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MANNESMANN-WECHSEL In der Zange

aus DER SPIEGEL 10/1966

Pater Irineu hielt die Arme ausgebreitet wie der steinerne Christus über der Bucht von Rio de Janeiro. Aber er segnete nicht, sondern fluchte: »Das Verbrechen von Mannesmann an den Einfältigen schreit nach Rache.«

Im Gemeindesaal der Kirche der Unbefleckten Empfängnis trampelten und klatschten etwa 600 Brasilianer Beifall. Sie zählen zu jenen Einfältigen, die ihr Spargeld vor der Inflation retten wollten und es in Wechseln der deutschen Tochterfirma Companhia Siderúrgica Mannesmann (CSM) anlegten. Als die Firma die Papiere nicht einlöste, organisierte der Mönch vom Salesianer -Orden aus Turin den Zusammenschluß der Gläubiger und stellte sich an die Spitze des »Komitees zur Verteidigung der Opfer von Mannesmann«.

Seit Ausbruch des »größten internationalen Finanzskandals nach dem Zweiten Weltkrieg«, wie die Londoner »Times« die Wechselaffäre nennt, ist das Ansehen der Bundesrepublik und der deutschen Industrie in ganz Südamerika rapide gesunken. Einst die gefeierten Heroen der Ehrlichkeit und Gründlichkeit, müssen sich die Deutschen jetzt gegen den pauschal erhobenen Vorwurf wehren, ihre Entwicklungshilfe bestehe darin, kleinen Sparern auf unrechtmäßige Weise das Geld abzujagen.

Nächst den Amerikanern gelten sie zur Zeit in der brasilianischen Öffentlichkeit als die schlimmsten imperialistischen Ausbeuter, und die diplomatischen Beziehungen zwischen Bonn und Brasilia wurden dadurch nicht gerade verbessert. Fortsetzungsserien über den Fall Mannesmann, die gerade jetzt, im Endstadium der Verhandlungen, publiziert werden, schüren die Stimmung ebenso wie der katholische Priester mit Demonstrationszügen und Versammlungen.

Unter seinen schwarzen Rock flüchteten mittelständische Matronen (Witwe Elisabeth Fieck, 60: »Ich habe mein Geld auf den guten Namen Mannesmann gegeben und muß mir jetzt das Essen zuteilen") ebenso wie Pensionäre, Beamte und die Geldverwalter von 21 religiösen Institutionen. Zu Irineus Fußvolk, das bereits einen Sturmangriff auf das Büro der Deutschen Lufthansa in Rio unternahm, zählen sogar die Stämme der Xavante- und Bororo-Indianer vom Amazonas. Ihre »Weißen Väter« hatten mit Geldern der Indianer-Sozialfonds ebenfalls Mannesmann-Wechsel angekauft.

Ihnen allen brachte der Pater - auf seiner Veranstaltung in der zweiten Februarwoche - eine frohe Botschaft. Während die Fächer der versammelten Damen wie eine UmWälzpumpe die 38 Grad Wärme im Kirchensaal gegenüber dem Zuckerhut verteilten, kündigte Irineu an: »Bald bekommt ihr euer Geld. Die Regierung wird bekanntgeben, wann und wo die Beträge ausgezahlt werden.« Die deutsche Mutterfirma Mannesmann AG ist einem Zangenangriff der Brasilianer ausgesetzt, an dessen Ende sie wohl oder übel für einen Teil der Wechselschulden ihrer schönen Tochter in die Tasche greifen muß. Sitzt am einen Hebel Pater Irineu, der Witwen, Waisen und Indianer aufmarschieren läßt, so zwackt am anderen Ende ein Geheimdienstgeneral mit Namen Ayrton Salgueiro de Freitas. Er hat die Wechselaffäre im Auftrag der brasilianischen Regierung untersucht und die CSM schuldig gesprochen: Mindestens 50 Millionen Mark müßten die Deutschen an ihre Wechselschuldner zahlen.

Auch fast alle Offiziere - General Ayrton nicht ausgenommen - hatten Wechsel von Mannesmann gekauft. Deshalb drängt die Armee noch schärfer als die Kirche darauf, das Geld endlich von den Deutschen einzutreiben. Das nationalistische Offizierskorps möchte die CSM-Werke in Belo Horizonte kurzerhand enteignen und alle Wechselbesitzer durch Ausgabe von Aktien entschädigen.

