Zur Ausgabe
Artikel 21 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»In Deutschland bin ich es«

Der Münchner Filmgroßhändler Leo Kirch, der Franz Josef Strauß und Helmut Kohl zu seinen Freunden zählt, greift nach dem Imperium Axel Cäsar Springers. Aus dem Verlagskonzern und dem privaten Fernsehsender Sat 1, den Kirch insgeheim schon dirigiert, baut der CSU-Spezi ein konservatives Medienkartell, das mit verlegerischer Macht und politischer Einflußnahme die Herrschaft der Bonner Rechtsparteien stabilisieren soll. *
aus DER SPIEGEL 42/1987

Voller Sorge hat der Verleger Axel Cäsar Springer die letzten Jahre seines Lebens darüber nachgedacht, wer sein Presse-Imperium weiterführen soll. Ein Sohn, ein Erbe, der das Werk des Konzerngründers und Zeitungserfinders hätte übernehmen können, stand nicht bereit. Und einfach verscherbeln wollte Springer sein meinungsschweres und profitstarkes Unternehmen auch nicht.

Schließlich verfiel der Senior auf die Burda-Buben aus Offenburg, die jung genug waren und selber einen Zeitschriften-Konzern hatten. Doch das behagte dem Kartellamt nicht, der Anteil der Burdas am Springer-Konzern blieb begrenzt.

Jetzt kommt alles ganz anders. Ein etwas undurchsichtiger Herr aus dem Fränkischen, 60 Jahre alt, macht sich auf, das Erbe anzutreten. Sein Name ist Leo Kirch - Leo who? würden die Amerikaner sagen, denn in der Bundesrepublik kennen ihn nur die, die mit ihm zu tun haben.

Kirch ist menschenscheu, Auftritte in der Öffentlichkeit liegen ihm nicht. Den Umgang mit der Presse hält er für Zeitverschwendung, seine Lieblingsbeschäftigung ist die Arbeit. In München, wo er lebt, pflegen erfolgreiche Menschen gemeinhin in Klatschspalten und Party-Kreisen aufzutauchen. Nicht so Kirch: Es ist nicht so lange her, daß er Photoreporter, die ihn vor seinem Büro nach Herrn Kirch fragten, achselzuckend weiter wies.

Es scheint, als hätte das Schicksal Leo Kirch von allerlei gängigen Eitelkeiten befreit. Jahrelang arbeitete der »Howard Hughes of Germany« ("Abendzeitung") in »einer Art Kutscherkammer«, wie sich Besucher über sein spartanisch möbliertes Kleinbüro amüsierten.

Am habituellen Versteckspiel änderte sich auch dann nichts, als er Anfang der achtziger Jahre in Unterföhring bei München, gegenüber der örtlichen ZDF-Station, in einem nüchternen Zweckbau sein Firmen-Imperium Beta/ Taurus unterbrachte.

Dort, in einem gekühlten, riesigen Lagerraum von zwölf Meter Höhe, lagert der Schatz des Leo Kirch. Er garantiert ihm Macht und Geld im anbrechenden Multi-Medienzeitalter: eine Million Dosen und Kartons mit 15000 Spielfilmen, Musikfilmen, Opern und Konzerten samt weiteren Serien und Sendungen, mit denen sich noch einmal 50000 Stunden Fernsehen gestalten lassen. Anders ausgedrückt: Kirch könnte acht Jahre lang, Tag für Tag, rund um die Uhr, ein Fernsehprogramm in der Bundesrepublik allein bestreiten.

Der Wert seines Filmgebirges kann sich nach seiner Einschätzung durchaus mit dem Golddepot einer Schweizer Großbank messen. Sein Hausbankier Helmut Guthardt, Vorstandssprecher der Deutschen Genossenschaftsbank (DG Bank) in Frankfurt, der ihm beim Auftürmen geholfen hat, schätzt das Zelluloid auf eine runde Milliarde Mark. In der anbrechenden totalen Fernsehära, in der private Sender gierig nach Programmen suchen, hat Leo Kirch quasi den Goldesel im Souterrain stehen.

