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EXISTENTIALISMUS In der Zone Null

aus DER SPIEGEL 29/1955

Ganz am Rande der »V. Internationalen Filmfestspiele Berlin 1955«, abseits der festlichen Premieren, Empfänge und Star-Paraden vollzog sich in einer spärlich besuchten Matinee im »Cinéma Paris« ein kinematographisches Ereignis: die offizielle Uraufführung des ersten deutschen avantgardistischen Spielfilms. Siebzig Minuten lang reagierte eine kleine Schar filmkunstinteressierter Festspielbummler teils fasziniert, teils befremdet auf den Ablauf merkwürdiger, surrealistisch übereinandergeschichteter Bildvisionen, die im Programm unter dem Titel »nicht mehr fliehen« als »ein Film von Zwanzigjährigen« angekündigt waren.

»nicht mehr fliehen« ist der Versuch des 24jährigen Wieners Herbert Vesely, in kühner Mißachtung filmdramaturgischer Gesetzmäßigkeiten aus Bild und Ton ein abstraktes Kunstwerk zu komponieren oder, wie er selbst formuliert, »statt der erzählenden Handlung eine Folge statischer Zustände aneinanderzureihen«.

Dieses Opus ohne Handlung - in seinen wesentlichen Passagen unverkennbar von Cocteaus »Orphée« inspiriert - ist nach Ansicht von Fachleuten nicht nur ein stilistisches, sondern vor allem ein filmwirtschaftliches Phänomen: Zum ersten Male in der Geschichte des deutschen Nachkriegsfilms hat eine Produktionsgesellschaft das Risiko auf sich genommen, ohne Rücksicht auf Publikumswirkung und Kassenerfolg eine reines Filmexperiment nach dem Prinzip »L'art pour l'art« zu finanzieren.

Es war der unabhängige, wagemutige Chef der »Filmaufbau GmbH« Göttingen, Hans Abich, der den jungen Nachwuchsregisseur mit den Dreharbeiten zu »nicht mehr fliehen« beauftragte. Sein Entschluß, aus Idealismus als Mäzen avantgardistischer Filmkunst aufzutreten, ist in der deutschen Filmbranche, die ihr Programm seit Jahren sorgsam auf die biederen Wünsche von Verleihern, Kinobesitzern

und Publikum abstimmt, ein ungewöhnliches Novum.

Für mindestens ebenso ungewöhnlich hält Produzent Abich seinerseits die Unterstützung, die das nordrhein-westfälische Kultusministerium dem gewagten Experiment angedeihen ließ. Der Vorsitzende des Filmförderungsausschusses, Ministerialrat Mäurer, garantierte der »Filmaufbau« Göttingen eine fünfzigprozentige finanzielle Beteiligung. Mäurer: »Im Interesse der künstlerischen Weiterentwicklung des Films muß man solche Versuche wagen, selbst auf die Gefahr hin, daß sie schief gehen.«

Bis heute hat sich für den Film, den Herbert Vesely im November 1954 in dreißig Tagen mit einem sechsköpfigen Team an der Südküste Spaniens drehte, noch kein Verleiher gefunden. Es bleibt fraglich, ob er überhaupt jemals die Chance haben wird, in den Kinos der Bundesrepublik die Produktionskosten (90 000 Mark) wiedereinzuspielen.

Ursprünglich sollte Herbert Vesely, ein ehemaliger Schauspieler, Regie-Assistent und Schmalfilmer, für die »Filmaufbau« einen dokumentarischen Kurzfilm über Tanger drehen, eine atmosphärische Studie über den »Ort der Hoffnungslosigkeit und der gescheiterten Existenzen«. Als Vesely ein erstes Exposé vorlegte, war aus dem Kurzfilm ein Einstundenfilm geworden. Vesely hatte sich so intensiv mit der Hafenstadt auseinandergesetzt, daß Abich dem chaotischen jungen Mann die Chance gab, das Kulturfilmthema zu einem Spielfilm über die »Endstation Null menschlicher Existenz« auszuweiten.