Brasiliens Sonderbotschafter Barbosa da Silva übertrieb nicht, als er vergangene Woche den Mannesmännern in Düsseldorf erklärte: »Der innenpolitische Druck ist so stark, daß nicht viel fehlt,

und die Regierung wird über die Wechselaffäre stürzen.«

Ayrton Salgueiro traf denn auch bereits in Belo Horizonte ein, wo deutsche Ingenieure vor vierzehn Jahren inmitten einer tropischen Hügellandschaft das modernste Stahl- und Röhrenwerk Brasiliens errichteten, und verhandelte mit dem Ortskommandanten.

Seitdem schickt Düsseldorfs Statthalter in der Tochterfirma, Werner Mörath, immer dringlichere Fernschreiben nach Deutschland. Er befürchtet: »Die können hier jeden Tag einmarschieren und das Werk besetzen.«

Will die deutsche Konzernleitung das Stahlkombinat im Wert von 350 Millionen Mark nicht aufs Spiel setzen, so muß sie jetzt die Position aufgeben, die sie als Folge ihrer mangelnden Aufsicht und unzureichenden Landeskenntnis vor acht Monaten bezogen hatte. Als die Wechselaffäre am 21. Juni 1965 aufplatzte, ließ Mannesmann in brasilianischen Zeitungen Anzeigen einrücken, in denen es unerbittlich hieß:

- Die von dem Ex-Direktor der Companhia Siderúrgica Mannesmann, Dr. Jorge de Serpa, ausgegebenen Wechsel sind gesetzwidrig und unterliegen nicht der Verantwortung der Gesellschaft.

- Wir werden vor brasilianischen Gerichten beweisen, daß die Wechsel ungültig sind und die CSM nicht verpflichtet ist, sie zu bezahlen.

Mannesmanns Verteidigungslinie war anfangs sehr eng gezogen: Serpa habe die Wechsel »ohne wirtschaftliche Grundlage« ausgestellt und sie auch nicht in den Büchern der CSM ordnungsgemäß verbucht. Mithin handle es sich um seine Privatschulden, die der Firma nicht angelastet werden könnten. Überdies sei »der größte Teil der Papiere« gefälscht.

Rund 40 000 Brasilianer hatten sich mit Wechseln der Düsseldorfer Firma eingedeckt. Neben Sachwerten galten diese sogenannten Promissorias als einzige Sicherung gegen die mörderische Inflation der Landeswährung. Selbst nach südamerikanischen Begriffen verlor der brasilianische Cruzeiro im Rekordtempo seinen Wert: 1963 sank die Kaufkraft um 60 Prozent, 1964 sogar um weitere 86 Prozent.

Preise und Löhne stiegen praktisch jede Woche, und wer Geld besaß, gab es sofort wieder aus. Plantagenbesitzer und reiche Kaufleute beispielsweise ließen sich vom Volkswagenwerk do Brasil aus Sao Paulo 30 und mehr VW - Stückpreis: 12 000 Mark - liefern. Eingefettet standen die Autos auf Viehweiden und Hinterhöfen, einzig zu dem Zweck, ihren Besitzern den Geldwert zu erhalten.

Außer für Sachwerte legten die Sparer ihr Geld damals nur noch auf dem schwarzen Wechselmarkt an, dem »Mercado Paralelo«. Und wie Mannesmann machten auch andere Firmen von Weltruf, zum Beispiel Standard Electric und Otis, auf diesem Parallelmarkt ihren guten Namen zu Geld.

Der Inflationsrate entsprechend wurden die Wechsel mit fünf Prozent im Monat verzinst, erbrachten jährlich mithin 60 Prozent ihres Wertes. Sie waren durchweg auf 1000 Mark ausgestellt und wurden unter Abzug der Zinsen verkauft.

Da die Inflation unvermindert anhielt, verzichteten die meisten Wechselsparer bei Fälligkeit ihrer Papiere darauf, sich bar bezahlen zu lassen. Sie nahmen gern neue CSM-Wechsel entgegen, die - zum Ausgleich der künftig fälligen Zinsen - auf entsprechend höhere Summen ausgestellt waren.