Zum vielen Geld kommen die richtigen Freunde. Duzfreund Franz Josef

Strauß hält den konservativen Katholiken Kirch für bestens geeignet, die publizistische Grundfeste der CDU/CSU zu übernehmen. Auch Helmut Kohl unterhält seit langem beste Beziehungen zu Leo Kirch. Er protegiert den Filmverkäufer beim staatlichen ZDF (Sitz: Mainz) wie beim privaten Fernsehsender Sat 1 (Sitz: Mainz), an dem auch der Springer-Verlag 15 Prozent hält. Den Draht zum Kanzler knüpfte ein anderer Freund: Gerd Bacher, der witzige Plauderer aus Österreich, der Kohl wie Kirch als Berater dient. Der ehemalige Generalintendant des Österreichischen Rundfunks und Fernsehens (ORF), der in Wien zu den Hauptabnehmern von Kirchs TV-Spielwaren gehörte, hat das Hofamt des Stylisten übernommen.

So, wie er in den siebziger Jahren den schwarzen Riesen von Mainz Stück für Stück, von der Brille bis zum Anzug, in flottere Modelle und fernsehfreundliche Farben steckte, achtet er nun auf das Outfit des Medienmagnaten Kirch. Wenn Kameras klicken, muß neuerdings die Frisur des scheu-mißtrauischen Franken sitzen und das Jackett, gleichgültig wie heiß es ist, übergestreift sein.

Die Zelluloidberge im Keller allein hätten dem listigen Filmhändler den Eintritt ins Medien-Schlaraffenland nicht verschaffen können, auch wenn der Wiener Spezi nicht, und weder die schwarzen Freunde an der Spitze des Staates noch der treue Bankier Guthardt im Kreuz hätten jeweils so viel bewirken können: Es ist die richtige Kombination zur richtigen Zeit, die es dem Leo Kirch erlaubt, in Westdeutschlands größtes Zeitungshaus zu drängen. Der Filmriese Kirch strebt nach einem publizistischen Superkonzern, und kaum einer in der Branche hat es bisher so recht begriffen.

Mit einem fein aufeinander abgestimmten Koppelgeschäft, das Kommerz und Politik ideal verbindet, will Kirch das elektronische Pendant zur Springer-Presse schaffen. Erstmals seit Konrad Adenauers gescheitertem Versuch, mit der »Deutschland-Fernsehen GmbH« einen staatseigenen Sender zu dirigieren, schickt sich jetzt einer an, das deutsche Fernsehen in den Griff zu bekommen - und im Paket den größten Pressekonzern gleich mit; Leo Kirch hat sich bereits bei Springer eingekauft.

»Die Medienmacht von Europas größtem Filmhändler scheint unaufhaltsam zu wachsen«, beobachtete die liberale »Zeit«. Und die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, dem Kaufmann in konservativem Geiste verbunden, berichtete von einem »ernst zu nehmenden Vorgang«. Das Atemberaubende am Kirch-Konzept ist die mögliche publizistische Machtfülle, die »einige Beobachter«, wie die »Süddeutsche Zeitung« schreibt, »schon erschrocken mit jener des Verlegers Alfred Hugenberg gegen Ende der Weimarer Republik vergleichen«.

Einer von ihnen, der Luxemburger RTL-plus-Programmdirektor Helmut Thoma, ein Sat-1-Konkurrent, sieht in der »Durchkonstruktion der Medienlandschaft« durchaus eine »Hugenberg-Konzentration« - vergleichbar dem Meinungsmonopol des deutschnationalen Pressemagnaten, der Hitler Ende der zwanziger Jahre den Weg bereitete. Froh darüber, die früher oft als links geschmähte Television endlich in den rechten Händen zu sehen, fördert die Christenunion »eine Politisierung der neuen Medien in einem Ausmaß, wie es nicht einmal bei den Öffentlich-Rechtlichen der Fall ist« (Thoma).

In den Bundesländern werden derzeit freie Sendefrequenzen an das Privatfernsehen vergeben, die, wie die TV-Wellen von ARD und ZDF, über Fernsehtürme direkt in die Hausantennen strahlen, und das schon in mehr als 60 größeren Städten. Überall, wo die Union regiert, wird Sat 1, das Springer-Kirch-Fernsehen, bei der Wellenvergabe bevorzugt.

Die Ministerpräsidenten von CDU und CSU, schrieb die »FAZ«, »sehen

Sat 1 als ihr Kind an«. Auf Einladung von Strauß steckten sie im Juli vergangenen Jahres auf einer Geheimkonferenz in Frankfurt gemeinsam mit Kirch- und Springer-Abgesandten die Marschroute für das Privatfernsehen ab.

