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ENGLAND / DIPLOMATIE In die Kissen

aus DER SPIEGEL 8/1968

Ein Brite sollte Präsident der Türken werden -- 1938. 30 Jahre lang blieb diese Sensation geheim. Erst am vorletzten Sonntag berichtete die Londoner »Sunday Times": »Wie unser Mann ablehnte, die Türkei zu regieren.«

In der Residenz des Londoner Türken-Botschafters limit Halük Bayülken wurde der Frühstücks-Mokka kalt. Fernschreiber tickerten die Nachricht in die Welt, Historiker rätselten darüber.

Der Gründer der modernen Türkei, Kemal Atatürk, fürchtete laut »Sunday Times« auf dem Totenbett für sein Lebenswerk. Denn er glaubte, es sei »unmöglich, einen geeigneten Nachfolger zu finden«.

Da kam ihm der rettende Gedanke. Er ließ Sir Percy Loraine rufen, Englands Botschafter in Ankara, mit dem er befreundet war. Der kam. Das Gespräch am Totenbett schilderte der Botschafter anschließend in einer Depesche an den damaligen Außenminister in London, Lord Halifax. Die »Sunday Times« druckte diese Loraine-Depesche -- gekürzt -- ab:

»Im Laufe seiner langen Laufbahn, sagte Atatürk, habe er viele Freunde gewonnen und verloren. Meine Freundschaft habe er am höchsten geschätzt. Aus diesem Grund habe er mich bei verschiedenen Gelegenheiten so offen konsultiert, als sei ich selbst ein Mitglied des türkischen Kabinetts.

»Er habe das Recht, seinen eigenen Nachfolger zu benennen, und es sei sein »innigster Wunsch' gewesen, daß ich diesen Posten übernehme.«

Tiefbewegt habe Loraine abgelehnt. Der Präsident sei daraufhin unter

* Mit König Edward VIII. van England auf der Jacht des türkischen Präsidenten.

»Anzeichen tiefer Bewegung« in die Kissen gesunken. »Er klingelte nach den Krankenschwestern, die ihm ein Stärkungsmittel verabreichten.«

Als er wieder sprechen konnte, habe Atatürk erklärt, dann werde er Ismet Inönü (den damaligen türkischen Premier) als seinen Nachfolger nominieren. Loraine an Halifax: »Bitte, verständigen Sie den König.«

Das ist »gewiß eines der seltsamsten Dokumente der englischen Zeitgeschichte«, urteilte Historiker Martin Gilbert in der »Sunday Times«.

Das vollständige Telegramm hatte Gilbert in einer Biographie über den verstorbenen britischen Diplomaten Sir Pierson Dixon entdeckt, der bis 1965 Botschafter in Paris war. Zweifel an der Echtheit schienen ausgeschlossen: Das Dokument war vor dem Druck des Buches von den Zensoren des Foreign Office geprüft und für authentisch erklärt worden.

Ein Sprecher der Londoner Türken-Botschaft konnte es nicht fassen, »daß der Vater des türkischen Nationalismus unseren Präsidentenposten einem Ausländer angeboten hat«. Der Botschafter protestierte beim Chef des diplomatischen Dienstes im Foreign Office, Sir Paul Gore-Booth: Die türkisch-britische Freundschaft schien gefährdet.

Da meldete sich aus dem Städtchen Windsor der konservative Abgeordnete und »Sunday Times«-Leser Sir Charles Mott-Radclyffe telephonisch beim Foreign Office.

Nicht Botschafter Loraine, sondern er selbst habe 1938 die Depesche verfaßt, nicht in Ankara, sondern in Rom. Nicht Lord Halifax, sondern sein damaliger Freund Pierson Dixon habe die Depesche gelesen und eine Kopie behalten. Atatürks angebliches Arigebot an den Diener Seiner Majestät sei ein unter den Diplomaten üblicher Scherz gewesen. Wie Deutschlands Diplomaten über ihren Phantom-Kollegen Dräcker (SPIEGEL 41/1967) amüsierten sich die Diplomaten Londons damals über Geister-Depeschen.

1938 war er, so erklärte Mott-Radclyffe, Attaché an der Britischen Botschaft in Rom und hatte sich -- wie sein Ko-Attaché Dixon. -- über die langen inhaltslosen Depeschen britischer Botschafter geärgert. Stets waren auch aus Ankara Loraines chiffrierte Meldungen auf seinen Schreibtisch geflattert, aus Spaß habe er daraufhin die Totenbett-Depesche formuliert.

Freund Dixon bewahrte das falsche Dokument mit seinen echten Unterlagen auf; nach Dixons Tod entdeckte dessen Sohn das Papier und hielt es für echt. Die Zensoren des Außenministeriums, die seriöse »Sunday Times« und Historiker Gilbert schlossen sich dem Urteil an. Doch die Geschichte aus der Türkei war ein Türke.

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