Bis zum 17. September 1963, als die brasilianische Regierung den Wechselmarkt durch ein Gesetz unter die Aufsicht der Behörden stellte, galt diese Art der Geldbeschaffung nicht ausdrücklich als verboten. Wechsel großer Firmen wurden sogar mit einem täglichen Kurswert in den Zeitungen notiert.

Der Putsch des Armeegenerals Castelo Branco im März 1964 gegen das kommunistisch unterwanderte Regime des Präsidenten Goulart brachte den schwarzen Finanzmarkt ins Wanken. Branco hatte den Kampf gegen Kommunismus, Korruption und Inflation auf seine Fahnen geschrieben. Er nahm das Regierungsviertel von Rio im Handstreich, ohne daß ein Schuß fiel.

Zwar rückten am Badestrand von Copacabana Goulart-treue Truppen gegen die Revolutionäre vor. Die beiden kommandierenden Generale jedoch, Duzfreunde seit ihrer Kriegsschulzeit, entschieden die Schlacht auf brasilianisch. Fragte der eine: »Wieviel Soldaten hast du?« Antwortete der andere: »5000 Mann.« Darauf der erste: »Ich habe 3000; also hast du gewonnen.« Das Revolutionsregime eröffnete einen mühseligen Kleinkrieg gegen die landesüblichen Bestechungspraktiken. Einige Methoden sind auch bereits aus der: Mode gekommen. So schützt zum Beispiel die Kraftfahrer-Sitte, Geldscheine zwischen die beiden Seiten des Führerscheins zu stecken, nicht mehr wie früher vor einem Strafmandat.

Im Kampf gegen die Inflation erzielte General Branco immerhin einen halben Erfolg. Durch höhere Steuern, Lohnstopp und Prämien für Firmen, die ihre Preise hielten, wurde der Kaufkraftverfall 1965 auf 45 Prozent abgebremst. Finanzminister Bulhoes: »Wir betrachten das als einen guten Anfang.« Für Mannesmanns Finanzexperten Dr. Serpa in Belo Horizonte dagegen beschwor die straffere Währungspolitik schwerste-Probleme herauf. Er schickte zwar weiterhin regelmäßig einen Boten mit Bündeln von Wechseln nach Rio, immer häufiger aber verlangte die Sparerkundschaft jetzt Bargeld. Das System, fällige Papiere durch Ausgabe neuer Wechsel einzulösen, funktionierte nicht mehr.

Hinzu kam, daß Serpa eng mit den linksorientierten Präsidenten Kubitschek und Goulart befreundet gewesen war und durch die Revolution allen politischen Einfluß eingebüßt hatte. Bei der Verfilzung von Politik und Geschäft brachte das den Verlust vieler Bankverbindungen mit sich.

Düsseldorf hatte sich den heute 44jährigen Serpa bei Gründung der Firma 1952 nicht aussuchen können. Er wurde vielmehr direkt auf Weisung Kubitscheks ernannt, um den gesetzlich vorgeschriebenen Anspruch auf brasilianische Vertretung im Vorstand zu erfüllen. Dank seiner engen Verbindung zur hohen Politik und seiner bedeutenden Stellung In der obersten Gesellschaftsschicht konnte der massige, dunkeläugige Jurist den alternden Präsidenten Weiss ebenso

überspielen wie die der Landessprache beziehungsweise -sitten unkundigen deutschen Direktoren.

Um die bald auf 40 Millionen Mark angestiegene Wechselschuld ohne Aufsehen tilgen zu können, versuchte Serpa schließlich, in New York einen mittelfristigen Kredit aufzutreiben. Die amerikanische Maklerfirma A. W. Benkert & Co. Inc. aber schrieb ihm, sie könne die erbetenen zehn Millionen Dollar auf fünf Jahre nur dann beschaffen, wenn als Schuldner nicht die brasilianische CSM, sondern die deutsche Muttergesellschaft verpflichtet und der Kredit von ihr zurückgezahlt würde.

Im Düsseldorfer Mannesmann-Hochhaus ahnte man zu dieser Zeit weder etwas von der Wechselwoge, die auf das Tochterunternehmen zurollte, noch von den verzweifelten Bemühungen Serpas, die aufgerissenen Finanzlöcher zu stopfen.

Generaldirektor Dr. Egon Overbeck stattete der schönen Tochter im Sommer 1964 einen Besuch ab und führte an der Copacabana und im feudalen Jockei -Klub von Sao Paulo ahnungslos Gespräche mit Deutschen und Brasilianern, von denen jeder wußte, daß die Wechselschuld bald über der CSM zusammenschlagen würde.

Brasilienfahrer Overbeck erbost sich heute: »Warum hat mir kein Mensch etwas davon gesagt; ich spreche doch nicht Portugiesisch.«

Die Prokuristen und Abteilungsleiter in den Marmorbüros der CSM von Rio und im Hüttenwerk verwahren sich dagegen. Overbeck aufzuklären sei Sache des gesamten Vorstands, zumindest aber des Präsidenten Dr. h. c. Sigmund Weiss und des Wechselreiters Serpa gewesen.

Aber weder der ehemalige Textilhändler Weiss aus Krefeld noch der Wechsel-Aussteller Serpa gaben rechtzeitig Nachricht-an Düsseldorf. Ebenso hat,Dr. Walther Eisenbraun, Vorstandsmitglied der deutschen Mannesmann AG und ihr Verbindungsmann nach drüben, es versäumt, zur Zeit Alarm zu schlagen.

Selbst nachdem die Mannesmann AG im August 1964 benachrichtigt wurde ein Wechselinhaber namens Magalhaes war sogar mit seinen Papieren in Düsseldorf aufgekreuzt - handelte die deutsche Mutter der Öffentlichkeit gegenüber nach dem Motto: Meine Tochter tut so etwas nicht.

Zwar drängte Düsseldorf danach die beiden brasilianischen Bürger Weiss und Serpa, die Wechsel aus der Welt zu schaffen. Zehn Monate lang jedoch ließen sich Overbeck und seine Rechtsberater von ihnen düpieren. Serpa beruhigte sie zunächst mit der Versicherung, es stünden noch Wechsel im Wert von rund sieben Millionen Mark aus, und die werde er durch ein persönliches Geld-Depot absichern.

Im Unterschreiben kundig, füllte Jorge Serpa flugs einen Scheck in dieser Höhe aus. Als die CSM den Scheck ihrer Bank einreichte, erfuhr sie, daß er nicht gedeckt war. Serpa versprach, das Konto aus seinem Privatvermögen aufzufüllen.

Zum Jahresbeginn 1965 verlangte auch die staatliche Banco do Brasil, Mannesmann solle aus dem inzwischen verbotenen Parallelmarkt aussteigen, sonst werde man keine weiteren Kredite einräumen. Am 21. Januar 1965 um 8.40 Uhr jagte deshalb das kaufmännische Vorstandsmitglied Edwin May ein Telex mit der Aufforderung an Serpa nach Rio:

- Bitte um sofortige Bestätigung, daß

die Einlösung der fälligen Wechsel programmgemäß fortgesetzt wird, damit wir Banco do Brasil entsprechend unterrichten können.

Serpas Antwort kam am Nachmittag: Alle Wechsel würden planmäßig bezahlt, auch jene, die sich noch in Händen der Makler von Rio und Sao Paulo befänden.

Auch Sigmund Weiss, der sein holzgetäfeltes Präsidentenzimmer mit dem roten Telephon in Rio sowie das Hüttenwerk oft wochenlang verwaist gelassen hatte, bedrängte Serpa nun, die Wechsel privat zu bezahlen. Auf seine Anfrage teilte ihm Serpa am 10. März 1965 schriftlich mit, es sei nur noch ein Rest von 3,7 Millionen Mark Wechsel einzulösen. Und darüber verhandle er bereits mit der Regierung.

Die Minister für Wirtschaft und Finanzen in Rio bestätigen, daß Serpa sich in letzter Minute an sie gewandt hat. Er habe eine Rettungsaktion vorgeschlagen, bei der Brasiliens Staatsbank Devisen von Ländern mit weicher Währung der Frankfurter Bundesbank aushändigen und dafür ein Dollar-Depot zugunsten der CSM eröffnen sollte.

Sowohl Wirtschaftsminister Campos als auch Finanzminister Bulhoes indes betonen: »Serpas Ideen waren sehr konfus und ohne jede reale Chance.«

Zu spät, Ende Mai 1965, als in Belo Horizonte die ersten Wechsel zu Protest gingen, trennte sich die Düsseldorfer Mannesmann AG von Jorge Serpa.

Mannesmann-Jurist Dr. Walter Munding flog vom Rhein nach Rio de Janeiro und glaubte, den verwickelten Fall mit einem einzigen Gewalthieb lösen zu können. Im Auftrage der Düsseldorfer Firma ließ er in den großen Tageszeitungen Brasiliens die Anzeigen veröffentlichen, mit denen die deutsche Konzernführung sowohl für sich selbst als auch für die Tochterfirma jede Verantwortung ablehnte. Daraufhin stellte sich Serpa in Belo Horizonte der Polizei.

Gegen ihn erstattete Düsseldorf Strafanzeige, um herauszubekommen, wohin das Geld aus den Tausenden von Wechseln geflossen ist.

Dieselbe Frage interessierte nach dem Eklat auch Brancos Parteigänger, denen Serpa wegen seiner politischen Rolle als Freund der früheren Präsidenten ohnehin verdächtig war. Eine ganze Nacht lang, vom 6. auf den 7. September 1965, versuchten sie, ihm das Geheimnis mit Gewalt zu entlocken.

Dazu hatte sich die Sicherheitspolizei vom Staate Guanabara, in dem Serpas Wohnsitz, Rio de Janeiro, liegt, den Wechselreiter ausgeliehen. Im Anschluß an den zwölfstündigen Transport in einem Jeep von Belo Horizonte nach Rio unterzogen sie ihn einer Spezialbehandlung, Polonaise genannt: Sie knüpften Serpa an seinen zusammengebundenen Händen auf und brachten ihn durch ständig niederprasselnde Stockschläge in kreiselnde Bewegungen.

In Abständen wurde ihm dabei die Frage gestellt: Durch wen und wieviel er von den Wechsel-Millionen an Kubitschek, Goulart oder noch im Lande verbliebene Oppositionsführer gezahlt habe, um die Rückkehr seiner alten Freunde an die Macht vorzubereiten.

Der Delinquent hielt durch, bis einflußreiche Kirchenfreunde - Serpa hatte mehrere Jahre als Sekretär des Kardinals in Rio gearbeitet - ihn um sechs Uhr morgens ausfindig gemacht hatten und den Ärzten sowie der Bundespolizei übergeben konnten. Wechselreiter Serpa hat mit kleinen Beträgen angefangen, die zum Teil der laufenden Finanzierung der CSM gedient haben mögen. Später erreichten die Inflation und vor allem die Abzinsung solche Ausmaße, daß, um beispielsweise nur vier Millionen Mark zu erlösen, Wechselverpflichtungen in Höhe von rund zehn Millionen Mark eingegangen werden mußten.

Serpas persönlicher Lebensstil und seine politischen Verbindungen lassen den Netto-Erlös in Höhe von einigen Millionen Mark als durchaus konsumierbare Größe erscheinen. Dies um so mehr, als er sich nicht nur die Freundschaft der emigrierten Präsidenten, sondern auch wichtiger anderer Politiker erhalten konnte wie die des einstigen Justizministers und heutigen Gouverneurs des Bundesstaates Guanabara, Lima. Seine früheren Vorstandskollegen erinnern sich überdies, daß ein Vertrauter Serpas mehrmals Reisen nach Europa und den USA unternommen hat, wobei vermutlich ein großer Teil des Wechsel-Geldes außer Landes geschafft worden sei.

Der Beschuldigte streitet das alles ab. Seit er als Kronzeuge gegen seinen früheren deutschen Arbeitgeber auftritt, läßt ihn die brasilianische Justiz in Ruhe, und auch das Finanzamt hat keine Ansprüche mehr gegen ihn. Serpa zum SPIEGEL: »Ich soll der Sündenbock sein. Aber wenn die deutschen Vorstandskollegen sagen, sie hätten mich gewarnt, die Ausgabe von Wechseln fortzusetzen, dann ist das doch kindisch. Denn wenn ich sehe, daß einer etwas Strafbares tut, in diesem Fall also Untreue begeht, dann muß ich ihn doch anzeigen.«

Serpas Verteidigung während der Polonaise und vor dem General Ayrton ist heute Grundlage der brasilianischen Ansprüche gegen die deutsche Mannesmann AG:

Für die Erweiterung der Werkskapazität in Belo Horizonte - beispielsweise für den Bau eines neuen Hochofens - habe er mangels anderer Finanzquellen Geld auf dem Wechselmarkt aufnehmen müssen. Schon im Januar 1960 habe man mit den Erweiterungsbauten begonnen, dagegen sei etwa ein beantragter Investitionskredit der brasilianischen Entwicklungsbank erst zwei Jahre später und dann auch nur gekürzt ausgezahlt worden.