Das alles paßt vortrefflich ins Unternehmenskonzept des Leo Kirch: Mit seinem Einfluß bei Sat-1-Teilhaber Springer kann sich der Lichtspiel-Tycoon endgültig die Liefer-Herrschaft für spätere goldene Zeiten sichern - wenn nicht nur an die vier Millionen Haushalte, wie zur Zeit, sondern alle Bürger das private Programm empfangen können. Als alleinigem Film- und Serienlieferanten, der schon jetzt etwa 70 Prozent des Programms aus seinem gewaltigen Münchner Fundus beisteuert, wäre Leo Kirch ein Milliardengeschäft garantiert.

Sein Plan, die eigene Position bei Springer wenigstens auf das Stimmenpotential einer Sperrminorität anzuheben, ging im Juni zwar erst mal daneben (siehe nebenstehenden Kasten). Doch wer Leo Kirch kennt, ob als Freund, Geschäftspartner oder Gegner, weiß, daß er es damit nicht bewenden lassen wird.

Ihm zur Seite steht der wichtigste aller Freunde - der Bremer Rechtsanwalt Joachim Theye, 47, aus der Anwaltssozietät, in der auch der Rechtsanwalt und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher sitzt. »Wir wollen«, sagt Theye, »daß der Springer-Verlag in deutscher Hand bleibt und nicht in ein anderes weltanschauliches Spektrum abdriftet. Denn dann käme er nicht mehr für unseren Medienverbund in Frage.«

Zweifellos ist Theye die wichtigste geschäftliche Errungenschaft im Erwerbsleben des Menschenfingers Leo Kirch. Beide sind von der Idee des Multi-Medienverbundes besessen, in dem sich die Massenblätter »Bild« (4,9 Millionen Auflage) und »Hörzu« (3,2 Millionen) mit dem Privatfernsehen zum Ruhme einer konservativen Regierung und gleichermaßen zum eigenen finanziellen Wohl verbinden.

Hier liegt der tiefere Sinn des Einkaufs bei Springer, der die vielfältige, regional gegliederte Medienstruktur in der Bundesrepublik schlagartig verändert.

Gewarnt durch Erfahrungen aus der Nazi-Zeit, als Goebbels den Rundfunk gleichschaltete, wurden Funk- und Fernsehsender in der Nachkriegszeit dezentralisiert. Und auch beim zentralen Ländersender ZDF üben »gesellschaftlich relevante Kräfte« aus allen Regionen die Kontrolle aus, damit - so postuliert das _(Vinkulierte Namensaktien dürfen nur mit ) _(Zustimmung der ausgebenden Gesellschaft ) _(veräußert werden: vinculum (lat.) = ) _(Fessel )

Bundesverfassungsgericht - »weder der Staat noch eine gesellschaftliche Gruppe«, geschweige denn eine Person, »Macht« und »Einfluß« beim Fernsehen erlangen können.

Doch kein Gesetz und kein Gremium könnte dem »Bild«-Schirmherrn Kirch Einhalt gebieten, wenn er Springer und Sat 1 über Geschäft und Beteiligung miteinander zu koppeln verstünde. Die Springer-Zeitungen, von der »Welt« bis zu den »Elmshorner Nachrichten«, ließen sich als Sponsoren des Sat-1-Programms mobilisieren. Und umgekehrt wäre der spätere Großsender Sat 1, dessen bundesweite Strukturen sich bereits abzeichnen, der Springer-Presse als elektronischer Verstärker zu Diensten.

»Wir wollen einen richtigen, reinen Kommerzsender«, sagt Anwalt Theye freimütig, »einen Gegensender gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen, von dem uns Welten trennen.«

Der Beginn des Privatfernsehens, nach der Bonner Wende, war für Kirch gleichzeitig der Aufbruch in die große unternehmerische Freiheit. Entschlossen drängte er mit seinem Hausbankier Guthardt in den Verlegersender Sat 1. In dem Privatsender, an dem Guthardts DG Bank über die Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk (PKS) 40 Prozent hält, wirkt Theye als Aufsichtsratschef mitten in der Manege. Er führt de facto die Geschäfte, stellt Mitarbeiter ein und wirft sie auch wieder raus.

