Zur Ausgabe
Artikel 38 / 68
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ISRAEL / BEN-GURION In die Wüste

aus DER SPIEGEL 28/1965

Er war achtmal Premierminister und hielt seine Partei, die er vor 35 Jahren gegründet hatte, 17 Jahre an der Macht. Jetzt riß er sie in die schwerste Krise ihrer Geschichte: David Ben -Gurion, 78, Israels großer alter Mann verließ vergangenen Dienstag die Mapai-Partei und wird bei den Parlamentswahlen im November mit einer eigenen Mapai-Liste kandidieren. Es war, als hätte Konrad Adenauer die CDU verlassen und sich für die Bundestagswahl als unabhängiger Kandidat aufgestellt.

Hauptgrund für den Exodus Ben -Gurions war eine Affäre, die den jungen Staat Israel seit elf Jahren nicht zur Ruhe kommen läßt, der Konflikt um

den einstigen Verteidigungsminister Pinhas Lavon.

Im Frühjahr 1954 hatten israelische Agenten von Geheimdienstchef Benjamin Givli einen aberwitzigen Auftrag erhalten: Sie sollten Sprengstoffanschläge gegen britische und amerikanische Anlagen in der Suezkanalzone und in Kairo so ausführen, daß sie als ägyptische Attentate gelten mußten.

Ziel des finsteren Planes: Die Anschläge sollten die Verhandlungen zwischen Ägypten und Großbritannien über den britischen Rückzug vom Suezkanal stören und die USA zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zum Israel -Erzfeind in Kairo provoziert werden.

Die Attentate schlugen fehl, der ägyptische Geheimdienst verhaftete elf israelische Agenten.

Weder Premierminister Mosche Scharett noch Generalstabschef Mosche Dajan waren über den Dynamit-Einsatz informiert worden. Verteidigungsminister Lavon behauptete ebenfalls, von den Plänen nichts gewußt zu haben. Eine Untersuchungskommission konnte

das Gegenteil nicht zweifelsfrei beweisen.

Als Ende Januar 1955 zwei der israelischen Agenten in Kairo exekutiert wurden, trat Verteidigungsminister Lavon zurück. Auch der Chef des Geheimdienstes mußte gehen.

Die Fehl-Aktion schwächte Prestige und Moral der Armee gerade in einer Periode neuer bewaffneter Zusammenstöße mit den Arabern. Das Parlament hielt nur einen Mann für fähig, die Schlappe wettzumachen: Ex-Premier Ben-Gurion, ein intimer Feind Lavons, wurde von seinem Altensitz Sde Boker zurückgeholt, zum Verteidigungsminister und bald neuerlich zum Premier bestellt.

Lavon kam nach einem Jahr wieder aus der Versenkung. Er wurde Generalsekretär der mächtigsten und reichsten Institution Israels - des Gewerkschaftsbundes Histadrut.

Lavon verlangte nun die Rehabilitierung. Ben-Gurion ("Ich bin kein Richter") lehnte ab. Er beauftragte 1960 eine Kommission unter Oberstrichter Cohen mit einer neuerlichen Prüfung der Affäre. Lavon ging darauf vor das Parlament, die jahrelang sorgsam vertuschte Affäre wurde öffentlich bekannt.

Eine Mehrheit des Kabinetts Ben-Gurion sprach sich daraufhin für Lavon aus und setzte gegen den Willen des Regierungschefs ein siebenköpfiges Ministerkomitee durch, das Lavon noch im selben Jahr von jeder Schuld freisprach.

Ben-Gurion zog die Konsequenzen. Er trat zurück. Sein Gegner Lavon mußte die Gewerkschaftsposition räumen. Aber der starrsinnige Ex-Premier mochte noch immer nicht aufgeben. Er beauftragte den Journalisten Chagai Esched, die Lavon-Affäre nochmals zu untersuchen.

Nach dem Studium aller Geheim -Akten kam Esched zu dem Schluß, Lavon habe doch von den fatalen Sprengkommandos gewußt.

Im Februar 1965 verbiß sich der alte Kämpfer Ben-Gurion auf dem Parteitag der Mapai wiederum in die Lavon -Affäre und forderte abermals eine Untersuchung.

Diesmal waren die Schläge für den Prügelknaben Lavon jedoch lediglich Vorwand für einen tiefgehenden parteiinternen Streit.

Die Jungtürken um Ben-Gurion

- Verteidigungsminister Peres, Ex-Generalstabschef Dajan und Entwicklungsminister Almogi - sind scharfe Gegner Premier Eschkols, der nachdrücklich für die Rehabilitierung Lavons eingetreten war. Eschkol will in Israel eine bürgerlich-liberale Industriegesellschaft schaffen.

Die Jungtürken um Ben-Gurion aber fordern eine nationale Erneuerung des Staates nach den Idealen der alten Palästina-Pioniere; sie streben größere Unabhängigkeit Israels von den USA und eine Stärkung der Staatsautorität gegenüber dem immer aktionsunfähiger werdenden Zehnparteien-Parlament an.

Der Parteitag der Mapai lehnte Ben -Gurions Lavon-Antrag ab. Wieder zog sich der greise Staatsmann grollend auf seinen Wüstensitz Sde Boker zurück. In der letzten Woche versetzte er mit seinem Austritt aus der Partei seinem Lebenswerk einen lebensgefährlichen Schlag: Die Mapai, die größte Partei Israels, war gespalten.

Ex-Minister Lavon

Wer plante das Attentat?

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 38 / 68
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel