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WAHLEN In die Brennesseln

Der Herr Albrecht und der Genosse Ravens -- entscheidet das Image der beiden niedersächsischen Spitzenpolitiker die bevorstehenden Landtagswahlen?
aus DER SPIEGEL 21/1978

Die zwei Frauen auf dem Schützenplatz von Salzgitter-Bad, wo Karl Ravens auf seiner Wahlkampftour gerade mal wieder reihum Rosen verteilt, wissen nicht so recht, wie sie den SPD-Kandidaten für das Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten einstufen sollen, ob als mager oder einfach nur als schlank. Schließlich einigen sie sich auf dünn.

Das ist Ravens mit seinen 126 Pfund auch wirklich. Aber der dünne Mann hat sich in letzter Zeit ganz schön dick gemacht: Wenn die Umfragen nicht trügen, ist er dabei, in Niedersachsen die Popularität des CDU-Strahlemanns Ernst Albrecht zu erreichen -- und der erzielt, was das angeht, nach wie vor »Traumnoten', wie die Institute erst kürzlich wieder ermittelten.

Zwei Wochen vor der Landtagswahl in Niedersachsen ist es damit, was weder Freund noch Feind erwartet hatten, zu einem beinahe schon Kopfan-Kopf-Rennen von zwei Politikern gekommen, deren Startpositionen derart weit auseinanderlagen, daß Chancen überhaupt nur dem einen, Albrecht, eingeräumt wurden.

Denn »Ernstchen«, wie sich der Abgeordnete Albrecht von den CDU-Fraktionskollegen einst nennen lassen mußte, ließ, kaum daß er vor zwei Jahren mit Hilfe von zwei SPD/FDP-Parlamentariern zum Regierungschef in Hannover gewählt worden war, die Niederungen ordinärer Landespolitik schnell hinter sich und entfaltete ein staatsmännisches Wesen, das Staunen nicht nur in Niedersachsen erregte. Mit ihm hatte die bis dahin reichlich plattdeutsche Landes-CDU plötzlich einen Mann aufzuweisen, der, um zu siegen, nur zu lächeln brauchte und der wie dazu geschaffen schien, einstens noch ganz andere Positionen im Staat einzunehmen als die eines Landesfürsten.

Mit ihrem Star an der Spitze fühlten sich die Christdemokraten um so sicherer, als der SPD-Gegenkandidat Ravens an die zwei Jahre lang so gut wie gar nichts tat, sich in Niedersachsen zu profilieren. Sogar die eigenen Genossen fragten sich, ob außer der leiblichen nicht auch die politische Natur des Bonner Städtebauministers und ehemaligen Parlamentarischen Staatssekretärs von Kanzler Willy Brandt zu schmal geraten sei. So hatte noch Anfang des Jahres alles danach ausgesehen, als werde das CDU-»Modell Hannover« -- mit einer FDP, die in Bonn den Sozialisten, in den Ländern dagegen den Christen verbunden ist -- ohne sonderliche Anstrengung eine lange Weile überdauern.

Doch unversehens sieht sich die CDU in einer nicht mehr so günstigen Position. Denn vom »Herrn Albrecht«, wie die SPD-Propaganda den Regierungschef unaufhörlich tituliert, ist zusehends Lack abgesplittert, und die Demoskopen stoßen neuerdings auf ihm abgeneigte Wähler, die sich wohl fragen, was der Albrecht-Regierung denn nun auf das Pluskonto geschrieben werden kann.

Der Zickzack um die Atommülldeponie in Gorleben, das Exempel, das die Regierung hei der Anti-Atomdemonstration in Grohnde statuieren ließ, sowie die obstinate Bundesratstaktik, die den Koalitionspartner FDP ein ums andere Mal in Verlegenheit brachte -- das trug zum Bild einer Regierung, auf die Niedersachsen auf keinen Fall verzichten kann, nicht eben bei. Und manchen Wählern ging bei alledem lediglich auf, daß der vormalige Bahlsen-Direktor Albrecht doch »häufig etwas glatt und überheblich« wirkt -48 Prozent stimmen diesem Urteil unterdes zu, ein halbes Jahr zuvor war es erst 41 Prozent aufgefallen.

Am Image seines Gegners hat Karl Ravens mitgekratzt. Wo immer »der Karl«, wie er daheim in Achim bei Verden rundum genannt wird, bei sei-

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