Kirch ist an der PKS angeblich mit keiner einzigen Mark beteiligt. Ausgestiegene Partner wie die Essener »Westdeutsche Allgemeine Zeitung« und die Gütersloher Bertelsmann AG sehen das anders. Für sie war schon in der Anlaufzeit »deutlich zu erkennen«, wie Bertelsmann-Vorstandschef Mark Wössner sagt, daß es sich bei Sat 1 um eine »Refinanzierungs-Konstruktion für den Filmvorrat von Herrn Kirch handeln würde«.

Nach Sendebeginn und noch bevor die übrigen Verlage ihre GmbH-Anteile untereinander richtig sortiert und zugeteilt hatten, machte Kirchs quicker Taktiker Theye mit rüden Manieren klar, wer künftig die Musik spielen und das Programm steuern würde. Betulichere Mitinhaber wie die Verlage Burda und Bauer oder die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« gaben angesichts der Dynamik von Kirchs Kameraden rasch auf.

Die Mahnung des Ulmer »Südwest Presse«-Verlegers Eberhard Ebner, die »Machtverhältnisse bei Sat 1 nicht so zu entscheiden, daß es für einen Teil der Gesellschafter ärgerlich wird«, wurde von Theye selbstherrlich mißachtet. »FAZ«-Geschäftsführer Hans-Wolfgang Pfeifer beklagte den rigorosen Stil, »wie das gelaufen ist«, und verabschiedete sich aus der »miesen Stimmung« in Theyes Dunstkreis.

Geschäftsführer Wolfgang Fischer von der Münchner Kabel Media Programmgesellschaft, einem weiteren früheren Sat-1-Teilhaber, berichtete empört, Theye und Springers Vorstandschef Peter Tamm hätten ständig Entscheidungen getroffen, ohne andere Konsorten zu fragen. Fischer: »Von Stimmung konnte man gar nicht mehr reden, die haben einfach jeden Kontakt abgebrochen.«

»Manche muß man eben zu ihrem Glück zwingen«, sagt Theye und gibt, sichtlich mit Wohlbehagen, einen Einblick in die Theye-Philosophie, wonach Glück lediglich sein Glück ist.

Die vergraulten Partner lieferten nach ihrem Abgang auch keine Programmbeiträge mehr. Diese Marktlücke nutzte Filmgrossist Kirch, der nun für seine zusätzlichen Filmpakete von den verbliebenen Sat-1-Gesellschaftern auch zusätzliche Millionensummen verlangt. Allein der Springer-Verlag kommt auf Jahreskosten von rund 28 Millionen Mark - eine Art Vorab-Dividende für Aktionär Kirch.

Den anderen, von ihm vertriebenen Verlegern schickt Theye noch eine Portion Hohn hinterher: Die hätten ihm, dem »hergelaufenen Advokaten«, wohl verübelt, daß er Entscheidungen getroffen habe, während sie »nicht zu Potte kamen«.

Theye ist der Quirl, mit dem Kirch auch seine Springer-Geschäfte angerührt hat. Einen Teil der insgesamt 26,1 Prozent Aktien, mit denen Kirch inzwischen disponieren kann, hat Theye bei Freunden untergebracht. Endgültig kaufen wird Kirch sie erst, wenn er sicher sein kann, daß er im Aufsichtsrat die vollen Aktienrechte ausüben kann. Mit Theyes Hilfe könnte Kirch in seine Traumrolle schlüpfen: Er möchte das Sagen in einem gigantischen, für die Bundesrepublik neuartigen Multi-Konzern haben und zugleich weiter Filmhändler in München sein. Wenn die beiden Plätze im Springer-Aufsichtsrat, die er anstrebt, erst freigeboxt sind, werden Bacher und Theye die Posten übernehmen.

Und wenn Leo Kirch morgen der gewisse Ziegel auf den Kopf fällt, wird Theye oberster Gebieter über Kirchs Imperium sein - so lange jedenfalls, bis sich Kirch-Sohn und -Alleinerbe Thomas, 29, für die Unternehmensführung der Beta/Taurus-Gruppe qualifiziert hat.

Kirch und Theye haben ihre Rollen inzwischen präzise aufeinander abgestimmt. Kirch, der Stratege, der seine Fäden so gern vom Schreibtisch aus zieht, muß nur selten nach draußen ins Getümmel. Theye, der gewiefte Verhandler, bei dem Verstand und Zunge nahezu gleich schnell funktionieren, erledigt das Grobe im Außendienst.