Elftausend Kilometer fuhr Vesely mit seiner Frau, der extravaganten schweizerischen Schauspielerin Xenia Hagman, auf Motivsuche durch Spanien, bis er am Fuße der Sierra Nevada einen Ort fand, dessen Trostlosigkeit ihm angemessen schien.

Vor der makabren Szenerie einer verlassenen Bahnstation mit Telegraphenmasten, leeren Tankbehältern, Schienensträngen und einer verfallenen Hütte drehte Vesely seinen verwirrenden Wachtraum von der »Zone Null«, der »Sinnlosigkeit menschlichen Tuns in einer ausweglosen Situation«. Ein Lastwagen zerfällt, versackt am Rande der Wüste. Die Insassen

versuchen noch eine Zeitlang, ihr gewohntes Leben fortzusetzen: Die verwöhnte Frau Sapphire (Xenia Hagman) schreitet auf zerbrechlichen Absätzen im großen Abendkleid mit den abgezirkelten Bewegungen eines Mannequins über die glühenden Steine, während ihr Begleiter Gérard (der 22jährige Stierkämpfer und Schauspieler Hector Mayro aus Venezuela) in nutzloser Aktivität den Lastwagen, die Hütte und die Koffer betreut.

Auf den stummen Befehl Sapphires bricht er schließlich das zum Zerreißen gespannte Schweigen - frei nach Jean Paul Sartres Existentialismus - durch die »erlösende Tat": Er erschießt das (von der 19jährigen Wiener Keramikerin Ditta Folda gespielte) verwilderte einheimische Mädchen Ines, das er vorher auf einer einsamen Bahnstrecke vergewaltigt hat. Vier Polizisten im Jeep verhaften ihn, und aus dem Äther überschneiden sich Stimmen in deutscher und französischer Sprache: »Achtung, Welt, hier ist Null.«

Produzent Abichs Urteil: »Selbst wenn dieser Film nur für das Archiv gemacht sein sollte, können wir immerhin von der neuartigen Gestaltung des Tons profitieren.« Zusammenhängende Dialoge gibt es bei Vesely kaum. Alle Bilder sind mit lautmalerischen Effekten unterlegt: Man hört hallend verzerrte Stimmen, Metallgeräusche, das Klicken von Steinen, abgerissene Phrasen einer Zwölftonmusik, das Störungspfeifen eines Kurzwellensenders.

Obwohl einige Ausschußmitglieder der Wiesbadener Filmbewertungsstelle beanstandeten: »Ein kultureller oder ethischer Wert kann in dem Film nicht erblickt werden«, erhielt »nicht mehr fliehen« das Prädikat »wertvoll«. In der Begründung heißt es: »Der Ausschuß erkennt an, daß der Film versucht, von der Schablone vieler sonstiger Filme abweichend, mutig zu einer Analyse des heutigen Menschen vorzudringen.«

Bereits vor der offiziellen Uraufführung wurde »nicht mehr fliehen« in der »Hamburger Gesellschaft für Filmkunde« diskutiert. Man konnte sich über den Sinn des Filmes nicht klar werden. »Ich habe Herrn Vesely selbst nach dem Sinn seines Films gefragt«, beendete der Vorsitzende der »Gesellschaft für Filmkunde« die Debatte. »Und ich finde, es spricht für ihn, daß alles das, was er dazu sagte, ausgesprochener Unsinn war.«

Nach der Uraufführung im Berliner »Cinéma Paris« blieb ein schweigsamer Herr nachdenklich sitzen, bis die letzten Besucher gegangen waren. Dann trat er auf Vesely zu, klopfte ihm anerkennend auf die Schulter und sagte: »Sehr interessant, sehr seltsam.« Es war der deutsche Dichter Gottfried Benn.

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