Serpa verweist auf das Protokoll einer Vorstandssitzung der CSM vom 8. Mai 1960, das außer ihm von Präsident Weiss, dem Brasilianer Machado Freire sowie den deutschen Vorstandsmitgliedern May (kaufmännischer Direktor) und Kleinheisterkamp (technischer Direktor) unterzeichnet ist. Auf der Sitzung sei beschlossen worden, die benötigten Mittel nach Baubeginn notfalls durch die Ausgabe von Wechseln zu beschaffen.

Auf die Frage des SPIEGEL, warum das Wechselgeschäft nicht in der vom Wirtschaftsprüfer-Unternehmen Price Waterhouse Peat & Co. kontrollierten Buchführung der CSM registriert sei, erklärte Serpa: »Es ist doch klar, daß man dafür eine zweite Buchführung hat.«

Die Mannesmänner bestreiten, daß Geld vom Wechselmarkt in das brasilianische Stahl- und Röhrenwerk investiert wurde. Jost Hainke, Leiter der Finanzabteilung in Belo Horizonte, weist auf die ordnungsgemäß verbuchten Rechnungen über 28,5 Millionen Mark hin, die von westdeutschen Lieferfirmen für den Bau des Hochofens ausgestellt und pünktlich bezahlt worden sind.

Er sagt: »Ich war Chef der Revision und konnte in alle Schubladen gucken. Es gibt hier keine zweite Buchführung, das wird die Buchführung von Herrn Serpa und seinen Kumpanen gewesen sein. Einen Betrag von 30 Milliarden Cruzeiros kann man nicht verstecken.«

Laut Aufstellung der Untersuchungskommission Ayrtons stieg das Wechsel-Obligo der CSM

- im Jahre 1963 auf 21 Millionen Mark

und

- 1964 auf 40 Millionen Mark.

Die letzte Addition vom Juni 1965 ergibt eine Gesamtwechselschuld von 60 Millionen Mark. Fast zehn Millionen Mark davon allerdings hat Ayrton mit Rotstift eingetragen, das heißt als Fälschungen deklariert. Mannesmann veranschlagt den Anteil der Wechsel, die außer dem echten Namenszug von Serpa die gefälschte zweite Unterschrift des Vorstandsmitglieds Machado Freire tragen, wesentlich höher (siehe Photokopie Seite 40).

Ayrtons Untersuchungsbericht enthält auch einen Hinweis darauf, daß die inzwischen verstorbene Gattin des Firmenpräsidenten Weiss einmal rund 200 000 Mark Wechselerlöse firmenfremd verwendet habe. Der Edelmann in Rio de Janeiro - »Ich habe als einziger das Diplom für Heer, Marine und Luftwaffe, bin Mitglied des Olympischen Komitees und habe fünf Bücher geschrieben« - hat Sigmund Weiss davon noch nichts gesagt: »Aus Gründen der Etikette«.

Erst nachhaltiger Druck aus Düsseldorf zwang Weiss 'raus und Mörath 'rein. Sigmund Weiss, renommiertes Mitglied sowohl der Handelskammer wie der Synagoge von Rio, erklärte am 16. Dezember 1965 seinen Rücktritt. Werner Mörath, ehemals Krupp- und Feldmühle-Direktor, trat im vergangenen Monat an seine Stelle.

Das 450 Kilometer nordwestlich von Rio auf dem Gelände einer früheren Kaffeeplantage gelegene Hüttenwerk arbeitet gegenwärtig nicht auf vollen Touren. Der umstrittene Hochofen liegt still, und im Sog seiner leeren Erzkammern flattern bunte Urwaldschmetterlinge. Beide Niederschachtöfen von 70 000 Tonnen Jahreskapazität sowie das Stahl- und Röhrenwerk sind voll in Betrieb. Mannesmann hat die Belegschaft um 1000 auf 4000 Köpfe reduziert. 46 Deutsche, die ihre Bungalow-Siedlung Sauerkraut-Landia getauft haben, leiten das Hüttenwerk und die nahegelegenen Tagebau-Erzgruben. Im Jahre 1964 setzte die brasilianische CSM 132 Millionen Mark um.

