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ENTWICKLUNGSHILFE In die Wüste

Belgiens Politiker wollen ihre Arbeitslosen exportieren - als Entwicklungshelfer in die Dritte Welt.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Die Idee könnte von Tijl Uilenspiegel stammen, dem flämischen Pendant zum deutschen Till Eulenspiegel.

Tatsächlich kam der Einfall dem Bürgermeister der nahe Brügge gelegenen Kleinstadt Damme, wo der Schalk der Legende nach Anfang des 16. Jahrhunderts sein Unwesen S.110 trieb. Stadtoberhaupt Daniel Coens dient seit einigen Monaten im Kabinett von Premier Mark Eyskens als Minister für Entwicklungshilfe.

In einer Ministerbesprechung über die Schaffung neuer Arbeitsplätze legte der 43jährige christdemokratische Politiker dar, wie der Abbau der Arbeitslosigkeit mit verstärkter Hilfe für die Dritte Welt kombiniert und zugleich die notorisch defizitäre Brüsseler Staatskasse entlastet werden könne.

Im vergangenen Monat war die Zahl der Arbeitslosen unter den knapp zehn Millionen Einwohnern des kleinen Königreiches auf fast 400 000 gestiegen, mehr als zehn Prozent der werktätigen Bevölkerung. Fast 126 000 Arbeitslose waren jünger als 25 Jahre, davon 47 000 Männer und 79 000 Frauen.

Gleichzeitig aber mußte sich die belgische Regierung immer wieder den Vorwurf anhören, angesichts des unvermindert hohen Lebensstandards im Lande bei weitem nicht genug für die Entwicklung der Dritten Welt beizusteuern.

Das starke Engagement belgischer Firmen in Zaire, dem ehemals belgischen Kongo, ist überwiegend kommerzieller Art und dient zuvörderst dem eigenen Nutzen.

Aus anderen Entwicklungsländern dagegen liegen in Brüssel zahlreiche Anfragen nach belgischen Entwicklungshelfern vor.

So sind Marokko, Algerien, Nigeria, die Elfenbeinküste sowie Surinam, die frühere niederländische Kolonie in Südamerika, dringend an Experten für Landwirtschaft, Erziehungswesen und Gesundheitsdienste interessiert.

Die Entwicklungsländer wollen sich das sogar etwas kosten lassen. Sie haben sich bereit erklärt, den Helfern aus Belgien ein landesübliches Salär auszusetzen und für ihre Unterkunft zu sorgen. Für die Brüsseler Regierung blieben die Kosten der Übersiedlung, der Sozialversicherung und, falls notwendig, ein Zuschuß, um das Gehalt auf ein attraktives Niveau zu heben.

Unter den Arbeitslosen des Landes wollen die Brüsseler etwa 7000 ausgemacht haben, die bereit sind, lieber für wenig Geld unter tropischer Sonne zu schaffen, als im vorwiegend regnerischen Belgien üppige Arbeitslosenunterstützung zu beziehen.

Ob das belgische Arbeitslosenexport-Modell Schule machen wird, ist fraglich. Die Stiftung für Niederländische Freiwillige (SNV) in Den Haag hält den belgischen Plan schlicht für »aberwitzig«.

Es sei schon »unglaublich mühsam und aufwendig«, so E. F. Jacobs vom SNV, für nur 200 Entwicklungshelfer eine wirklich sinnvolle Arbeit zu finden. Denn, so nötig einige Entwicklungsländer Experten brauchen -- sie haben oft nicht die Infrastruktur für den Einsatz der Ausländer. »Man kann die Entwicklungshelfer doch nicht einfach in die Wüste stellen«, so ein deutscher Experte.

Doch die Bedenken der Entwicklungsfachleute beeindrucken Minister Coens bisher wenig. Falls die belgische Regierung seinem Projekt zustimmt, könnten die ersten hundert Joblosen noch in diesem Jahr nach Übersee in Marsch gesetzt werden. Insgesamt zehntausend, so rechnet der Entwicklungshilfe-Minister, könnten so innerhalb der nächsten zehn Jahre exportiert werden.

Ein zweiter Aspekt des Plans sieht die Rückführung ausgebildeter Gastarbeiter in ihre Heimatländer vor. In Belgien leben viele Zehntausende über Frankreich eingewanderte Algerier und Marokkaner -- ein Großteil von ihnen ebenfalls ohne Arbeit.

Der Vorschlag des Ministers: Einige hundert heimkehrwillige Nordafrikaner erhalten auf belgische Kosten eine solide Ausbildung, die Regierung kommt außerdem für ihren Rücktransport und einen Niederlassungs-Zuschuß auf.

Neben dem Beifall aus der Dritten Welt könnten die Belgier noch erheblichen finanziellen Gewinn kassieren. Ein Entwicklungshelfer, so haben die Brüsseler Bürokraten ausgerechnet, kostet den Staat gegenwärtig etwas mehr als 17 000 Mark im Jahr. Für jeden Arbeitslosen aber muß Belgien heute fast 30 000 Mark jährlich aufbringen.

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