Auch politisch ticken sie im Gleichklang. Seinen Anwaltskollegen Genscher, den Außenminister, rechnet Theye bereits zu den Linksabweichlern. Und geschäftlich ergänzt der Jurist, der vor 13 Jahren auf Empfehlung seines Bremer Jugendfreundes, des früheren Kirch-Geschäftsführers Bodo Scriba, ins Münchner Beta-Haus kam, die Talente des Filmgroßhändlers perfekt. Kirch ist der Unternehmer, Theye sein Manager. Der Anwalt aus Bremen, der sich binnen kurzem in das verwinkelte Filmimperium eingearbeitet hat, wird im Verlagsgeschäft frei schalten und walten können. Der wandlungs- und

kontaktfähige Theye, je nach Situation mit gewinnendem Charme oder schneidender Schärfe agierend, ist für Kirch längst unentbehrlich geworden.

Das hängt damit zusammen, daß im Hause Kirch vieles im Verborgenen geschieht. Die dominierende Lieferantenrolle beim Fernsehen und der Aktienerwerb bei Springer wurden mit systematischer Geheimhaltung und notfalls mit juristischen Kniffen getarnt.

Wenn über die Bildschirme der Republik seine Flimmerware strahlte, von »Bonanza« und »Denver« bis zu Hollywood-Klassikern wie »Casablanca«, »High Noon« und »Der große Gatsby«, blieb der Lieferant im Hintergrund.

Daß Kirch die Öffentlichkeit scheut, hat auch mit seinem persönlichen Schicksal zu tun. Vor inzwischen über 25 Jahren erlitt seine Frau einen schweren Autounfall, der sie für Jahre ins Krankenhaus zwang. Auf diesen Schock führt Kirch den Ausbruch einer Zuckerkrankheit zurück, die seine Sehkraft beträchtlich gemindert hat. Die Verträge, die ihm zu Macht und Reichtum verhelfen, kann er inzwischen nur noch mit einer starken Lupe lesen. Doch nie kam Leo Kirch abhanden, was ihn nun sogar bis an Axel Springers verwaisten Thron führte: ein durch nichts zu trübender Instinkt für Geldvermehrung.

Mit geliehenen 20000 Mark hatte der Winzersohn aus dem fränkischen Volkach 1956 begonnen. Heute beziffert der promovierte Betriebswirt Kirch, der 600 Mitarbeiter und neben seinen vier Stammhäusern Beta-Vertrieb, Beta-Technik, Taurus und Unitel noch allerlei andere Neben- und Zweigfirmen, teils mit undurchsichtigen Beteiligungsverhältnissen, dirigiert, den Umsatz seiner Unternehmen auf etwa 600 Millionen Mark (siehe Kasten Seite 85).

Ein Beispiel für geschäftlichen Erfolg: 1959 kaufte Kirch für 3000 Dollar die deutschsprachigen Rechte von »Casablanca«, jenes Humphrey-Bogart-Films, den nicht wenige Fans am liebsten täglich vor dem Einschlafen sehen möchten. Kirch brachte ihn inzwischen 14mal auf den Bildschirm und kassierte bei Neuverkäufen jeweils seinen Standardpreis: früher 126000, heute 250000 Mark.

Verblüffenderweise schaffte er die gewinnträchtigen Vertragsabschlüsse in Amerika ohne nennenswerte Englischkenntnisse. In der Zwergschule in Volkach, wo er mit Schülern von der ersten bis zur achten Klasse in einem Raum unterrichtet wurde, waren Heimatkunde und die Taten Ludwigs des Zweiten vordringliches Lernziel. Das Gymnasium, auf das der örtliche Pfarrer seinen begabten Ministranten empfahl, achtete gleichfalls mehr auf das Gute und Wahre als auf das Fremde.

Wie alles mal kommen würde, hat Kirch schon immer gewußt. Seit der Student der Mathematik gemeinsam mit seinem Freund Hans Andresen, der später sein wichtigster Filmeinkäufer wurde, vor gut 30 Jahren darüber nachdachte, womit sich überdurchschnittlich Geld machen lasse, war er überzeugt von der Durchschlagskraft des Fernsehens. Und da die Bürokraten von ZDF und ARD jahrzehntelang zu trottelig waren, ihre Filmeinkäufer gewähren zu lassen, zog Kirch seinen Handel mit Hollywood auf.

