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Justiz In der Tinte

Mit einer Ausstellung ehrt Hamburgs Justiz eine winzige Zunft - die Pressezeichner.
aus DER SPIEGEL 51/1990

Einst hielten sie Staatsbesuche, Seeschlachten und Attentate für die Nachwelt im Bilde fest. Heute arbeiten die meisten Vertreter des traditionsreichen Metiers nur mehr an einem Ort - im Gerichtssaal.

Die Reportage mit dem Zeichenstift, bedauert die Hamburger Journalistin Christine Böer, 49, sei heute »fast gänzlich verdrängt durch den Druck auf den Knopf der raffiniertesten Fotoapparate«. Nur das Fotografierverbot während der Hauptverhandlung habe den Pressezeichnern die Gerichtssäle als »letzte Domäne« gesichert.

Christine Böer beliefert seit Jahren mal die liberale Zeit, mal die linke Tageszeitung, das ZDF und die Hamburger Morgenpost mit gezeichneten Reportagen. Die Presse-Kamera sei zwar schneller als die Zeichenfeder, sagt sie, aber die »Dimension der Langsamkeit« habe »etwas Eindringliches«, das Fotos oft vermissen ließen.

Mit einer Ausstellung in der Kuppelhalle des Hanseatischen Oberlandesgerichts ("Gerichtslandschaften, Gesichtslandschaften«; geöffnet bis zum 15. Januar) ehrt Hamburgs Justiz derzeit die aus Berlin stammende Zeichnerin, die nicht nur viele Alltagsverfahren gegen Zuhälter, Skinheads und Steuerbetrüger protokolliert hat, sondern auch Sensationsprozesse, etwa gegen die Gladbecker Geiselnehmer oder den Memminger Abtreibungsarzt Horst Theissen.

»Der Zeichner kommt mit verhältnismäßig wenig Aufwand aus und kann auch unter extremen Lichtverhältnissen arbeiten«, beschreibt sie die Vorzüge ihres Metiers, »er kann stilisieren und vereinfachen, ohne das seismographische ,Aufzeichnen'' zu vernachlässigen.«

Anders als das Foto könne die Zeichnung »mehrere Aspekte auf ein Blatt bringen«, zum Beispiel alle Prozeßbeteiligten im Drogen-Verfahren gegen eine kolumbianische Kokain-Patin, oder die entscheidende Sekunde festhalten - den drohenden Blick, mit dem ein angeklagter Dealer, der in der Tinte sitzt, einen aussagebereiten Zeugen einschüchtert.

Im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen versteht sich die Gerichtszeichnerin Böer zugleich als »Alltagszeichnerin«. _(* Bewohner der Hamburger Hafenstraße. ) Sie arbeitet nicht nur in den Justizpalästen, sondern auch in jenem Milieu, aus dem viele der Gezeichneten stammen und in dem viele ihrer Opfer enden. Wochenlang porträtierte die Spitzen-Feder in den Hamburger Halbweltvierteln St. Pauli und St. Georg Heroin-Huren und Hafenstraßen-Bewohner, Promille-Penner und Kiez-Originale.

Die Erfahrungen der Gerichtsreporterin im Milieu waren zwiespältig: »Mal haben sie mich beklaut, mal haben sie mir einen ausgegeben.«

* Bewohner der Hamburger Hafenstraße.

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