Sie liefert ihr 65prozentiges Eisenerz an die Mannesmann-Werke im Ruhrgebiet und bezieht dafür im Austausch Koks vom Schwesterwerk in Huckingen. Ihre Stähle und Röhren werden nach DIN-Vorschrift erzeugt und sind von erstklassiger Qualität. Auch Finanzminister Bulhoes rühmt: »CSM arbeitet ausgezeichnet und exportiert sogar bereits.« Abnehmer in Brasilien sind auch die deutschen Tochterfirmen von Volkswagen, Krupp und Daimler -Benz.

Obwohl die übrigen deutschen Kaufleute Mannesmann oft kritisieren (Krupp-Chef Schwarzer in Sao Paulo: »Wenn mir so ein Wechsel auf den Tisch kommt, dann werde ich doch hellwach und frage, was ist da los?"), übten sie Solidarität. Sie ließen Rechnungen für die bedrängte Hüttenfirma so lange wie möglich liegen, umgekehrt leisteten sie ihr Vorkasse.

Mannesmann in Düsseldorf erteilte der Tochter für sechs Millionen Mark einen Auftrag, so daß jetzt Stab- und Rundstähle aus Brasilien die ohnehin gut gefüllten Läger der Mutterfirma bereichern.

Werner Mörath bangt darum, daß seine Chance in Belo Horizonte möglicherweise durch eine Kurzschlußreaktion der Nationalisten verdorben wird. Ebenso wie inoffiziell die Deutsche Botschaft in Rio empfiehlt er den Düsseldorfern, wenigstens den kleinen Sparern schnell ein großzügiges Angebot zu machen.

Sonderbotschafter da Silva riet dem deutschen Generaldirektor Overbeck vergangene Woche, die als echt anerkannten Wechsel möglichst bald zu honorieren. Er verschwieg, daß die brasilianische Regierung sonst für hinterzogene Sozialabgaben und als Strafe dafür, daß der Wechselerlös nicht versteuert wurde, eine Rechnung in Höhe von rund 350 Millionen Mark präsentieren wird auffälligerweise gerade so viel, wie das Tochterwerk wert ist.

Finanzminister Bulhoes in Rio meint, wenn die Mannesmann AG glaube, einen Anspruch gegen Serpa und die Finanzmakler zu haben, könne sie ja auf Schadensersatz klagen.

Die brasilianische Regierung weist alle Mitschuld, die in der Inflation, der Duldung des Parallelmarktes sowie der Bestallung Serpas als Direktor begründet sein könnte, zurück. Wirtschaftsminister Roberto Campos: »Die Regierung hat die Firmen immer gewarnt, sich auf diesem Markt Mittel zu beschaffen, weil das gefährlich war. Außerdem hat sie später das Kapitalmarktgesetz erlassen, das die Überleitung in die Legalität ermöglichte. Alle Firmen haben davon Gebrauch gemacht, Mannesmann leider nicht.«

Pater Irineu jubiliert, die Zahlungsverpflichtung der Deutschen sei in »wahrhaft mittäglicher Klarheit« festgestellt und das Geld werde nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Dem Verdacht, er verlange für seine Mühen eine Provision, tritt der Mönch energisch entgegen. Irineu: »Ich führe den Kampf nur für die Sache des Mannes aus dem Volke, der Waisen unserer karitativen Institutionen und der Indianer aus dem Amazonasgebiet, die der Mittel für ihre Zivilisierung beraubt worden sind.«

Versammlung des »Komitees zur Verteidigung der Opfer von Mannesmann« in Rio: »Das Verbrechen schreit nach Rache«

Mannesmann-Tochter Companhia Siderúrgica Mannesmann in Belo Horizonte: 50 Millionen Mark Wechselschulden Wechselreiter Serpa*

Eine Nacht lang Polonaise

Echte und gefälschte (unten) Signatur Machados: Zweite Buchführung?

Deutscher Mannesmann-Chef Overbeck

Der schönen Tochter in Südamerika ...

Ausgeschiedener CSM-Chef Weiss

... mangelte es an deutscher Aufsicht

Pater Irineu

General Ayrton

Mit Kirche und Armee für die Indianer vom Amazonas

* Nach dem Verhör durch die Sicherheitspolizei in Rio de Janeiro.

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