In den Kindertagen des Fernsehens, Ende der fünfziger Jahre, war das leicht. Da tauchte bei Assessor Hans Joachim Wack im Frankfurter Funkhaus des Hessischen Rundfunks ein junger Mann auf und erbot sich, die Programm-Macher von einem Boykott der deutschen Filmproduzenten ("Keinen Meter Film für das Fernsehen") zu erlösen.

Der junge Filmhändler Leo Kirch hatte gerade seine ersten Millionen mit dem italienischen Spielfilm »La Strada« gemacht, den er und Freund Andresen mit geborgtem Geld in Rom gekauft hatten. Ausländische Filme waren damals noch kontingentiert, ihre Einfuhr war eingeschränkt und genehmigungspflichtig. Das noch unbedeutende Fernsehen blieb davon ausgenommen; das nutzten die beiden aus, sie stiegen ein in den TV-Import.

Wack kaufte Kirch eine sechsteilige TV-Serie für das hessische Werbefernsehen ab und erwarb 1958 für das Erste Programm den italienischen Spielfilm »Freunde fürs Leben«. Bald darauf konnte er das erste kleine Paket mit drei Filmen entgegennehmen, darunter den Fellini-Streifen »I Vitelloni« - Die Müßiggänger. »Der Kirch«, erinnert sich Wack, »hat ''ne Nase gehabt.«

Schon zwei Jahre später hatte der Zelluloidgroßhändler die TV-Rechte an über 600 Filmen parat. Doch plötzlich zeigte sich eine Schwachstelle des Geschäfts: Kirch mußte die Filmrechte vorab auf Kredit kaufen und die Filme rechtzeitig beim Fernsehen losschlagen, um die Zinsen zahlen zu können.

Das aber klappte damals nicht rechtzeitig, seine Hausbank in Essen drohte mit Kündigung der Kredite. In dieser »schwierigen Lage Ihrer Firma« kamen die Intendanten dem Lieferanten Kirch zu Hilfe. Der damalige ARD-Vorsitzende Hans Bausch, heute noch Intendant des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart, bestätigte brieflich, an Kirchs Film- und Fernsehangeboten sei »das Deutsche Fernsehen sehr interessiert«. Der

Kredit wurde daraufhin verlängert, Kirch war gerettet. Später ging Bausch auf Distanz, als er merkte, »daß Herr Kirch, wenn man ihm den kleinen Finger gibt, gleich die ganze Hand will«. Der finanzielle Engpaß stachelte den unternehmerischen Elan des Filmimporteurs erst richtig an. Nie wieder wollte er von der Gunst des geschäftlichen Zufalls abhängig sein. Leo Kirch begann seine Absatzstrategie bis ins Detail zu planen.

Mit den leitenden Herren des Zweiten Deutschen Fernsehens, mit denen besonders viel zu verdienen war, pflegte Kirch von Anfang an fast familiären Umgang. Den früheren ZDF-Programmdirektor Joseph Viehöver nahm er des öfteren mit an Bord des Betaeigenen Mystere-Jets. Viehöver war, nach seiner Hochzeit mit der Chanson-Diseuse Rut Rex, gerngesehener Gast in Kirchs Appartement in St. Moritz.

Hoch oben in den Bergen, beim üppigen Dinner und zwischen Kirchs erlesenen Kunstschätzen, wurde so manches ZDF-Geschäft besiegelt. Der joviale Filmkaufmann gilt als glänzender Gastgeber und charmanter Plauderer, der für seine Freunde in den Medien immer eine kleine Aufmerksamkeit parat hält.

Die Mainzer Verträge garantierten Kirch stets einen hohen Anteil am jährlichen ZDF-Budget. Im deutschen TV-Filmgeschäft wurde der Beta-Boß dank guter Beziehungen zum mächtigsten Mann. Der Filmkaufmann Leo J. Horster, der einst TV-Renner wie »Lassie«, »Fury« und »Die Zwei« importierte, wußte zu erzählen, daß »Bestechungsgerüchte über die Beta-Film in der ganzen Welt umlaufen«. Mit Beschuldigungen gegen einzelne Fernsehleute wagte sich Horster zu weit vor. Er wurde zur Unterlassung seiner Vorwürfe verurteilt.

