialen Akzent« anbelangt, in der zementierten Union eher linksseitig verankert - für den Biografen ein wesentlicher Grund seines erzwungenen Ausstiegs. Der von ihm beharrlich vertretene maßvolle Reformanspruch habe den vielen Hardlinern unter den Konservativen nie behagt.

So kommt der Autor zu Helmut Kohl, dessen kalt geplanter »Zermürbungskrieg« ihn noch heute ergrimmt. Dass der spätere Kanzler seinem Rivalen das Amt des Bundestagspräsidenten anbot, um ihm damit gnädig wenigstens ein halbes Comeback zu ermöglichen, kann den zornigen Barzel nicht besänftigen.

Gemessen an diesem Parteifreund - eine Definition, die er wohl lieber in Anführungszeichen gesetzt hätte - erinnert sich der Christdemokrat seiner Widersacher von der SPD fast schon warmherzig. Selbst dem großen Willy Brandt billigt der Konkurrent von einst im Nachhinein ein »brillantes Sprechwerk« zu.

Fast schon zum Vorbild aber wächst für ihn ein anderer politischer Gegner, zu dem er auch heute noch beste Kontakte unterhält. Auf die von Barzel selbst gestellte Frage, wie er das Land regiert haben würde, wenn der Wähler denn so nett gewesen wäre, nennt er als Programm nur einen Namen: »Wie Helmut Schmidt.« HANS-JOACHIM NOACK

* Nach dem gescheiterten Misstrauensvotum am 27. April 1972.** Rainer Barzel: »Ein gewagtes Leben«. Hohenheim Verlag,Stuttgart/Leipzig; 440 Seiten; 42 Mark.* SPIEGEL 49/1972.

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