Kirch in Deutschland und Andresen in Amerika lernten schnell die Kniffe im internationalen Filmhandel, den Wack, noch heute Chef der ARD-Filmeinkaufsgesellschaft Degeto, der 1928 gegründeten »Deutschen Gesellschaft für Bild und Ton«, »eine recht schmutzige Welt« nennt. Die würdigen Herren Intendanten der Gründerzeit, wie der katholische Philosophie-Professor Karl Holzamer vom ZDF und der protestantische Pfarrer Werner Hess vom Hessischen Rundfunk, der das ARD-Filmgeschäft besorgte, waren heilfroh, daß für sie in solch schmutziger Welt Zwischenhändler tätig waren.

Andere Filmanbieter spürten bald, daß ohne Kirch als Makler kaum etwas zu verkaufen war. Sich mit Kirch anzulegen, so eine frühe Erfahrung des Filmemachers Hans W. Geissendörfer, kam »einem Selbstmord gleich.« Das Beziehungsgeflecht, mit dem Kirch das Filmgeschäft beim Fernsehen kontrollierte, sicherte dem Medienzaren in wenigen Jahren eine monopolartige Marktstellung. Ob Spielfilme, Opern oder Krimi-Serien, ob TV-Konzerte, Wildwest- oder Kinderprogramm - Leo Kirch machte aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, zumindest in der Sparte Film, eine Abart des kommerziellen.

Doch nun, da es mit dem Kommerzfernsehen vorangeht, muß Kirch auf der Hut sein. Der Massenabsatz seiner Spul- und Spielwaren bei den öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten ist ins Stocken geraten (siehe Kasten Seite 100). Und bei Sat 1 läuft zwar jede Menge Kirch-Spiel über den Sender, aber vorerst noch zum Freundschaftspreis, die Einnahmen sind dünn. Um diese Durststrecke zu überwinden, verläßt er sich ganz auf seinen Freund Guthardt von der Genossenschaftsbank, der ihm mit seinen 112 Milliarden Mark Bilanzsumme ein eisernes Rückgrat verleiht. Guthardt »glaubt an Herrn Kirch«, weiß Theye zuverlässig, »es ist ein echter Personalkredit«.

Selbstbewußt sieht sich der Münchner Medien-Autokrat in einer Reihe mit dem australo-amerikanischen Zeitungszar Rupert Murdoch, dem französischen Pressemagnaten Robert Hersant und dem italienischen Fernsehbaron Silvio Berlusconi, die er »Beispiele einer logischen Zusammenarbeit zwischen der Monokultur Presse und der Monokultur Fernsehen« nennt. »In Deutschland«, so Kirch knapp, »gut, bin ich es.«

Dabei stört ihn wenig, daß seine ausländischen Vorbilder für jene »Spirale der Programmverflachung« stehen, durch die Ex-Kanzler und Fernsehmuffel Helmut Schmidt »unser vergleichsweise vernünftiges und erfolgreiches System des öffentlich-rechtlich organisierten Fernsehens aufs Spiel gesetzt« sieht.

Kirch kann, in seiner Rolle als der neue Springer, den Medienmarkt hierzulande stärker dominieren als die anderen drei in ihren Ländern. Murdochs TV-Einfluß in den USA ist gegenüber den großen Networks gering, sein Londoner Europakanal »Sky Channel« bislang ein Flop. Hersants Programm-Teilhabe bleibt in Frankreich gesetzlich auf 25 Prozent begrenzt, und Berlusconis Pressebeteiligungen sind mit dem Springer-Konzern nicht vergleichbar.

Allein Kirch hat alle Aussichten, die Macht eines bedeutenden und politisch

offensiven Zeitungskonzerns mit dem künftig führenden Fernsehprogramm zu bündeln. Die entscheidenden Punkte hat Leo Kirch bei Friede Springer gemacht. Die Verleger-Witwe, die für die Familie den Nachlaß Axel Springers pflegt, schaffte es, die überraschte Männerriege im Aufsichtsrat fast im Alleingang zu überspielen.

Während sich alle noch auf die Burda-Brüder als verlegerische Partner einstellten, ging Frau Friede, früher Hausdame bei Springer und Kindermädchen des Verleger-Sohns Raimund, eigene Wege.

Als erste verteidigte sie den unter Beschuß geratenen Vorstandschef und Kirch-Freund Peter Tamm. In Gefahr geriet dagegen nun der Aufsichtsratsvorsitzende Bernhard Servatius: Der habe dabei behilflich sein wollen, heißt es in Springers Vorstandsetagen, das Aktienpaket der Burdas an den US-Australier Murdoch zu verkaufen. Servatius: »Nichts ist absurder als das. So etwas hat es nie gegeben.«

Das Gerücht von den Murdoch-Kontakten, das die Burdas empört zurückwiesen, hatte schon einmal seine Wirkung getan. Friede Springer wandte sich daraufhin, verunsichert vom Geflüster, den hilfreichen Herren Kirch und Theye zu.

»Frau Springer«, erwiderte Leo Kirch den Gunstbeweis, »ist mir wahnsinnig sympathisch.«

[Grafiktext]

DAS MILLIARDENSPIEL Die vielfältigen Beteiligungen des Filmgroßhändlers Leo Kirch Leo Kirchs Hausbank DG Bank Deutsche Genossenschaftsbank PKS Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk AV Euromedia (Holtzbrinck 80%, Diether Stolze 20%) Sonderfonds aller Gesellschafter Maier Ravensburg Ebner Ulm rund 140 Zeitungsverlage APF Aktuell Presse Fernsehen AXEL SPRINGER VERLAG AG SAT 1 BETA/TAURUS-GRUPPE LEO KIRCH Teleclub GmbH, München Teleclub AG, Zürich Pay Sat AG KMG Vertriebsgesellschaft für Kabel- und Satellitenprogramme mbH Studiofilmtheater Betriebsges. mbH & Co KG CBM Filmproduktions GmbH & Co KG Obelisk Filmverleih GmbH Filmkunst-Musikverlag GmbH & Co Iduna-Film GmbH & Co Taurus-Film Video GmbH Beta-Film GmbH & Co Taurus-Film GmbH & Co Beta-Technik Gesellschaft für Filmbearbeitung mbH Merchandising München KG Unitel Film- und Fernseh-Produktionsgesellschaft mbH & Co Consortium Europeen pour la Television Commerciale, Luxemburg Robert Hersant ("Socpresse"), Frankreich Robert Maxwell ("Mirror-Gruppe"), Großbritannien Silvio Berlusconi ("Fininvest"), Italien RAI ORF ZDF SPRINGERS MÄCHTIGE ERBEN Besitzverhältnisse und Aufsichtsrat des Axel Springer Verlages EIGENTÜMER Erbengemeinschaft: Axel Springer Gesellschaft für Publizistik GmbH & Co. KG F & F Burda KG Vinkulierte Namensaktien Leo Kirch AXEL SPRINGER VERLAG AG AUFSICHTSRAT Bernhard Servatius Friede Springer Ernst J. Cramer Frieder Burda Franz Burda F. Wilhelm Christians (Deutsche Bank) Horst Kramp Michael Otto Johannes Semler DIE RECHTEN FREUNDE Leo Kirch Filmgroßhändler Joachim Theye Rechtsanwalt und Notar, Kirchs rechte Hand Gerd Bacher, Ex-Intendant von ORF; Kirch-Freund, sitzt zusammen mit Theye im Sat 1-Aufsichtsrat Helmut Kohl, Bundeskanzler; läßt sich von Kirch-Freund Bacher beraten Franz Josef Strauß, Ministerpräsident; Kirch-Duzfreund Ronald Frohne, Rechtsanwalt; für Kirch tätig Friedrich Zimmermann, Bundesinnenminister, Rechtsanwalt; Mitglied derselben Kanzlei wie Frohne Friede Springer, Ernst J. Cramer, Springer-Aufsichtsrat Peter Tamm, Springer-Vorstandschef Hans-Dietrich Genscher, Bundesaußenminister, Rechtsanwalt; Mitglied derselben Kanzlei wie Theye Otto Wolff von Amerongen, Industrieller, Springer-Aktionär und Theye-Klient Hans Gerling, Versicherer; hat Theye in alle wichtigen Aufsichtsräte seines Konzerns gesetzt Helmut Guthardt, Chef der DG Bank; Kirchs Hausbankier

[GrafiktextEnde]

Vinkulierte Namensaktien dürfen nur mit Zustimmung der ausgebendenGesellschaft veräußert werden: vinculum (lat.) = Fessel

Zur Ausgabe
Artikel 21 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.